Zweimal vertrieben und doch wiedergekehrt – zum Tod des Germanisten Kurt Krolop

Am 22. März ist im Alter von 85 Jahren der deutschböhmische Germanist Kurt Krolop gestorben. Im Mittelpunkt seines Interesses standen zwei Themen: die Prager deutsche Literatur und Karl Kraus. Doch Krolop wurde auch für seine tiefe und detaillierte Kenntnis der gesamten deutschsprachigen Literatur geschätzt und bewundert.

„Wie sich Verdienst und Glück verketten,
Das fällt dem Toren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise mangelte dem Stein.“

Kurt Krolop (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses)Kurt Krolop (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses) „Obwohl dieser Torheitsvorwurf vor allem auf die populäre Illusion vom unverdienten Glück zielt, gilt Ähnliches, wie der Begriff ‚Verkettung‘ beweist, auch in seiner Umkehrung vom glücklosen Verdienst. Ich glaube mir einbilden zu können, zur Schar der dieser Verkettung einfallslos verkennenden Toren nie gehört zu haben und immer gewusst zu haben, dass zum Glück auf die Dauer auch Verdienst und umgekehrt zur Anerkennung des Verdienstes Glück gehört.“

Im Jahr 2007 wurde dem Germanisten und Literaturwissenschaftler Kurt Krolop das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse für sein Lebenswerk verliehen. Krolops Rede, die er bei der Übernahme der Auszeichnung in der deutschen Botschaft in Prag hielt und darin Goethes Verse über Verdienst und Glück zitierte, befindet sich im Archiv von Radio Prag.

Prager deutsche Literatur und Karl Kraus

Karl Kraus (Foto: Public Domain)Karl Kraus (Foto: Public Domain) Sein enorm profundes und detailliertes Wissen, die Suche nach Zusammenhängen, die komplexe und kritische Betrachtung seiner Forschungsthemen – das ist es, was Literaturwissenschaftler an Kurt Krolop hervorheben. Štěpán Zbytovský arbeitet am Institut für Germanistik der Prager Karlsuniversität:

„Für mich ist seine persönliche Integrität sehr wichtig – als Wissenschaftler und als Mensch, der sich in den politischen Kontexten und Bedingungen seiner Zeit bewegt hat. Nämlich dass er als Wissenschaftler bestimmen Themen treu war – der Prager deutschen, der deutschböhmischen Literatur oder dem Werk von Karl Kraus – und an diesen Themen systematisch und das ganze Leben lang gearbeitet hat. Und zweitens, dass er keinen methodologischen Moden unterlag, dass er abseits von verschiedenen Moderichtungen der literaturwissenschaftlichen Forschung stand, mit seiner Arbeitsweise, die eben auf Detailwissen beruhte, aber nicht in den sinnlosen Positivismus, in die sinnlose Anhäufung von Informationen überging, sondern auf signifikante Details hingewiesen hat. Und diese persönliche Integrität besteht für mich auch darin, dass er keine großen Konzessionen an die herrschenden Verhältnisse des kommunistischen Regimes gemacht hat, was ihm dann nicht wenige Probleme einbrachte.“

Von Nordböhmen über Deutschland nach Prag

František Černý (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses)František Černý (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses) Kurt Krolop wurde 1930 in eine deutsche Familie in der Tschechoslowakei geboren. Der frühere Diplomat und Journalist František Černý war ihm ein langjähriger Freund:

„Kurt Krolop ist in unserem Land geboren, in Kravaře (Graber) nahe von Aussig. Als Sechzehnjähriger wurde er mit seiner Familie vertrieben. Er hat das Abitur im gleichen Jahr abgelegt wie ich, allerdings ich in Prag und er in der DDR. Dann hat er sich dem Studium der Germanistik, Anglistik und Slawistik gewidmet. 1957 wurde er als Lektor an die Prager Karlsuniversität geschickt und war bis 1962 hier. Und da haben wir uns gleich am Anfang kennengelernt und sind Freunde geworden.“

Bereits in dieser Zeit wandte Krolop sein Forschungsinteresse – als einer der ersten Literaturwissenschaftler überhaupt – der Prager deutschen Literatur zu. Manfred Weinberg, der Leiter der Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur an der Karlsuniversität, hebt einen bedeutenden Aspekt von Krolops Arbeit hervor:

