Literární noviny

Heute möchten wir, verehrte Hörerinnen und Hörer, Ihre Aufmerksamkeit wieder ein wenig abseits von der tagespolitischen Berichterstattung der tschechischen Tageszeitungen leiten und Ihnen mit Literární noviny eine der führenden intelektuellen Wochenzeitungen des Landes vorstellen. Ursprünglich wurde die Literární noviny, was auf Deutsch Literaturzeitung heisst, Anfang der 90. Jahre als Literaturbeilage der damals nach der politischen Wende von 1989 mit neuem Leben erweckten Tageszeitung Lidové noviny gegründet. Seit 1994 erscheint jedoch die Literaturzeitung als selbstständige Wochenschrift und wird von einer eigenständigen Verlagsgesellschaft herausgegeben. Seither hat sich die Literární noviny beträchtlich weiterentwickelt und dabei auch einige recht unterschiedliche Phasen durchgemacht. Seit einigen Jahren versucht sie sich jedoch nicht nur als eine ausschliesslich auf Literatur beschränkte Zeitung zu profilieren.

Dieser neue Kurs, der unter eingefleischten Lesern der Literarní noviny nicht unumstritten ist, ist vor allem mit dem Namen des jetzigen Chefredakteurs, dem 32-jährigen Jakub Patocka verbunden. Patocka war vor seiner für viele etwas überraschenden Bestellung zum leitenden Redakteur der Zeitung, Sprecher der grössten Umweltorganisation Tschechiens, der s.g. Bewegung "Regenbogen". Er öffnete konsequent die Seiten der Literární noviny für politische Kommentare und Analysen und die Redaktion bezog auch klare Positionen zu wichtigen Fragen der Gegenwart. Viele traditionelle Leser der Zeitschrift meinen, dass somit die eigentliche Aufgabe der Literární noviny, nämlich über Literatur und Kultur zu berichten zunehmend in den Hintergrund gerät. Chefredakteur Jakub Patocka meint dazu im Gespräch mit Radio Prag:

"Ich meine, dass es ziemlich kurios ist, dass gerade bei unserer Wochenszeitschrift der Inhalt jeder Nummer so stark mit unserem Namen verglichen wird. Bei der Tageszeitung Mladá fronta Dnes, der auflagenstärksten tschechischen Tageszeitung geht man auch nicht unbedingt von der Prämisse aus, dass der Inhalt etwas mit der Bezeichnung zu tun haben muss. Die Literární noviny verstehen sich einer Tradition von intelektuellen Zeitschriften verpflichtet, welche Ende der 60. Jahre das Licht der Welt erblickten und sowohl über Kultur, als auch über Politik berichteten. Natürlich müssen wir uns immer wieder vor Augen halten, dass sich seither in der Gesellschaft viel geändert hat. Das was wir wollen, ist Politik und Kultur miteinander zu verknüpfen, wir wollen zur Kultiviereung der Politik im Land beitragen."

Ein weiterer Kritikpunkt an der Literaturzeitung unter Patockas Führung ist, dass sich Patocka nicht nur auf seine Tätigkeit als Chefredakteur beschränke, sondern versuche aktiv Politik zu betreiben. So war er etwa Anfang des Jahres als einer der möglichen unabhängigen Kandidaten im Gespräch, die für die oppositionelle Koalition bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus ins Rennen gehen sollten. Patocka selber lehnt diese Kritik ab und wehrt sich auch gegen das in Tschechien oft geäusserte Vorurteil, wonach es nur Intelektuellen und der geistigen Elite vorbehalten ist, sich politisch zu äussern:

"Wenn es um die Möglichkeit geht die öffentliche Meinung zu beeinflussen, so hat denke ich jeder gleiche Chancen und Vorraussetzungen, denn letztlich geht es ja darum, was man sagt und wie verständlich man das für den eigenen Umkreis darstellt. Das kann genauso ein Bäcker oder Arbeiter aus der Provinz sein, ebenso wie ein Studierende aus Prag oder einer anderen tschechischen Grosstadt. Dann ist eine Unterstützung durch die breite Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen. Erinnern möchte ich dabei nur an die Proteste vor fast zwei Jahren gegen die Versuche der Parteien das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen zu beeinflussen. Da gingen die Leute auf die Strasse, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Wortführer des Fernsehstreiks, und das waren in erster Linie Mitglieder der unabhängigen Fernsehgewerkschaft - also keine bekannten Gesichter von den Bildschirmen - den richtigen Ton in Bezug auf die Öffentlichkeit trafen."

