Wie die Deutschen aus Brünn verschwanden: Junge Autorin greift Todesmarsch als Romanstoff auf

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten knapp 60.000 Deutsche in Brno / Brünn, heute sind es dort nur noch wenige Dutzend, die sich zur deutschen Nationalität bekennen. Das Schicksal der Brünner Deutschen wurde im Kommunismus verschwiegen. Das Ergebnis: Die jüngere Generation weiß über diesen Teil der Geschichte ihrer Stadt fast gar nichts. Das war für die junge Autorin Kateřina Tučková Anlass genug, zur Feder zu greifen und diesen Stoff im Roman „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ zu verarbeiten.

Die Romanfigur Gerta Schnirch ist buchstäblich ein Grenzfall. Ihr Vater ist ein Deutscher, der den Hitler-Ideologien nacheifert und seine Familie mit Deutschtümelei terrorisiert. Ihre Mutter, eine Tschechin, zieht mit ihrem tschechischen Nationalstolz im Nazi-regierten Brünn der frühen 40er Jahre eindeutig den Kürzeren. Die Tochter Gerta spricht zwar beide Sprachen fließend, schlägt sich aber lieber auf die Seite der Mutter. Das heißt, während des Krieges ist sie Tschechin, nach dem Krieg plötzlich Deutsche und der Hass der befreiten Tschechen trifft auch sie. Alle nach Kriegsende in Brünn verbliebenen Deutschen werden eines Nachts aus der Stadt getrieben.

„Sie kann nicht genau sagen, wie lange sie schon so gegangen sind. Als ob ihr Weg schon Jahrhunderte dauerte. Sie ist müde und ihre Begleiterin auch. Sollte sie versuchen, stehen zu bleiben und sich auszuruhen? Sie sind schon einige Male an Leuten vorbeigekommen, die auf der Erde oder auf ihrem Koffer saßen. Einige Male haben sie auch gesehen, wie zu ihnen ein junger Mann lief und ihnen mit dem Gewehrkolben den Kopf zerschlug.“

Kateřina TučkováKateřina Tučková Gerta Schnirch ist eine tragische Figur. Nicht nur, dass sie sich eigentlich als Tschechin und damit ungerecht behandelt fühlt, kurz vor Kriegsende hatte sie auch noch von ihrem despotischen Vater ein Kind bekommen. Dadurch verlor sie ihren Freund Karel, der sie der Untreue verdächtigte. Auch ihre beste Freundin, eine Tschechin, hatte soviel Unglück durch die Deutschen erlebt, dass sie nicht mehr zu ihrer Freundin mit dem Nazi-Vater halten konnte und wollte. Gerta ist das Opfer ihrer gespaltenen Nationalität und Familie.

‚Ich habe nie jemandem etwas schlechtes getan,’ [wehrte sich Gerta.] – Hanák schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. ‚Jeder Deutsche hat was getan, alle sind schuld, hören Sie? Die Deutschen haben der Besetzung der Tschechoslowakei zugestimmt, alle. Ich kenne keinen einzigen, der das nicht wollte. Und alle haben sie dann wie die Maden im Speck gelebt. Und alle Tschechoslowaken haben darunter gelitten, klar? Also, jetzt werden alle Deutschen diese Suppe schön wieder auslöffeln. Und dann sollen sie verschwinden und uns in unserer Republik in Ruhe lassen.’

Genau wie in diesem Auszug alle Deutschen beziehungsweise Tschechen über einen Kamm geschoren werden, soll auch die Figur Gerta Schnirch kein Einzelschicksal verkörpern, sagt die Autorin Kateřina Tučková.

„Das Schicksal von Gerta und ihren Freunden lehnt sich an die Erinnerungen der Zeitzeugen an. Und die Namen habe ich nach dem Zufallsprinzip aus den Vertriebenenlisten ausgewählt. Da gibt es zwar eine Familie Schnirch, aber keiner von ihnen hieß Gerta. Das sind komponierte Namen, damit es eben gerade nicht um eine konkrete Person geht.“

„Todesmarsch von Brünn“ (Quelle: www.katerina-tuckova.cz)„Todesmarsch von Brünn“ (Quelle: www.katerina-tuckova.cz) Das Buch „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ ist beachtliche 400 Seiten dick, umfasst dafür aber auch eine weite Zeitspanne. Die Handlung beginnt Anfang der 40er Jahre mit Gertas Jugend und endet lange nach dem Fall des Kommunismus, im Jahr 2001. Den größten Raum nehmen natürlich die Kriegs- und Nachkriegswirren ein, vor allem der so genannte „Todesmarsch von Brünn“, mit dem auch Gerta aus der Stadt getrieben wird. Die Gruppe gelangt völlig erschöpft nach Pohořelice, einem Ort nahe der österreichischen Grenze, wo ein provisorisches Lager eingerichtet wurde. Dort ist das Trinkwasser verunreinigt und Typhus und Ruhr breiten sich im Lager aus. Gerta hat Glück, denn es ist Juni und auf den Bauerhöfen der Umgebung werden Erntehelfer gebraucht.

