Transformation der Geometrie

Bedeutende Werke der geometrischen Abstraktion und der ihr nahestehenden Kunstrichtungen werden derzeit in Prag gezeigt. Es ist eine Ausstellung in der Prager Stadtbibliothek. Die Werke stammen aus zwei Privatsammlungen: von Siegfried Grauwinkel aus Berlin und vom tschechischen Kunstsammler Miroslav Velfl. An der Eröffnung der Schau nahm mit Manfred Mohr auch einer der ausstellenden Künstler teil.

Ausstellung „Transformation der Geometrie“ (Foto: Martina Schneibergová)Ausstellung „Transformation der Geometrie“ (Foto: Martina Schneibergová) Die Ausstellung vermittelt den Kuratorinnen zufolge einen Dialog von zwei Kunstsammlerstrategien im Rahmen desselben Themas. Siegfried Grauwinkel aus Berlin trägt seit 30 Jahren entsprechende Kunstwerke zusammen. Nach den ersten 15 Jahren spezialisierte er sich auf konkrete Kunst und geometrische Formen allgemein. Es entstand die „Sammlung konkret“. Diese setzt sich zusammen aus Arbeiten aus den Bereichen Minimalismus, Konkret, Konstruktivismus und Konzeptkunst sowie den Werken der Gruppe Zero. Der tschechische Kunstsammler Miroslav Velfl konzentriert sich in den vergangenen Jahren besonders auf konstruktivistische Tendenzen in der Kunst von den 1960er Jahren bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Eine der Kuratorinnen der Ausstellung ist Ljuba Beránková von der Prager Stadtgalerie. Die Schau sei in vier miteinander verbundene Gruppen von Kunstwerken aus den beiden Sammlungen gegliedert, sagte sie:

Ljuba Beránková (Foto: Martina Schneibergová)Ljuba Beránková (Foto: Martina Schneibergová) „Zur ersten Gruppe gehören Werke, die eine mathematische Rationalisierung ästhetischer Konzepte sind. In einem weiteren Ausstellungsraum haben wir Künstler, die strukturelle ästhetische Strategien verfolgen. Im dritten Saal stehen im Fokus die Farbe in der Malerei und die fundamentale Malerei. Und schließlich wird der Weg von der rationalen Methode zum konzeptuellen Denken in der Kunst gezeigt.“

In der Stadtbibliothek sind unter anderem Werke von Max Bill, Günther Uecker, Kenneth Martin, Manfred Mohr und François Morellet zu sehen. Von den tschechischen Künstlern sind in der Schau beispielsweise Jiří Kolář, Zdeněk Sýkora, Karel Malich, František Kyncl, Hugo Demartini und Milan Grygar vertreten.

Der deutsche Künstler Manfred Mohr kam aus den USA zur Vernissage nach Prag. In der Ausstellung werden mehrere seiner Werke gezeigt. Vor der Eröffnung der Ausstellung entstand das folgende Interview mit dem Künstler:

Günther Uecker: Feld 05 (Foto: Martina Schneibergová)Günther Uecker: Feld 05 (Foto: Martina Schneibergová)

Manfred Mohr (Foto: Martina Schneibergová)Manfred Mohr (Foto: Martina Schneibergová) Herr Mohr, wie haben Sie als Künstler angefangen?

„Ich war Saxophonist und habe Jazz gespielt. Erst langsam kam ich auf die Malerei. Meine Überlegung war, dass man als 80-jähriger Musiker nicht mehr spielen kann. Aber man kann noch zeichnen. Und ich habe mich langsam der graphischen Welt zugewandt, die ich als visuelle Musik empfinde. Wenn Sie meine Arbeiten anschauen, haben sie immer einen swingenden Aspekt. Das heißt, Musik ist immer prävalent, sie ist immer sehr wichtig für mich.“

In der Ausstellung sind Werke von Ihnen aus verschiedenen Zeiten zu sehen. Eines davon stammt aus den 1960er Jahren, ein anderes ist nur ein paar Jahre alt. Wie sind die Werke entstanden?

„Ich komme von der Musik. Für mich war Anton Webern ganz wichtig, er hat die Pause erfunden. Und ich wollte abstrakte Zeichen setzen, bei denen der Raum zur Musik wird. Die Zeichen spielen alle miteinander. Aber das war emotional, nicht logisch. Deswegen habe ich versucht, mit Geometrie etwas Logik hineinzubringen, was natürlich falsch war. So sah das Zwischenstadium aus zwischen der Welt, die ich verlassen habe, und der anderen Welt, die ich noch nicht kannte.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Das war der Übergang von der emotionalen Kunst zur konstruierten Kunst. Oder wie würden Sie das bezeichnen?

