Wagner-Star und Prag-Kenner: Thomas Johannes Mayer

Er gilt als einer der gefragtesten Heldenbaritone der Gegenwart. Thomas Johannes Mayer tritt in zahlreichen renommierten Opernhäusern auf – von der Deutschen Oper Berlin, über die Münchner Staatsoper bis zum Teatro alla Scala in Mailand. Außerdem ist Mayer regelmäßig bei den wichtigsten Festspielen zu Gast. Nun stand er in dieser Woche in Prag auf der Bühne. Er sang den Telramund in Richard Wagners Lohengrin. Die Prager Inszenierung ist ein Remake der Bayreuther Aufführung von 1967. Kurz vor der Lohengrin-Vorstellung am vergangenen Mittwoch hat Martina Schneibergová mit Thomas Johannes Mayer gesprochen.

Thomas Johannes Mayer (Foto: Archiv des Nationaltheaters)Thomas Johannes Mayer (Foto: Archiv des Nationaltheaters) Herr Mayer, Sie haben soeben im Lohengrin in Prag gesungen. Es ist das erste Mal, dass Sie hier in Tschechien auftreten. Welche Rolle spielt der Telramund in ihrem Repertoire?

„Telramund ist eine sehr spezielle Partie, die sehr viele Höhen hat und auch sehr viel Aggressivität erfordert. Er ist sehr gefürchtet bei meinen Fachkollegen, weil sie auch zu einem Stimmkiller werden kann, wenn man die Partie falsch angeht. Mich begleitet der Telramund schon seit ungefähr acht Jahren. Ich habe ihn eigentlich schon überall gesungen.“

Haben Sie diese Inszenierung schon gekannt?

„Nur vom Hörensagen. Ich habe die vorletzte Inszenierung in Bayreuth selbst drei Jahre lang mitgemacht, aber diese alte Aufführung von 1967 kannte ich nur von Bildern.“

Sie sind vor allem als ein Wagner-Bariton bekannt, aber nicht nur: Welche Opernrollen gehören sonst zu ihren Lieblingsbesetzungen?

„Ich singe natürlich vorwiegend das deutsche Fach. Dazu gehören neben allen Wagner- auch die Strauss-Partien, wie Mandryka oder Jochanaan, und natürlich singe ich viel Verdi. Von ihm habe ich fast alle großen Titel wie Simone Boccanegra, Jago, Macbeth und weitere gesungen.“

Sie haben auch Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert. Wenn Sie selber komponieren würden, gebe es da eine historische Persönlichkeit, über die Sie eine Oper schreiben würden?

„Ich finde aber auch so Antihelden ganz interessant, zum Beispiel Don Quijote.“

„In meinem Geschichtsstudium sind mir natürlich einige Persönlichkeiten über den Weg gelaufen, die sehr spannend waren. Dazu gehörenAlexander der Große, Friedrich II. von Staufen, also das sind auf jeden Fall sehr spannende Figuren. Ich finde aber auch so Antihelden ganz interessant, aus meiner Kindheit etwa Don Quijote. Über ihn würde ich gern Mal eine Oper schreiben.“

Gibt es auch eine historische Persönlichkeit aus der tschechischen Geschichte, die Sie interessieren würde?

„Ich habe zumindest den böhmischen Fürst Ottokar in Webers Freischütz gesungen und der ist im Prinzip verknüpft mit der Wenzel-Geschichte oder zumindest mit dem König von Böhmen. Fürst Wenzel wäre auch eine sehr spannende Persönlichkeit. Ich weiß nicht; ob es darüber eine Oper gibt. Aber mit den historischen Persönlichkeiten ist es schon so eine Sache: Um diesen dann auf der Bühne auch gerecht zu werden, muss man schon sehr gut komponieren können, also ich weiß nicht, ob ich dazu imstande wäre, das zu leisten.“

Thomas Johannes Mayer (Foto: Daniel Jäger, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Thomas Johannes Mayer (Foto: Daniel Jäger, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Wie war ihr Weg auf die Opernbühne nach dem Studium. Dieses hat sich ja nicht nur auf Musik konzentriert…

„Entscheidend war eigentlich meine Gesangslehrerin im Schulmusikstudium. Die hat mich eigentlich auf die Bühne gedrängt hat, und sofort erkannt, dass ich Potential für die großen Bühnen habe. Ich habe eigentlich schon seit meinem 12. oder 13. Lebensjahr moderne Musik gemacht und stand auf vielen großen Bühnen. Das hat sie wohl sehr schnell gemerkt und hat das dann auch forciert und mich dann dazu überredet, dass ich doch zur Oper gehen soll. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich bin dabei geblieben.“

Sie sind bestimmt nicht der erste Opernsänger, der bei Pop-Musik oder einer Rockband angefangen hat…

„Es gibt ganz viele, die das gemacht haben. Es kommt mir immer wieder unter, dass Kollegen sagen, ja, ich habe auch in einer Rockband gespielt.“

Haben sie noch Zeit und Lust dazu, andere Musik als Opern zu hören?

„Ja, ich höre auch andere Musik. Es wäre sehr einseitig, wenn ich mich nur mit Oper beschäftigen würde. Vor allem im Auto schalte ich etwas anderes ein.“

Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik, haben Sie schon in einer tschechischen Oper gesungen?

