Barock für die deutsch-tschechische Freundschaft

Das tschechische Barockensemble Collegium 1704 ist Ende vergangener Woche von einer Tournee durch mehrere Städte Tschechiens, Deutschlands und der Slowakei zurückgekommen. Zusammen mit der Mezzosopranistin Magdalena Kožená spielte es das Programm „Il giardino dei sospiri“ (auf Deutsch: Der Garten der Seufzer). Es bestand aus barocken Arien und Kantaten, in denen das Schicksal verschiedener antiker Heldinnen dargestellt wird. Eines der Konzerte fand in Potsdam statt und war ein Teil der Feierlichkeiten zum 20. Geburtstag des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Künstlerischer Leiter des Collegiums 1704 ist Václav Luks.

Václav Luks (Foto: Vojtěch Havlík, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Václav Luks (Foto: Vojtěch Havlík, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Wir haben gerade ein wunderschönes Konzert gehört. Gewidmet war es dem 20. Geburtstag des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Die Initiative dazu soll von Seiten der Musiker gekommen sein. Herr Luks, war das Ihre Idee, ein Konzert zu Ehren des Zukunftsfonds zu geben?

„Ich würde sagen, wir haben eine langjährige Zusammenarbeit, und alle Ideen kommen durch einen Gedankenaustausch. Das Collegium 1704 hat bei der Feier in Prag ein Konzert mit Musik von Jan Dismas Zelenka und Johann Sebastian Bach gespielt. Als Gegenstück haben wir uns gedacht, dass man dieses schöne Jubiläum auch in Deutschland feiern sollte.“

Arien und Kantaten des italienischen Barock

Collegium 1704 (Foto: Luděk Sojka, Collegium 1704)Collegium 1704 (Foto: Luděk Sojka, Collegium 1704) Das Collegium 1704 ist derzeit auf einer Konzerttournee und spielt dabei weniger bekannte Stücke der Barockzeit. Wie ist das Programm zustande gekommen?

„Das ist eine lange Geschichte. Am Anfang stand eine Initiative des berühmten deutschen Regisseurs Karl Ernst Herrmann. Er ist mit der Idee gekommen, dass er am Ende seines Lebens ein Musiktheaterprojekt machen möchte. Es sollte nicht eine ganze Oper sein, dafür habe er nicht mehr genug Kraft gehabt, meinte er. Er dachte eher an eine Art Monodrama mit einer Sängerin, einem Dirigenten sowie einem Orchester, die er kennt. Das heißt, das Programm war als Bühnenproduktion geplant. Später ging es ihm nicht so gut, und wir wissen, dass Herrmann leider vor einem halben Jahr gestorben ist. Deswegen hat diese Produktion eine konzertante Form gefunden. Es freut mich besonders, dass heute die Frau von Karl Ernst, Ursel Herrmann, da ist. Der Titel des Programms ‚Il gardino dei sospiri‘ kommt von ihm. Es freut mich, dass wir heute nicht nur das 20. Jubiläum des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds feiern können, sondern auch eine Hommage an Karl Ernst Herrmann. Wir wollten die einzelnen Szenen wie kleine Miniopern darstellen, und dafür ist eine Barockkantate die ideale Form. Wir sind in Italien geblieben. Neben großen Namen wie Georg Friedrich Händel, der in Italien auch gewirkt hat, haben wir auch weniger bekannte italienische Komponisten gewählt, um zu zeigen, wie bunt, interessant und reich die italienische Szene damals war.“

Konservatorium San Pietro in Majella (Foto: IlSistemone, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Konservatorium San Pietro in Majella (Foto: IlSistemone, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Bei einigen Stücken steht im Programm in Klammern „Edition Collegium 1704“. Was bedeutet das?

„Das bedeutet, dass wir die Noten gefunden, umgeschrieben und zur Aufführung vorbereitet haben. Einige Stücke hat Giovanni Andrea Sechi entdeckt, ein italiensicher Musikwissenschaftler, mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten.“

Was meinen Sie mit gefunden, wo wurden diese Kompositionen denn entdeckt?