„Ja, konstruiert im Sinne einer Logik. Das heißt, dass ich einen Algorithmus erfinde, der etwas tut. Und das Tun wird visuell. Der Witz dabei ist, dass die Logik an sich nicht visuell ist; sondern eins plus eins plus eins, aber man kann das visuell darstellen. So entstand meine Kunst in den Pionierzeiten des Computers. Das war Schreiben wie in einer musikalischen Schrift. Obwohl: In der Musik kann man ja nicht rückwärts spielen. Aber hier konnte ich auch etwas zurückgehen und wieder nach vorne. So habe ich eine Logik erfunden, die bestimmte Zeichen machen kann: horizontal, vertikal, zickzack und so weiter. Dann habe ich ein Programm geschrieben, in dem diese Zeilen per Zufallsprinzip ausgesucht werden. Letztlich entstand daraus Kunst, was für mich genauso überraschend war wie für jeden, der es anschaut.“

Es ist interessant zu hören, dass Sie als Künstler auch überrascht waren…

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Ich weiß ja nicht, was passiert. Ich weiß nur, was logisch passieren darf. Und das ist nicht immer gut. Manchmal geht es daneben, das ist ganz normal. Aber wenn’s gut wird, dann sieht man: Aha, hier kommt die Logik richtig raus.“

Sie haben eine Zeitlang nur schwarz-weiß gemalt. Warum haben Sie dann begonnen, Farbe zu nutzen?

„Ich habe 35 Jahre lang nur schwarz-weiß gearbeitet. Um das Jahr 2000 stand ich mit dem Rücken gegen die Wand. Ich wusste nicht mehr weiter. Denn ich wurde minimal in meiner Aussage: Fünf Linien aus einem Hyperwürfel, zum Beispiel. Kein Mensch sieht, dass das kompliziert ist. Und um diese Komplexität darzustellen, habe ich mir überlegt, was ich machen kann? Mir kam dann die Idee, dass ich die Räume, in denen das passiert, einfach zufällig farbig mache. Das habe ich gemacht und dann wurde es plötzlich visuell sichtbar, dass da eine Komplexität drinnen steckt. Und deshalb wurden meine Werke farbig. Die Farben sind in meinem Fall nicht Malerei, es sind einfach Elemente zur Differenzierung. Die Farbe ist ein Element der Konstruktion.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Sie gelten auch als Vorkämpfer der digitalen Kunst. Wann haben Sie angefangen, mit Computern zu arbeiten?

„1968 habe ich angefangen, programmieren zu lernen. Mir war klar: Wenn ich mit Computern arbeiten will, muss ich auch die Sprache sprechen. Damals habe ich in Paris gelebt und bekam am Meteorologischen Institut Zugang zu einem riesengroßen Computer. Dort durfte ich nachts arbeiten, das habe ich elf Jahre lang gemacht. In den 1960er und 1970er Jahren war es noch unmöglich, einen eigenen PC zu haben. Erst 1981 in New York habe ich mir einen eigenen gekauft. Damals habe ich etwa 15.000 Dollar gezahlt und hatte mein eigenes Computerzentrum. Das ist heute ja lächerlich.“

„Artificiata“ (Foto: Martina Schneibergová)„Artificiata“ (Foto: Martina Schneibergová) Wie ist das Digitalwerk „Artificiata“ entstanden? Verändert sich das ständig?

„Ja, das verändert sich ständig und wechselt auch alle paar Sekunden die Dimension. Im Grunde ist es eine Zickzacklinie. Es ist eine Diagonale durch einen Hyperwürfel. Und der Hyperwürfel dreht sich im abstrakten Raum. Da der aber zerlegt ist - Zick hier, Zack da -, habe ich die Teile konserviert. Und jede Linie ist an einer Horizontale festgemacht, wie in der Musik. Wenn sich der Würfel dann dreht, verzerrt sich das im Raum. Das geht aber immer weiter und behält den logischen Inhalt.“

Es erinnert auch an Noten, nicht wahr?

„Genau. Ich sage ja, ich mache visuelle Musik. Aber ich will nie Musik dabei haben. Denn alle meine beweglichen Arbeiten sind immer stumm. Ich möchte nur einen Dialog mit der Arbeit haben.“

Die Ausstellung trägt den Titel „Transformation der Geometrie“. Sie ist in der Prager Stadtbibliothek noch bis 31. März kommenden Jahres zu sehen. Die Öffnungszeiten sind täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr und am Donnerstag bis 20 Uhr.

Sie haben gesagt, dass Sie sich hier wohl fühlen. Kennen Sie persönlich die Künstler, deren Werke hier zu sehen sind?

„Ja, ich kenne die meisten der Künstler. Manche sind schon tot wie François Morellet. Er war auch einer jener, die nie verstanden haben, warum ich einen Computer benutze. Es ist eine andere Mentalität, mit Qualität hat das nichts zu tun. Jeder macht etwas anderes.“