„Es ist gut, dass ich jetzt hier bin, weil ich jetzt natürlich wunderbar mir die Sprache aneignen kann.“

„Ich hatte bisher noch nie Berührungspunkte zu tschechischer Musik, wobei es ganz tolle tschechische Opern gibt. Die Sache Makropulos von Janáček ist beispielsweise eine wunderbare Oper. Ich studiere jetzt in Paris zum ersten Mal eine tschechische Oper ein, und zwar die Rolle des Wassermanns in Dvořáks Rusalka. Ich singe es zum ersten Mal. Wir singen auf Tschechisch, und ich bin gerade am Lernen. Es ist gut, dass ich jetzt hier bin, weil ich mir jetzt natürlich wunderbar die Sprache aneignen kann, zumindest das, was ich fürs Singen brauche.“

Sie sind viel unterwegs. Können Sie das Publikum in den verschiedenen Opernhäusern vergleichen?

Thomas Johannes Mayer (Foto: Daniel Jäger, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Thomas Johannes Mayer (Foto: Daniel Jäger, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Es gibt auf jeden Fall Opernhäuser mit einem Stammpublikum, wo man davon ausgehen kann, dass sie immer sehr gute Stimmung verbreiten. Das hängt aber auch ein bisschen vom Repertoire ab. Zum Beispiel in München ist es ziemlich egal, welche Oper läuft, wenn da gesungen und gut musiziert wird, sind die Leute immer wahnsinnig begeistert. Ich merke, wenn man in Länder kommt, wo jetzt zum Beispiel Wagner nicht ganz so im alltäglichen Repertoire ist, dass das Publikum manchmal etwas reservierter reagiert. Das ist jedoch sicherlich auch eine Mentalitätsfrage. In Italien wird zum Beispiel viel euphorischer geklatscht als in der Schweiz. Und wie das in Tschechien ist, kann ich nach einer Vorstellung noch nicht exemplarisch sagen.“

Gibt es eine Traum- oder Wunschrolle, die sie noch nicht gesungen haben?

„Das ist eine schwierige Frage. Ich habe schon so viel gesungen und eigentlich alles, was so wirklich sehr spannend ist. Es kommen hie und da sehr interessante Rollen auf mich zu. Ich habe gerade ,Die Gezeichneten‘ von Franz Schreker in Zürich gesungen. Es war auch ein neues Stück für mich und ich war sehr überrascht, wie die Musik so in mich gedrungen ist und ich die anfänglichen Irritationen überwunden habe, weil es etwas sperriger ist. Es gibt sehr viele Partien wie zum Beispiel Doktor Faust von Busoni oder Cardillac von Hindemith, die mich schon vom Dramaturgischen her reizen würden. Aber nach wie vor das Spannendste für mich bleibt Wotan. Das ist meine Traum-Partie. Es gibt ganz wenig Repertoire, wo man sagen kann, dass es in diese Richtung geht.“

Haben Sie während des jetzigen kurzen Aufenthalts überhaupt Zeit, sich Prag anzuschauen?

„Ich habe kurioserweise im Rahmen meines Geschichtsstudiums in Prag schon Stadtführungen veranstaltet.“

„Ja. Ich kenne Prag schon seit vielen Jahren. Ich habe kurioserweise im Rahmen meines Geschichtsstudiums hier schon Stadtführungen veranstaltet. Das ist aber auch schon 25 Jahre her. Ich habe mich damals auf die örtlichen Gegebenheiten auf die Geschichten sehr gut vorbereitet, aber habe sehr vieles vergessen. Vielleicht, müssten wir mal zusammen durch die Stadt gehen.“

Waren das damals ein bisschen unkonventionelle Stadtführungen?

„Nein, das war eine Übungsveranstaltung, im Rahmen meines Geschichtsstudiums. Da sind wir vom Kolleg aus nach Prag gefahren und jeder musste quasi eine Stadtführung vorbereiten. Das war mehr Spaßfaktor, aber immerhin hat das dazu geführt, dass ich die Geschichte von Prag und auch so die einschlägigen Sehenswürdigkeiten, die vielleicht nicht jeder Tourist kennt, dann auch schon gesehen habe.“

Kommen Sie dann nochmal nach Prag ins Nationaltheater?

„Ja, ich bin im Februar wieder hier für zwei Lohengrin-Vorstellungen, mit Andreas Schager zusammen. In Lohengrin geht übrigens überhaupt nichts gut aus. In jeder anderen Wagners Oper gibt es wenigstens ein Glück nach dem Tod, eine Vereinigung bei Tristan und Isolde, beim Fliegenden Holländer kommt ein versöhnlicher Schlussakkord. Und Lohengrin ist eigentlich die traurigste und brutalste Geschichte, was auch unsere menschliche Psychologie betrifft und unsere Fähigkeit für Beziehungen, Vertrauen und Ehrlichkeit, aber auch Hybris, also Selbstüberschätzung und religiöser Wahn, das steckt ja alles drinnen.“

 

Thomas Johannes Mayer singt noch am kommenden Montag im Lohengrin im Prager Nationaltheater. Die Vorstellung beginnt um 18 Uhr und es gibt noch Restkarten.