Amazonas-Quelle und Wasserschutz in Tschechien

Bohumír Janský ist eine ausgesprochene Kapazität auf seinem Gebiet. Der Prager Uni-Professor ist Hydrologe und beschäftigt sich mit der weltweiten Entwicklung im Bereich Wasser. Vor allem aber hat er dafür gesorgt, dass zu Beginn des Jahrtausends die Landkarten umgezeichnet werden mussten. Denn er leitete das Team, das die wahren Amazonas-Quellen entdeckt hat. Außerdem kennt er sich mit dem Zustand von Flüssen, Bächen oder Seen sowie dem Grundwasser in seiner tschechischen Heimat aus. Am vergangenen Sonntag war der Gelehrte zu Gast in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks. Wir haben die interessantesten Passagen zusammengestellt.

Amazonas (Foto: Chico75, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Amazonas (Foto: Chico75, Wikimedia CC BY-SA 3.0) Der Amazonas ist das größte Flusssystem der Erde. Und dank Bohumír Janský hat der Riesenstrom in Südamerika auch bei der Länge die Nase vorne. In den Jahren 1999 und 2000 unternahm der Hydrologe von der Prager Karls-Universität nämlich zwei Expeditionen nach Peru. Dabei korrigierte er praktisch einen Landsmann – den Jesuitenpater Samuel Fritz aus Trutnov / Trautenau. Der hatte Anfang des 18. Jahrhunderts nach der Quelle des Amazonas gesucht. Doch Janský und sein Team fanden den Ursprung des Flusses anderswo:

„Das war fast genau 1000 Kilometer weiter südlich in Peru. Die Jesuiten hatten die Quelle im mittleren Peru verortet, in einem großen Gletschersee. Wir haben einen deutlich längeren Fluss dafür bestimmt, er nennt sich Ucayali, weiter stromaufwärts Apurímac, aber er hat noch weitere Namen. Die Quelle liegt damit in einer komplett anderen Landschaft als früher angenommen. Es ist eine trockene Gegend mit vielen aktiven Vulkanen.“

Die Quelle des Amazonas befindet sich am Hang des Berges Nevado Mismi (Foto: Jialiang Gao, CC BY-SA 3.0)Die Quelle des Amazonas befindet sich am Hang des Berges Nevado Mismi (Foto: Jialiang Gao, CC BY-SA 3.0) Die Quelle befindet sich am Hang des Berges Nevado Mismi. Dies entdeckten die tschechischen Wissenschaftler mit modernster Technik. Unter anderem hatten sie Messgeräte der deutschen Firma Ott dabei, wie Janský früher einmal in einem Interview geschildert hat. Diese Möglichkeiten hatten Jesuitenpater Fritz und seine Begleiter dreihundert Jahre zuvor allerdings nicht.

„Sie hatten meiner Meinung nach keine Chance, die Quelle zu finden. Es ging ihnen wohl auch gar nicht darum. Denn die erste Karte, die Samuel Fritz damals eigenhändig zeichnete, nannte sich Amazonien-Marañón. Und auf der Karte ist der angebliche Quellfluss auch als Río Marañón eingetragen und nicht als Amazonas“, so der Wissenschaftler.

Wettrennen um den Fund der wahren Quelle

Durch die Neuverortung seines Ursprungs wird die Länge des Amazonas mit 6992 Kilometern angegeben – das sind 140 Kilometer mehr als beim Nil.

Janský wurde seine Entdeckung zehn Jahre lang von Fachleuten der National Geographic Society streitig gemacht. Dabei waren sie erst in die Gegend des Apurímac gekommen, als die Tschechen bereits wieder weg waren. Im Jahr 2010 bei einer Konferenz entschuldigten sich die Amerikaner dann bei Bohumír Janský. Und der tschechische Forscher ist mittlerweile auch von der peruanischen Regierung geehrt worden.

Mladotice-See (Foto: Martin Štěpánek, CC BY-SA 3.0)Mladotice-See (Foto: Martin Štěpánek, CC BY-SA 3.0) Janský stammt aus einer Gegend mit deutlich kleineren Flüssen und niedrigeren Bergen – aus dem Ort Mladotice / Mlatz, rund 35 Kilometer nördlich von Plzeň / Pilsen. Und sein erstes Thema lag auch nicht so weit entfernt. Denn seine Doktorarbeit schrieb der Hydrologe über einen See nahe seines Heimatortes, der erst 1877 nach einem Hochwasser entstanden ist. Danach arbeitete Bohumír Janský an der Prager Karls-Universität. Von Beginn an erkundete er unter anderem den Zustand der damaligen Gewässer:

„Wenn man zum Beispiel die Moldau nimmt. Als ich vor der Samtenen Revolution während meiner Doktorarbeit an einem Gewässeratlas gearbeitet habe, waren fast alle Flüsse hierzulande rot eingefärbt für die schlechteste Wasserqualität. Heute ist die Moldau in Prag auf zweiter oder dritter Stufe, sie ließe sich als Trinkwasserquelle nutzen. Aber das ist nicht nötig, da dafür andere Quellen bestehen. Diese Entwicklung stockt allerdings an einem Punkt: Wir müssen auch die kleinen Fließgewässer noch reinigen.“

Bohumír Janský (Foto: Rostislav Duršpek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Bohumír Janský (Foto: Rostislav Duršpek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Alle großen und größeren Städte in Tschechien haben heutzutage eine Kläranlage. Doch in den ländlichen Gebieten fließen weiter ungereinigte oder wenig gereinigte Abwässer in Bäche und Flüsse.

