Musik vom Vollblutdiplomaten: Pavel Smetáček und sein „Traditional Jazz Studio“

Vor einigen Tagen hat unsere freie Mitarbeiterin Julia Angelov in der Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin ein Konzert einer beinahe schon legendären tschechischen Jazzkapelle besucht. Fast 50 Jahre gibt es das „Traditional Jazz Studio“ bereits und noch immer ist Pavel Smetáček, der Bandleader, nicht müde geworden, Jazzliebhaber in ganz Europa zu verzücken.

In der Wilhelmstraße mitten in Berlin thront die Tschechische Botschaft. Wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit ruht dort der 70er-Jahre-Bau im Stil des französischen Brutalismus – älteren Semesters ist auch die Musik, die an diesem Tag in den Räumen der Botschaft erklingen wird. Aber lange nicht so grau und starr…

Pavel Smetáček und seine Band entführen in die Welt ihrer Musik. Der gebürtige Prager gründete vor 59 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Ivan Smetáček und weiteren sechs Studenten des Prager Konservatoriums die Band „Traditional Jazz Studio“. Seitdem machen sie ausschließlich Musik, erzählt er:

„Ich selbst mache ausschließlich diese Musik. Jetzt sind es fast fünfzig Jahre, die wir gemeinsam spielen. Wir treten zwar seltener als früher auf, aber wenigstens ein Jahr wollen wir noch durchhalten, um dann unser 50-jähriges Jubiläum zu feiern.“

Im Saal der Botschaft sind die Plätze restlos besetzt. Jung, alt, tschechisch, deutsch, dunkelhäutig oder blass: Das Publikum ist sehr gemischt – und sehr interessiert, wie zum Beispiel diese Frau:

„Ich komme regelmäßig in die Botschaft zu Veranstaltungen. Tschechien ist auch so ein Land, das mir nicht sonderlich nahe gebracht worden ist. Und jetzt versuche ich, das Defizit hier nachzuholen.“

Heute gibt es Nachhilfe von und mit Pavel Smetáček:

„Allgemein kann man unsere Musik als Jazz bezeichnen, speziell als ´Traditional Jazz´. Wenn wir Zeit haben zu proben, spielen wir auch unsere eigenen Kompositionen. Als Genre ist das improvisierte Jazzmusik der New-Orleans- und Swing-Tradition. Da fließen auch verschiedene europäische Traditionen ein“, so der Klarinettist.

Europa, Afrika, Asien, Nordamerika - und um den Globus konnte das Traditional Jazz Studio Musikfans begeistern. Auf weltberühmten Festivals standen Smetáček und Kollegen auf der Bühne. So auch 1965, als das Prager Ensemble auf dem ersten Internationalen Amateur-Jazz-Festival in Düsseldorf den ersten Preis abräumte. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete damals über diese jungen, aufgeweckten Musiker:

„Böhmisches Musikantentum und Jazzfeeling verbanden sich im Spiel der Tschechen, die von Pavel und Ivan Smetáček, den Söhnen des Dirigenten der Prager Philharmonie, geleitet werden, mit einer meisterhaften Beherrschung der Instrumente und einem im traditionellen Jazz seltenen Formgefühl. Aus abgenutzten Evergreens zauberten Klarinettist Pavel Smetáček und Tenorsaxophonist Hanuš Berka vor dem homogenen und mitreißenden Klang des Ensembles Frisches und Neues.“ (DIE ZEIT, Nr.43, 22.10.1965)

Fast 50 Jahre und 20 Alben später steht Pavel Smetáček zwar nicht mehr mit seinem Bruder, aber dafür mit seinem Sohn auf der Bühne. Es scheint etwas Musikalisches in den Smetáček-Genen zu liegen. Vater Vacláv dirigierte die Prager Philharmonie und war berühmt für sein grandioses Oboenspiel. Pavel Smetáček wiederum ist ein Virtuose an der Klarinette. Und sein Sohn lässt es am Schlagzeug ordentlich krachen.

Ein Mann, der ganz vorne sitzt, wippt genüsslich mit dem Fuß: „Ich bin wegen der Jazzmusik hier, denn eigentlich habe ich gar nichts mit Tschechien zu tun. Ich weiß aber, dass Tschechien für Kunst und Kultur bekannt ist, ganz besonders sogar für Musik und Grafik. Ich bin selbst Grafiker. In der Einladung habe ich dann gelesen, dass die Band ´Traditional Jazz´ spielt und improvisiert. Und weil ich selbst solche Musik mache, finde ich das auch ganz fantastisch. Das sind unglaublich gute Instrumentalisten. Vor allen Dingen der Klarinettist ist einsame Spitze!“, freut sich der Jazzfan.

Nicht nur die Aussicht auf gute Musik hat diesen jungen Mann in die Botschaft gelockt, der mir erzählt, dass er halb Tscheche, halb Deutscher ist:

„Mein Vater kommt aus Prag und ich habe dort auch 14 Jahre meines Lebens verbracht und bin jetzt Architekt in Berlin. Es macht mir großen Spaß, einen Abend mit meinen Landsleuten zu verbringen. Außerdem macht mir Jazz auch sehr großen Spaß.“

Vor der Wende war Tschechien lange nicht so offen wie heutzutage. Trotzdem: Auch der Eiserne Vorhang war nicht schalldicht, weiß Smetáček:

„Es gibt bei uns eine Tradition wie in ganz Europa. Nur die 50er Jahre waren schwieriger als im westlichen Europa. Als wir angefangen haben zu Ende der 50er, gab es zwar ideologische Zensur, jedoch nicht in der Musik. Und schon gar nicht in der Instrumentalmusik, die ja ohne Worte auskommt. Wir hatten also nicht so große Probleme mit dem System – außer dass wir nicht überall dorthin reisen konnten, wo wir hin wollten.“

Tschechische Jazzer durften zwar wegen der strengen Reisebestimmungen nicht ungehindert in ganz Europa auftreten, waren dafür aber umso begehrter auf westeuropäischen Festivals. Außerdem war weit über die Grenzen hinaus bekannt, wie experimentierfreudig und originell der tschechische Jazz ist. Die Komponisten kokettierten mit klassischen Klängen – viele der Musiker kamen schließlich aus der Klassik-Szene, ließen aber auch die böhmisch-mährische Volksmusik in den Stücken durchklingen.

„Wenn wir unsere eigenen Kompositionen spielen, hat unsere Musik etwas speziell Tschechisches. Es gibt auch eine relativ alte Tradition bei uns aus den 20er und 30er Jahren, und aus dieser Epoche ist der allerwichtigste Jazzkomponist Jaroslav Ježek. Man sollte zumindest diesen Namen kennen. Seine Kompositionen haben wir viel gespielt und auch aufgenommen“, erzählt Smetáček. Für Pavel Smetáček ist es fast nichts Spektakuläres mehr in der Tschechischen Botschaft in Berlin zu spielen. Jahrelang war der Vollblutmusiker auch Vollblutdiplomat, wie er verrät:

„Wir haben viel für die Botschaften gespielt und ich selbst war auch in den 90ern stellvertretender Botschafter in Rom. Ich habe also während meiner eigenen Amtszeit mit meinen Kollegen Jazz gespielt. Mein Italienisch ist daher auch besser als mein Deutsch.“ (lacht)

Vielleicht ist Smetáčeks Deutsch nicht einwandfrei, sein Jazz nicht ohne Ecken und Kanten – die fahlen Betonwände der Botschaft hat er trotzdem ein bisschen zum Swingen gebracht…