Aufstand der Kleinen: Tschechische Internet-Suchmaschinen bilden Allianz gegen Google

Im tschechischen Internet hat sich in den vergangenen Tagen so etwas wie eine kleine Revolution ereignet. Die Nummer eins, der Server Seznam.cz, will künftig mit der Nummer drei, dem Internetportal Atlas.cz, enger zusammenarbeiten. Das Motiv, das dahinter steckt, ist jedoch relativ einfach: Es geht darum, dem globalen Mitbewerber Google, den es mittlerweile auch in einer tschechischen Version gibt, zu trotzen.

Die Auswirkungen der viel zitierten Globalisierung haben auch die tschechische Internetbranche eingeholt. Die amerikanische Suchmaschine Google, die in den letzten Jahren weltweit zu einem regelrechten Triumphzug angesetzt hat, gibt es seit geraumer Zeit auch in einer tschechischen Version und erfreut sich unter den tschechischen Internet-Nutzern wachsender Beliebtheit. Die lange Zeit unangefochtene Spitzenposition des größten tschechischen Internetservers - Seznam.cz - scheint in Gefahr zu geraten. Die Reaktion von Seznam (auf Deutsch "Liste" oder "Verzeichnis") ließ nicht lange auf sich warten.

Anfang August wurde die Nachricht verbreitet, dass Seznam.cz künftig mit dem drittgrößten tschechischen Internet-Server, Atlas.cz. eng zusammenarbeiten wird: Atlas wird ab sofort die Suchmaschine von Seznam nutzen.

Gerade das Verhältnis dieser beiden Internet-Unternehmen war in der Vergangenheit von starken gegenseitigen Animositäten geprägt. Ein Beispiel: Der Gründer von Seznam.cz, Ivo Lukacovic, kündigte Ende der 90er Jahre, nachdem sein Unternehmen zeitweilig in rote Zahlen geschlittert war, an, er werde so lange auf ein Teil seines Gehalts verzichten, bis sich das Unternehmen wieder erholt habe. Darauf initiierte sein Gegenüber bei Atlas, Pavel Sodomka, im Internet eine symbolische Sammelaktion, um zu verhindern, dass Lukacovic verhungert - wie es damals ironisch hieß.

Kann also diese angekündigte Zusammenarbeit als Überraschung bezeichnet werden? Dazu der Medienwissenschaftler und Experte für neue Medien, Jakub Macek, von der Masaryk-Universität in Brno / Brünn:

"Das ist sicherlich keine Überraschung, weil mit Google der größte Spieler in dieser Branche nach Tschechien gekommen ist - ein Spieler, der es geschafft hat, weltweit die gesamte Konkurrenz zu bezwingen. Tschechien stand bislang ein wenig im Windschatten der globalen Entwicklungen im Netz und lebte vom Wettbewerb einiger weniger örtlicher Anbieter. Es ist verständlich, dass der Eintritt von Google auf den tschechischen Markt irgendeine Reaktion hervorrufen musste. Angesichts der neuen mächtigen Konkurrenz ist es logisch, dass die tschechischen Anbieter stärker zusammenrücken. Ich denke, dass Seznam und Atlas genau das tun, was andere Unternehmen an ihrer Stelle auch tun würden."

Kann man erwarten, dass sich dieser Zusammenarbeit auch weitere Dienstleister anschließen werden, die in Tschechien tätig sind - etwa die Nummer zwei am Markt, Centrum.cz? Jakub Macek:

"Das lässt sich natürlich schwer sagen, weil diese Entscheidungen immer von der jeweiligen Unternehmensführung getroffen werden. Atlas ist von den drei großen Anbietern und Suchmaschinen in Tschechien der schwächste, und deshalb war es für Seznam leichter mit Atlas zu verhandeln. Aber man sollte gerade im Bereich der schnelllebigen elektronischen Medien nichts ausschließen. Es ist also möglich, dass sich an der Rettungs-Fusion gegen Google zwischen Seznam.cz und Atlas.cz früher oder später auch die tschechische Nummer zwei, Centrum.cz beteiligt."

