Vladislav Vančura: Marketa Lazarová

04-03-2020

Eine Räuberballade über die Liebe im düsteren Mittelalter – das ist der Roman „Marketa Lazarová“ von Vladislav Vančura aus dem Jahr 1931.

Foto aus dem Buch „Marketa Lazarová“ von Vladislav Vančura / Verlag Československý spisovatelFoto aus dem Buch „Marketa Lazarová“ von Vladislav Vančura / Verlag Československý spisovatel

Jiří Holý (Foto: Tschechisches Fernsehen)Jiří Holý (Foto: Tschechisches Fernsehen) Vladislav Vančura gilt als Meister der dichterischen Kunstsprache in der tschechischen Literatur. Er war Schriftsteller, Dramatiker, Filmregisseur und Drehbuchautor. Seine Texte sind geprägt von einer ausdrucksstarken, gehobenen und archaischen Sprache. So ist es auch beim Roman „Marketa Lazarová“ der Fall. Das Werk wurde im Jahr 1931 veröffentlicht. Jiří Holý ist Professor für die tschechische Literatur an der Karlsuniversität in Prag:

„Marketa Lazarová ist eigentlich ein historischer Roman, aber nicht sehr traditionell. Vančura gehörte zur Avantgarde, er schrieb also experimentelle Prosa. Die Avantgardisten leugneten die Traditionen, keiner der tschechischen Avantgarde-Autoren verfasste historische Prosa. Deshalb war die Veröffentlichung eine Überraschung. Die Handlung spielt zwar in der Vergangenheit. Doch man weiß nicht, in welchem Jahrhundert.“

Räuberische Liebe und Vergeltung

Quelle: Rowohlt Taschenbuch VerlagQuelle: Rowohlt Taschenbuch Verlag Die Handlung ist in die Winterlandschaft Mittelböhmens gebettet. In den Wäldern nahe Mladá Boleslav / Jungbunzlau leben zwei rivalisierende Raubritter-Familien, die Kozlík und die Lazar. Marketa Lazarová, die Tochter des Räubers Lazar, verkörpert die Unschuld und Frömmigkeit. Sie soll in ein Kloster gehen, wird aber von dem konkurrierenden Räuberclan entführt und vergewaltigt. Allerdings verliebt sie sich in ihren Entführer Mikolas und führt mit ihm eine leidenschaftliche Beziehung. Diese Liebesgeschichte steht im Mittelpunkt des Romans. Grimmige Reigen der Räuber und ein Kampf zwischen ihnen und dem königlichen Heer bilden die Kulisse dafür.

Inspiration für den Stoff fand der Dichter in der Geschichte seiner eigenen Familie, mit der er sich damals intensiv beschäftigte:

„Vančura war Nachkomme eines Adelsgeschlechts, und seine Vorfahren sollen auch Raubritter gewesen sein.“

Bei all der Gewalt, die in dem Prosastück geschildert wird, liegt in der Rohheit eine beeindruckende Poesie. Und im Schaffen von Vladislav Vančura bedeutete das Werk eine überraschende Wende:

„Alle seine vorherigen Werke behandelten die Gegenwart oder die unmittelbare Vergangenheit. Ein Beispiel ist der Roman ‚Pole orná a válečná‘ (auf Deutsch: ‚Felder und Schlachtfelder‘, Anm. d. Red.) aus dem Ersten Weltkrieg. Dann kam erstmals die Hinwendung zum Mittelalter. Vančura begründete damit zusammen mit Jaroslav Durych eine neue Tradition des tschechischen historischen Romans. Diese bezog nicht so sehr auf die konkrete Vergangenheit, sondern war eher poetisch und zeigte auf die Gegenwart.“

Historischer Roman anders

Foto aus dem Buch „Marketa Lazarová“ von Vladislav Vančura / Verlag Československý spisovatelFoto aus dem Buch „Marketa Lazarová“ von Vladislav Vančura / Verlag Československý spisovatel Eine besondere Rolle in dem Roman spielt der Erzähler. Auch er schlägt eine Brücke zwischen dem Mittelalter und der Gegenwart:

„Diese Rolle des Erzählers ist ganz spezifisch für Vladislav Vančura und seine Werke. Man nennt dies auktoriale Erzählung. Der Erzähler spricht dabei seine Figuren direkt an und bewertet sowie kommentiert die Handlung. Zugleich spricht er die Leserinnen und Leser an und vergleicht die Gegenwart mit der Vergangenheit. Vančura war linksorientiert. Er hatte eine sehr kritische Einstellung zur Lage in der damaligen Tschechoslowakei.“

Vladislav Vančura veröffentlichte „Marketa Lazarová“ im Jahr 1931. Und der Roman schlug sofort ein beim Publikum:

„Marketa Lazarová war einer der erfolgreichsten Romane Vančuras. Er erhielt den tschechischen Staatspreis dafür. Und die Kritik war begeistert. Zum Beispiel verfasste der bedeutendste tschechische Literaturkritiker F. X. Šalda einen Lobgesang auf das Buch. Außerdem war er leichter zu lesen als andere Werke des Autors. Denn Vančura und seine Experimente waren ansonsten häufig eine ziemliche Herausforderung.“

Quelle: Verlag Volk u. WeltQuelle: Verlag Volk u. Welt Sehr schnell gelangte „Marketa Lazarová“ auch zum deutschsprachigen Lesepublikum. Das Prosastück wurde sogar in drei unterschiedlichen Übersetzungen auf Deutsch herausgegeben. 1937 unter dem Titel „Die Räuberbraut Margarete Lazar“, 1962 als „Räuberballade“ und 1966 als „Marketa und Miklas“.

