„Es ist wie ein Heimkommen“ – Martin Kastler, neuer Leiter der Hanns-Seidel-Stiftung in Prag

Im tschechisch-deutschen Dialog ist er nicht zu übersehen: Martin Kastler hat Geschichte und Politikwissenschaft studiert, unter anderem auch in Prag. Politische Erfahrungen sammelte er unter anderem in der Präsidentenkanzlei von Václav Havel. Als Europaabgeordneter initiierte der CSU-Politiker Essaywettbewerbe für tschechische und deutsche Studenten. Zudem ist Kastler seit einigen Jahren Bundesvorsitzender der deutsch-tschechischen Ackermann-Gemeinde. Am Montag wurde er offiziell ins Amt des Regionalleiters der Hanns-Seidel-Stiftung in Prag eingeführt. Radio Prag hat bei dieser Gelegenheit mit ihm gesprochen.

Martin Kastler (Foto: Martina Schneibergová)Martin Kastler (Foto: Martina Schneibergová) Herr Kastler, stimmt es, dass die Wurzeln ihrer Familie in Böhmen sind?

n adolf „Das ist richtig. Ein Teil meiner Familie mütterlicherseits stammt aus Nordböhmen, aus dem Erzgebirge, und wenn man meine Frau noch hinzunimmt, die aus Mähren stammt, sind wir seit vielen Jahren eigentlich gut verwurzelt in der Tschechischen Republik. Daher freue ich mich auf die Aufgabe hier in Prag. Es ist ein Stück weit wie ein Heimkommen in die Goldene Stadt.“

Sie haben teilweise auch in Prag studiert. Haben Sie dabei auch Tschechisch gelernt?

„Ja, das stimmt. Ich habe ein Auslandsemester lang, im Übrigen auch als Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung, in Prag studiert. Ich habe dann auch einen längerfristigen Studienaufenthalt hier absolviert und am Ende meines Studiums für das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände ein Forschungsprojekt in Prag gemacht. Von daher war es fast zwangsläufig, dass ich auch etwas Tschechisch lernen durfte. Nachdem aber meine Frau so gut Deutsch kann, benutze ich doch meist mein Fränkisch, während sie natürlich beide Sprachen perfekt spricht. Aber ich hoffe, es reicht, um dann mit meinen Partnern in der Hanns-Seidel-Stiftung und mit anderen hier entsprechend kommunizieren zu können.“

Václav Havel (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Václav Havel (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Kann man sagen, dass Sie Ihre europapolitischen Erfahrungen auch in der außenpolitischen Sektion bei der Präsidialkanzlei noch unter Präsident Havel gesammelt haben? Wann war das?

„Das waren tatsächlich meine ersten Schritte in der tschechischen Politik. Ich bin heute noch froh und dankbar, dass ich in der Präsidialkanzlei von Havel arbeiten konnte, in einer Zeit, in der es sehr spannend war. Es wurde gerade in dieser Zeit sehr heiß über die Deutsch-Tschechische Erklärung debattiert. Das war 1997. Ich war damals auch quasi live dabei, als Václav Klaus und Helmut Kohl diesen Vertrag unterschrieben haben. Er bildet bis heute noch die Grundlage für gutes Miteinander, ob es der Zukunftsfonds ist, das Gesprächsforum und ganz viele Initiativen. Das waren prägende erste Schritte hier in der Tschechischen Republik. Bis heute bin ich dem Forum 2000 und vielen anderen NGOs und Akteuren, die gerade aus dem Umfeld von Václav Havel stammen, eng verbunden. Und ich denke, man könnte die einen oder anderen Initiativen in den Bereichen Rechtsstaat und Demokratieförderung jetzt auch hier vielleicht gemeinsam angehen.“

Miroslav Sládek (Foto: Milda, Wikimedia Public Domain)Miroslav Sládek (Foto: Milda, Wikimedia Public Domain) Wie war damals die Atmosphäre? Sie haben das bestimmt mitbekommen: Es war wahrscheinlich nicht so einfach, die Erklärung durchzusetzen gegen einige der Ultra-Linken hierzulande…

