Von Fukushima über Kurdistan nach Krumau – Deutschsprachiges Filmfest startet

„Das Filmfest“ – so nennt sich die größte und wichtigste Schau deutschsprachiger Kinoproduktionen in Tschechien. Vor elf Jahren haben das Goethe-Institut, das Österreichische Kulturforum und die Schweizer Botschaft dieses Festival in Prag ins Leben gerufen. Am kommenden Mittwoch beginnt der neue Jahrgang – ein Überblick.

Tomáš Fridrich (Foto: Archiv des Goethe-Instituts)Tomáš Fridrich (Foto: Archiv des Goethe-Instituts) Marie flüchtet vor ihrem Leben in Deutschland – und zwar nach Fukushima, das nach dem GAU im dortigen Atomkraftwerk strahlenverseucht ist. Der Film führt zum Hauptthema des Filmfests in diesem Jahr. Tomáš Fridrich vom Goethe-Institut in Prag:

„Wir haben das Thema ‚Flucht‘ ausgewählt. Dies ist etwas, was Europa seit anderthalb Jahren stark bewegt. Zugleich wollen wir die Flucht so breit wie möglich thematisieren. Das heißt, nicht nur die physische Flucht, sondern auch die Flucht vor sich selbst, wie in dem Film ‚Grüße aus Fukushima‘ von Doris Dörrie. Dort flüchtet die Hauptdarstellerin vor sich selbst nach Japan und hat eine intime Begegnung mit der letzten Geisha von Fukushima.“

Es ist der offizielle Eröffnungsfilm am nächsten Mittwoch. Hauptdarstellerin Rosalie Thomass wird ebenfalls dabei sein im Prager Kino Lucerna.

„Tagebuch der Anne Frank“ (Foto: YouTube)„Tagebuch der Anne Frank“ (Foto: YouTube) Das Phänomen der Flucht wird aber auch aus anderen Perspektiven beleuchtet. Eine davon ist die historische. So hat Regisseur Hans Steinbichler das Tagebuch der Anne Frank erstmals auf Deutsch verfilmt. Und in der „Reise mit Vater“ von Anca Miruna Lazarescu geht es ins Jahr 1968. Zwei ungleiche Brüder wollen ihren herzkranken Vater aus Rumänien nach Dresden zu einem Spezialisten bringen. Dabei müssen sie in der Tschechoslowakei vor den Truppen des Warschauer Paktes flüchten.

„Reise mit Vater“ (Foto: YouTube)„Reise mit Vater“ (Foto: YouTube) „Der Film verbindet Elemente der Komödie mit den sehr ernsten Themen dieser Zeit. Dazu gehören Kollaboration und Verrat, aber auch die problematischen Seiten in der westlichen Welt wie die Salonkommunisten, die überhaupt nicht verstanden haben, was im Osten passiert. Dass es diesem Film gelingt, diese beiden Ebenen zu verbinden und dabei nicht kitschig zu wirken, das finde ich sehr toll“, so Fridrich.

Osteuropa-Roadmovie zu 1968

„Die Schwalbe“ (Foto: YouTube)„Die Schwalbe“ (Foto: YouTube) Doch natürlich bezieht sich das zentrale Thema des Festivals auch auf das, was einem als erstes dazu einfallen würde: die Flüchtlingswelle nach Europa. Beispielsweise im Streifen „Die Schwalbe“ des kurdisch-schweizerischen Regisseurs Mano Khalil, der im Übrigen einst an der Prager Filmhochschule studiert hat. Oder ebenso in „After Spring Comes Fall“ von Daniel Carsenty. Tomáš Fridrich vom Goethe-Institut:

„24 Wochen“ (Foto: YouTube)„24 Wochen“ (Foto: YouTube) „After Spring Comes Fall ist ein düsterer Thriller über illegale Emigranten in Berlin. Es ist ein Debütfilm, der aber bei mehreren deutschen Festivals gezeigt wurde und bei ‚Achtung Berlin‘ den Hauptpreis gewonnen hat.“

Die größte Sektion mit zwölf Filmen nennt sich wie in den vorherigen Jahren „Das Filmfest spezial“. Das Besondere in diesem Jahr: Gleich vier Streifen sind Verleihpremieren und kommen noch während des Festivals oder anschließend in die tschechischen Kinos. Dazu gehört das Drama „24 Wochen“ von Anna Zohra Berrached. Weiteres erläutert Sarah Polewsky vom Österreichischen Kulturforum:

Sarah Polewsky (Foto: Archiv des Instituts des Dokumentarfilms)Sarah Polewsky (Foto: Archiv des Instituts des Dokumentarfilms) „Der zweite Film, der hier nach dem Festival ins Kino kommt, ist ‚Die dunkle Seite des Mondes‘ mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Er spielt einen erfolgreichen Wirtschaftsanwalt, dessen Leben sich komplett auf den Kopf stellt, nachdem sich ein Klient vor seinen Augen erschießt. Er unternimmt dann noch einen Trip mit halluzinogenen Pilzen und ist auf der Flucht vor sich selbst – und nicht nur vor sich selbst.“

Egon Schieles Frauen

Aus österreichisch-tschechischer Perspektive ist „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ der wichtigste der vier Filme, die in die Kinos kommen. Schließlich lebte der expressionistische Maler eine Zeitlang Ceský Krumlov / Krumau. Zusammen mit seiner großen Liebe Wally Neuzil war er aus Wien in die südböhmische Kleinstadt gezogen. In Krumau hatte er eine seiner produktivsten Phasen.

„Egon Schiele – Tod und Mädchen“ (Foto: YouTube Kanal Thimfilm Filmverleih)„Egon Schiele – Tod und Mädchen“ (Foto: YouTube Kanal Thimfilm Filmverleih) „Der Film verfolgt Egon Schiele aus der Perspektive der Frauen, die für ihn Modell standen oder für ihn sehr wichtig waren. Und das basiert auf dem Roman ‚Tod und Mädchen – Egon Schiele und seine Frauen‘ von Hilde Berger, die den Film gemeinsam mit Regisseur Dieter Berner auch persönlich hier in Prag vorstellen wird. Und ebenso kommt die weibliche Hauptdarstellerin Valerie Pachner zur Premier des Films“, so Sarah Polewsky.

Last but not least geht eine Kinoproduktion über ein Thema aus der deutschen Geschichte in die tschechischen Kinos und wird vorher beim Festival erstaufgeführt:

‚Nebel im August‘ (Foto: YouTube)‚Nebel im August‘ (Foto: YouTube) „Das historische Drama ‚Nebel im August‘ spielt im Jahr 1942. Es ist die Geschichte von Ernst Glosser, einem 13-jährigen Jungen, der als Rebell von einer Anstalt in die nächste verschoben wird. Er bekommt dann in einem Kinderheim mit, dass die anderen Kinder nicht eines natürlichen Todes sterben. Es geht also um die Zeit der Euthanasie im Nazi-Regime. Es ist aber trotz des hart klingenden Themas ein Film voller Hoffnung – eine Geschichte, die auch Mut macht.“

Kleine Geschichten, die zu großem Kino werden

Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks Die dritte größere Sektion des Filmfests nennt sich Mumblecore. Was es damit auf sich hat, erläutert Sarah Polewsky:

„Mumblecore bezeichnet ein Genre nach Vorbild des amerikanischen Mumblecores, das sich in Berlin vor allem bei jungen Filmemachern durchgesetzt hat. Da geht es darum zu improvisieren, einmal aus der Lust daran, aber auch aus der Not der begrenzten Mittel und um nicht auf Geld der Filmförderung angewiesen zu sein. Es sind also sehr kleine Geschichten, die aber oft trotzdem zum großen Kino werden.“

„Alki Alki“ (Foto: YouTube)„Alki Alki“ (Foto: YouTube) Besonders ist da Axel Ranisch zu erwähnen, das „Wunderkind des deutschen Films“ wird auch persönlich bei der Präsentation seiner Filme in Prag anwesend sein. Gezeigt werden sein Debüt „Dicke Mädchen“ wie auch sein jüngster Streifen „Alki Alki“. Dazu kommen Werke des österreichischen und schweizerischen Mumblecore.

„Ein Special im Rahmen dieser Sektion ist sicher der Film ‚Menandros & Thaïs‘, ein experimenteller Abenteuerfilm nach dem gleichnamigen Roman von Ondřej Cikán, der auch zusammen mit Antonín Šilár Regie geführt hat. Es handelt sich um einen tschechisch-österreichischen Sandalenfilm, der zwar schon in den Kinos war, aber für das Filmfest sicher noch einmal eine Bereicherung des Programms darstellt“, findet Sarah Polewsky.

Das Filmfest läuft in Prag vom 19. bis 23. Oktober und in Brünn vom 31. Oktober bis 3. November. Mehr zum Programm auf der Webseite www.dasfilmfest.cz.

Abgerundet wird das Programm durch Dokumentarstreifen, und an jeweils einem Abend werden sowohl in Prag als auch in Brünn neueste deutschsprachige Kurzfilme vorgestellt.