Ferdinand Trauttmansdorff: österreichischer Botschafter in der Goldmine Prag

Seit Januar ist Ferdinand Trauttmansdorff österreichischer Botschafter in Prag. In seiner diplomatischen Laufbahn hat sich Trauttmansdorff immer wieder mit Themen beschäftigt, in denen aktuelle Fragen der Außenpolitik auf Fragen der Vergangenheit treffen. Keine schlechten Voraussetzungen für sein neues Amt. Denn gerade in den österreichisch-tschechischen Beziehungen geht es neben der gemeinsamen Zukunft in der Europäischen Union häufig auch um die Geschichte und ihre Bedeutung für das bilaterale Verhältnis heute.

Herr Botschafter, das ist nicht unser erstes Interview. Wir haben schon einmal ein Gespräch geführt, als Sie noch Leiter des Völkerrechtsbüros im österreichischen Außenministerium waren. Es ging damals um die Übernahme der Leitung in der so genannten Holocaust Task Force. Das ist eine internationale Organisation, bei der es um die Aufarbeitung des Holocaust geht, um entsprechende Bildungsinitiativen usw. Sie haben damals von Tschechien die Leitung übernommen und waren voll des Lobes für die Arbeit, die die Tschechen vorher geleistet hatten. Sie sind also in diesem Geflecht von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gerade auch was Tschechien und Österreich betrifft, zu Hause. Ist das eine Rolle, die Sie jetzt fortführen wollen? Welche Rolle nimmt der österreichische Botschafter ein zwischen diesen zwei Ländern, wo doch sehr viel von der Vergangenheit die Rede ist, wo aber auch von der Gegenwart und der Zukunft die Rede sein muss?

Ferdinand Trauttmansdorff (Foto: Kristýna Maková)Ferdinand Trauttmansdorff (Foto: Kristýna Maková) „Die Erfahrungen, die ich vor allem in der Vorbereitung aber auch in der Durchführung der österreichischen Präsidentschaft in der internationalen Holocaust-Organisation gemacht habe, waren vielfältig. Denn es geht dabei vor allem auch darum, dass Länder wie Österreich sich ihrer Vergangenheit vollumfänglich stellen. Wir sind während dieser Arbeit immer mehr draufgekommen, wie wichtig es ist, dass man auch die gerne verdrängten Teile der Vergangenheit entsprechend aufarbeitet und sich diesen mit der entsprechenden Verantwortung für die eigene Geschichte stellt. In Österreich war das ja ein besonderes Problem – zum Beispiel das österreichische Verhältnis zur Nazizeit. Formal war Österreich besetzt, genauso wie die Tschechoslowakei, nur ein Jahr früher. Aber wir mussten uns doch damit auseinandersetzen, dass ein guter Teil der Österreicher aktiv in der NS-Bewegung tätig war. Dieser Teil der Vergangenheit wurde über viele Jahre gerne verdrängt. Ich glaube, ein moderner europäischer Staat, der in der europäischen Völkergemeinschaft als selbstbewusster Staat mitwirken will, muss sich seiner eigenen Geschichte in allen Aspekten stellen. Da haben wir in dieser Zeit glaube ich sehr viel dazugelernt, und diese Erfahrungen möchte ich auch gerne hier nutzen.“

Vonseiten populistischer Politiker und Medien auf beiden Seiten der österreichisch-tschechischen Grenze kommt manchmal eine gewisse Schlagwortpolitik zum Tragen. Da wird schnell mal Beneš-Dekrete gesagt, ohne genau zu erklären, was das eigentlich ist. Damit kann man auch heute noch Emotionen schüren. Welche Möglichkeiten sehen Sie da für sich? Was kann man als österreichischer Botschafter tun, um den Schlagworten auch Inhalte hinzuzufügen?

„In meiner persönlichen diplomatischen Geschichte über viele Jahre habe ich mich immer wieder mit dem Phänomen Stereotypen und der Verwendung von Stereotypen im öffentlichen Leben auseinandergesetzt. Vor allem auch mit der missbräuchlichen Verwendung von Stereotypen. Ich bin draufgekommen, dass Stereotypen gerade in einer Zeit sehr komplexer Informations- und Kommunikationsvorgänge ein Teil des öffentlichen Lebens sind, dass auf der anderen Seite aber die bewusste Bearbeitung von Stereotypen sehr wichtig ist, da Stereotypen natürlich die Wahrheit verfälschen können. Hier spielen Diplomaten eine wichtige Rolle. Wir sind keine Journalisten, und wir sind auch keine Politiker, müssen nicht wiedergewählt werden. Wir können längerfristig an Projekten arbeiten, wo die Auflösung von Stereotypen betrieben werden kann, die für die Beziehungen schädlich sind.“

