„Ich musste erst einmal weinen und weinen“ – Erinnerungen an Vertreibung

Zwei Frauen erzählen ihre Erinnerungen. Die eine stammt aus Prag, die andere aus Budweis. Beide sind sie aus deutschen Familien, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Beide nahmen am Treffen unter dem Motto „Versöhnung 2016“ am vergangenen Wochenende in Prag teil.

Margarete Hampel (Foto: Markéta Kachlíková)Margarete Hampel (Foto: Markéta Kachlíková) Margarete Hampel, geborene Stegmann kam 1940 in České Budějovice / Budweis zur Welt. Sie war fünf Jahre alt, als ihre Familie zur Sommerfrische in den Böhmerwald fuhr – von der sie aber nicht mehr zurückkam. Trotzdem ist ihr das Leben in ihrer ursprünglichen Heimat in Erinnerung geblieben.

„In unserem Haus waren vier Meter hohe Wohnräume. Zwischen Kinderzimmer und Küche war eine Schaukel, da konnten wir schaukeln. Und dann waren das die Spaziergänge mit der Mutter entlang der Malz und Moldau und in den Wald. Da haben wir es als Spiel empfunden, wenn die Flugzeuge über Budweis kamen. Wenn Fliegeralarm war, sind wir Kinder unter die Bäume gekrochen, aber aus Spaß.“

Der Krieg machte Margarete Hampel als Kind zunächst keine großen Sorgen. Mitte April 1945 kam es dann aber zu einem echten Bombenangriff:

Nach dem Bombenangriff auf Budweis (Foto: Archiv des Südböhmischen Museums)Nach dem Bombenangriff auf Budweis (Foto: Archiv des Südböhmischen Museums) „In den Hof sind drei Bomben geflogen und auf die Straße vor dem Haus ebenfalls. Als dann Entwarnung war und man rausgegangen ist, war um drei Uhr Nachmittag alles schwarz vor lauter Staub.“

Die Familie blieb noch eine Woche in Budweis, bis der Vater im Böhmerwald eine Unterkunft fand für Margarete, ihre Mutter und ihre Schwester. Er selbst führte weiter seine Firma in Budweis, einen Installationsbetrieb und eine Metallwarenfabrik mit hundert tschechischen Arbeitern.

„Er wollte in der Firma bleiben, um sie vor Plünderungen zu schützen, noch mit drei Tschechen. Und die haben zu ihm gesagt, es sei besser, er fahre zu seiner Familie, sie könnten den Betrieb ohne ihn besser schützen. Wenn er geblieben wäre, wäre das sein Tod gewesen.“

„Wenn er geblieben wäre, wäre das sein Tod gewesen.“

Am 8. Mai kam er mit dem Motorrad bei seiner Familie in Nová Pec / Neuofen an.

„Er wollte eigentlich nach zwei Tagen zurück nach Budweis, aber dann kamen die ersten Flüchtlinge aus Budweis, und dort war ein schreckliches Morden. Es gibt einen Brief von meinem Vater: Er danke seinem guten Stern, dass er nicht mehr zurück sei.“

Nová PecNová Pec Nová Pec war in der Zeit von den Amerikanern besetzt.

„Als die Amerikaner dann erzählt haben, dass sie nach Bayern, über die Grenze sich zurückziehen, und dann die Russen und Tschechen kommen, hat der Vater beschlossen: Wir gehen auch über die Grenze. Das war fünf Stunden weg, also keine schlimme Flucht, aber wir hatten da immerhin nichts. Wir haben in einem Dorf in Bayern gewartet, dass wieder Ruhe einkehre, dass man dort wieder leben könne, aber man konnte nicht mehr zurück.“

 

 Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Stadtteil Holešovice (Foto: Archiv des Nationalmuseums in Prag) Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Stadtteil Holešovice (Foto: Archiv des Nationalmuseums in Prag) Liselotte Steiner wurde 1931 in Prag geboren. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr lebte sie im Stadtteil Holešovice und kann sich gut an das Kriegsende erinnern:

„Und zwar waren dort zunächst Straßenkämpfe. Es wurden Barrikaden aufgebaut. Und wir mussten damals schnell in den Luftschutzkeller. Danach sind wir nie mehr in die Wohnung zurückgekommen.“

Am Strossmayer-Platz waren dann mehrere Deutsche versammelt. Es wurden Horror-Meldungen verbreitet, woraufhin sich die Menge auf sie gestürzt hat.

„Daraufhin hat meiner Mutter irgendjemand eine Schere gereicht, und sie hat mir schnell die Zöpfe abgefieselt.“

„Ich kann mich noch sehr gut erinnern, ich hatte damals lange Zöpfe und habe noch ziemlich kindlich ausgeschaut. Da war hier in der Nähe ein Studentinnen-Wohnheim. Diese Studentinnen hat man in ein Haus reingetrieben, und als sie rauskamen, waren sie nackt, kahlgeschoren und hatten zwischen den Brüsten Riesen-Hakenkreuze. Daraufhin hat meiner Mutter irgendjemand eine Schere gereicht, und sie hat mir schnell die Zöpfe abgefieselt. Uns hat man Ölfarben-Hakenkreuze auf den Rücken und auf die Stirn gemalt. Von der Stirn ist es ja runtergegangen, aber das Hakenkreuz am einzigen Mantel, mit dem ist man dann Wochen lang herumgelaufen.“

Messe-Palast in Prag-Holešovice (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag)Messe-Palast in Prag-Holešovice (Foto: Archiv der Nationalgalerie in Prag) Interniert wurde Liselotte dann im Messe-Palast in Prag-Holešovice.