„Leider sind wir bei der Abwasserreinigung – von oben kommend – bei Gemeinden mit 2000 Einwohnern stehengeblieben. Wir haben nicht genug in den Bau von kleinen Kläranlagen investiert. Zugleich fehlen den Gemeinden die finanziellen Mittel, um das selbst zu machen. Da sind wir noch in der Bringschuld“, findet Bohumír Janský.

Rückgang des Grundwasserspiegels

Ein weiteres Problem hat sich in den vergangenen Jahren verschärft: die Trockenheit und der Rückgang des Grundwasserspiegels. Das tschechische Umweltministerium hat deswegen ein Förderprogramm mit dem Namen Dešťovka aufgelegt. Das soll Hausbesitzer dazu bringen verstärkt Regenwasser – so die deutsche Übersetzung von dešťovka – und aufbereitetes Abwasser in Haushalt und Garten zu nutzen. Szenarien wie in Kalifornien oder derzeit in Südafrika drohten hierzulande jedoch nicht, beteuert Janský:

Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio PragFoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag „Wir haben wirklich hervorragende Wasserwirtschaftler und einen gewissen Vorsprung. Denn unsere Wasserquellen sind schon zu früheren Zeiten gut gesichert worden. Der Klimawandel fordert aber weitere Maßnahmen, an denen auch gearbeitet wird. Wir müssen zum Beispiel neue kleine Auffangbecken bauen, vor allem für den trockensten Teil des Landes um Rakovník und Louny. Dennoch dürfte um das Jahr 2030 auch bei uns der Wasserstress steigen.“

Wasserstress oder auch Trockenstress bedeutet, dass Pflanzen zu wenig Nass erhalten und deswegen Belastungssymptome zeigen. Dabei liegt die Wasserentnahme pro Kopf in Tschechien vergleichsweise niedrig – es sind mittlerweile nur noch 100 bis 120 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. In den großen Metropolen der Welt und ihrer Umgebung sei jedoch ein enormer Wasserschwund zu beobachten, erläutert Hydrologe Janský:

Bangkok (Foto: Public Domain)Bangkok (Foto: Public Domain) „Meinen Studenten nenne ich immer ein paar Beispiele. In Thailands Hauptstadt Bangkok ist der Grundwasserspiegel wegen des hohen Verbrauchs um 25 Meter gesunken. Auch viele weitere Großstädte sind von einer ähnlichen Entwicklung betroffen, so etwa Kapstadt. Auf der anderen Seite wird in einigen Gegenden der Welt das Wasser regelrecht verschwendet. Als abschreckendes Beispiel erwähne ich immer die arabischen Länder. Katar liegt beim Wasserverbrauch pro Kopf ganz vorne, mit 600 Litern pro Tag. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind es 550 Liter. Hier in Tschechien kommen wir auf 100 Liter. Demgegenüber steht Israel mit 60 Prozent Wüstenfläche. Dank wirklich guter Wasserwirtschaft ist dort der Verbrauch gedeckt. An anderen Orten ist häufig genügend Wasser vorhanden, doch die Qualität ist miserabel. Große Städte leiten ihre Abwässer etwa in Senkgruben, die dann sogar das Grundwasser verunreinigen, sodass es nicht mehr zu gebrauchen ist. Der steigende Wasserverbrauch ist einfach ein großes Problem für die gesamte Welt.“

Höchstgelegene Klima-Messstation

Nevado Mismi (Foto: Daniel Stein, CC BY-SA 3.0)Nevado Mismi (Foto: Daniel Stein, CC BY-SA 3.0) Probleme mit dem Wasser bestehen auch in den Anden. In der Gegend der Amazonasquellen gab es früher einen Gletscher. Der ist aber mittlerweile verschwunden, wie Bohumír Janský bedauert. Sein Institut beobachtet schon seit längerem, wie sich der Klimawandel in der Gegend auswirkt. Bereits 2006 installierten die tschechischen Wissenschaftler am Hang des Nevado Mismi eine meteorologische Messstation. Seit November 2016 gibt es ein modernisiertes Modell.

„Oberhalb der Hauptquelle des Amazonas haben wir eine neue Klima-Messstation errichtet. Diese sendet per Satellit all ihre Daten an unsere Computer in Europa. Die ganzen Messgeräte arbeiten also automatisch, und jede vier Stunden erhalten wir die Daten. Sicher ist es auch schön, immer über das Wetter dort informiert zu sein. Vor allem sind die Daten jedoch wichtig für unsere Forschungen zum Klimawandel in den Anden. Im Gebiet der Amazonasquelle ist der letzte Gletscher im Jahr 2008 verschwunden. Die Landschaft dort ist also nicht mehr so malerisch wie noch bei unseren Expeditionen zur Quelle. So ist aber leider die Entwicklung. Wir erforschen nun, wie sich der Klimawandel auswirkt – vor allem auf die Wasserressourcen.“

Messstation oberhalb der Hauptquelle des Amazonas (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)Messstation oberhalb der Hauptquelle des Amazonas (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag) Die tschechische Messstation gilt mittlerweile sogar als höchstgelegene der Welt. Früher habe es zwar noch eine auf dem Mount Everest gegeben, sagt Bohumír Janský, doch die sei nicht mehr in Betrieb. Daher sind die 5280 Höhenmeter der Andenstation derzeit absoluter Rekord. Worauf Janský zusätzlich stolz ist: Die Geräte stammen aus tschechischer Fertigung – von einem kleinen Familienbetrieb in České Budějovice / Budweis.