Eberhard Petschinka: „Mit dem Tschechischen beschäftige ich mich schon lange.“

29-12-2015

Der vielseitige Künstler Eberhard Petschinka lebt in Wien. Als Autor und Regisseur von Hörspielen hat er schon mehrfach mit dem Tschechischen Rundfunk zusammengearbeitet. Für die Aufnahme eines Hörspiels auf verbrachte er zuletzt im Dezember mehrere Tage im Studio in Prag. Das Werk heißt „Pepík Knedlík“, ins Deutsche übersetzt etwa „Peppi Knödel“, und spielt in einem böhmischen Dorf. Im Interview verrät Eberhard Petschinka mehr über die die aktuelle Arbeit, aber auch über seine mährischen Wurzeln und seine Bindung zu Tschechien.

Eberhard Petschinka (Foto: YouTube Kanal des Literaturhauses Salzburg)Eberhard Petschinka (Foto: YouTube Kanal des Literaturhauses Salzburg) Herr Petschinka, Sie sind gerade in Prag und begleiten die Aufnahme Ihres Hörspiels, das sie direkt für den Tschechischen Rundfunk geschrieben haben.

„Ja, ich habe – ich glaube im Mai 2014 – mit Petr Mančal und Kateřina Rathouská ausgemacht, dass ich über ein Stück nachdenken will, das um diese Figur des Pepík Knedlík kreist. Er ist keine reale Figur, sondern nur ein Name -im Englischen würde man sagen ein Nickname, ein Spottname, eine Verballhornung der tschechischen Männer und des tschechischen Wesens überhaupt. Also ein bisschen dick, ein bisschen langsam, ein bisschen zu viel Bier und so weiter. Und ich habe diesen Ansatz, eine Figur wie diese zu schreiben, mit einem Plan verbunden, den ich schon lange habe: ein Stück über die Folterlager zu schreiben, die die amerikanische Regierung, im Speziellen die CIA in Polen, in Rumänien, im Sudan, in Ägypten, in vielen Ländern auf der Welt eingerichtet hat. Die Lager sind während der Regierung Bush stark kritisiert und beim Antritt von Obama sozusagen geschlossen worden. Oder es wurde uns mitgeteilt, dass sie geschlossen werden. Vielleicht auch nur erzählt wie in einem Märchen.“

„Wenn man in Wien von einem böhmischen Dorf redet, dann redet man von einem Platz, wo man nicht genau versteht, was vor sich geht.“

Wie lässt sich ein Typ wie Pepík Knedlík mit dem brisanten Thema der Verhörlager verbinden?

„Der Gedanke war, ein böhmisches Dorf darzustellen. Wenn man in Wien von einem böhmischen Dorf redet, dann redet man von einem Platz, wo man nicht genau versteht, was vor sich geht. Im Tschechischen gibt es auch so einen Ausdruck, habe ich jetzt gelernt, er heißt spanisches Dorf. Bei uns ist es jedenfalls ein böhmisches Dorf. Ich wollte ein Stück über ein böhmisches Dorf schreiben, in dem die Armee eines fremden Landes, in diesem Stück die karolingische Armee, in einem kleinen böhmischen Dorf ein Verhörlager bauen möchte.“

Joslowitz (Foto: palickap, CC BY 3.0)Joslowitz (Foto: palickap, CC BY 3.0) Haben Sie sich mit der tschechischen Welt irgendwie auseinandergesetzt oder sie studiert? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Lager in einem tschechischen Milieu anzusiedeln?

„Das Tschechische liegt zum Teil in meiner Familie, wie man schon am Namen Petschinka hört. Meine Vorfahren, der väterliche Teil, stammen aus dem Südmährischen. Als die deutschsprachigen Leute nach dem Krieg hinausgeworfen wurden, sind auch die Petschinkas aus Joslowitz Richtung Niederösterreich gezogen. Ich als Kind hatte natürlich von dieser Geschichte überhaupt keine Ahnung, musste aber jedes Jahr zu Ostern an die Grenze fahren und hinüberschauen in das tschechoslowakische Land. Ich glaube, diese Wurzeln, kommen im Laufe des Lebens schon ein wenig hervor – indem man an den Arbeiten von Švankmajer zum Beispiel große Freude hat, oder auch an gewissen Literaturen, zum Beispiel an ‚Ich habe den englischen König bedient‘ (Roman von Bohumil Hrabal, Anm. d. Red.) Ich war mehrmals in Prag, ich habe die Leute von Plastic People of the Universe (tschechoslowakische Underground-Band, Anm. d. Red.) getroffen, damals, vor dem Fall der Mauer. Und nach dem Fall der Mauer auch, wo sie sehr traurig waren, dass die Träume von der großen Karriere in Amerika zerplatzt waren. Ja, die Beschäftigung mit dem Tschechischen ist eigentlich sehr lang.“