Trotz der bereits eingangs erwähnten Kritik, ist der Chefredakteur der Literární noviny davon überzeugt, dass es seinerzeit eine gute Entscheidung war die Zeitschrift thematisch zu öffnen. Seiner Meinung nach hat sich das auch in der Struktur der Leserschaft niedergeschlagen, wie er gegenüber Radio Prag im folgenden ausführt:

"Der Leserkreis der Literární noviny hat sich stark gewandelt. Nartürlich überwiegen unter unseren Lesern vor allem Menschen, die Interesse an einer anspruchsvollen Kultur- und Literaturberichterstattung haben. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die von uns erwarten, dass wir auch was die Politik angeht unter die Oberfläche gehen, aber gleichzeitig unsere Berichte mit dem Anspruch versehen die Qualität der Demokratie in Tschechien verbessern zu wollen. So haben wir z.B. viele frühere Leser der Literární noviny wieder zurückbekommen. Auf jeden Fall sind wir heute stark in Städten präsent, wo es Hochschulen gibt, d.h. neben Prag kommt der Grossteil unserer Leser aus Plzeò/Pilsen, Brno/Brünn oder Olomouc/Ollmütz."

Eine Frage, die bei Zeitschriften wie dieser immer wieder in den Vordergrund rückt, ist die nach der Finanzierung. Zwar wird, wie fast überall in Europa, auch in Tschechien die Herausgabe nichtkommerzieller Zeitschriften jährlich gefördert, aber der Chef der Literární noviny Jakub Patocka meint, dass es nicht immer nur eine Frage des Geldes ist, ob eine solche oder vergleichbare Zeitschrift erscheint oder nicht. Vielmehr sagt seiner Meinung nach oft die generelle Beziehung der jeweiligen Regierung zu diesen unabhängigen und oft kritischen Medien mehr aus, als die gewährten Millionen aus den Töpfen der offiziellen Presseförderung. Und in diesem Zusammenhang fällt die Bilanz von Jakub Patocka, zwölf Jahre nach der Wiedererlangung der poltisichen Freiheit und Demokratie in Tschechien, nicht besonders positiv aus, wenn er meint:

"Der Staat hat leider gegenüber den literarischen Zeitschriften ein eher stiefmütterliches Verhältnis. Das führt dazu, dass kritische Literaturzeitschriften, deren Erscheinen unablässlich für das Bestehen einer kritischen kulturell interessierten Öffentlichkeit sind, heute grosse Schwierigkeiten haben. Zwar gibt es so etwas wie eine staatliche Förderung, aber deren Möglichkeiten sind auch nicht uneingeschränkt.

Somit sind Zeitschriften wie die Literární noviny immer wieder auf der Suche nach Sponsoren oder einmaligen Spenden, um somit die Abhängigkeit vom Wohlwollen der Beamtem im Kulturministerium ein wenig zu verringern. Der Chefredakteur von Literární noviny Jakub Patocka meint dazu abschliessend:

"Uns ist es gelungen zusätzlich noch Sponsoren aufzutreiben und so wird die Herausgabe der Literární noviny finanziell von einer Stiftung unterstützt, die der Rockmusiker Michael Kocáb ins Leben gerufen hat. Aber auch oder gerade deshalb unterstützen die Literární noviny alle Schritte die dazu führen würden, dass der Staat hier in Zukunft mehr Geld zur Verfügung stellt. Tschechien wäre ein sehr armes Land, wenn ähnliche Zeitschriften nicht unterstützt würden.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, damit sind wir wieder am Ende unserer heutigen Medienspiegels angelangt. Für heute verabschieden sich von Ihnen recht herzlich Dagmar Keberlová und Robert Schuster.