Stýkání, nebo potýkání? Václav Petrbok zur Literatur in den böhmischen Ländern nach der Schlacht am Weißen Berg

Im November 1620 verloren die böhmischen Stände unter der Führung von König Friedrich V. die Schlacht am Weißen Berg gegen die Truppen der katholischen Liga. Es folgte die Rekatholisierung des Landes und mit ihr ging auch die tschechische Schriftsprache verloren. Václav Petrbok ist Bohemist und hat die Entwicklung der Literatur in den Böhmischen Ländern zwischen dieser Schlacht und den Napoleonischen Kriegen untersucht. Sein Buch erschien 2012, im Januar hat er es im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren vorgestellt. Ein Grund, ihn vor das Mikrofon von Radio Prag zu bitten.

Václav Petrbok (Foto: YouTube)Václav Petrbok (Foto: YouTube) Herr Petrbok, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben. Sie haben ein Buch über die deutsch-österreichisch-tschechischen Literaturbeziehungen geschrieben. Und zwar zischen der Schlacht am Weißen Berg und den Napoleonischen Kriegen, also zwischen 1620 und 1806,1807 oder 1815. Warum haben sie diesen Zeitraum ausgesucht?

„Diese Zeit wird in der tschechischen Geschichtsschreibung und Literatur ein bisschen stiefmütterlich behandelt. In der tschechischen Kulturtradition und in den tschechischen Geisteswissenschaften wurde diese Zeit als die Zeit der Finsternis bezeichnet und natürlich die letzte Etappe als die Zeit der nationalen Erneuerung. Da die Themen meiner Forschung die deutsch-österreichisch-tschechischen Literatur- oder Kulturbeziehungen sind, ist das auch so zu sagen die Kernfrage der tschechischen Geisteswissenschaften. In dieser Zeit, das heißt in der frühen Neuzeit und in der Erneuerung, bilden sich Grundlagen für die heutige Literaturbetrachtung und natürlich auch für das gesamte Bild der tschechischen Beziehungen mit der deutschsprachigen Umwelt“.

Ich dachte immer, es wurde damals nur auf Deutsch geschrieben, worin unterscheidet sich also deutsche, österreichische und tschechische Literatur, wenn sie auf Deutsch geschrieben wurde? Oder wird sie doch in anderen Sprachen verfasst? Schreiben die Tschechen schon tschechisch?

„In dieser Zeit wurde natürlich in den Böhmischen Ländern nicht nur deutsch geschrieben sondern vor allem Latein - Latein war die übernationale Sprache. Aber es wurde auch viel den so genannten vernakulären Sprachen, das heißt auf deutsch und auf tschechisch, geschrieben. Die Beziehungen zwischen der deutsprachigen und der tschechischsprachigen Literatur und natürlich zwischen den lateinischen Schriften waren etwas komplexer. Es lässt sich feststellen, dass wir in diesem Fall nicht nur über die Stereotypen in der tschechischen Geisteswissenschaft sprechen, sondern auch über die etwas unterschätzte Bewertung der konfessionell katholischen deutschsprachigen Schrifttum in Süddeutschland“.

Sie haben jetzt schon mehrmals die Zeit der Finsternis erwähnt. Was genau ist damit gemeint?

„Das ist der Titel eines Romans von einem der bekanntesten tschechischen Schriftsteller, Alois Jirásek. Alois Jirásek hat unsere Meinung über diese Zeit geprägt. „Temno“, Finsternis: das bedeutet, dass die tschechische Kultur und Literatur schläft und deshalb erneuert oder erweckt werden muss. Bei dieser Gelegenheit muss man auch sagen, dass Jirásek keinesfalls so scharf die Konturen skizziert hatte, es waren eher seine spätere Interpreten. Bei dieser Gelegenheit kamen auch viele antideutsche und antikatholische Ressentiments zum Vorschein.“

Stýkání, nebo potýkání? – das ist der Titel ihres Buchs. Es lässt sich übersetzten als Berührung oder Kampf. Wie würden Sie es übersetzen? Wie würden Sie es ins Deutsche übertragen und was war der Grund für diesen Titel? Warum haben Sie ihn gewählt?

Foto: Triáda VerlagFoto: Triáda Verlag „Der Titel des Buches ist nicht einfach zu übersetzen. Es ist ein Zitat aus dem bekannten Vorwort des tschechischen Historikers František Palacký. Er hat in seinem Buch „Dějiny národu českého v Čechách a v Moravě“, also in der tschechischen Version, die Hauptlinie der tschechischen Geschichte, dieses stýkání a potýkání, vorgelegt“.

