Leitmeritz ist mir vertraut: Michael Gösel über die Arbeit des Freundeskreises Fulda – Litoměřice

17-01-2012

Was hat die hessische Stadt Fulda mit dem nordböhmischen Litoměřice / Leitmeritz gemeinsam? Darüber mehr erfahren Sie im folgenden Interview mit Michael Gösel, dem Vorsitzenden des Freundeskreises Fulda – Litoměřice, der in diesem Jahr sein 10. Jubiläum begeht.

Michael Gösel (Foto: Archiv der Stadt Fulda)Michael Gösel (Foto: Archiv der Stadt Fulda) Herr Gösel, Sie sind der erste Vorsitzende des Freundeskreises Fulda – Litoměřice. Wie ist dieser Verein entstanden?

„Die Wurzeln sind in der Nachkriegszeit zu suchen. Nach der Vertreibung sind 1207 Personen aus Litoměřice und Umgebung hierher gekommen. Sie sind hier integriert geworden. 2001 wurde ein Partnerschaftsvertrag zwischen dem damaligen Oberbürgermeister von Fulda und seinem Amtskollegen in Litoměřice geschlossen. Ein Jahr später ist der Freundeskreis entstanden. Wir begehen jetzt 10. Jubiläum.“

Seit wann sind Sie dabei? Von Anfang an?

„Ich bin dank einem Zufall mit dabei. Mein Großvater sowie mein Vater haben mir immer darüber erzählt, wie schön es in Prag und in Böhmen ist.. Im Herbst 2007 sind wir nach Litoměřice und nach Aussig gefahren. Es war ein wunderschöner Herbst damals. Dann bin ich 2009 wieder mitgereist. Damit bin ich Mitglied dieses Vereins geworden.“

Litoměřice (Foto: CzechTourism)Litoměřice (Foto: CzechTourism) Was hat Sie an Litoměřice und der ganzen Region so fasziniert, dass Sie begannen, sich im Freundeskreis zu engagieren?

„Dies hing mit der Elbe zusammen, die mich schon immer interessierte. Meine Frau kommt aus Hamburg, ich bin in Hamburg groß geworden, aber stamme aus Thüringen. Alles, was mit der Elbe zu tun, hat mich schon immer interessiert, so bin ich mal fast bis zur Elbe-Quelle gewandert. Die Mündung kenne ich natürlich. Mir hat die Region von Leitmeritz einfach zugesagt, als ob ich dort mal schon gelebt hätte. Es ist mir so vertraut, was die Bauwerke betrifft. Ich war ja Kirchenmaler und Restaurator. Da haben mich die Sgraffiti in Leitmeritz, aber auch in Prag sehr gut gefallen. Ich habe bei den Ausbesserungen von Kirchen schon früher etwas Ähnliches gemacht. Auch aus diesem Aspekt habe ich das gesehen. Es war mir alles sehr vertraut.“

Tomáš Hlaváček (Foto: Archiv des Kulturministeriums der Tschechischen Republik)Tomáš Hlaváček (Foto: Archiv des Kulturministeriums der Tschechischen Republik) Gibt es bestimmte Veranstaltungen, die Sie gemeinsam mit den Vertretern von Litoměřice initiieren oder fahren Sie nur öfter nach Nordböhmen zu Besuch?

„Wir haben dank einem Kooperationsvertrag im Februar letzten Jahres Frau Funke und Herrn Hlaváček aus Auscha (Úštěk) kennengelernt. Frau Funke kommt zwar aus Prag, hat aber 2005 in Auscha eine Bürgerinitiative gegründet, die sich um die Rettung historischer Baudenkmäler in der Region bemüht. Ich habe die Ausstellung über zerstörte Kirchen in Nordböhmen, die dieser Verein initiiert hat, in Prag besucht. Die Ausstellung soll im April auch in Fulda gezeigt werden. Wir haben einen Antrag an den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gestellt, denn wir sind nur ein kleiner Verein. Aber der Zukunftsfonds wird uns finanziell unterstützen. Im Juni dieses Jahres wollen zudem nach Leitmeritz fahren und einen ähnlichen Verein, der vor zehn Jahren in Fulda gegründet wurde, nun mit den Tschechen in Böhmen gründen. Er wird dann Litoměřice – Fulda heißen. Wir haben inzwischen schon einen großen Kreis von Interessenten, die treibende Kraft ist dabei Frau Funke.“

