Neues Buch über Marie von Ebner-Eschenbach und Zdislavice

Sie war die erste Frau, der die Wiener Universität einen Ehrendoktortitel verliehen hat. 1911 wurde sie für den Nobelpreis für Literatur nominiert. Die mährische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) ist trotzdem heutzutage in Tschechien nur wenig bekannt, obwohl mehrere ihrer Werke schon vor Jahren ins Tschechische übersetzt wurden. Das Mährische Landesmuseum hat im vergangenen Jahr einen neuen Band über die Literatin herausgegeben.

Marie von Ebner-EschenbachMarie von Ebner-Eschenbach Marie von Ebner-Eschenbach, geborene Dubský aus Třebomyslice / Trzebomislitz gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie stammte aus dem mährischen Zdislavice / Zdisslawitz. Das dortige Schloss, das der böhmischen Adelsfamilie Dubský gehörte, besuchte sie oft, obwohl sie später in Wien lebte. Eleonora Jeřábková ist Historikerin und Germanistin und leitet die Abteilung für Literaturgeschichte im Mährischen Landesmuseum in Brno / Brünn. Sie hat sich an der Herausgabe des neuen Buchs über Marie von Ebner-Eschenbach und das Schloss Zdislavice beteiligt. Anlässlich der Präsentation des Buchs entstand das folgende Interview:

Frau Jeřábková, was war der Beweggrund für die Entstehung dieses Buchs über Marie von Ebner-Eschenbach?

Eleonora Jeřábková (Foto: Martina Schneibergová)Eleonora Jeřábková (Foto: Martina Schneibergová) „Ich befasse mich schon seit vielen Jahren mit ihrem Werk und ihren Freundschaften und den Künstlerkreisen, in denen sie sich bewegt hat. Als mich der Direktor des Mährischen Landesmuseums, Martin Reissner, ansprach, sind wir erstmals nach Zdislavice gefahren. Dort haben wir erschrocken gesehen, wie stark das dortige Schloss beschädigt ist. Wir haben uns dann gesagt, dass wir etwas tun müssen, denn das Jahr 2016, in dem 100 Jahre seit dem Tod der Schriftstellerin vergehen werden, nähert sich. Ich habe dann einen kürzeren Text über Ebner-Eschenbachs Leben und Werk so geschrieben, dass er für jeden verständlich ist.“

Marie von Ebner-Eschenbach (Foto: Free Domain)Marie von Ebner-Eschenbach (Foto: Free Domain) Wie lässt sich erklären, dass im allgemeinen Literaturunterricht an den tschechischen Schulen fast nichts über Marie von Ebner-Eschenbach gesagt wird?

„Vielleicht sage ich es allzu offen: Sie war eine Adelige, und unter dem kommunistischen Regime – von 1948 bis 1989 – war es fast unmöglich, etwas über sie in den Schulen zu sagen.“

Aber dies könnte sich jetzt ändern, oder?

„Ja schon, das könnte sich jetzt ändern, aber das Problem besteht darin, dass jene Lehrerinnen und Lehrer, die mittlerweile an den Schulen unterrichten, nichts mehr über sie gehört haben. Es ist notwendig, über Marie von Ebner-Eschenbach mehr zu schreiben, die Informationen an die Schulen zu leiten. Das möchten wir auch machen. Wir denken an eine Reihe neuer Übersetzungen ins Tschechische. Unser Ziel ist, dass von Ebner-Eschenbach wieder gelesen wird.“

Božena NěmcováBožena Němcová Kann man Marie von Ebner-Eschenbach mit irgendeiner tschechisch schreibenden Schriftstellerin vergleichen, die die tschechischen Leser vielleicht besser kennen?