Edvard Beneš unterschreibt DekreteEdvard Beneš unterschreibt Dekrete Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Wort Beziehungen immer im Plural genannt wird, denn es gibt tatsächlich viele verschiedene Beziehungen. Ich habe den Eindruck, auf der diplomatischen Ebene, und vor allem im engen Beziehungsgeflecht innerhalb der Europäischen Union, funktioniert es gut. Auch die Wirtschaftsbeziehungen sind intensiv, es gibt unzählige Nachbarschaftsinitiativen usw. Und dann gibt es andererseits Rückschläge, wo man mit enormem Unwissen konfrontiert ist, mit Desinteresse und mit Vorurteilen, die von Boulevardmedien noch gefördert werden. Würden Sie mir in diesem Befund zustimmen? Und wenn ja: Ist das typisch für die österreichisch-tschechischen Beziehungen, oder ist das ein Befund, der eigentlich für alle bilateralen Verhältnisse gilt?

„Grundsätzlich gilt das für alle bilateralen Verhältnisse, insbesondere in Nachbarschaftsverhältnissen. Schauen Sie das österreichische Verhältnis zu Deutschland an. Das ist auch nicht unbelastet. Aber was hier besonders hervorzuheben ist: Das Verhältnis zu Tschechien ist vielleicht das komplexeste von allen Nachbarländern. Einfach aufgrund dieser engen Verbindung zwischen Wien und Prag. Prag war schon im 14. Jahrhundert die erste große europäische Hauptstadt, später ist es dann Wien geworden. Das Verhältnis ist dadurch sehr komplex. Auch die Frage des deutschen Elementes in Böhmen und Mähren ist ein Thema, das mit Österreich immer wieder mehr verbunden war als mit Deutschland, aber auch zu trennenden Elementen geführt hat. Ich glaube, das ist eine Herausforderung, die es besonders interessant macht, in Tschechien zu arbeiten. Ich kann das nicht negativ sehen. Man muss sich doch auch des Reichtums unserer gemeinsamen Geschichte bewusst sein. Ich finde, das ist eine Goldmine für einen Diplomaten und für jeden, der sich mit den Beziehungen zwischen beiden Ländern beschäftigt.“

Ihr bisheriges diplomatisches Leben ist reichhaltig. Können Sie uns einige Stationen nennen, die Sie absolviert haben? Welche Erfahrungen haben Sie dort gewonnen, die Sie vielleicht auch hier nutzen können?

„Die Erfahrungen, die wir hier nützen können, sind insbesondere die aus den USA, aus Ägypten und letztlich auch aus Portugal, wo es sich um einen europäischen Staat handelt. Aber in den beiden erstgenannten Ländern war es doch sehr interessant. Wir haben eine Diplomatie geführt, die man als Public Diplomacy, also als öffentliche Diplomatie bezeichnen würde. Das ist auch mein Ansatz. Für mich ist die Diplomatie keine Angelegenheit unter Diplomaten, sondern eine Angelegenheit zwischen dem Diplomaten und dem öffentlichen Leben in dem Land, in dem er dient. Das konnte man in Amerika, vor allem in Washington, bestens lernen, denn dort ist die Öffentlichkeit die unmittelbare Arbeitsumgebung des Diplomaten. So sehe ich das auch hier. Wir als Österreicher können hier natürlich nicht nur in Prag arbeiten, sondern werden uns auch mit Vergnügen den Beziehungen vor allem in den Grenzregionen widmen, und in den benachbarten Kreisen. Da sind natürlich vor allem Südböhmen und Südmähren für uns ganz besonders wichtig. Daher werde ich auch ziemlich viel reisen und mich nicht nur in Prag aufhalten.“

Trotzdem am Schluss die unvermeidliche Frage nach Prag: Sie sind seit Anfang des Jahres hier: Haben Sie sich eingelebt, gefällt es Ihnen?

„Ich muss sagen – und das teile ich mit meiner Frau, die mich in meiner diplomatischen Arbeit hundertprozentig begleitet: Wir staunen! Prag ist eine Stadt, wo man nur staunen kann. Auch wenn man schon hier war. Aber wenn man dann in dieser unglaublichen Schönheit leben kann, dann kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Und ich hoffe, wir werden uns dieses Staunen bis zum Ende unserer Zeit hier erhalten.“