Erste Hilfe Tschechisch von Heike Birke

08-10-2019

Heike Birke ist interkulturelle Trainerin und Verlegerin. Sie ist zudem Koautorin eines praktischen Büchleins für die deutsch-tschechische Alltagskonversation. Dieses trägt den Titel „Erste Hilfe Tschechisch kurz und schmerzlos!“ Doch nicht nur bei diesem Projekt hat sich die Integrations-Expertin mit den Unterschieden zwischen Tschechen und Deutschen beschäftigt. Auch bei der Arbeit mit Autoren aus dem Nachbarland ist das für sie ein wichtiges Thema. Unter anderem darüber hat Martina Schneibergová vor kurzem mit Heike Birke gesprochen.

Heike Birke (Foto: Martina Schneibergová)Heike Birke (Foto: Martina Schneibergová) Frau Birke, Sie haben ein Konversationsbuch zusammengestellt, dass den Deutschen mit der tschechischen Sprache helfen soll. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

„Der Titel ,Erste Hilfe Tschechisch kurz und schmerzlos‘ stammt von Gabriela Hunger. Das ist die Mitautorin, und ohne sie wäre das Ganze nie zustande gekommen. Wir haben das Büchlein geschrieben, weil wir beide immer wieder Deutsche trainieren, die beruflich in der Tschechischen Republik zu tun haben. Dann hieß es immer: ,Tschechisch kann man ja nicht lernen, das ist unmöglich.‘ Ich glaube aber, dass ein bisschen Kenntnis der Sprache wichtig ist, um die Kultur auch zu verstehen. Wir haben gedacht, wir machen etwas, was ganz leicht und praktisch orientiert ist. Es gibt Phrasen dort für alle Situationen, in die man im Laufe seines Aufenthalts dort kommt – egal ob man als Tourist nach Tschechien reist oder eine längere Zeit in dem Land lebt. Man will mit Menschen in Kontakt kommen, man will etwas einkaufen, man muss sich orientieren, was das Datum angeht. Das war immer so erfolgreich, dass wir es jetzt schon in zweiter Auflage überarbeiten konnten. Wir haben dazu auch eine Internetseite, wo man sich alle diese Phrasen und Sätze anhören kann. Man kann sie auch runterladen. Denn viele Deutsche haben keine Vorstellung oder kein Gefühl, wie Tschechisch klingt.“

„Vor allem müssen sie auch wissen, wie man den Namen eines tschechischen Kollegen oder seiner Vermieterin ausspricht. Das gehört einfach zum Respekt.“

Sprechen Sie selbst gut Tschechisch?

„Ich versuche es seit der Zeit, als ich Anfang der 1990er Jahre in Prag gelebt habe. Es ist eine lebenslange Aufgabe. Aber ich habe bemerkt, wenn man nur ein kleines bisschen sprechen kann, öffnen sich Türen, die sonst vielleicht verschlossen bleiben. Das wäre schade. Ich nutze das ja auch, denn ich arbeite als interkulturelle Trainerin. Bei mir müssen die Leute die wichtigsten Floskeln doch Mal gelernt haben. Vor allem müssen sie auch wissen, wie man den Namen eines tschechischen Kollegen oder seiner Vermieterin ausspricht. Das gehört einfach zum Respekt.“

Foto: Verlag BalaenaFoto: Verlag Balaena Was alles umfasst dieses interkulturelle Training?

„Zum interkulturellen Training gehört das Wissen über das andere Land. Im deutsch-tschechischen Verhältnis spielt natürlich auch die Geschichte eine Rolle. Das Wissen darüber nimmt ab, weil die Leute immer jünger werden. Zum interkulturellen Training gehören auch Kulturunterschiede. Es gibt sogenannte Kulturstandards. Die Deutschen tendieren beispielsweise eher dazu, sehr direkt zu kommunizieren, gerade was Kritik oder Feedback angeht. Die Tschechen sind da viel vorsichtiger und vielleicht charmanter. Da kann es schon Missverständnisse geben, auf die man von deutscher Seite nicht vorbereitet ist. Denn eigentlich sind wir Nachbarn. Es gibt auch viele Dinge, die ähnlich sind. Da wir in Deutschland oft so wenig über Tschechien wissen, ist es nötig, ein bisschen Nachhilfeunterricht zu geben. Alle haben bisher gesagt, dass sie sehr viel bei mir gelernt haben.“

Wer nimmt an diesem Training teil? Sind es Vertreter von Firmen, die oft nach Tschechien reisen oder Privatpersonen, die sich nur für Tschechien interessieren?

„Dann ist etwas, was aus deutscher Sicht sachlich ist, zum Beispiel eine Kritik, für jemanden, der die tschechische Art gewöhnt ist, sehr leicht verletzend.“

„Es sind eigentlich Angestellte von Unternehmen, die für eine gewisse Zeit nach Tschechien entsandt werden, zum Teil auch mit der ganzen Familie. Wir saßen schon mit drei kleinen Kindern auf dem Schoß im Wohnzimmer und haben das Training auf gepackten Umzugskisten gemacht. Da gibt es alles an Fragen, was diese Familie existenziell interessiert, und ich versuche, da zu helfen, Verbindungen herzustellen, zu beruhigen oder auch Tipps zu geben. In letzter Zeit ist sehr schön, dass sich das auch in die andere Richtung entwickelt. Ich bereite auch hauptsächlich tschechische Frauen meist aus multinationalen Unternehmen darauf vor, in Deutschland gut zurechtzukommen.“

Gabriela Hunger (Foto: Archiv von Gabriela Hunger)Gabriela Hunger (Foto: Archiv von Gabriela Hunger) Worin bestehen die größten Unterschiede, auf die man sich vorbereiten soll?

