Detlef Lingemann: Deutschlands neuer Botschafter in Prag

Er war unter Anderem ständiger Vertreter des deutschen Botschafters in Mali, Diplomat in Moskau und Washington sowie Botschafter in Aserbaidschan. Seit etwa zwei Monaten ist Detlef Lingemann nun der neue Botschafter Deutschlands in der Tschechischen Republik. Mit Radio Prag sprach Lingemann über die Herausforderungen für die Diplomatie in Zeiten der Schuldenkrise, über die Bewältigung der Vergangenheit, die Energiesicherheit der Zukunft und über seinen Lieblingsplatz im Prager Palais Lobkowicz.

Detlef LingemannDetlef Lingemann Herr Botschafter, Tschechien ist nun seit mehr als sieben Jahren Mitglied der Europäischen Union. Ich glaube, man kann sagen, dass die Weichenstellungen nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa mehr oder weniger vollzogen sind. Vom ehemaligen Ost-West-Konflikt ist heute kaum mehr die Rede, an dessen Stelle ist heute ein Nord-Süd-Gefälle bei der wirtschaftlichen Situation getreten, vor allem in der Eurozone. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Herausforderungen für sich als deutschen Botschafter in der Tschechischen Republik?

„In der aktuellen Situation beansprucht natürlich die Staatsschuldenkrise große Aufmerksamkeit. Die Bundeskanzlerin sagt selbst, die Krise ist die schwerste in der Geschichte der EU. Die Geschichte der EU aber hat gezeigt, dass diese aus Krisen immer gestärkt hervorgegangen ist, und ich bin sehr optimistisch, dass das auch diesmal wieder der Fall sein wird. Wir alle haben daran ein fundamentales Interesse, denn die EU ist sehr viel mehr als die Eurozone. Sie ist ein Friedensprojekt, das nach dem Zweiten Weltkrieg von vorausschauenden Politikern geschaffen wurde, und das dieser Kontinent nach zwei Weltkriegen gebraucht hat. Sie ist ein Friedensprojekt mit – im guten Sinne – administrativen Mitteln, in dem Menschen tagtäglich zusammenkommen, um im Kreis von 27 über konkrete Probleme zu sprechen. Das geschieht natürlich nicht nur in Brüssel, das geschieht auch in den europäischen Hauptstädten. Auch das gehört zu den Aufgaben eines Botschafters. Deutschland und Tschechien sind Partner, die in Europa eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Uns eint etwa die Überzeugung, dass Staaten nicht auf Dauer über ihre Verhältnisse leben können. Und wir wollen auch den Binnenmarkt weiterentwickeln. Insofern leisten wir hier einen aktiven Beitrag, auch im Rahmen Europas.“

Sie haben bereits auf das historische Erbe in Europa Bezug genommen. Die Aufarbeitung der deutsch-tschechischen Geschichte, die ja nicht immer die einfachste war, wurde während der kommunistischen Zeit 40 Jahre lang sozusagen auf Eis gelegt. Seither sind schon wieder mehr als 20 Jahre vergangen, und in dieser Zeit ist sehr viel passiert. Gibt es Ihrer Meinung nach trotzdem noch Defizite? Und können Sie schon sagen, wie Sie vor diesem Hintergrund das Image der Deutschen in Tschechien beurteilen?

„Ich bin jetzt gerade mal zwei Monate vor Ort, insofern muss ich mich da mit Urteilen noch zurückhalten. Aber mein Eindruck ist ein sehr positiver. Es hat sich sehr viel getan, seit wir 1992 zwischen Deutschland und der damaligen Tschechoslowakei den Vertrag über gute Nachbarschaft und anschließend 1997 die Deutsch-Tschechische Erklärung abgeschlossen haben. Wir haben dort ein Fundament gelegt und uns geeinigt, dass wir gemeinsam die Zukunft gestalten, aber die Vergangenheit nicht aus dem Blick verlieren wollen. In diesem Kontext spielt die Deutsch-Tschechische Historikerkommission eine wichtige Rolle, die wir gar nicht hoch genug einschätzen können, ebenso wie auch der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds und das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum. Hier passiert sehr viel. Der Zukunftsfonds hat bereits hunderte von Projekten finanziert und durchgeführt und wird das auch in Zukunft tun. Was das Image betrifft, so bin ich sehr erfreut, dass zwei Drittel der Tschechen Deutschland und die Deutschen grundsätzlich positiv bewerten. Das ist angesichts unserer Vergangenheit keine Selbstverständlichkeit, und wir sind dafür sehr dankbar. Sicher haben dazu auch deutsche Unternehmen, die hier sehr erfolgreich aktiv sind und hier investiert haben, einen großen Beitrag geleistet. Das prominenteste Beispiel ist vielleicht Škoda Auto, ein exzellentes Beispiel erfolgreicher deutsch-tschechischer Zusammenarbeit. Ein anderer Aspekt, durch den sich viel geändert hat, ist sicher auch der EU-Beitritt Tschechiens. Wir haben offene Grenzen. Berlin, Dresden und München liegen praktisch vor der Haustür, umgekehrt kommen Wochenende für Wochenende tausende von Touristen nach Prag, um sich diese wunderschöne Hauptstadt anzusehen. Da entstehen auch viele menschliche Kontakte, und ich denke, das ist sehr wichtig, um alte Klischees und Vorurteile abzubauen.“

