VERSschmuggel: Schwerfälligkeit trifft Eleganz

06-04-2019

Die Lesungsreihe „VERSschmuggel auf Reisen“ hat vergangene Woche erstmals in Tschechien Station gemacht. Gastgeber war das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren.

Anthologie „VERSschmuggel-Překladiště“ (Foto: Jana Burczyk)Anthologie „VERSschmuggel-Překladiště“ (Foto: Jana Burczyk) Die knapp 20 Plätze im Kabinett des Prager Literaturhauses waren schnell belegt. In dieser intimen Atmosphäre fand erstmalig eine Lesung zur zweisprachigen Anthologie „VERSschmuggel-Překladiště“ in Tschechien statt. Der Band enthält Gedichte und deren Nachdichtungen, die bei einem Übersetzungs-Projekt entstanden sind. Je sechs tschechische und deutsche Poeten hatten im Mai 2018 daran teilgenommen. Darunter Birgit Kreipe und Božena Správcová. Sie haben in Prag nicht nur einige ihrer Werke vorgestellt, sondern auch von ihren zwischensprachlichen Erfahrungen erzählt.

„Ich finde, es hat hervorragend funktioniert. Gerade Mirko Kraetsch hat uns sehr geholfen. Wir hatten zwar die Gedichte auch in Bilderform zusammengefasst. Doch es hat sich gezeigt, dass die Bilder erklärt werden mussten. Wir haben sehr intensiv gearbeitet und uns gut verstanden.“

Božena Správcová, Mirko Kraetsch und Birgit Kreipe (Foto: Jana Burczyk)Božena Správcová, Mirko Kraetsch und Birgit Kreipe (Foto: Jana Burczyk) Božena Správcová beschreibt, wie sie die Gruppenarbeit mit Dichterpartnerin Birgit Kreipe und Übersetzer Mirko Kraetsch erlebt hat. Einig sind sich die Kolleginnen besonders in einem Punkt: Möchte man einen Vers von einer Sprache in eine andere übertragen, reicht es nicht, nur die Wörter sinngemäß zu übersetzen. So erklärt Birgit Kreipe:

„Wenn man einen Text eins zu eins von einer Sprache in die andere übersetzt, dann entsteht dabei noch lange kein Gedicht. Denn die Stilmittel sind in den jeweiligen Sprachen unterschiedlich. Es gibt Anklänge, Alliterationen, Bilder, die in der anderen Sprache überhaupt nicht funktionieren. Man muss dieses poetische Wesen ‚Gedicht‘ gut kennenlernen, damit man ein anderes Wesen erschaffen kann, das auf eine ähnliche Weise in der anderen Sprache funktioniert. Und da ist es gut, wenn die Autorin dabei ist.“

Gemeinsam Gedichte verstehen

Die Nachdichtungen, die bei VERSschmuggel entstanden sind, basieren allerdings auf einer wörtlichen Übertragung. In diesem Rohtext werden an den entsprechenden Stellen mögliche Synonyme oder Hinweise auf die Deutung ergänzt. So ein Dokument heißt dann Interlinearübersetzung:

„Bei einer Interlinear-Übersetzung liefert man sehr viel Material für den Empfänger.“

„Bei einer Interlinear-Übersetzung liefert man sehr viel Material für den Empfänger. Es gilt, alle Querverweise einzufangen, alle Bedeutungsnuancen der Wörter, alle eventuellen Anspielungen zu entdecken. Das ist sehr verantwortungsvoll und anders, als Poesie zu übersetzen. Da geht es natürlich um Klang, Form, Rhythmus und Sprache. Eine Interlinear-Übersetzung hingegen ist ein Haufen von Zeichen, Anmerkungen, Spiegelstrichen und Varianten, der dann die Empfängerin überfällt“, erklärt Mirko Kraetsch.