Ausstellung über die zerstörten Kirchen Nordböhmens (Foto: Archiv der Nationalbibliothek Prag)Ausstellung über die zerstörten Kirchen Nordböhmens (Foto: Archiv der Nationalbibliothek Prag) Herr Gösel, kommen wir noch einmal zu der Ausstellung über die zerstörten Kirchen Nordböhmens zurück. Sie konnten sich diese Ausstellung im Prager Klementinum ansehen, was hat Sie daran am tiefsten beeindruckt?

„Die Ausstellung wurde, meine ich, von Monsignore Baxant, dem Bischof von Leitmeritz, sehr schön eröffnet. Obwohl ich ihn leider nicht verstanden habe, da er Tschechisch gesprochen hat. Ich selbst kann nur ‚dobrý den’ und noch ein paar andere Wörter sagen. Aber ich war hinter meiner Kamera und konnte ihn beobachten. Das war sehr ergreifend, wenn man mit offenen Augen diese Bilder gesehen hat, wie die Zerstörung der Kirchen durch die Ideologen vorangetrieben wurde. Mich hat das sehr stark berührt, einigen Besuchern sah man das auch an. So etwas sollte man auch öfters zeigen, denn das, was da zerstört wurde, war europäische Kunst, das hatte nichts mit Ideologien zu tun. Das war schon immer in der europäischen Geschichte so, Napoleon hat die Kirchen beispielsweise als Reitställe benutzt und Walter Ulbricht hat eine wunderbare gotische Kirche in Leipzig sprengen lassen. So etwas sollte in Europa nie wieder vorkommen. So sehe ich das auf jeden Fall.“

Ausstellung über die zerstörten Kirchen Nordböhmens (Foto: Archiv der Nationalbibliothek Prag)Ausstellung über die zerstörten Kirchen Nordböhmens (Foto: Archiv der Nationalbibliothek Prag) Haben Sie vor, diese Ausstellung auch noch an weiteren Orten in Deutschland auszustellen?

„Mit Frau Ziegler-Raschdorf, die unser Mitglied ist, habe ich schon darüber gesprochen. Sie ist Landesbeauftragte für Spätheimkehrer und Spätaussiedler der hessischen Landesregierung. Beispielsweise in unserer Landeshauptstadt Wiesbaden soll die Ausstellung gezeigt werden. Unser ehemaliger erster Vorsitzender, der jetzt seit einem Jahr in Berlin wohnt, kennt wiederum in Berlin einen deutsch-tschechischen Freundeskreis. Da wäre es dann natürlich gut, diese Ausstellung auch dort zu zeigen. Außerdem habe ich Kontakt zu dem Sudetendeutschen Haus in München. Vielleicht könnte man die Ausstellung auch noch in München zeigen, denn die Ausstellung ist ganz wunderbar.“

Wann reisen Sie denn das nächste Mal nach Tschechien?

„Ich habe gerade mit Frau Funke aus Prag gesprochen. Anfang Februar kommt sie hierher, denn wir sind auch eine Verbindung mit dem evangelischen Pfarrer Zdeněk Bárta eingegangen. Das ist ein sehr interessanter Mensch, der die Diakonie in Leitmeritz aufgebaut hat. Ende November waren beide hier in Fulda, denn ich habe sie mit der Diakonie in Fulda kontaktiert. Ich bin ja evangelisch und Herr Bárta ist von der Kirche der Böhmischen Brüder. Er hat übrigens auch mit Herrn Havel, der jetzt leider verstorben ist, die Charta 77 mit unterzeichnet. Wir wollen nun eine Kooperation zwischen der Diakonie in Leitmeritz und in Fulda eingehen. Das habe ich organisiert. Ich fahre Anfang Februar nach Leitmeritz, um dort die Dinge wieder in Gang zu bringen.“

17-01-2012

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