Die bisherige Nummer eins im tschechischen Netz, die Suchmaschine Seznam.cz, gibt es seit 1996. Damals hatte ihr Gründer Ivo Lukacovic praktisch die Titelseite des amerikanischen Suchdienstes Yahoo kopiert, ins Tschechische übersetzt und mit dem Internet verknüpft.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Google und den anderen tschechischen Internetdiensten? Sind das Unterschiede technischer Art, oder besteht die Hautpdifferenz darin, dass Google ganz einfach wesentlich mehr finanzielle Mittel zur Entwicklung neuer Systeme zur Verfügung hat als alle anderen Konkurrenten? Dazu sagt der Medienwissenschaftler Jakub Macek:

"Beide Gründe sind natürlich gleich wichtig. Einerseits wendet Google Technologien an, die einzigartig sind, weil diese Suchmaschine auf eine Art das Internet zu durchforsten begann, die kein anderer Suchdienst zuvor verwendet hat. Auf diese Weise wurden auch für die gesamte Branche neue Maßstäbe gesetzt. Nicht zuletzt auch deshalb gehört Google zu den teuersten Unternehmensmarken überhaupt. Ansonsten sind die technischen Unterschiede im Vergleich zu den tschechischen Anbietern nicht so markant. Wenn wir uns den E-Mail-Dienst von Seznam.cz und von Google ansehen und die Ähnlichkeiten vergleichen, dann kann man die rhetorische Frage stellen, wer von wem abgeschrieben hat? Es geht hier also mehr um einen Kampf der Marken. Bisher hatte der Suchdienst von Seznam.cz eine außerordentliche Stellung in Tschechien und der Gebrauch von Seznam war für viele irgendwie automatisch. Eine ähnliche Rolle spielt im Ausland eben Google. Es ist also offen, welche dieser beiden Marken sich letztlich in Tschechien durchsetzen wird, ob eben die Allianz zwischen Seznam.cz und Atlas.cz oder der globale Spieler Google. Dieser Zweikampf wird sich natürlich in erster Linie im Marketingbereich abspielen, aber sicherlich werden auch Fragen der tschechischen Internet-Kultur den Ausschlag geben; und das lässt sich immer sehr schwer abschätzen."

Wie ist es in Tschechien generell um die Verbreitung des Internets bestellt? Etwa im Vergleich zu anderen europäischen Ländern: Ist das Internet für die Tschechen bereits zu etwas Alltäglichem geworden?

"Tschechien beziehungsweise die tschechische Internet-Kultur ist in dieser Hinsicht genauso weit wie die übrigen westlichen Länder. Es gibt meines Erachtens keine wesentlichen Unterschiede. Auch hier funktionieren verschiedene Communities oder Subkulturen dank des Internets und das Internet hat auch die Kommunikation der Menschen untereinander verändert. Das gilt sowohl am Arbeitsplatz wie auch innerhalb von Familien. Wenn man das sieht, kann man feststellen, dass der große Unterschied zwischen Tschechien und dem Westen, den man nach 1989 noch in vielen Bereichen feststellen konnte, auf einmal verschwunden ist. Das ist die Folge der Verbreitung des Internets und der neuen technischen Möglichkeiten - etwa über Hotspots oder das Kabelfernsehen - aber auch eine Konsequenz dessen, dass die Endgeräte, also die Computer, heute bedeutend billiger zu haben sind. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass allmählich auch jene Generation volljährig wird, für die diese neuen Kommunikationsmethoden etwas völlig Selbstverständliches und Bestandteil des täglichen Lebens sind. Ebenso wenig umgibt das Internet heute noch der Hauch des Unbekannten. Ich sehe also keine Unterschiede."

Im Bereich der Informationstechnologien sind die USA führend und ziehen gleichzeitig auch immer neue Entwickler und Experten an. Sind auch tschechische Entwickler gefragt? Dazu noch einmal der Medienwissenschaftler Jakub Macek von der Masaryk-Universität in Brünn:

"Das trifft bestimmt zu. Viele tschechische Programmierer arbeiten schon jetzt entweder physisch oder virtuell in westlichen Firmen. Vor allem die großen Unternehmen ziehen natürlich aus allen Ländern die besten Köpfe an. Das ist zum Beispiel auch das Geheimnis von Google, dessen technologisches Potential nicht darin liegt, dass Google selbst neue Sachen erfindet, die es vorher nicht gegeben hat. Google schafft es vielmehr, alle guten Ideen kleiner progressiver Firmen aufzusaugen und zu integrieren. Viele Dienste, die Google anbietet, entstanden anderswo, und oft handelte es sich ursprünglich um Studentenprojekte. Es steht also die Frage im Raum, ob auch die tschechischen Suchmaschinen das Gleiche schaffen, ob es zum Beispiel Seznam.cz gelingt, dass heimische technologische Potential zu nutzen und es Google wegzuschnappen. Es wird also nicht nur darum gehen, ob Google den Markt der Internetnutzer beherrschen wird, sondern auch wer die erste Adresse für jene sein wird, die diese Technologien entwickeln."