Mirko Kraetsch und Birgit Kreipe (Foto: Jana Burczyk)Mirko Kraetsch und Birgit Kreipe (Foto: Jana Burczyk) Für ihn war die gemeinsame Arbeit in der Gruppe eine besondere Erfahrung:

„Übersetzen ist eine einsame Arbeit. Daher ist es immer schön, wenn man sich trifft und etwas zusammen macht. Das geht den Dichterinnen genauso. Denn auch Gedichte zu schreiben ist eine einsame Arbeit. Es war ein tolles Erlebnis, dass man gemeinsam an Gedichten arbeitet. Und das auch noch über mehrere Sprachen hinweg. Sowas ist äußerst ungewöhnlich.“

Mit dem Projekt soll der interkulturelle Austausch zwischen den Nachbarländern gefördert werden. Das ist gelungen. Dafür sind Birgit Kreipe und Božena Správcová der Beweis:

„Das Spannendste war, zu verstehen, welche Poetik Božena Správcová benutzt. Das war auf Anhieb nicht zu sehen. Und das besser zu verstehen und mich da hinein vertiefen zu können, hat mir großen Spaß gemacht“, erinnert sich Kreipe.

Illustrationsfoto: Lolame, Pixabay / CC0Illustrationsfoto: Lolame, Pixabay / CC0 Správcová stimmt ihrer Kollegin zu. Sie hat vor allem eines aus der zweisprachigen Zusammenarbeit mitgenommen:

„Am Spannendsten war, zu verstehen, worum es geht und in der eigenen Sprache die adäquaten Ausdrücke zu finden, die den Klang und den Rhythmus wiedergeben. Durch das Projekt habe ich begonnen, das Tschechische mehr zu schätzen. Denn es ist eine sehr elegante und flexible Sprache. Und im Vergleich zum Deutschen auch deutlich wortsparender. Das Deutsche ist zwar sehr genau, aber auch schwerfällig. Es wird in Blöcken verabreicht. Auf der anderen Seite ist es manchmal auch gut, etwas mehr Genauigkeit ins Tschechische zu bringen. Das hat mich die Zusammenarbeit mit Birgit und Mirko ebenfalls gelehrt. Ich denke, das wird mir in den folgenden Jahren zugutekommen.“

Die Qual der Wahl

Jonáš Hájek (Foto: Ondřej Lipár, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Jonáš Hájek (Foto: Ondřej Lipár, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Die Zusammenarbeit ging ohnehin über das Treffen in Berlin hinaus, wie Birgit Kreipe erzählt.

„Das Treffen in Berlin war dazu da, die wichtigsten Fragen zu besprechen. Und die Feinarbeit hat dann jeder für sich gemacht. Es hat lange gedauert, bis wir fertig wurden. Ich habe dabei viel über Mirko Kraetsch kommuniziert. Wir brauchten den Sprachmittler wirklich, weil Englisch als Verständigungssprache nicht ausgereicht hat.“

Doch nicht nur die Übertragung der Gedichte war Detailarbeit. Jonáš Hájek ist einer der drei Herausgeber der deutsch-tschechischen Anthologie und Kurator des Projekts. Hauptsächlich er hat die tschechischen Lyriker ausgewählt. Dabei versuchte Hájek, eine möglichst gemischte Gruppe zusammenzustellen. Das betraf neben dem Schreibstil auch Alter und Geschlecht. Im Haus für Poesie in Berlin hat man anschließend überlegt, welche deutschen Dichter am besten zu den tschechischen Poeten passen könnten. Ähnliche Interessen oder gesellschaftliche und politische Ansichten spielten bei der Auswahl auch eine Rolle. All diese Aspekte würden es den Teampartnern erleichtern, schnell eine gemeinsame Ebene zu finden, erklärt Juliane Otto. Sie hat den tschechisch-deutschen Workshop organisiert.

