Pressestimmen zu Spidlas Deutschland-Visite und zur Rolle Vaclav Havels ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt

20-02-2004

Nun laden wir Sie zu unserem regelmäßigen Blick in die tschechischen Medien ein. Am Mikrophon einer weiteren Folge unserer Sendereihe Im Spiegel der Medien begrüßen Sie Dagmar Keberlova und Robert Schuster.

Vladimir Spidla und Gerhard Schröder, Foto: CTKVladimir Spidla und Gerhard Schröder, Foto: CTK Wie zum Ausklang jeder Woche, haben wir für Sie auch heute eine weitere Ausgabe unserer Sendung über die wichtigsten Themen vorbereitet, die von den tschechischen Medien in den vergangenen Tagen behandelt wurden.

Eines davon war der mehrtägige Arbeitsbesuch des tschechischen Regierungschefs Vladimir Spidla in Deutschland, in dessen Rahmen er auch mit Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder zusammentraf. Es ist noch nicht allzu lange her, da waren ähnliche tschechisch-deutsche Gipfeltreffen von einer großen Spannung begleitet. Bei weitem war jedoch nicht nur das kühle Verhältnis Prags gegenüber den Sudetendeutschen der Grund dafür. Auch auf der persönlichen Ebene schien nämlich die Chemie zwischen den Regierungschefs beider Länder nicht zu stimmen. So hatte etwa Helmut Kohl sein damaliges Gegenüber Vaclav Klaus eigentlich nie zu einem offiziellen Besuch nach Deutschland eingeladen und auch bei deren Nachfolgern Gerhard Schröder und Milos Zeman waren Spannungen an der Tagesordnung. Seitdem aber das Duo Schröder-Spidla den Ton im komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Tschechen und Deutschen angibt, scheint es zumindest offiziell keine Belastungen mehr zu geben.

Dennoch sind in diesem Zusammenhang einige tschechische Kommentatoren in ihren Beiträgen auf jene Themen eingegangen, bei denen es gegenwärtig zwischen Berlin und Prag keinen Konsens gibt. Stellvertretend dafür möchten wir Ihnen nun einige Passagen aus einem Meinungsartikel von Viliam Buchert zitieren, der in der Tageszeitung Mlada Fronta Dnes erschienen ist:

"Vladimir Spidla und Kanzler Gerhard Schröder sind Freunde, und das hat man beim Besuch des tschechischen Regierungschefs in Berlin auch gespürt. Dennoch können aber die Beziehungen zwischen den beiden Staaten, die die besten seit langem sind, nicht über unterschiedliche Positionen in einigen wichtigen Fragen hinwegtäuschen. Da wäre das Thema Sudetendeutsche. Obwohl beide Regierungen bemüht sind, der Debatte über die Sudetendeutschen aus dem Weg zu gehen, kann allein dadurch dieses Problem nicht aus der Welt geschafft werden. Ebenfalls unterschiedliche Standpunkte nehmen beide Länder mit Hinblick auf die weitere Entwicklung der Europäischen Union ein - erwähnt seien hier die divergierenden Meinungen bezüglich der Zahl der Eurokommissare nach der Erweiterung. Wenn also Spidla in Berlin von seinem Gegenüber mit den Worten "Lieber Vladimír" begrüßt wird, heißt das noch lange nicht, dass wir und die Deutschen uns in allen Fragen so gut verstehen würden."

 

Vaclav Havel, Foto: CTKVaclav Havel, Foto: CTK In diesen Wochen jährt sich zum ersten Mal der Wachwechsel auf der Prager Burg. Denn Ende Februar vorigen Jahres wurde Vaclav Klaus zum neuen tschechischen Präsidenten gewählt. So etwas gibt natürlich nicht nur Anlass, das bisherige Wirken von Klaus zu bilanzieren, sondern - und das mag vielleicht etwas spezifisch Tschechisches sein - auch zu Überlegungen über die heutige Rolle des früheren Staatschefs Vaclav Havel. Denn schließlich hat Havel während der 13 Jahre seiner Präsidentschaft maßgeblich das politische Leben des Landes beeinflusst und auch nachhaltig geprägt.

