Tradition aus Papier – Zákupy und seine Faschingsmasken

25-02-2017

Ob Sensenmann, Stute oder Bär – wer zum Fasching geht, will etwas darstellen. Du dazu gehören auch Masken. In Tschechien begegnet man bei vielen Fastnachtsumzügen in diesen Tagen den Larven aus Zákupy / Reichstadt. In der nordböhmischen Kleinstadt werden sie seit mehr als 130 Jahren auf traditionelle Art hergestellt.

Papierkopf von Kaiser Franz Josef I. (Foto: Markéta Kachlíková)Papierkopf von Kaiser Franz Josef I. (Foto: Markéta Kachlíková) Das Faschingsfest in Roztoky bei Prag hat an diesem Samstag einen hochrangigen Gast: Kaiser Franz Josef I. persönlich nimmt am Karnevalreigen teil. Sein Kopf lag noch vor drei Tagen auf dem Tisch einer Papiermanufaktur in Zákupy in Nordböhmen. Zdena Hájková arbeitete in dem Moment an dem Kopf, als ich eine Fertigungshalle im hinteren Fabriktrakt betrete.

„Ich bemale gerade den Kopf von Kaiser Franz Josef I. Ich habe ein Foto als Vorbild, aber wie die Maske genau aussieht, denke ich mir selbst aus. Oder der Kunde schlägt etwas vor. Für den Kopf nehme ich Papierblätter, lege sie in drei Schichten in eine Form, und nachdem sie getrocknet sind, nehme ich sie heraus. Aus der Form entsteht die Grundform der Köpfe, die ich dann dekoriere und variiere. Gerade habe ich zum Beispiel den Backenbart angeklebt.“

Zdena Hájková (Foto: Markéta Kachlíková)Zdena Hájková (Foto: Markéta Kachlíková) Zdena Hájková arbeitet in einem kleinen Familienunternehmen. Laut Firmenbesitzer Zdeněk Rydygr handelt es sich um die einzige Firma in Europa, die das gesamte Karnevalsortiment auf traditionelle Weise aus Papier produziert. Zu diesem Sortiment gehören Lampions, Konfetti, Kopfbedeckungen, aber vor allem Masken und Larven. Dabei wird an die örtliche Tradition angeknüpft:

„Die Masken werden seit über einhundert Jahren in unveränderter Form hergestellt. Dabei werden Papierblätter, die zuvor in Stärkekleber getränkt wurden, in Gipsformen gepresst. Bei den Larven macht man zwei Schichten. Bei den großen Aufsetzköpfen braucht man zwei- bis sechsteilige Formen und drei bis fünf Papierschichten. Die Herstellung einer komplizierten Maske einschließlich nötiger Pausen zum Trocknen dauert bis zu einer Woche.“

Papierwarenherstellung in Zákupy wurde 1884 von Eduard Held begründet (Foto: Markéta Kachlíková)Papierwarenherstellung in Zákupy wurde 1884 von Eduard Held begründet (Foto: Markéta Kachlíková) Die Papierwarenherstellung wurde 1884 von Eduard Held begründet – also einem der damaligen deutschen Einwohner von Zákupy, damals Reichstadt:

„Held kehrte im Alter von 18 Jahren aus Brandýs nad Labem zurück – dort hatte er Tschechisch gelernt und eine Lehre zum Handelsgehilfen gemacht. Er ging hier mit einer Karre von Haus zu Haus und sammelte altes Papier und Stofffetzen ein. In einer Papierfabrik in Mimoň erhielt er dafür als Gegenwert neues Papier. Daraus wurden zunächst Papierbeutel geklebt. Später fertigte er dekorierte Patenbriefe, die Kinder bei der Taufe erhielten, sowie Kirchenbilder. Er sammelte dann Erfahrungen in Deutschland und erweiterte seine Produktion um Weihnachtsartikel, Lampions und weitere Waren. 1907 hatte seine Firma Vertretungen in fünf Großstädten Europas, unter anderem in Hamburg, Zürich und Wien.“

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková In der Zwischenkriegszeit beschäftigte Held bis zu 360 Menschen. 40 Mitarbeiter arbeiteten in einer Fabrik, die er erbauen ließ, weitere produzierten ihre Erzeugnisse zu Hause. Heute sind zehn Menschen in der Manufaktur angestellt, weitere springen gelegentlich für Kurzarbeiten ein. Der Schatz der Firma sind die zahlreichen Formen, die bis heute für die Herstellung der Masken gebraucht werden. Manche sind über einhundert Jahre alt:

„Die Formen sind aus Gips. Das war damals das billigste Material. Sogar die großen Köpfe wurden damals daraus gemacht und mit Drahten versteift. Für die Gesichtslarven stehen uns etwa 2500 Formen zur Verfügung. Schlechter sieht es bei den Köpfen aus: Von 80 Formen sind nur noch etwa 30 erhalten geblieben, die übrigen wurden leider 1979 auf die Müllkippe hinausgefahren.“

Die Karnevalmasken stellen etwa ein Drittel der Gesamtproduktion in Zákupy dar. Das Unternehmen hat aber auch andere Aufträge, zum Beispiel Werbeartikel und Filmdekorationen:

„Vor zwei Jahren wurde in Tschechien der deutsche TV-Film ‚Die Himmelsleiter‘ gedreht. Die Geschichte spielt im Jahr 1947, es ist eine Lovestory im durch Bomben zerstörten Köln. Im Film gibt es eine große Szene des Kölner Karnevals, und für sie haben wir die Ausstattung geliefert.“

Masken (Foto: Markéta Kachlíková)Masken (Foto: Markéta Kachlíková) Die Masken werden in Zákupy nicht nur her-, sondern auch ausgestellt. In einem Teil des Fabrikgebäudes ist ein kleines Museum untergebracht. Außerdem sind die Produkte der Papierfabrik aktuell auch im Museum des Böhmischen Paradieses in Turnov / Turnau zu sehen. Lenka Tulačková arbeitet im Museum.

„Die Tradition der Maskenfeste ist recht lang. Bereits die alten Römer haben sich bei Feiern verkleidet, und zwar bei den sogenannten Bacchanalien, also dem Fest des Weingottes Bacchus. Und im Mittelalter hat der Adel an seinen Herrschaftssitzen ebenfalls Feste veranstaltet, zu denen sich die Teilnehmer verkleidet haben. So hat sich langsam eine Tradition entwickelt.“

Der Bacchus war übrigens früher auch eine der typischen Figuren bei den Faschingsumzügen hierzulande. Diese Figuren trugen häufig symbolische Bedeutungen. Viele waren eine Anspielung auf Fruchtbarkeit und Ernte. Dies gilt etwa für die Stute oder den Strohmann. Lenka Tulačková nennt weitere:

Bär Maske (Foto: Markéta Kachlíková)Bär Maske (Foto: Markéta Kachlíková) „Der Bär war eine der ältesten und traditionsreichsten Faschingsmasken. Wenn der Umzug in ein Haus kam, musste der Bär mit allen Frauen tanzen – man versprach sich davon eine gute Ernte und Fruchtbarkeit. Als erster im Umzug ging der Läufer – er pochte an die Tür und verhandelte mit dem Gutsherrn, ob dieser öffnet und den Umzug bewirtet. Auch die Figur eines Juden gehörte immer zum Umzug – sie verkörperte die negativen Eigenschaften. Der Jude trug einen Sack und stahl im Haus hier und da Sachen, mit denen er später mit anderen Umzugsteilnehmern Geschäfte machte. Und auch Soldaten waren oft dabei, weil der Krieg ein üblicher Bestandteil des Lebens damals war.“

Am Ende des Umzugs war der Sensenmann:

„Mit dem Fasching endet der Winter, die Bauern bereiten sich auf den Frühling vor. Der Sensenmann ging als letzter im Umzug und symbolisierte das Ende des Winters, aber auch das Ende der Freude. Denn mit dem Aschermittwoch begannen vierzig Tage Fastenzeit. Zum Umzug gehörten zudem bestimmte Zeremonien: Mancherorts wurde der Bacchus bestattet, anderswo die Stute. In der Regel aber endete eine der Masken auf dem Schafott.“

Zdeněk Rydygr (Foto: Markéta Kachlíková)Zdeněk Rydygr (Foto: Markéta Kachlíková) Das Museum in Turnov setzt sich dafür ein, dass die besondere Art der Maskenherstellung in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wird. Lenka Tuláčková:

„Das bedeutet vor allem viel Bürokratie. Man muss belegen, ob der Gründer der Tradition am Leben ist oder nicht mehr, ob er mit der Eintragung einverstanden ist – das war in diesem Fall selbstverständlich nicht nötig. Man beschreibt die Herstellungstechnik, dokumentiert sie mit Fotos oder auch einem Film.“

Der Firmenbesitzer Zdeněk Rydygr ist entschlossen, die Tradition zu bewahren und weiter gegen chinesische Billigware aus Plastik zu kämpfen. Ihm zufolge ist in den vergangenen Jahren das Interesse an Faschingsumzügen und Karnevalveranstaltungen hierzulande gewachsen. Zwar gehe es nicht steil hinauf, aber kontinuierlich, sagt Rydygr:

„Wir haben vor einigen Jahren ein Set von etwa 30 Köpfen für die Stadt Chomutov gefertigt. Dort ist die Faschingstradition wiederbelebt worden. Unsere häufigsten Kunden sind aber Vereine, sie bestellen etwa zwei Köpfe pro Jahr. Und auch viele Gemeinden und Städte kaufen bei uns Masken für ihre Faschingsfeste.“

Das Eduard-Held-Museum am Stadtring in Zákupy ist unter der Woche geöffnet. Führungen für Einzelpersonen finden um 11 Uhr und 13 Uhr statt. Gruppen ab fünf Personen sind an den Arbeitstagen von 8 bis 15 Uhr willkommen, an Wochenend- und Feiertagen nur nach vorheriger Terminvereinbarung. Die Ausstellung im Museum in Turnov ist täglich außer montags von 9 bis 16 Uhr zu sehen, sie läuft noch bis 12. März.

25-02-2017