Ein Projekt mit Tradition

Übersetzungswerkstatt VERSschmuggel (Foto: YouTube Kanal des Hauses für Poesie)Übersetzungswerkstatt VERSschmuggel (Foto: YouTube Kanal des Hauses für Poesie) Die Übersetzungswerkstatt VERSschmuggel existiert bereits seit 2002. Im Rahmen der Veranstaltung sind zweisprachige Anthologien mit Poesie aus Deutschland und 15 weiteren Ländern entstanden. Darunter Litauen, Frankreich und der Iran. Jetzt widmet sich das Projekt auch den Dichtungen der tschechischen Nachbarn. Mitherausgeber Thomas Wohlfahrt erklärt, warum:

„Konkret hat das damit zu tun, dass Tschechien Gastland auf der Leipziger Buchmesse war. Aber den VERSschmuggel als Methode haben wir entwickelt, weil es immer schwierig ist, ein Gedicht in eine andere Sprache zu übertragen. Dafür gibt es verschiedene Methoden. VERSschmuggel ermöglicht es allerdings, dass sich Dichter gegenseitig übersetzen.“

Thomas Wohlfahrt (Foto: Archiv des Hauses für Poesie)Thomas Wohlfahrt (Foto: Archiv des Hauses für Poesie) Neben der Buchmesse gibt es noch einen anderen Grund für die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit. Der wird in den Autoren-Essays in der Anthologie deutlich, erzählt Thomas Wohlfahrt:

„Wenn man die Essays liest, wird man feststellen: Alle waren damit konfrontiert, dass sie sich gegenseitig eigentlich nicht kennen – obwohl Deutschland und Tschechien Nachbarn sind. Das hat damit zu tun, dass kaum übersetzt worden ist. Dem gegenzuarbeiten war Ausgangspunkt für die Anthologie. Hoffentlich bleibt es nicht bei dieser einmaligen Begegnung. Da liegt es jetzt an beiden Seiten, den kulturellen Austausch zu erhalten.“

In der Anthologie tauchen neben den Fotos und Essays der Dichter auch erstmalig die niedergeschriebenen Erfahrungen der Übersetzer auf. Für Wohlfahrt eine wichtige Neuerung, denn den Sprachmittlern kam bei VERSschmuggel eine bedeutende Rolle zu.

Außerdem finden Leser QR-Codes neben den Autorenbildern. Die schwarz-weißen Zeichen können mit dem Smartphone gescannt werden. Hinter ihnen verbergen sich Tonaufnahmen der einzelnen Dichter. So erhalten Leser ein noch intimeres Verständnis ausgewählter Werke. Auf der Internetseite von Lyrikline (www.lyrikline.org/de/startseite) stehen außerdem weitere Aufnahmen der Wortkünstler zur Verfügung. So auch „der himmel ist ein blauer hund“ von Birgit Kreipe:

der himmel ist ein blauer hund

asche ist das größte gespenst: massa confusa, pure demenz. siehst gerade noch schemen zum hafen rennen, obwohl da kein hafen mehr ist. alle stürzen gleichzeitig los. alle stürzen gleichzeitig hin. die hunde bellen den kaiser an. weil der kaiser niemals kommt. der arme tempel, und die armen wände. myriaden teilchen, worte geistern durch fresken. gesträubtes blau, mit pfoten aus licht, einem maul aus beeren und erde, bewacht die nervöse villa. der mond der mond geht im portikus auf säulen aus widerschein/licht. teleskopohren richten sich auf: du rumpelst in einem milchwagen. deute dieses verströmen.

 

Wer es vorzieht, den Künstlern persönlich zuzuhören, hat in Tschechien am 26. April Gelegenheit dazu. Die Lesung findet ab 18 Uhr statt – und zwar im Gemeinschaftszentrum Žižkostel am Platz Náměstí Barikád 1 als Teil des Prague Microfestivals. Nach Deutschland kommt VERSschmuggel erst wieder am 23. Mai. Gastgeber ist die Stadtbibliothek Bremen. Es geht los um 19 Uhr. Weitere Termine können Sie im Internet auf der Seite www.prekladiste-versschmuggel.cz nachlesen.

06-04-2019

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