„Das ist sehr unterschiedlich. Eine wichtige Quelle ist Neapel, die Bibliothek des Konservatoriums San Pietro in Majella. Einige Stücke wurden in Venedig und in weiteren italienischen Archiven gefunden.“

Musikbrücke Prag – Dresden

Collegium 1704 (Foto: Michal Adamovský, Collegium 1704)Collegium 1704 (Foto: Michal Adamovský, Collegium 1704) Das Collegium 1704 gilt als ein Musterbeispiel des deutsch-tschechischen Zusammenlebens. Vor zehn Jahren haben sie sogar eine Konzertreihe in Dresden ins Leben gerufen. Wie hat sich diese inzwischen entwickelt?

„Es ist unglaublich. Wir haben nur in Dresden rund 200 Konzerte gespielt und hatten 50.000 Konzertbesucher. Ich bin stolz sagen zu dürfen, dass wir das einzige tschechische Ensemble sind, das eine eigene Musikreihe im Ausland hat. Unsere Konzerte sind ein wichtiger Bestandteil des Kulturlebens in Dresden. Ich finde es traumhaft, dass diese Idee der Musikbrücke Prag – Dresden funktioniert und dass unsere Zusammenarbeit wirklich als Musterbeispiel der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit gelten kann.“

Diese tschechischen Spuren im musikalischen Dresden haben bei dem Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka angefangen, der seiner Zeit in Dresden wirkte und selbst eine Brücke zwischen Böhmen und Dresden darstellte. Aber Sie spielen inzwischen auch anderes Repertoire als Werke von Zelenka.

„Zelenka ist heutzutage kein Geheimtipp mehr. Unser Publikum kennt ihn bereits, freut sich auf Zelenka. Wir haben seine Kompositionen nicht nur viel aufgenommen, sondern auch weltweit auf Konzerten gespielt. Zelenka ist und bleibt unser Wappenkomponist, wie ich sage. Er war für die Entwicklung des Ensembles und auch für dessen Erfolg unglaublich wichtig. Wir sind ihm sehr verbunden. Nicht nur, dass wir viel für Zelenka gemacht haben, sondern er hat auch viel für uns gemacht, indem er seine schöne Musik geschrieben hat.“

Collbenka – neues Kulturpunkt in Prags Peripherie

Collbenka (Foto: YouTube Kanal von Collegium 1704)Collbenka (Foto: YouTube Kanal von Collegium 1704) Wir machen jetzt einen Sprung von Dresden nach Prag. Dort hat das Collegium 1704 vor kurzem ein Projekt gestartet, und zwar Collbenka. Was steckt dahinter?

„Hinter diesem Konzept steht eine Notlage. Prag ist eine wunderschöne Stadt, aber für unabhängige Ensembles ist es schwierig, Probenräume zu finden. Eine historische Stadt bietet nicht so viel Raum wie zum Beispiel Berlin, wo man unglaublich viele Brownfields und Industriegebiete hat, wo viel Kulturelles entstanden ist. In Prag fängt das erst an. Dort lebt vor allem das Zentrum, aber die Peripherie nicht so wie etwa in Berlin. Wir haben den Schritt gemacht, dass wir in eine Fabrikhalle im Prager Stadtteil Vysočany eingezogen sind. Die sogenannte Kolbenka war eine wichtige Fabrik für Elektrogeräte und Maschinen. Der Betrieb wurde nach der Wende stillgelegt, und die Räume standen seitdem leer. Wir haben eine der Fabrikhallen renoviert und versuchen, darin eine Kulturbühne zu etablieren. Es ist nicht nur unser Probenraum, sondern ein Ort für Konzerte, Theater, Tanz, eigentlich etwas ähnliches, was man aus Berlin gut kennt.“

Hat dieses Kulturzentrum schon sein Publikum gefunden?

„Ja. Es entwickelt sich sehr gut, und es kommen immer mehr Leute. Es ist mittlerweile schon eine wichtige Adresse auf der Kulturkarte Prags.“