Olga Černá – Mezzosopran

Das Repertoire der aus Hradec Králové / Königgrätz stammenden tschechischen Sängerin umfasst Opern, Oratorien, Klavier- und Orchesterlieder sowie Kammermusik. Das Herz von Olga Černá gehört jedoch vor allem der vom NS-Regime als „entartet“ gebrandmarkten Musik, den verfolgten und den weniger bekannten Komponisten. Christian Rühmkorf hat die Sängerin Olga Černá vor das Mikrofon gebeten.

Olga Černá (Foto: Archiv der Sängerin)Olga Černá (Foto: Archiv der Sängerin) Olga Černá, Sie sind Mezzosopranistin. Wir sind uns schon einmal unbewusst begegnet. Am Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2010, haben Sie auf der deutschen Botschaft gesungen. Und zwar beide Nationalhymnen, die deutsche und die tschechische. Es war dabei Ihre Bedingung, dass auch die tschechische Nationalhymne dort gesungen wird. Wieso war das so wichtig für Sie?

„Das war einfach eine Überlegung, dass ich als Tschechin eigentlich beide Hymnen singen sollte, denn es handelte sich zwar um den Tag der Deutschen Einheit. Aber auf tschechischem Boden nur die deutsche Hymne zu singen, wäre für mich quasi eine Schande.“ (lacht)

Und so haben Sie es ja auch durchgesetzt, und die Botschaft hat „ja“ gesagt. Sie kommen aus Hradec Králové, aus Königgrätz. Stammen Sie aus einer musikalischen Familie und sind deswegen auch diesen Weg der Musik als Sängerin weitergegangen?

Olga Černá (Foto: Archiv der Sängerin)Olga Černá (Foto: Archiv der Sängerin) „Ich bin als Kind, als vierjähriges Mädchen, in eine Musikschule gegangen und habe fast neun Jahre lang Geige gespielt. Dazu hatte mich mein Großvater bewegt, den ich als Kind viel zu wenig gekannt habe. Allerdings kann ich jetzt vielleicht verraten, dass es – er lebt jetzt nicht mehr – in diesem Jahr zu einem speziellen Ereignis kommt. Seine Kinderoper ´Die Zaubergeige´ wird in diesem Jahr Premiere haben. Ich kann also jetzt vielleicht rückblickend sagen: Ich stamme eigentlich doch aus einer musikalischen Familie. Mein Großvater hieß Winkler, also ganz tschechisch klingt der Name auch nicht. Er selbst Geige gespielt und komponiert hat er nur so nebenbei, neben dem Beruf. Er war Lehrer.“

Und Sie haben ursprünglich Geige gelernt. Wann kam der Sprung von der Geige zum Gesang?

Konservatorium in Pardubice (Das Haus der Musik). Foto: Michal Louč, Creative Commons 3.0Konservatorium in Pardubice (Das Haus der Musik). Foto: Michal Louč, Creative Commons 3.0 „Das kam ungefähr mit 15 Jahren. So mit 15 Jahren etwa kommt zu der Zeit der Entscheidung. Und ich habe als Kind immer sehr gerne gesungen und wollte eigentlich immer singen. Die Geige, das war nur so ein Begleitinstrument, aich habe aus Spaß daran mit meinem Bruder gespielt.“

Sie haben dann in Pardubice das Konservatorium besucht – bis zum Abitur. Sind dann an die Musikakademie nach Prag gegangen. Und ich mache jetzt einen großen Sprung: 1987 ging es ins Ausland, in die damalige DDR. Und zwar an die Komische Oper nach Berlin. Und das war für Sie, glaube ich, eine recht bedeutende Zeit. Sie haben damals auch mit dem Regisseur Harry Kupfer zusammengearbeitet, oder?

Harry KupferHarry Kupfer „Ja, es war auch für mich als Mensch sehr bedeutend, diesen Reifungsprozess durchzumachen. Ich erinnere mich, dass ich damals das erste Mal in meinem Leben geflogen bin. Von Prag aus nach Berlin-Schönefeld zum Vorsingen. Und ich konnte wirklich kein Wort Deutsch. Höchstens ´Guten Tag´ und ´Auf Wiedersehen´. Und an einem Tag so eine Anstrengung zu bewältigen, da wundere ich mich noch heute, wo ich diesen Mut in mir gefunden habe, das zu absolvieren.“

Und Ihre erste Begegnung mit Harry Kupfer, als Sie sich vorgestellt haben?