„Schon jetzt war klar, dass das mit ihnen nicht gut ausgehen würde – entweder würden sie vertrieben oder ermordet. So tuschelte man [im Dorf]. Zwar pöbelte sie niemand offen an, aber sie las an den Gesichtern der Ansässigen ab, dass sie nur hier sei, um zu arbeiten; und auch über ihren Fall würde irgendwann entschieden werden.“

Erst nach einigen Jahren kann Gerta nach Brünn zurückkehren, aber die Stadt ist ihr fremd geworden. Als Deutsche bewegt sie sich am Rande der Gesellschaft. Das bekommt nicht nur sie, sondern auch ihre fünfjährige Tochter Barbora zu spüren. In der Schule wird sie von Schülern und Lehrern drangsaliert. Gerta fasst einen Beschluss:

„Das Deutschsein in [Barbora] ersticken, das ist das Einzige, was Gerta für sie tun kann. Für sich und Barbora. Alles vergessen. Nicht einen Tropfen dieses vergifteten Blutes an sie weiter geben, um die andere Hälfte […] in ihr nicht zu verderben. Nicht die Sprache verwenden, die ihr, Gerta, soviel Unglück gebracht hat.“

So wurde die deutsche Kultur in Brünn von Tschechen und Deutschen gleichermaßen stranguliert und geriet in Vergessenheit. Bis heute wissen nur wenige Brünner, was mit den 58 000 Deutschen, die einmal in ihrer Stadt lebten, genau passiert ist. Diese Erkenntnis hat Kateřina Tučková erschreckt:

„Ich bin durch meinen Freund, den Historiker David Kovařík, auf dieses Thema gekommen. Er beschäftigt sich in seiner Doktorarbeit genau mit damit. Einmal haben wir zusammen gesessen und über Brünn und seine Geschichte geredet und da kamen wir auch auf den Todesmarsch, über den ich gar nichts wusste. Obwohl ich in Brünn auf das Gymnasium und dann auf die Universität gegangen bin und ich interessiere mich eigentlich auch für Geschichte. Mich hat wirklich überrascht, dass ich von so einem Ereignis, das wirklich wichtig für die Geschichte Brünns ist, nichts weiß.“

Während des Kommunismus wurde die Frage der Vertreibungen totgeschwiegen. Aber noch 60 Jahre danach brodelt es unter der Oberfläche. Als Tučková mit ihrer Recherche begann, stieß sie bei ihrer ersten Anlaufstelle, den Historikern, auf offene Ohren, aber sie wurde auch gewarnt:

„Sie haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Thema immer noch böses Blut auf beiden Seiten weckt und dass ich darauf vorbereitet sein sollte, dass ich bei den Zeitzeugen nicht nur auf positive Reaktionen stoßen werde.“

Denkmal Pohořelice (Quelle: www.katerina-tuckova.cz)Denkmal Pohořelice (Quelle: www.katerina-tuckova.cz) Tatsächlich aber waren die deutschen Zeitzeugen sehr mitteilungsbereit, findet Tučková.

„Das waren vor allem Leute, die mich an ihrer Vergangeheit teilhaben lassen und sich der Schwere ihrer Erinnerungen entledigen wollten. Sie waren froh, dass gerade jemand aus der jüngeren Generation zu ihnen kam und mit ihnen dieses Kapitel der Vergangenheit wieder öffnen wollte. Es ist aber auch so, dass ich keinen gefunden habe, der sich dazu bekannt hätte, einer der Täter, die vertrieben haben, zu sein.“

Die meldeten sich nach Erscheinen des Romans zu Wort, und zwar via Internet. In verschiedenen Foren wurde Tučková angefeindet und zum Beispiel als „gestápačka“, also Gestapo-Frau, beschimpft. (lacht)

Tučková kann darüber mit einem Lachen hinwegsehen, denn sie meint, dass die von ihr und Historikern recherchierten Fakten der Wahrheit entsprechen und sie sich deshalb nichts vorzuwerfen hat. Um die Geschichte noch authentischer beschreiben zu können, ging sie den Marsch von Brünn nach Pohořelice zusammen mit Freunden, Historikern und Zeitzeugen noch einmal. Genau wie Gerta in der für damals typischen Kleidung und mit einem Kinderwagen.

„Wir sind dort um acht am Morgen angekommen, aber nur noch zu viert. Das ist nicht verwunderlich, denn es war ziemlich anstrengend. Vor allem von den älteren Leuten haben wir uns am Stadtrand verabschiedet. Sie haben mir gezeigt, wo wer gestorben war oder wo sie wen verloren haben. Ja, und ab dem Stadtrand waren eben vor allem die Historiker übrig, die wissen wollten, wie der Weg heute aussieht. Natürlich ganz anders, heute stehen da Supermärkte und Einkaufszentren. Eine ganz andere Atmosphäre.“

Auch wenn es äußerlich so aussieht, die Zeit hat innerlich noch nicht alle Wunden verheilt, gerade weil die Erinnerungen so lange unterdrückt wurden.

 

Dieser Beitrag wurde am 29. November 2009 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.