Zu diesem Thema haben wir versucht zwei unterschiedliche Meinungen in den tschechischen Zeitungen zu finden. Zum einen möchten wir Ihnen einige Textstellen aus einem Kommentar Ondrej Neffs zitieren, der in der Tageszeitung Lidove Noviny erschienen ist. Der Autor geht dabei insbesondere auf Havels innenpolitische Rolle während des abgelaufenen Jahres ein, wenn er meint:

"Es scheint, als ob Havel die heimische Politik geradezu gemieden hätte. Am besten fühlte er sich sozusagen unter den seinigen, d.h. in der Gesellschaft des Dalailamas, Madeleine Albrights oder George Bushs. Und wenn er sich schon einmal an das tschechische Publikum richtete, so hat er auch dann außenpolitische Belange in den Vordergrund gestellt, wie etwa in seiner Botschaft zum Jahreswechsel, als er wegen des bevorstehenden EU-Beitritts von einem historischen Jahr sprach. Die übrigen Äußerungen Havels zeigten aber, dass er sich immer stärker von der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung entfernte. Schon als Präsident hielt sich Havel auf Distanz zum Rest der Gesellschaft, jetzt scheint er aber gänzlich die Bodenhaftung verloren zu haben - als ob er nun in einem Ballon fliegen würde, alle Sandsäcke jedoch abgeworfen hätte. Vielleicht mag diese Situation Havels Naturell entsprechen, aber einsame Aeronauten haben noch nie wirklich das Geschehen unten auf der Erde beeinflussen können, es sei denn, sie sind gelandet. Aber dann war es häufig schon zu spät."

Die zweite Meinung zu Havels erstem Jahr jenseits der großen Politik, fanden wir bei Milan Slezak in der Wirtschaftszeitung Hospodarske Noviny:

"Das Problem mit Vaclav Havel beginnt schon bei der Anrede. Soll man nun Herr Havel zu ihm sagen, oder - so wie es im Ausland in diesen Fällen üblich ist - weiterhin als Präsident anreden? Havel selber steht vor einem großen Dilemma. Das zeigte sich auch während seines jüngsten informellen Treffens mit Journalisten, als er ständig auf die Frage antworten musste, warum er sich in den vergangenen Monaten so selten öffentlich äußerte. Hätte er dies aber wirklich tun sollen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung kein Interesse daran hatte? Würde er sich genau umgekehrt verhalten und womöglich zu allem Stellung beziehen, dann hätte das die gleiche Konsequenz. Die Antwort ist also, dass Havel nicht nur lernen muss, seine Rolle zu finden, sondern vor allem einen Mittelweg zu beschreiten zwischen den unterschiedlichen Erwartungen seiner Umgebung."

 

Der letzte Kommentar, aus dem wir Ihnen im Rahmen unseres heutigen Medienrückblicks einige Gedanken näher bringen wollen, hängt auch relativ eng mit dem vorherigen Thema zusammen. Während der langjährige Präsident Vaclav Havel bei vielen seiner Mitbürger allmählich in Vergessenheit gerät, scheint dessen Nachfolger Vaclav Klaus am Höhepunkt seiner Popularität angekommen zu sein. Dem Präsidenten gelang dabei ein wahres Kunststück, indem er in verschiedenen Umfragen relativ klar auch jene Politiker abhängen konnte, die bis dahin über viele Jahre hinweg konstant die ersten Plätze auf der Beliebtheitsskala einnahmen. Martin Fendrych versucht in seinem Kommentar in der Wochenzeitschrift Tyden den Ursachen dieser Entwicklung nachzugehen.

"Noch vor fünf Jahren hielt gerade einmal ein Viertel der Tschechen den damaligen Parlamentspräsidenten Vaclav Klaus für vertrauenswürdig, nun sind es fast siebzig Prozent. Die Methode, mit der Klaus kontinuierlich seine Popularität ausbaut, hat er nicht zuletzt während seiner Neujahrsansprache vorgeführt. Er hat nicht etwa die tschechischen Autofahrer dafür kritisiert, dass sie im vergangenen Jahr immer rücksichtsloser unterwegs waren, sondern geißelte die verstärkten Polizei-Razzien, die eben Verkehrssünder enthüllen sollten. Obwohl Klaus Präsident ist, fährt er wie seine Mitbürger auch gerne in heimischen Gebirgen Ski und lässt sich auch dabei von den Fernsehkameras filmen, wie er sich vor dem Skilift artig einreiht und wartet, bis er an der Reihe ist. Er spart auch mit seinem Recht Begnadigungen auszusprechen, und verkündet - ganz nach dem Geschmack der Mehrheit seiner Mitbürger - der Kommunismus sei nicht von den Dissidenten, sondern von der schweigenden Mehrheit, bzw. durch deren passiven Widerstand bezwungen worden. So einen Klaus werden bald nicht nur die besagten 69 Prozent, sondern gleich 150 Prozent der Tschechen lieben."

20-02-2004