Václav Klaus (Foto: ČTK)Václav Klaus (Foto: ČTK) Der tschechische Präsident Václav Klaus hat seine Unterschrift unter den Vertrag von Lissabon daran geknüpft, dass die EU-Grundrechtecharta in Tschechien nicht gelten soll. Es heißt, dass ein Grund dafür darin besteht, dass die Grundrechtecharta Sudetendeutschen, die ehemaliges Eigentum zurückhaben wollen, angeblich die Tür öffnen könnte. In letzter Zeit gibt es aber interessanterweise innerhalb Tschechiens Streit um die Ratifizierung dieses Vorhabens. Die Sozialdemokraten sind dagegen. Würden Sie das noch als innertschechische Debatte bezeichnen, oder hat diese Diskussion nicht doch eine gesamteuropäische Bedeutung?

Deutsche Bundesregierung (Foto: Gran Canaria Olé)Deutsche Bundesregierung (Foto: Gran Canaria Olé) „Die Staats- und Regierungschefs der EU haben sich im Oktober 2009 darauf geeinigt, dass der Tschechischen Republik Sonderregelungen für die Anwendung der EU-Grundrechtecharta gewährt werden. Deutschland fühlt sich den europäischen Grundwerten, so wie sie in der Grundrechtecharta niedergelegt sind, verpflichtet, und wir hätten es begrüßt, wenn auf Sonderregelungen hätte verzichtet werden können. Aber selbstverständlich steht die Bundesregierung uneingeschränkt zur Entscheidung der Staats- und Regierungschefs vom Oktober 2009.“

Deutsch-Tschechisches Gesprächsforum (Foto: Ondřej Staněk)Deutsch-Tschechisches Gesprächsforum (Foto: Ondřej Staněk) Vor etwa zwei Wochen ist in Passau die Jahreskonferenz des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums über die Bühne gegangen. Wir waren beide dabei, das Thema waren Identitäten und Bürgerschaften in Europa. Der Beirat des Gesprächsforums hat aber auch schon das nächste Thema festgelegt: Nächstes Jahr wird es um Energiesicherheit gehen. Das könnte ein eher kontroverses Thema sein, nachdem Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat, und Tschechien auf den weiteren Ausbau der Kernkraft setzt. Wie beurteilen Sie die Chancen und Risken in dieser Debatte?

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Deutschland hat nun einmal die Grundentscheidung getroffen, seine Energieversorgung in Zukunft aus umweltschonenden und erneuerbaren Energien zu bestreiten. Uns ist natürlich bewusst, dass große Herausforderungen damit verbunden sind, dass wir allerdings auch viele Chancen haben, die wir gemeinsam nutzen können. Die Bundesregierung hat wiederholt zu verstehen gegeben, dass sie es selbstverständlich akzeptiert, dass jedes Land das Recht hat, seinen eigenen Energiemix selbst zu bestimmen. Ich habe aber in den Gesprächen, die ich seit meinem Dienstantritt hier geführt habe, auch Verständnis für die deutsche Position gefunden und auch die eine oder andere Bemerkung dahingehend gehört, dass es durchaus interessant ist zu sehen, wie Deutschland mit dieser neuen Herausforderung umgeht. Tschechien setzt weiterhin auf Kernenergie. Die Bundesregierung hat wie gesagt die Politik zu akzeptieren, dass Nachbarstaaten in der EU die Kernenergie friedlich nutzen. In diesem Kontext sind dann die Sicherheitsmaßstäbe ganz entscheidend. Wir setzen hier auf höchste europäische Sicherheitsmaßstäbe.“

