Beppo Beyerl, Autor eines Sachbuches über die Benes-Dekrete

In unserer Sendereihe "Heute am Mikrophon" hören Sie diesmal ein Gespräch, das Gerald Schubert mit Beppo Beyerl geführt hat, dem Autor eines Sachbuches über die so genannten Benes-Dekrete:

Für die Sendung "Heute am Mikrophon" haben wir diesmal Herrn Beppo Beyerl in unser Prager Studio geladen. Herr Beyerl ist Schriftsteller aus Österreich und hat ein Sachbuch über eines der für viele Menschen wohl interessantesten Kapitel in der tschechisch-deutschen und tschechisch-österreichischen Vergangenheit geschrieben: nämlich über die Benes-Dekrete. Herr Beyerl, können Sie ihr Buch zunächst einmal kurz charakterisieren? Wie ist denn hier von Ihnen der Schwerpunkt gesetzt worden?

"Bevor ich es charakterisiere, möchte ich gerne meine Motivation für dieses Buch erläutern. Ich hatte nämlich drei Gründe dafür, es zu schreiben. Der erste Grund ist ein biographischer: Mein Vater kommt aus Karlovy vary / Karlsbad. Sein Vater wiederum war Deutscher, seine Mutter Tschechin. Er ist also gemischtsprachig aufgewachsen und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht vertrieben. Aber er ist freiwillig, kurz nach der kommunistischen Machtergreifung, nach Wien umgezogen. Der zweite Punkt: Ich habe mich, wiewohl sonst literarisch schreibend, mit vielen Reportagen doch ein bisschen an das Genre des Sachbuchs angenähert, so dass es mir schließlich relativ leicht gefallen ist, wirklich ein Sachbuch zu schreiben. Und der dritte Punkt ist einfach der, dass mich das Thema zeitgeschichtlich sehr interessiert hat."

Wie sind sie jetzt an die Thematik herangegangen? Das Thema hat doch sehr viele historische Komponenten, allerdings soll auch der Gegenwartsbezug nicht zu kurz kommen. Für welche Herangehensweise haben Sie sich letztlich entschieden, und welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

"Meine Herangehensweise war historisch, aber mit Ausblick auf die Zukunft. Für mich war diese Form eigentlich kein Problem. Denn wie gesagt: durch die Reportagen war mir die Bewältigung solcher Stoffe bereits vertraut. Aber es ging mir vor allem darum, dass ich mich über den Zustand in der österreichischen Publizistik geärgert habe. Da wurde über die Tschechische Republik vor allem mit der Benes-Keule geschimpft. Die Beziehungen zur Tschechischen Republik liefen nur über diese Frage, waren also nur negativ determiniert. Das ganze Problem wurde sehr verkürzt betrachtet, nämlich nur über die Vertreibung der Deutschen. Aber die Vertreibung der Deutschen beginnt ja nicht 1945, sondern das ist ein historischer Prozess, der ein bisschen komplexer ist. Und durch die Reduzierung in den österreichischen Medien wurde etwas hervorgerufen, was in Wien sicher eine lange Tradition hat: nämlich der Antislawismus. Der kommt ja schon aus der Zeit der Monarchie und stieg dann noch an, als Masaryk die erste Tschechoslowakische Republik gründete - und zwar stieg er an mit dem Argument, Masaryk habe die Monarchie zerstört. Später lief das weiter bei den Nazis, die den Antislawismus auch sehr stark betrieben haben, und kam dann mit dem kommunistischen Feindbild besetzt wieder gut an. Und jetzt haben wir eben die Benes-Keule, durch die der Antislawismus am Leben erhalten wird. Dem wollte ich einfach etwas entgegensetzen."

Das Thema Benes-Dekrete hat doch über lange Zeit in der innenpolitischen Diskussion in Österreich und Deutschland eine Rolle gespielt. Im konkreten Fall wollen wir von Österreich sprechen, weil Sie österreichischer Staatsbürger sind. Gab es innerhalb Österreichs irgendwelche Reaktionen auf Ihr Buch?