„Die tschechischen Wurzeln, kommen im Laufe des Lebens schon ein wenig hervor – indem man zum Beispiel an den Arbeiten von Švankmajer große Freude hat.“

Sie haben das Thema der Verhörlager schon früher verarbeitet und dem Österreichischen Rundfunk angeboten...

„Ich beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit diesen Verhörlagern. Ich habe gemeinsam mit einem Komponisten über eine Oper nachgedacht, die von Puppen gespielt wird. Darin hat dieses Thema eine Rolle gespielt, mit einer sehr abstrakten Sprache. Dieses Stück ‚Pepík Knedlík. Folterträume‘ beschäftigt sich aber ästhetisch nicht mit einer abstrakten Sprache, sondern es wird eine lange Geschichte erzählt: Von jemandem, der aus dem Exil zurückkehrt, weil ihm sein Notar geraten hat, dass er das ganze Geld anlegen soll, und zwar so, dass er durch die Krise kommt. Und wie kommt man durch die Krise, wenn das Geld nichts mehr wert ist? Man braucht ein Land, man braucht ein Bauernhaus, man braucht Leute, die dort arbeiten können, man braucht Gärtnerinnen, Gärtner, Bauernburschen, die das irgendwie verwalten können. Und deswegen kauft der Protagonist sich so etwas. Und dann kracht es, weil die Bauern in der Nähe von diesem böhmischen Dorf beschlossen habe: ‚O.k., wenn das Geld nichts mehr wert ist, dann kommen die Apokalypse und der Schrecken.‘ Ich habe das Thema dem österreichischen Radio auch angeboten, aber sie fanden diesen Text zu grausam. Ich weiß nicht genau warum. Ich glaube, dass es nicht richtig gelesen und nicht als Komödie erkannt wurde.“

Johannes Paul II. (Foto: Public Domain)Johannes Paul II. (Foto: Public Domain) Das Stück wurde jetzt ins Tschechische übersetzt und läuft im nächsten Jahr im Tschechischen Rundfunk. Haben Sie die ursprüngliche Idee, das Thema irgendwie dem tschechischen Publikum angepasst?

„Ich glaube, dass das so allgemein geschrieben war, dass keine Anpassung stattfinden musste.“

Bei diesem Stück handelt es sich nicht um Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Rundfunk. Sie knüpfen an eine frühere Kooperation an...

„Das tschechische Radio hat ein sehr erfolgreiches Stück von mir, das den Prix Europa und den Prix Italia gewonnen hat, ins Tschechische übersetzt und produziert. Es hieß ‚Santo subito‘ und handelt davon, dass Papst Wojtyła, Johannes Paul II., auf dem Totenbett noch einmal den Don Quijote aufgeführt bekommen möchte. Und 2015 wurde das Stück ‚Circus Maximus‘ vom Tschechischen Radio produziert. Ich konnte mit Petr Mančal gemeinsam die Regie machen. Ich glaube, es ist im Juli ausgestrahlt worden.“

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio PragFoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag Unterscheidet sich die Arbeit im Radio hier in Tschechien von der in Österreich oder in Deutschland, wo Sie auch gearbeitet haben?

„Ich finde überhaupt nicht. Ich finde, dass die Kollegen und Freunde vom tschechischen Radio auf demselben Niveau arbeiten, wie alle anderen auch. Ich kann es natürlich in der Gesamtheit nicht beurteilen, sondern nur anhand der Zusammenarbeiten mit mir und anhand dessen, was ich auf Wettbewerben höre, aber vom Sound her – sensationell. Sprachlich ist es natürlich schwer. Man kann die Inhalte mitverfolgen, aber wenn man die Sprache nicht spricht, kann man nicht sagen, o.k. jetzt handelt es sich um hohe Literatur oder eben nicht. Das müssen die tschechischen Kollegen beurteilen und werden sie wohl auch.“

29-12-2015