Deutschland und Tschechien sind auch wirtschaftlich sehr eng miteinander verbunden. Wichtig im Austausch zwischen den beiden Staaten ist vor diesem Hintergrund natürlich auch die Sprache. In Tschechien gibt es nun bereits seit einiger Zeit einen Mangel an Arbeitskräften, die Deutsch sprechen. Gerade in der Kommunikation mit deutschen Mutterkonzernen, die hier ihre Filialen haben, wird das langsam zum wirklichen Problem. Es gibt derzeit in Tschechien eine Kampagne namens „šprechtíme“, die den Tschechinnen und Tschechen die deutsche Sprache schmackhaft machen will. Auch die deutsche Botschaft beteiligt sich daran. Wie beurteilen Sie dieses Problem insgesamt? Überrascht sie das? Und wie sehen Sie die Chancen, hier neues Land zu gewinnen?

„Zunächst haben wir festgestellt, dass sich die Zahl der Deutschlernenden in den letzten zehn Jahren praktisch halbiert hat. Das ist eine Entwicklung, die in einem krassen Widerspruch zur wirtschaftlichen Entwicklung steht: Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Tschechien hat sich im gleichen Zeitraum verdoppelt. Dementsprechend besteht natürlich ein großer Bedarf an Deutsch sprechenden Fachleuten und Experten hier im Lande. Das hat die deutsche Wirtschaft erkannt, und wir haben als Reaktion auf diesen Bedarf gemeinsam mit der österreichischen Botschaft hier die Initiative „šprechtíme“ gestartet. Sie kommt sehr gut an und stößt auf großes Interesse. Wir wollen diese Kampagne auch über Prag hinaus tragen, auch in die Regionen. Ich bin überzeugt davon, dass es einen großen Vorteil bringt, wenn man außer Englisch auch Deutsch spricht, gerade hier in Tschechien. Viele große Konzerne haben Englisch zu ihrer Sprache gemacht. Die deutsche Wirtschaft ist aber mittelständisch organisiert und strukturiert, und hier ist die deutsche Sprache nach wie vor ein großes Plus. Ich denke, es verbessert Karrierechancen hier im Lande, wenn man Deutsch kann.“

Deutsche Botschaft im September 1989Deutsche Botschaft im September 1989 Wir sitzen hier in der Deutschen Botschaft im Prager Palais Lobkowicz. Das ist ein Gebäude, das nicht nur sehr schön und sehr groß ist, sondern auch einige historische Bedeutung auf sich geladen hat. Ich erinnere zum Beispiel an die Besetzung des Botschaftsgeländes durch die DDR-Flüchtlinge im Herbst 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer und dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs. Wie geht es Ihnen hier in Ihrem neuen Zuhause? Haben Sie so etwas wie einen Lieblingsplatz in der Botschaft?

„Zunächst einmal ist es natürlich schon etwas ganz Besonderes, nicht nur in Prag arbeiten zu dürfen, sondern auch hier in diesem wunderschönen Palais arbeiten und wohnen zu können. Das Palais Lobkowicz führen wir als sehr offenes Haus. Wir haben täglich Delegationsbesuche und Gäste. Alle wollen sie den Ort sehen, an dem sich 1989 so Historisches ereignet hat, wo fast 4000 unserer damaligen Landsleute aus der DDR über den Zaun in die Freiheit geklettert sind. Und jeder, der herkommt, will den Balkon sehen, auf dem der damalige Außenminister Genscher die entscheidenden Worte gesagt hat, die die Freiheit für unsere Landsleute bedeutet haben. An diesem Ort kommt auch heute noch ein Gänsehautgefühl auf, und jeder, der auf diesem Balkon steht, empfindet das. Für mich ist das schon ein ganz besonderer Ort hier in dieser Botschaft.“

Detlef Lingemann (Foto: Archiv der Deutschen Botschaft in Prag)Detlef Lingemann (Foto: Archiv der Deutschen Botschaft in Prag) Abschließend noch ein Frage zu Prag: Sie sind jetzt seit zwei Monaten hier. Haben Sie sich schon eingelebt? Oder gibt es auch etwas, das Sie vermissen? Die kulturelle Nähe zwischen Deutschland und Tschechien ist ja allgegenwärtig, aber im Alltag gibt es dann doch manchmal Überraschungen, weil manche Dinge ganz anders sind.

„Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich habe zwei sehr intensive Monate hier verlebt, und habe das Gefühl, schon sehr viel länger da zu sein. Das ist eigentlich ein sehr gutes Zeichen. Wenn ich etwas vermisse, dann ist es vielleicht mehr Zeit, um all die Angebote und Kontakte wahrzunehmen, die sich mir hier bieten.“