Auf den Spuren der Vorfahren in Stubenbach

Die Böhmerwaldgemeinde Prášily / Stubenbach liegt etwa 18 Kilometer südwestlich von Sušice / Schüttenhofen und damit nicht weit von der Grenze zu Bayern. Anfang des 20. Jahrhunderts war Stubenbach eines der wichtigsten Wintersportgebiete im Böhmerwald. In den 1930er Jahren lebten dort mehr als 1000 Menschen. Nach der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung existierte Stubenbach aber nur noch wenige Jahre lang. Denn als der Eiserne Vorhang entstand, befand sich der Ort in einem Militärsperrgebiet, das als Truppenübungsplatz genutzt wurde. Nur jene Gebäude, die von der tschechoslowakischen Armee genutzt wurden, blieben stehen. Die Kirche wurde 1979 gesprengt. Erst ab 1992 ist Prášily neu aufgebaut worden. Mittlerweile ist der Ort als Wanderziel beliebt. Anfang Juli wurde auf den Fundamenten der gesprengten Prokop-Kirche ein Gottesdienst zelebriert. Unter den Teilnehmern war auch Hilde Renz aus Ansbach, die den Böhmerwaldort schon öfter besucht hat. Bei dieser Gelegenheit entstand das folgende Gespräch.

Hilde Renz (Foto: Martina Schneibergová)Hilde Renz (Foto: Martina Schneibergová) Frau Renz, stammt Ihre Familie aus Stubenbach?

„Meine Großmutter und mein Großvater stammten aus Stubenbach. Sie hatten eine Wirtschaft. Heute heißt sie ,U Michala‘. Meine Großeltern hatten zwei Kinder, ich bin die Tochter ihres Sohns, meine Tante ist vor fünf Jahren gestorben.“

Bis zur Wende war es nicht möglich, Stubenbach zu besuchen. Wann sind Sie zum ersten Mal in den Ort gekommen?

„Ich war vor der Wende nur in Dlouhá Ves, wo eine Cousine meines Vaters lebte, die einen Tschechen geheiratet hat. Auch habe ich damals Rehberg besucht, sonst aber nichts. Später las ich in der Zeitung, Stubenbach sei wieder europäisch, da bin ich hierher gereist und habe eine Runde um den Ort gemacht. Damals standen da aber noch die Wachtürme, und Stubenbach selbst war noch nicht für Touristen geöffnet.“

Mit der Zeit hat sich die Lage aber deutlich gewandelt. Kommen Sie nun regelmäßig in den Böhmerwaldort?

„Es gab dann die Möglichkeit, den Friedhof ein wenig herzurichten. Das haben mein Vater und seine Freunde auch dank Spenden gemacht. Die meisten Eisenkreuze waren weg, sie wurden eingeschmolzen, nur Grabsteine gab es. Es war schlimm, dass die paar ehemaligen Stubenbacher, die mit uns kamen, sich nicht orientieren konnten, weil die Kirche 1979 gesprengt wurde. Wir haben auch die Erlaubnis bekommen, eine Andacht auf dem Friedhof zu halten. Viele Leute, die in Stubenbach geboren wurden, lebten in Zwiesel und Umgebung. Da wurde hier draußen immer die Kirchweih des Heiligen Prokop begangen. Als mein Vater starb und meine Tante aus der Rosenheimer Gegend nicht mehr hierher reisen konnte, habe ich sozusagen die Initiative übernommen. Ich konnte dann die Leute aus Stubenbach und die Böhmerwald-Lieder näher kennen lernen. Die Melodien hatte ich in meiner Kindheit bei meiner Oma schon gehört, aber erst dann habe ich mich damit tiefer beschäftigt. Ich bin 1947 geboren. Aber mittlerweile interessiere ich mich stark für die Geschichte.“

Seit einigen Jahren wird ein Gottesdienst auf den Fundamenten der Prokop-Kirche zelebriert. Es kommen mittlerweile auch mehrere Tschechen zu der Messe…

„Es ist inzwischen so, dass etwa die Hälfte der Teilnehmer aus Tschechien kommt, und es ist eine Gemeinschaft entstanden. Der frühere Pfarrer van Zavrel sprach sehr gut Deutsch, dies war natürlich ein Vorteil für uns. Aber auch Pfarrer Kulhánek, der in diesem Jahr zum zweiten Mal den Gottesdienst zelebrierte, hat es gut gemacht. Es war eine wirkliche Gemeinschaft, ich hatte ein sehr gutes Gefühl. Als noch die Tante und einige weitere Menschen, die aus diesem Dorf stammten, gelebt haben, konnten sie sehen, dass es wieder ähnlich geworden ist, wie es früher war. Die Sommerfrischler kommen, im Winter kommen Leute zum Skiurlaub. Häuser, die nicht abgerissen worden sind, werden wieder hergerichtet. Das haben die Stubenbacher noch mitbekommen, aber keiner von ihnen wollte hierher zurückkehren. Die Heimat besteht in ihren Gedanken, im Herzen, aber ihr Leben ist drüben.“