„Jiří Stromšík hat bei der feierlichen Eröffnung unserer Forschungsstelle darauf hingewiesen, dass Krolop diese Zeit nicht nur genutzt hat, um sich in die Prager deutsche Literatur einzuarbeiten, sondern eben auch, um die andere Seite, nämlich die tschechische Seite sehr genau kennenzulernen. Das heißt, Krolop ist jemand, war jemand inzwischen leider, der sich durch sein Detailwissen tatsächlich nicht nur extrem kompetent zur Prager deutschen Literatur äußern konnte, sondern auch zu den Beziehungen zwischen den deutschsprachigen und den tschechischsprachigen Autoren. Das heißt, er hatte die andere Seite mit im Blick, und auch in dem Sinne ist er ein Vorbild für uns.“

Neben der Prager deutschen Literatur war der in Böhmen geborene Wiener Literat Karl Kraus ein Schwerpunkt in Krolops Arbeit. Štěpán Zbytovský:

Foto: Akademie-Verlag BerlinFoto: Akademie-Verlag Berlin „Ich weiß, dass Kurt Krolop auch diese Analogie der Initialen gerne kommentierte: K.K. – Karl Kraus als unversöhnlicher Kritiker, vor allem der sprachlichen und gedanklichen Klischees und Konventionen, die unsere Wahrnehmung der Welt verzerren, deformieren. Das ist der Punkt, der Krolop sehr interessierte. Und auch in der Erforschung des Werks von Karl Kraus war Krolop immer wieder sehr modern.“

In die erste Prager Etappe Kurt Krolops fällt auch ein weniger bekanntes Kapitel seiner Laufbahn. František Černý erinnert sich:

„Ich war damals im Radio, unter anderem in den Auslandssendungen tätig, also auch in den Sendungen in deutscher Sprache. Ich habe Kurt Krolop sehr gerne als Sprecher engagiert. Er hatte eine wunderbare Stimme, war intelligent, und so wurden die anspruchsvolleren Texte, die wir damals gesendet haben, von Kurt Krolop gelesen. Er wurde dafür honoriert, und das Honorar verwendete er dazu, durch die Prager Antiquariate zu rasen. Berühmt war damals der Satz: Kurt Krolop verlässt am Morgen seine Wohnung mit zwei leeren Aktentaschen, und am Abend kommt er zurück mit zwei mit Büchern vollgefüllten Aktentaschen. Es war der Anfang seiner opulenten Bibliothek.“

Liblicer Kafka-Konferenzen und Ausweisung aus der Tschechoslowakei

Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice (Foto: Archiv der tschechischen Akademie der Wissenschaften)Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice (Foto: Archiv der tschechischen Akademie der Wissenschaften) Auch nach der Rückkehr nach Halle (1962) setzte Kurt Krolop seine Forschungen fort und blieb in Kontakt mit Prag. 1963 fand die berühmte Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice statt, die später in die Geschichtsbücher einging als kulturpolitischer Auftakt zum Prager Frühling. Krolop nahm als Gast in Liblice teil, er hielt dann eines der Hauptreferate auf der Nachfolgekonferenz 1965. František Černý:

„In dieser Zeit haben wir zusammen etwas zu tun gehabt, weil ich ein Schüler von Eduard Goldstücker war. Goldstücker hat sich damals sehr dafür engagiert, die Prager deutsche Literatur zu einem Feld des Studiums und der Popularisierung zu machen. Es war auch die Zeit, als die beiden berühmten Kafka-Konferenzen in Liblice stattfanden. Krolop hat da sogar einen Referat halten können, und ich war dort als Journalist, ich habe mit verschiedenen Teilnehmern Interviews gemacht. Kafka war damals ein Politikum. Diese beiden Konferenzen wurden zwar großzügig getarnt als literaturwissenschaftliche Aktionen, aber im Grunde genommen waren es politische Veranstaltungen, bei denen es darum ging, im Zuge der Liberalisierung und der Reformbewegungen an Boden zu gewinnen.“

Eduard Goldstücker (Foto: Teddy Brauner, Public Domain)Eduard Goldstücker (Foto: Teddy Brauner, Public Domain) 1968 wurde Kurt Krolop zum Leiter der Forschungsstelle zur Prager deutschen Literatur ernannt, die an der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften von Eduard Goldstücker errichtet wurde. Doch die Niederschlagung des Prager Frühlings hat auch dieser Forschungsstätte ein Ende gesetzt. Krolop wurde 1970 zur Rückkehr in die DDR gezwungen:

„Man kann wirklich sagen, dass Kurt Krolop ein Mensch war, der zweimal aus seiner Heimat vertrieben wurde: 1946 und dann 1970. Er hat zweimal die Staatsbürgerschaft verloren. Er hatte die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erhalten, indem er hier 1930 geboren wurde, damals noch in der Tschechoslowakei. Sie ist ihm nach dem Krieg abgenommen worden, aber dann hat er sie wieder erworben - such durch das Bestreben von vielen Leuten um ihn herum, die ihm gut gesinnt waren und die wussten, welch Patriot er ist. Er hat wunderbar Tschechisch gelernt. Aber es dauerte nur ein paar Monate, und 1970 wurde ihm die Staatsbürgerschaft von den offiziellen Organen wieder weggenommen. Das war seine zweite Vertreibung.“

Krolop ging in die DDR, wo er weiter wissenschaftlich arbeiten durfte:

„Er landete später im Literaturinstitut in Berlin. Und kaum war es wieder möglich, das heißt 1989, hat er sich erneut dafür interessiert, in das geliebte Prag zurückzukehren. Er wurde, ich glaube, ein paar Tage bevor die DDR nach 40 Jahren Existenz gescheitert ist, noch von den DDR-Organen zum Professor ernannt und in dieser Funktion an die Germanistik nach Prag geschickt. Dass man Kurt Krolop die Professur hier ermöglichte, war – denke ich – der letzte Akt der DDR.“

Karlsuniversität und Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

Lenka Reinerová (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses)Lenka Reinerová (Foto: Archiv des Prager Literaturhauses) Seitdem war Kurt Krolop bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 als Professor für deutsche Literatur an der Prager Karlsuniversität tätig. 2004 wurde er neben František Černý und Lenka Reinerová einer der Gründer des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren.

„Lenka Reinerová, die letzte deutschschreibende Autorin aus Prag, Krolop und ich haben uns bemüht, dieses Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren aus Böhmen, Mähren und Schlesien zu gründen. Es ging nicht um alle deutschsprachigen Autoren, also kein Goethe, sondern um die 150 bis 160 Autoren, die in diesem Land auf Deutsch geschrieben haben. Sie waren unterschiedlicher Qualität, unterschiedlicher politischer Ausrichtung, aber sie haben teilgenommen an dem kulturellen Leben. Mit Kurt Krolops Hilfe haben wir den Aufbau vorangetrieben, und das Literaturhaus existiert bis heute, leider nun ohne Kurt Krolop. Er ist aber immer noch Ehrenmitglied unseres Ausschusses und bleibt es für immer.“

Manfred Weinberg (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)Manfred Weinberg (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag) Im Jahr 2015 nahm eine Arbeitsstätte für die deutschsprachige Literatur aus den böhmischen Ländern an der Karlsuniversität ihre Tätigkeit auf. Sie trägt den Namen „Kurt Krolop Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur“. Ihr Leiter, Manfred Weinberg, hat diese Widmung gegenüber Radio Prag bei der Eröffnung folgendermaßen erläutert.

„Die Antwort ist 236. Kurt Krolop war ja einer der Vortragenden bei der Liblicer Konferenz. Und die Druckfassung seines Aufsatzes funktioniert so, dass es 24 Seiten Haupttext gibt und dann 236 Fußnoten auf nochmal 25 Seiten. Er hat eine Vielzahl an Fußnoten eingearbeitet, in denen sich dieses enorme Detailwissen von ihm niedergeschlagen hat. In diesem Sinn ist er unser ‚Säulenheiliger‘. Kurt Krolop ist derjenige, der die ganzen Zusammenhänge der Prager deutschen und deutsch-böhmischen Literatur im Detail kennt und so auch seine Aufsätze geschrieben hat. Das ist auch unser Ideal, insofern war es überhaupt keine Frage, nach wem diese Forschungsstelle benannt werden muss.“

Kurt Krolop (Foto: Thomas Kirschner)Kurt Krolop (Foto: Thomas Kirschner) Ein „Säulenheiliger“ und ein Vorbild für die Literaturforscher, aber nicht nur für sie, betont František Černý:

„Der Tod von Kurt Krolop ist ein Verlust nicht nur für die Wissenschaft – er war ein Wissenschaftler par excellence –, sondern auch für uns, für unser Land. Ich habe es schon erwähnt, dass er hervorragend Tschechisch gelernt hat, er hat sich für dieses Land sehr interessiert und auch über tschechische Autoren, über die Wechselbeziehungen zwischen deutscher und tschechischer Kultur geschrieben. Dazu gehörte beispielsweise Karel Čapek. Ich glaube, es ist auch in dieser Hinsicht schade, dass Kurt Krolop nicht mehr lebt. Er wollte unbedingt in böhmischer Erde begraben werden. Schöner wäre es, wenn er noch unter uns leben und wirken könnte.“