„Berührungen oder Streit, Berührungen und Auseinandersetzungen: meiner Meinung nach ist der Begriff passend, weil er diese gegenseitigen Berührungen, Missverständnisse und Verpflichtungen darstellt. Es waren nicht nur Berührungen, sondern auch gemeinsame Motive, gemeinsame Stoffe und gemeinsame Gattungen, die in beiden Landessprachen damals häufig benutzt wurden. Es gab natürlich, besonders bei Themen der tschechischsprachigen Schriftsteller, viele Ansatzpunkte, die sich polemisch mit der Hegemonie der deutschsprachigen Kultur auseinandersetzen. Das war besonders im 18. Jahrhundert der Fall, als die neue tschechischsprachige Kultur und Literatur allmählich ihre Anfänge fanden“.

Illustrationsfoto: notoryczna, Stock.xchngIllustrationsfoto: notoryczna, Stock.xchng Was genau waren damals die Themen? Was haben die Autoren geschrieben?

„Die Literatur war konfessionell geprägt, also die katholische Literatur. Keinesfalls aber gab es nur Literatur mit der Thematik der geistlichen Erbauung. Es gab auch viele historische Werke, und auch viele Werke für den profanen Leser. Die Gattungen waren zahlreich, auf jeden Fall zahlreicher, als man heute erwartet“.

Was genau ist denn die geistliche Literatur? Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Foto: smarnad, FreeDigitalPhotos.netFoto: smarnad, FreeDigitalPhotos.net „Die Literatur bestand entweder aus Predigten, aber auch aus vielen Erbauungsbüchern, die geistliche Themen vorgestellt haben. Es gab aber auch geistliche Literatur, die zur privaten Andacht gedacht waren. Das waren Gebetsbücher, es gab viele Sammlungen von geistlichen Liedern und es gab auch Predigten, die unsere heutige Vorstellung von einer Predigt völlig verändern. In mancherlei Hinsicht näherte sich nämlich die damalige Predigt der heutigen Prosa, also der Belletristik. Es wurden also viele profane Themen in den Predigten angesprochen. Allem Anschein nach ist das Thema der Predigt von der Wissenschaft noch immer nicht ausreichend bearbeitet. Der Priester musste sein Publikum ja maßgeblich beeinflussen und er benutze dabei viele Finessen, viele Motiven, viele Sachen, die die Wirkung verstärken konnten“.

Wer hat das denn gelesen? Es ist doch nicht mehr so, dass nur die Adligen und die Geistlichen gelesen haben. Es werden schon breitere Schichten gewesen sein. Aber wer genau liest damals?

„Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Auf jeden Fall lässt sich voraussetzen, dass die Geistlichen und die Adligen gelesen haben. In den Böhmischen Ländern treffen wir aber in jener Zeit auf ein relativ hohes Maß von Menschen, die fähig waren, die Literatur nicht nur zu lesen, sondern auch entsprechend zu interpretieren. Die jüngsten Forschungen zeigen, dass relativ viele Leute damals fähig waren zu lesen, und wir sind ja auch immer noch in der Zeit, wo die Literatur nicht nur gelesen wurde, sonder auch gehört wurde. Sie wurde einfach vorgelesen, und konnte deshalb weiter wirken“.

Was ist das Ergebnis ihrer Studie? Haben sich die drei Nationen oder Sprachen berührt, befruchtet…?

„Eigentlich bin ich zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Meiner Meinung nach lässt sich wirklich feststellen, und Palacký war wahrscheinlich der gleichen Meinung: es war Befruchtung, also Berührung, aber es gab auch Konfliktzonen. In diesem Zusammenhang passt vielleicht ein Zitat des tschechischen Historikers Jaroslav Gol: „Germanizace částečná zabránila germanizaci uplné“. Auf Deutsch bedeutet es etwa: Die teilweise durchgeführte Germanisierung verhinderte die absolute Germanisierung. Also auch aus diesen Konfliktzonen zwischen den tschechischsprachigen und deutschsprachigen Schriften konnte sich die tschechische Literatur irgendwie entwickeln. Sie hat diesen Konflikt besonders in der Auswahl der patriotischen Themen zu ihren Gunsten genutzt“.