„Ja, auf der einen Seite, auf der anderen Seite in Deutschland auch gegen einige Ultra-Rechte. Ich durfte einige der Briefe von sudetendeutscher Seite lesen und entsprechende Antworten darauf vorbereiten, die Briefe waren nicht nur angenehm oder vom diplomatischen Geschick geprägt. Es herrschte zum Teil eine aufgeheizte Stimmung. Damals demonstrierten beispielsweise Miroslav Sládek (damaliger Vorsitzender der Republikaner in Tschechien, Anm. d. Red.) und Rechtsradikale auf der Prager Kleinseite gegen die Deutsch-Tschechische Erklärung. Und umgekehrt gab es eben in Deutschland viele kritische Stimmen gerade aus bestimmten Kreisen der Sudentendeutschen Landsmannschaft. Daher ist es eigentlich ein Wunder, wie sich letztlich alles ins Gute gewendet hat. Jetzt kann man heute, bald 25 Jahre danach, sagen: Es war sicher ein Erfolg.“

Adolf Ullmann (Foto: Martina Schneibergová)Adolf Ullmann (Foto: Martina Schneibergová) Sie sind auch seit einigen Jahren der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde. Wie war der Weg zu dieser Organisation?

„Meine ganze Familie ist seit langem dort engagiert. Ich kam dazu, nachdem der damalige Vorsitzende Adolf Ullmann der Meinung war, dass er ins zweite Glied zurücktreten möchte. Er hatte mich damals vorgeschlagen, um das Ganze in jüngere Hände zu geben. Damit wollten wir einen Generationswechsel schaffen, auch innerhalb der Ackermann-Gemeinde in Deutschland, sodass wir ein bisschen von der Erlebnisgeneration wegkommen, hin zu den Nachfolgegenerationen, die sich im christlichen Bereich engagieren – so wie ich auch. Ich habe mich dann bemüht, mit der Ackermann-Gemeinde neue Aspekte zu setzen. Das hat man – glaube ich – auch gesehen. Wir haben weniger Diskussionen und Veranstaltungen gemacht, bei denen es um eine Vergangenheitsbewältigung ging. In diesem Bereich wurde früher schon viel Gutes geleistet. Heute setzen wir, gerade auch die jüngere Generation, den Akzent darauf, wie wir eigentlich gemeinsam als Deutsche und Tschechen oder als Christen in Europa leben und wie wir das eine oder andere in gemeinsamer Auseinandersetzung mitprägen können.“

Flüchtlinge (Foto: ČTK)Flüchtlinge (Foto: ČTK) Die Etappe der Versöhnung ist allerdings schon vorbei, oder?

„Absolut. Wir sind ein ganzes Stück weiter. Es besteht einfach eine Partnerschaft und Nachbarschaft zwischen beiden Ländern und ihren Menschen. Man setzt sich mit den Themen auseinander, die jetzt aktuell sind und die kommen auch aus Europa. Damit meine ich unter anderem die Frage der Migration, der Flüchtlinge, und auch die Frage, wie man mit Minderheiten umgeht und der Demokratie. Darüber wird nicht nur in Deutschland oder in Tschechien diskutiert, sondern in vielen Staaten der EU. Daraus lässt sich der Bogen zur Tätigkeit einer deutschen politischen Stiftung wie der Hanns-Seidel-Stiftung schlagen. Wir wollen auch bei diesen Themen Anstöße liefern, wie man zu Lösungen kommen kann oder zumindest zu Ansätzen, um einen gemeinsamen Weg in Europa zu finden.“

Jan Březina (Foto: Archiv von Jan Březina)Jan Březina (Foto: Archiv von Jan Březina) Als Europaabgeordneter haben Sie Essaywettbewerbe für Studenten mitinitiiert. Was hat Sie am tiefsten beeindruckt, als Sie die Arbeiten zu manchmal nicht gerade einfachen Themen gelesen haben?