„Ich mache das schon seit einigen Jahren. Ich habe irgendwann das geflügelte Wort erfunden: ,Češi jsou houby a Němci jsou pampelišky.‘ Also die Tschechen oder die tschechische Gesellschaft sind eine Art Pilzgeflecht. Das ist ein gewagtes Bild, aber die sind so miteinander verwoben, oft vernetzt, da kennt jeder jeden, man nimmt Rücksicht auf die möglichen Empfindlichkeiten der anderen. Und das hat auch Auswirkungen auf die Kommunikation. Auf der anderen Seite erscheinen mir die Deutschen, hauptsächlich auch die Westdeutschen, eher wie der stolze Löwenzahn. Das ist eine Pflanze, die sehr widerstandsfähig ist. Sie sind mehr individualistisch. Man muss nicht dauernd miteinander reden, man kann auch gut für sich alleine sein. Man spricht nur, wenn es einen Anlass gibt, ansonsten ist es eigentlich überflüssig. Also Deutsche sind nicht sehr talentiert im Small Talk. Dann ist etwas, was aus deutscher Sicht sachlich ist, zum Beispiel eine Kritik, für jemanden, der die tschechische Art gewöhnt ist, sehr leicht verletzend. Deutsche wahren gern die Privatsphäre der anderen und die eigene natürlich auch. Jemand, der in der tschechischen Netzkultur aufgewachsen ist, fühlt sich abgelehnt und kritisiert. Er empfindet diese deutsche Sachlichkeit schnell als ein bisschen kalt. Wenn man länger in der jeweils anderen Kultur lebt, stellt man aber fest, dass genau das Andere auch seine Vorteile hat. Dass ich beispielsweise sagen kann: Tut mir leid, ich bin Deutsche, ich halte jetzt Mal den Mund. Und das nimmt mir niemand übel. Und meine Kollegin Gábina von der ,Ersten Hilfe Tschechisch‘, die sagt dann: ,Tut mir leid, die haben mich jetzt noch auf ein Bier eingeladen, wenn ich als Tschechin nicht hingehe, das kann ich nicht machen.‘ Und ich konnte als Deutsche sagen: ,Ich gehe ins Bett, gute Nacht!‘ So ist es je nach Situation von Vorteil oder auch nicht, welcher Kultur, Nationalität oder Prägung man ja angehört.“

Sie sind aber nicht nur interkulturelle Trainerin, sondern auch Verlegerin. Auf welche Literatur konzentrieren Sie sich?

„An allen drei Autorinnen hat uns sehr gut gefallen, dass sie so eine europäische Perspektive in ihren Büchern haben.“

„Irgendwie hat sich aus der ,Ersten Hilfe Tschechisch‘ ergeben, dass wir jetzt tschechische moderne Literatur in Übersetzungen verlegen, weil das erste Buch, das wir in dieser Reihe herausgebracht haben, mich selber sehr interessiert hat. Und ein großer Verlag wollte das offenkundig nicht vertreiben, so haben wir das gemacht. Das war der Roman ,Die Deutschen‘ von Jakuba Katalpa. Zur Leipziger Buchmesse 2019 haben wir zwei weitere interessante Tschechinnen ins Portfolio genommen. Die eine ist Sylva Fischerová mit dem Titel ,Europa ein Thonet-Stuhl, Amerika ein rechter Winkel‘, was vielleicht am Anfang ein bisschen sperrig klingt. Aber sie beschreibt eine Lesereise in den USA 2010 und vergleicht das europäische Denken, die europäische Art mit diesem gebogenen Buchholzmöbel, das immer wieder zu sich zurückkehrt, dieses Sich-selbst-Hinterfragen, die Reflexion. Und Amerika, eben der rechte Winkel auch in der Architektur und dieses große Weite und dieses gerade Ausgehen, und nicht lange überlegen, soll ich jetzt oder muss ich oder will ich, sondern ausprobieren. Und die zweite ist Dora Kaprálová, eine junge tschechische Autorin, die schon einige Zeit in Berlin lebt und die ihre Eindrücke von dem Berliner Leben aus ihrer tschechischen Perspektive niederschreibt. An allen drei Autorinnen hat uns sehr gut gefallen, dass sie so eine europäische Perspektive in ihren Büchern haben, also nicht eine tschechische. Natürlich sind sie Tschechinnen, das ist unverkennbar, aber sie haben so viele Bezüge zu den Nachbarn, zu verschiedenen Zeitabschnitten, dass ich mir denke, das sollte mehr ins Bewusstsein geraten. Viele deutsche Teilnehmer meiner Trainings sind erstaunt, dass es in Mitteleuropa so viele Gemeinsamkeiten gibt, wenn man dieses Ost- und Westeuropa auflöst. Da eröffnet sich ein Raum, den man gestalten kann. Natürlich gibt es Wurzeln oder Prägungen vor allem durch die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme. Diese sollte man kennen und beachten, aber das Schöne an dieser Arbeit, die ich schon 25 Jahre mache, ist, dass eine neue Generation heranwächst, die wirklich ein neues Mitteleuropa aufbaut.“

Mehr über das Buch „Erste Hilfe Tschechisch kurz und schmerzlos!“ finden Sie unter www.balaena.de

08-10-2019