„Die erste Übersetzung entstand noch zur Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Es gab hierzulande eine Gruppe von bilingualen Übersetzern. Sehr oft wurden ihre Übertragungen in der Tageszeitung ‚Prager Presse‘ abgedruckt. ‚Die Räuberbraut Margarete Lazar‘ erschien ein paar Jahre nach der tschechischen Ausgabe des Romans in der Originalsprache. Die zwei übrigen Übersetzungen entstanden zur Zeit der deutschen Teilung. Damals erschien oft eine Übersetzung in der DDR und die andere in der Bundesrepublik. Dementsprechend wurden auch Hrabal und weitere tschechische Autoren doppelt übersetzt. Von der literarischen Seite her ist das positiv, denn es war wie ein Wettbewerb zwischen den Übersetzern.“

Bester tschechischer Film aller Zeiten

Film Marketa Lazarová (Foto: Bonton)Film Marketa Lazarová (Foto: Bonton) Dass ein literarischer Text und die spätere Verfilmung von Kritikern und Publikum gleichermaßen als Meisterwerk angesehen werden, geschieht eher selten. Marketa Lazarová ist solch ein Beispiel. Der gleichnamige Schwarz-Weiß-Film von 1967 wurde von František Vláčil gedreht. Der Literaturhistoriker dazu:

„Der Streifen ist eher eine freie Verarbeitung des Romans. Aber es ist wirklich ein glänzender Film. Er wird oft als der beste tschechische Film bezeichnet und erhielt auch mehrere Preise. Ich meine, es ist wirklich ein Werk, das man mit Vančuras Roman gut vergleichen kann.“

Vláčils Film entstand in den 1960er Jahren. Doch Vladislav Vančura war bereits in der Zwischenkriegszeit vom Film fasziniert, er arbeitete als Regisseur und Drehbuchautor für ein Filmstudio. „Meine Erfahrungen mit dem Film“ lautet der Titel eines Vortrags, den er am 3. November 1932 im Radio hielt. Vančura spricht darin von zwei Kategorien für die künstlerische Arbeit am Film: dem Plan, für den der Drehbuchautor zuständig ist, und dessen Umsetzung durch den Regisseur. Diese Aufnahme befindet sich weiterhin im Archiv des Tschechischen Rundfunks, deswegen hier eine Kostprobe:

Film Marketa Lazarová (Foto: Bonton)Film Marketa Lazarová (Foto: Bonton) „Lässt sich die Arbeit eines Filmdramatikers mit der Frage beschreiben, was man machen sollte, entspricht die Arbeit eines Regisseurs der Frage nach dem ‚Wie‘. Jedes Werk ist eine Verknüpfung dieser beiden Komponenten. Bei keinem anderen Kunstwerk werden diese beiden Aufgaben durch eine Zeitspanne voneinander getrennt und jeweils eigenständig gelöst. Wegen dieser Besonderheit muss die Einheit eines Filmwerks besonders hervorgehoben werden. Sein Wert entsteht erst durch die Realisierung. Die Ideen für einen Film werden erst durch ihre Realisierung zur Poesie und lassen sich von ihr nicht trennen.“

Gehobene und archaische Sprache

Vladislav Vančura (Foto: Archiv des Schlesischen Landesmuseums)Vladislav Vančura (Foto: Archiv des Schlesischen Landesmuseums) Soweit die Stimme von Vladislav Vančura. Welche Stellung hatte jedoch der Autor in der tschechischen Literatur der Zwischenkriegszeit? Jiří Holý:

„Er gehörte zu den führenden Persönlichkeiten, zusammen mit Karel Čapek und Jaroslav Hašek beziehungsweise Jaroslav Durych und Jan Čep. Das waren wirklich glänzende Vertreter dieser goldenen Zeit der tschechischen Kultur. Vančura hat sein Werk im Unterschied zur traditionellen tschechischen Prosa in eine andere Richtung gelenkt: Sein Stil war voller Metaphern, poetischer Ausdrücke und archaischer Wörter aus dem 17. Jahrhundert. Das war etwas, was sich in den nachfolgenden Jahrzehnten üblich wurde. Damit inspirierte Vančura die ganze tschechische Literatur und Kultur.“

Vladislav Vančura wurde 1891 in Háj ve Slezsku / Freiheitsau geboren. Ursprünglich war er Arzt, ab Ende der 1920er Jahre widmete er sich aber hauptsächlich dem Schreiben. Mit einer Gruppe avantgardistischer Literaten und Kunsttheoretiker gründete er 1920 den Künstlerbund „Devětsil“ und wurde dessen erster Vorsitzender. Zudem engagierte er sich auch politisch. Er war Mitglied der kommunistischen Partei, wurde jedoch 1929 ausgeschlossen, weil er den moskautreuen Kurs der neuen Parteiführung kritisierte. Ab 1939 beteiligte sich Vančura am Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich wurde er verhaftet und am 1. Juni 1942 in Prag erschossen.

 

Für den Beitrag haben wir Ausschnitte aus dem Film Marketa Lazarová mit der Musik von Zdeněk Liška verwendet.

04-03-2020