Gebürtiger Tscheche und Wahlamerikaner Rudy Linka stellt sich vor

Genau vor einem Jahr ist in Tschechien ein Event buchstäblich über die Bühne gegangen, und zwar in diesem Fall über die Musikbühne: Unter dem leicht kuriosen Titel "Fun Punk Jazzfestival" wurde in Prag ein funkelnagelneues Musikfest aus der Taufe gehoben, bei dem sich hervorragende US-amerikanische Musiker vorstellten. Zustande kam es auf Initiative des international anerkannten Jazz-Gitarristen Rudy Linka, dessen Trio seit Jahren schon zu den besten Formationen der New Yorker Jazzszene gehört. Jitka Mladkova bat damals den gebürtigen Tschechen und Wahlamerikaner um ein Gespräch für unsere Reihe "Heute am Mikrophon":. Sie hören jetzt seine Wiederholung vom Vorjahr:

Zunächst das Studium am Prager Konservatorim, das Fach Gitarre. Mit 19 Jahren flüchtet er 1980 aus Prag nach Schweden. Nach fünf Jahren Aufenthalt in Stockholm folgt einjähriges Studium an der Berkley School of Music in Boston, USA, seit 1985 lebt er in New York. Zu seinen Lehrern gehörten solche Größen wie Jimi Hall, John Abercrombie und John Scofield. Später wurden sie Freunde. Zusammengearbeitet hat er aber auch mit anderen Starjazzern, u.a. mit seinem Landsmann, dem Kontrabassisten George Mraz, oder mit dem Trompeter Miles Evans. Bei den renommierten Musikfirmen wie Enja records und Universum hat Linkas Trio insgesamt zehn CDs eingespielt. Das sind in etwa die Grunddaten des leidenschaftlichen Musikers, der seinen Landsleuten eine Kostprobe vom US-amerikanischen, genauer gesagt, New Yorker Jazz in Form eines Festivals gebracht hat. Doch schön der Reihe nach.

Meine erste Frage an ihn war eine obligatorische: Habe er damals die Tschechoslowakei verlassen, um bekannter Jazzman zu werden?

"Mir schwebte damals überhaupt nicht die Vision vor, ein großer Musiker zu werden. Meine Vision war, gut spielen zu lernen. In Prag habe ich klassische Gitarre studiert, aber ich wollte Jazz spielen. Der Jazz hat mich enorm interessiert! Erstens wollte ich im Ausland weiter lernen und außerdem wollte ich die Leute kennen lernen, die ich bis dahin nur auf Schallplatten hören konnte. Ich hatte keine Chance, diese Leute einmal zu sehen, weil sie nie im Leben in die Tschechoslowakei gekommen wären. Da habe ich mir eines schönen Tages gesagt: So geht das nicht, ich werde diese Menschen schon zu sehen bekommen!"

Er sei eigentlich in einem Alter weggefahren, in dem man als junger Mensch nicht viel über mögliche Risiken nachdenke. Um es zu wagen, sich abzusetzen, müsse man jung sein, sagt Linka. Nun aber, frage ich, warum ausgerechnet nach Schweden?

"Ich habe eigentlich kein Land gekannt. Ich wusste aber, dass ich nicht gut Deutsch sprechen kann, obwohl ich Deutsch neun Jahre gelernt hatte. Das habe ich schon in der Schule kapiert, dass es mit Deutsch nicht gut gehen kann. Sechs Monate vor meiner Emigration war aber einer meiner Freunde, der Saxophon spielte, nach Schweden geflüchtet, und so wollte ich ihm eigentlich folgen. Aber paradoxerweise haben sich unsere Wege schon drei Wochen nach meiner Ankunft wieder getrennt."

Immerhin, obwohl ihn seine Laufbahn letztendlich in die USA führte, hält Linka Schweden auch mit dem zeitlichen Abstand für eine gute Wahl:

"Schweden ist ein sehr angenehmes Land. Wenn man sich zum Beispiel allein die Politik Schwedens anschaut, muss man von einem wunderbaren Land sprechen. Nur ein bisschen kalt ist es dort. Ich hatte aber viel Glück. Gleich nach drei Monaten habe ich meine künftige Frau kennen gelernt, mit der ich bis heute lebe, und auch eine Menge guter Menschen! Einige von ihnen sind heute hier in Prag. Sie sind zu dem Jazzfestival gekommen."

Ja, als ob sich jetzt der Kreis geschlossen hätte, meint er, doch ohne wirklich in sein Heimatland zurückgekehrt zu sein. Dazu gleich eine Erläuterung:

"Mein Leben ist in New York, doch jetzt ist auch hier etwas Neues entstanden, was für mich sehr angenehm ist und mir zugleich auch den Anlass gibt, immer wieder nach Tschechien zu kommen und interessante Menschen hierher zu bringen, die ich kennen lernen konnte, weil ich einst weggegangen war. Damit macht meine Emigration eigentlich auch für dieses Land Sinn. Es kann davon profitieren."

Stichwort Amerika. Für die weitere persönliche Entwicklung als Musiker war für Linka der Aufenthalt in Berkley ohne Zweifel von großer Bedeutung. Wollte er danach schon für immer in den USA bleiben?

Es ist eine sehr angenehme, und im Prinzip eine sehr europäisch geprägte Stadt, wenn ich an das Geschehen in der Kultur- und Musikszene denke. In Boston gibt es zum Beispiel sehr viele gute Musikschulen. Was aber mich angezogen hat, war New York."

Linkas Frau hatte damals in New York ein Stipendium an der Columbia University und studierte "Film" bei Milos Forman, und so hatte er guten Grund, jedes Wochenende zwischen Boston und New York zu pendeln. New York hat ihn von Anfang an in seinen Bann gezogen:

"In dem Moment, wenn man in New York ankommt, hat man das Gefühl, so etwas wie eine Droge zu bekommen, und man sagt sich: Mein Gott, das ist doch das wahre Leben! Und die Musik, die muss man dort gar nicht suchen, die ist absolut überall! Überall tolle Musik, so eine Stadt findet man nirgendwo in der Welt!"

Die Weltstadt New York hat für ihren Wahlbürger Rudy Linka auch nach 21 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Es darf also nicht überraschen, wenn er auf die Frage, ob er sich für einen Tschechen oder einen Amerikaner halte, sagt:

Ein New Yorker mit Leib und Seele also, doch er will nicht bestreiten, dass auch die ersten 19 Jahre seines Lebens, die er hierzulande verbracht hatte, Spuren in ihm hinterlassen haben. Der Musiker selbst spricht von einem Erbgut, das man nie loswerden kann. Und was meint er konkret?

"Das ist der typisch tschechische Sinn für Humor, und den, denke ich, habe ich auch. Es gibt natürlich auch andere typisch tschechische Eigenschaften, die ich ebenfalls besitze. In vieler Hinsicht bin ich immer noch ein Tscheche. Einer, der in einer Großstadt mit offenem Kopf lebt. Das habe ich in der Welt gelernt, wo es nicht nur die zwei Fußballklubs Sparta und Slavia gibt."

Was ihn aber auch nach den 21 Jahren des Lebens in der amerikanischen Wahlheimat erfüllt, ist genau das, was ihn 1980 getrieben hat, Prag zu verlassen - die Liebe zur Musik!

"Meine Leidenschaft für den Jazz hält in der Tat bis heute an und ich weiß nicht, warum es so ist. Das einzige, was ich wirklich weiß, ist: Wenn ich auf der Gitarre spiele, dann ist es für mich jedes Mal wie ein Geschenk. Jeden Tag entdecke ich die Schönheit dieses Instruments von neuem."