„Das war natürlich mit viel Lampenfieber verbunden. Ich habe ´Hexe´ gesungen aus Rusalka. Und ich war schon als Studentin informiert, wer Harry Kupfer ist. Und er sagte zu mir vom Saal aus, nachdem ich gesungen hatte, etwas wie ´hoch´. Und ich dachte, o Gott, ich habe distoniert, ich habe schlecht gesungen, zu hoch. Aber er meinte, ich solle ins Betriebsbüro hochgehen, um meinen Vertrag zu unterschreiben. (lacht) Das war eine amüsante Geschichte.“

Olga Černá (Archiv von Sängerin)Olga Černá (Archiv von Sängerin) Berlin war sozusagen der Beginn. Sie waren dann auch noch in Bern am Stadttheater, Sie waren in Wien. 1994 waren Sie Gast am Nationaltheater in Prag. Sie singen in verschiedenen Ensembles. Ihr Schwerpunkt liegt auf weniger bekannten Komponisten und auf Komponisten, die vom NS-Regime verfolgt und ermordet wurden. Wie kommen Sie eigentlich zu der Auswahl dieses Schwerpunkts? Ist das für Sie auch ein persönliches Anliegen?

„Es war ungefähr im Jahr 1994, 95 während meines Gastspiels am Nationaltheater. Das Singen an einem Opernhaus war sicher wunderbar. Ich habe es auch sehr genießen können, am Ständetheater die Zauberflöte zu singen. Aber ich fühlte mich nicht so ganz mit meinem Potenzial und ehrlich gesagt mit den Lücken, die in diesem musikalischen Wissen während des Studiums entstanden sind… fühlte ich mich irgendwie verpflichtet, diese Sache weiterzumachen. Und ich muss sagen, ich bereue es bis zum heutigen Tag nicht. Denn diese Musik hat mir wirklich eine wunderbare Welt eröffnet. Es sind Komponistennamen, die heutzutage schon wirklich nicht unbekannt sind, aber die ich auch – ja man kann wohl sagen – in der Welt gesungen habe: Hans Krása, Pavel Haas, Erwin Schulhoff. Aber es sind nicht nur diese Komponisten. Mich interessiert nicht nur diese von den Nationalsozialisten verfemte Musik, sondern auch unbekannte Musik insgesamt. Zum Beispiel solche Namen wie Iša Krejčí, Ladislav Vycpávek, Otakar Ostrčil oder eben Josef Bohuslav Foerster. Wem sagen diese Namen heutzutage etwas?“

Ganz im Sinne ihres Schwerpunktes wirken Sie auch regelmäßig beim Festival der „Verbotenen Musik“ in Theresienstadt / Terezín mit. Olga Černá, woran arbeiten Sie gerade? Was ist das nächste Projekt, das Sie anpeilen?

„Also im Moment freue ich mich sehr, dass es uns gelungen ist, ein Werk des verstorbenen Komponisten Zdeněk Lukáš zu präsentieren. Wir werden es in zwei Monaten hier im Rundfunk aufnehmen. Es handelt sich um ein Werk, das mir der Komponist noch vor seinem Tod geschenkt hat. Und ich habe es im Januar 2010 in Buchholz bei einer Kammermusikreihe uraufgeführt. Also auch nicht in der Tschechischen Republik. Und mich freut es sehr, dass jetzt doch der Tschechische Rundfunk sich entschlossen hat, dass wir es aufnehmen. Und dann arbeite ich auch noch sehr intensiv an einem Orchestral-Projekt. Ich möchte jetzt noch nicht verraten, welche Werke wir alle im Fokus haben. Es soll den Komponisten Josef Bohuslav Foerster betreffen. Wir haben auch in seinem 150. Jubiläumsjahr eine CD produziert mit unbekannten Liedern, und in diesem Jahr möchten wir ein Orchesterprojekt machen.“

Olga Černá (2. von links)Olga Černá (2. von links) Zu Gast bei „Heute am Mikrophon“ war die Mezzosopranistin Olga Černá. Herzlichen Dank für das Gespräch!

„Ich danke Ihnen.“