„Bei den Essaywettbewerben für Studenten, die ich damals mit Herrn Březina (ehemaliger tschechischer christdemokratischer Europaabgeordneter, Anm. d. Red.) initiiert habe, ging es darum, wie Studenten, die keinen Bezug zu Sudetendeutschen, zu kirchlichen Organisationen oder zu anderen tschechischen Verbänden haben, das bestimmte Thema diskutieren. Ich fand es ganz spannend, wie sie herangegangen sind. Ich muss sagen, ich habe jedes Mal, als wir die Aufsätze gelesen haben, hinzugelernt, dass man heute bei den 20- bis 22-Jährigen eine ganz andere Denkweise vorfindet als ich sie mit meinen 40 Jahren habe. Es freut mich, dass heute zu der Veranstaltung auch zwei junge Menschen gekommen sind, die damals Preisträger beim Europäischen Essaywettbewerb waren und die sich heute politisch in der KDU-ČSL (Tschechische christdemokratische Partei, Anm. d. Red.) engagieren. Das finde ich toll.“

Sie wurden soeben in das Amt des Regionalleiters der Stiftung eingeführt. Werden Sie zwischen Prag, Bratislava und Budapest pendeln?

„Prag ist jetzt der Hauptsitz des Mitteleuropa-Projektes der Hanns-Seidel-Stiftung. Das Hauptbüro ist auf dem Prager Wenzelsplatz. Von hier aus werde ich die anderen Projektbüros mitkoordinieren. Das heißt nicht, dass ich jede Woche alle drei Büros abreisen werde, sondern ich werde zu gegebener Zeit in dem einen oder anderen Projektbüro sein. Ich werde pendeln, aber nicht in einer solchen Regelmäßigkeit wie der Abgeordnete, der früher jede Woche nach Brüssel gependelt ist. Hauptsitz ist Prag, und die beiden Büros in Bratislava und in Budapest werden vor Ort organisiert, aber die Verantwortung liegt beim Regionalleiter hier in Prag.“

Illustrationsfoto: Zebra848, Wikimedia Public DomainIllustrationsfoto: Zebra848, Wikimedia Public Domain Wer sind Ihre Ansprechpartner in Prag? Gastgeber der Veranstaltung, bei der Sie ins Amt eingeführt worden sind, waren die tschechischen Christdemokraten…

„Wir haben Partnerorganisationen nicht nur im parteipolitischen Spektrum. Von den Parteien sind es hauptsächlich die Christdemokraten, die Partei Top 09 und die bürgerliche Opposition in Form der ODS, mit deren Teilen wir auch zusammenarbeiten. Es gibt aber auch Institutionen, mit denen wir seit langem zusammenarbeiten wie beispielsweise die Polizei. Vor allem im Bereich der Grenzpolizei in der überregionalen Kooperation zwischen Bayern und Tschechien engagieren wir uns seit langem. Dies finde ich sehr wichtig. Gerade vor dem G-7-Gipfel haben wir gemerkt, wie länderüberschreitende Zusammenarbeit notwendig ist. Aber wir arbeiten auch mit mehreren NGOs wie der Christlichen Akademie und weiteren Organisationen zusammen. Dies möchte ich noch ausbauen.“

Südböhmische Universität (Foto: Archiv der Südböhmischen Universität)Südböhmische Universität (Foto: Archiv der Südböhmischen Universität) Gibt es schon ein konkretes Vorhaben, das Sie beispielsweise in einer der Grenzregionen in die Tat umsetzen wollen?

„Wir haben die Kontakte zur Universität in Budweis und auch zur Stadt Budweis geknüpft. Wir möchten sie mit Studenten und interessierten Bürgern besuchen. Denn wir haben vor, uns in der Euregio Bayerischer Wald – Böhmerwald zu engagieren und mit der Südböhmischen Universität zusammenzuarbeiten.“

Zum Abschluss noch eine ein bisschen persönliche Frage in eigener Sache: Vor mehreren Jahren haben Sie im Gespräch erwähnt, dass Ihre Frau an einem Wettbewerb oder Quiz von Radio Prag teilnahm. Wie war es damit?

Gymnasium Na Pražačce (Foto: ŠJů, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Gymnasium Na Pražačce (Foto: ŠJů, Wikimedia CC BY-SA 3.0) „Ja, das stimmt. Meine Frau hat einen Preis von Radio Prag gewonnen. Sie besuchte damals das bilinguale Gymnasium Na Pražačce. Radio Prag hatte einen Schülerwettbewerb ausgeschrieben, sie gewann damals den ersten Preis und durfte damit zu einer Jugendbegegnung nach Bayern fahren. Und dort haben wir uns kennengelernt. Daher bin ich Radio Prag auch eng verbunden.“