„Da war unten ein Kino. Wir sind in der Garderobe am Boden gelegen – wir Mädchen in der Hut-Ablage, weil in der Nacht immer die Russen kamen. Die Erwachsenen mussten auf die Straße raus, zum Barrikadenabbau und zum Straßenkehren. Und wie gesagt, ich habe noch ziemlich kindlich ausgesehen, also durfte ich dort bleiben. Allerdings hat mich mal ein Russe erwischt und wollte mich mitnehmen. Ich konnte mich losreisen, bin dann aber einen ganzen Tag in der Toilette eingesperrt gewesen.“

An dem Bahnhof Bubny wurde die Familie mit anderen Deutschen in einen Viehwagen gepfercht, aus dem sie nicht aussteigen durften. Nach drei Tagen und zwei Nächten kamen sie in Zittau in Sachsen an.

„Ja und dann waren wir frei.“

„Sie sind seither verschollen Am allermeisten belastet, dass man nie die Wahrheit erfahren hat.“

Die Großmutter habe in einem anderen Stadtteil Prags gewohnt, in Libeň, erzählt Liselotte Steiner weiter.

„Die hat man nach Smíchov ins Gefängnis gebracht, zusammen mit meiner Tante. Die Tante hatte sich beim Barrikadenabbau die Hand verletzt und wurde dann in einem Lazarettzug verarztet. Als sie dann in das Gefängnis zurückkam, waren die alten Leute alle weg, auch meine Großmutter. Man hat nie erfahren, was eigentlich mit ihnen passiert ist. Sie sind seither verschollen. Das war das, was eigentlich am allermeisten belastet, dass man nie die Wahrheit erfahren hat.“

 

Hanauischer Pavillon (Foto: Matěj Baťha, CC BY-SA 2.5)Hanauischer Pavillon (Foto: Matěj Baťha, CC BY-SA 2.5) Liselotte Steiner besuchte in den 1960er Jahren mit einer Reisegruppe das erste Mal wieder ihre Geburtsstadt. Und zum zweiten Mal mit ihrer Mutter und ihrem Cousin Anfang der 1980er. Sie seien damals auch auf die Letná gegangen, erzählt Liselotte Steiner.

„Plötzlich ist jeder in eine andere Richtung gegangen: Meine Mutter zum Hanauischen Pavillon, weil sie sich dort mit meinem Vater immer verabredet hatte. Mein Cousin zu den Fußball-Plätzen von Sparta Prag; er wollte wissen, ob sie noch da sind. Und ich zu so einem alten Ringelspiel. Ich weiß nicht, ob es heute noch steht. Da waren Pferde mit richtigen Mähnen, und es hat dort immer nach Kulisse gerochen, in Begleitung einer Blechwalzenmusik. Ich habe mich damals an einem Türpfosten gelehnt, habe die Augen zugemacht und mir gedacht, es röche noch genauso wie damals.“

Voriges Jahr hat Frau Steiner noch einmal Prag besucht:

„Ich habe die Augen zugemacht und mir gedacht, es röche noch genauso wie damals.“

„Ich bin am Moldau-Ufer entlanggegangen und in dieses Lokal hier reingegangen. Ich habe mich am Tisch mit zwei Damen unterhalten, die mich fragten, ob ich zum ersten Mal in Prag sei. Das hat mich dann so aufgewühlt, dass ich in die Antonius-Kirche gegangen bin und mir gedacht habe: Heim ins Hotel kann ich jetzt noch nicht. Ich bin eine Weile in der Kirche gesessen zum Abreagieren und um erst einmal richtig zu weinen. Dann war es vorbei.“

 

Budweis (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Budweis (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Auch Margarete Hampel hat sich später auf die Reise ihre Heimatstadt Budweis gemacht. Sie war damals 41 Jahre alt:

„Im Jahr 1981 war ich zum ersten Mal dort, mit meinem Mann und unseren damals fünf Kindern. Dann kam aber auch meine Tante aus Dresden, die älter war. Und noch eine liebe Budweiser Bekannte. Sie war Jüdin und eine Freundin der Familie. Sie war zurück nach Budweis gekommen, als wir fortmussten. Sie war eine Freundin meiner Tante. Und dann haben die zwei alten Damen mir Budweis gezeigt. Als ich da vor meinem Elternhaus stand, da musste ich erst einmal weinen und weinen.“

Budweis (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Budweis (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Margarete Hampels Vater war schon zehn Jahr nach dem Krieg gestorben. Ihre Mutter war damals noch am Leben. Sie wollte aber nicht nach Budweis mitfahren:

„Sie war schon in den 1960er Jahren in Budweis gewesen und wollte nicht noch einmal hin. Sie hat gesagt: Einmal ist genug. Sie hat gesagt, bis zu diesem Besuch habe sie jede Nacht von Budweis geträumt, und als sie dann dort gewesen sei, sei alles anders gewesen. Dann habe sie nicht mehr von Budweis geträumt. Sie habe keine Bekannten auf der Straße getroffen, die Caféhäuser seien nicht mehr besucht gewesen, und auch die Gräber ihrer Familie seien nicht mehr auf dem Friedhof gewesen.“

„Das ist hochinteressant: Man darf einem das Haus wegnehmen, aber einer Familie nicht die Gruft.“

Die Gräber der Familie väterlicherseits gibt es hingegen immer noch:

„Weil es eine Gruft war, und eine Gruft darf nicht entfernt werden. Das ist hochinteressant: Man darf einem das Haus wegnehmen, aber einer Familie nicht die Gruft.“

Nach der Vertreibung aus Budweis hat Margarete Hampel viele Male ihren Wohnort gewechselt:

„Von Bayern ging es in einen Ort und noch einen Ort, dann nach Hessen, und von Hessen dann durch Heirat nach Bayern. Und da ich so oft übersiedelt bin, ist halt Budweis immer noch meine Heimat.“