"Es gab starke Kritik von den Sudetendeutschen. Einer der Hauptpunkte der Kritik war zum Beispiel, dass ich die Sudetendeutschen als historische Konstruktion bezeichne. Früher hießen sie ja Deutschböhmen. Die Sudeten, die sind ein kleines Gebirge. Und auf einmal hat sich, nach 1918, relativ schnell der Ausdruck 'Sudetendeutsche' eingebürgert. Ich glaube aber, dass die Prager Deutschen mit den Sudetendeutschen, was die Identifizierung betrifft, überhaupt nichts anfangen konnten. Da gab es wohl eine große Diskrepanz - auch aufgrund der Sozialisierung dieser beiden verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Noch dazu waren die Prager Deutschen größtenteils Juden."

In Bezug auf die Gegenwart stellt sich ja die Frage, wie man jetzt mit den Benes-Dekreten umgeht, wie die Tschechische Republik mit den Benes-Dekreten umgehen kann bzw. umgehen soll, welche Vorstellungen es da von den verschiedensten Seiten gibt. Und auch die Frage, wie die Rechtslage aussieht. Denn das Problem ist ja bekanntlich nicht ganz leicht: Da gibt es einerseits die Ebene des historischen Bewusstseins, der Empfindlichkeiten, möglicherweise auch der Identifikation, also der Frage, wie sich eine Gesellschaft nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs selbst definiert. Andererseits gibt es da aber eine ganz prosaische, wirtschaftliche Frage - nämlich die, ob etwas zurückerstattet wird oder nicht. Wie sehen Sie das: Geht es den meisten Sudetendeutschen darum, Eigentum zurückzubekommen, oder sind da auch andere Dinge im Spiel? Und umgekehrt: Geht es - ihrer Erfahrung nach - bei den Tschechen eher um Angst vor dem Verlust von Eigentum, oder eher um nationalstaatliche Identifikation?

"Für die tschechische Seite kann ich das leider kaum sagen, weil ich diese Seite viel zu wenig kenne. Aber bezüglich der österreichischen oder deutschen bzw. sudetendeutschen Sicht kann ich sagen: Viele fühlen sich als Opfer - was ja stimmt, denn sie wurden ja vertrieben. Und sie wollen jetzt dafür, dass sie Opfer gewesen sind, Wiedergutmachung. Es geht also meist nicht darum, dass sich diese Leute bereichern wollen. Sie sind ja meistens schon reich und haben aufgrund ihrer Fähigkeiten im Wiederaufbau, im Kapitalismus in Deutschland und Österreich, Karriere gemacht. Ich glaube also, es geht ihnen prinzipiell nicht ums Geld, sondern mehr um die Ehre, oder darum, ihrem Opferschicksal etwas entgegenzusetzen. Sie wollen entschädigt werden, weil sie 1945 oder 1946 Unrecht erlitten."

Gibt es in ihren Kindheitserinnerungen Hinweise auf die Karlsbader Vergangenheit Ihres Vaters?

"Mein Vater erzählte mir, dass er 1948, nach dem Kommunistenputsch, über eine Spedition alle Möbel nach Wien geschafft hat, und er dann mit seiner Mutter ebenfalls nach Wien gefahren ist. Und die Möbel, die er in Karlsbad gekauft hatte, die waren dann in der Wohnung, in der ich als Kind aufgewachsen bin. Die Mutter durfte sie nicht mal putzen. Wenn sie sich mit dem Lappen genähert hat, dann hat der Vater sofort gesagt: 'Achtung, das sind die Karlsbader Möbel.' Man durfte sie also nicht einmal berühren, nicht schmutzig machen, nicht säubern. Se waren sakrosankt. Aber nicht deshalb, weil sie so wertvoll waren, sondern weil sie in der Erinnerung meines Vaters einfach die Möbel seiner Kindheit in Karlsbad gewesen sind."

 

Gerald Schubert hat ein Gespräch mit Beppo Beyerl geführt, dem Autor eines im Jahr 2002 erschienenen Sachbuches über die Benes-Dekrete.