„Das ist nicht so einfach. Meistens wird sie mit Božena Němcová verglichen. Das gilt in dem Sinne, dass sie genauso berühmt ist. Aber Němcová war eine romantische Schriftstellerin. Marie von Ebner-Eschenbach ist eine kritische Realistin. Ihre Denkweise ist anders, und ihre Beziehung zu den sozialen Problemen ist tiefer und wird realistischer zum Ausdruck gebracht. Der Name ist also so berühmt wie Němcovás Name, aber was ihre Art zu schreiben betrifft, würde ich sie eher mit der Schriftstellerin Teréza Nováková vergleichen.“

Weiß man etwas darüber, ob sie mit Literaten in Kontakt war, die damals tschechisch schrieben?

„Das kann ich nicht behaupten. Sie hatte natürlich sehr viele Freunde. Zu ihnen gehörte beispielsweise Ferdinand von Saar, der zwar in Mähren lebte, aber deutsch schrieb, oder auch Berta von Suttner. Es ist bekannt, dass Marie von Ebner-Eschenbach die russische Literatur sehr liebte, wie Dostojewski, Tolstoi oder Turgenjew. Mit Tolstoi führte sie Korrespondenz.“

Das Thema des neuen Buches ist auch das Schloss in Zdislavice, das sich leider in einem sehr schlechten Zustand befindet. 2016 werden 100 Jahr seit dem Tod der Schriftstellerin vergehen. Kann man überhaupt diese Sehenswürdigkeit in Zdislavice noch retten?

Schloss Zdislavice (Foto: Packa, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Schloss Zdislavice (Foto: Packa, Wikimedia CC BY-SA 3.0) „Es wird sich gerade bemüht, zuerst jetzt die Gruft zu retten. Dies gelingt hoffentlich, denn die Gruft ist nicht in privaten Händen wie das Schloss, sie gehört dem Museum in Kroměříž / Kremsier. Mit dem Schloss selbst ist es schwierig, etwas zum Besseren durchzusetzen.“

Die Schriftstellerin hat ihren Geburtsort Zdislavice sehr oft besucht. Hat die Gemeinde Interesse daran, die Literatin zu propagieren?

„Ja schon. Die Bürgermeisterin ist sehr daran interessiert. Sie kann sich gut vorstellen, dass das Schloss für die Touristen attraktiv wird, falls es rekonstruiert werden würde. Für die Gemeinde wäre dies nützlich. Die Bürgermeisterin hat zu mir einmal gesagt: Wenn es gelingen würde, könnte man in dem Dorf auch ein Gasthaus errichten. Wichtig ist daran zu erinnern, was Marie von Ebner-Eschenbach für Zdislavice gemacht hat. Sie ließ dort beispielsweise eine Schule bauen. Sie führte also kein Leben auf dem Schloss, sondern im Dorf.“

Bildbändchen über Marie von Ebner-Eschenbach (Foto: Archiv des Mährischen Landesmuseums)Bildbändchen über Marie von Ebner-Eschenbach (Foto: Archiv des Mährischen Landesmuseums) Schrieb sie außer Prosa auch Gedichte?

„Ihre Gedichte sind, glaube ich, völlig unbekannt. Sie werden aber in dem Buch veröffentlicht, das wir hoffentlich 2016 herausgeben werden.“

Im neuen Bildbändchen über Marie von Ebner-Eschenbach schildert Eleonora Jeřábková das Leben der Schriftstellerin und stellt deren Werk vor. Ein weiteres Kapitel des Buchs ist der Beziehung der Autorin zur tschechisch sprechenden Umgebung gewidmet. Es handelt sich um einen Aufsatz des namhaften tschechischen Germanisten Stanislav Sahánek (1883- 1942). Saháneks Arbeit wurde zum ersten Mal in den 1920er Jahren veröffentlicht. Jetzt erscheint sie wieder im neuen Bildband. Der Leiter des Mährischen Landesmuseums in Brünn, der Literatur- und Kunsthistoriker Martin Reissner, hat sich in dem neuen Band wiederum auf das Schloss in Zdislavice / Zdisslawitz und die dortige Gruft der Familie Dubský von Třebomyslice / Trzebomislitz konzentriert. In der Gruft wurde Marie von Ebner-Eschenbach 1916 neben ihren Verwandten beigesetzt. Martin Reissner:

Gruft in Zdislavice (Foto: m.vykydal, Panoramio CC BY-ND 3.0)Gruft in Zdislavice (Foto: m.vykydal, Panoramio CC BY-ND 3.0) „Die Gruft wird im Unterschied zum Schloss vom Regionalmuseum in Kroměříž / Kremsier verwaltet. Der Träger des Museums ist der Kreis Zlín. Das Mährische Landesmuseum ist eine staatliche Institution. Wir arbeiten jedoch alle eng zusammen, um die Gruft in Stand zu setzen. In der letzten Zeit kooperieren wir zudem mit dem Czech National Trust, einer vor kurzem gegründeten nicht staatlichen Organisation, die sich um die Rettung des Kulturerbes bemüht.“

Martin Reissner (Foto: Martina Schneibergová)Martin Reissner (Foto: Martina Schneibergová) Martin Reissner fasst im neuen Buch die Informationen über den Zustand der Familiengruft sowie des Schlosses in Zdislavice zusammen. Die Verwandten von Marie von Ebner-Eschenbach besaßen das Schloss bis in die 1930er Jahre. Damals verkaufte Bedřich Dubský die Residenz an die Familie Hlavnička. Josef Hlavnička war Spitzenmanager der Schuhfabrik Baťa in Zlín. Ende der 1930er Jahre flüchtete er vor den Nazis nach Südamerika. Das Schloss wurde während des Kommunismus wie alle Privatresidenzen verstaatlicht. Zuerst wurde das historische Gebäude von der Armee genutzt, später entstand dort eine Hühnerfarm. Schließlich zog eine Sozialanstalt in die Räume ein. In den 1990er Jahren erhielten die Nachkommen des ursprünglichen Besitzers Josef Hlavnička das Schloss zurück. Die Nachkommen leben jedoch in Brasilien und versuchen seit Jahren erfolglos, das Anwesen zu verkaufen. Deswegen steht das Gebäude seit dem Jahr 2000 leer und befindet sich in einem schlechten Zustand. Martin Reissner:

Schloss Lysice (Foto: Ben Skála, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Schloss Lysice (Foto: Ben Skála, Wikimedia CC BY-SA 3.0) „Die Frage, was mit dem Schloss zu tun, ist nicht leicht zu beantworten. Mittlerweile ist es schon eine Ruine. Es ist aber Privateigentum, und man kann prinzipiell nichts damit machen.“

An Marie von Ebner-Eschenbach erinnert zurzeit hierzulande nur eine Dauerausstellung auf Schloss Lysice / Lissitz in Mähren. Sie wurde vor elf Jahren in der ehemaligen Residenz der Familie Dubský eröffnet. Martin Reissner hofft, mit dem neuen Buch die tschechische Öffentlichkeit auf die große mährische Schriftstellerin aufmerksam zu machen – obwohl sie heutzutage kaum bekannt ist:

„Marie von Ebner-Eschenbach, geborene Dubský, war die größte Schriftstellerin aus dem östlichen Teil der heutigen Tschechischen Republik. Wir wollen der tschechischen Öffentlichkeit darüber informieren, wie wichtig sie für die Region der Haná war. Zudem ist das Vermächtnis der Schriftstellerin für die heutige Zeit von Bedeutung. Sie stammte aus Mähren, lebte in Wien, aber einige Mal im Jahr besuchte sie ihren Geburtsort Zdislavice. Mit den dortigen Bewohnern stand sie in gutem Kontakt. Fast alles, was sie geschrieben hat, ist inhaltlich in Mähren verankert – beispielsweise der Roman ‚Božena‘ oder ‚Das Gemeindekind‘. Wir erkennen in ihren Werke Orte wie Zdislavice, Zdounky oder Kroměříž.“

Das Buch über Marie von Ebner-Eschenbach und Zdislavice enthält ein Resümee in Englisch und in Deutsch. Es wurde 2014 vom Mährischen Landesmuseum in Brünn herausgegeben.

 

Dieser Beitrag wurde am 11. Oktober 2014 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.