„Literatur darf nicht lügen“

20-03-2019

Die tschechische Autorin Radka Denemarková präsentiert bei Buchmesse in Leipzig ihren Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“.

Radka Denemarková (Foto: Ondřej Tomšů)Radka Denemarková (Foto: Ondřej Tomšů) Frau Denemarková, spricht man in Deutschland über die tschechische Gegenwartsliteratur, dann wird der Name Radka Denemarková an vorderer Stelle genannt. Sie geben dort oft Lesungen und schreiben Essays und Artikel für deutschsprachige Medien? Wie ist diese enge Beziehung zustande gekommen?

„Das ist eine lange Geschichte, nicht nur eine professionelle, sondern auch eine emotionale. Da muss ich am Anfang Věra Kádnerová nennen, meine private Deutsch-Lehrerin. Ich habe diese Dame sehr bewundert, sie war sehr warmherzig, humorvoll, und ich habe deshalb auch die deutsche Sprache und die deutsche Literatur sehr gemocht. Bis zum Ende ihres Lebens war ich mit Věra Kádnerová befreundet. Sie hat mir eine ganz neue Welt eröffnet. Dann habe ich Germanistik studiert. Da hat mich die deutschsprachige Literatur und Philosophie sehr beeinflusst. Später habe ich auch sehr viel übersetzt. Heute schreibe ich Artikel und essayistische Texte auf Deutsch. Aber für die Romane, die für mich wichtig sind, brauche ich die tschechische Sprache, meine Muttersprache. Und ich muss auch sagen, dass die deutsche Sprache mir das Leben gerettet hat. Denn ich habe im deutschen Sprachraum Literaturpreise erhalten, die Reaktionen auf meine Bücher waren dort anders. Hierzulande bin ich ein bisschen dafür ausgelacht worden, dass ich gegenüber den Tschechen so kritisch bin.“

„Die deutsche Sprache mir das Leben gerettet. Denn ich habe im deutschen Sprachraum Literaturpreise erhalten, die Reaktionen auf meine Bücher waren dort anders als hierzulande.“

Wenn Sie selbst Autoren nennen sollen, die sie schätzen, dann sind das Schriftsteller aus den deutschsprachigen Ländern. Würden Sie sagen, dass Sie dort mehr zu einer Literaturgemeinde gehören als in Tschechien?

„Bestimmt. Das ist nicht eine Frage der Sprache oder des Landes, in dem man lebt. Dort hatte ich eine größere Möglichkeit, Menschen zu treffen, die auch menschlich mir näherstehen. Das Leben hat das einfach so arrangiert.“

Und woran liegt das, dass die Menschen dort Ihnen näher stehen?

„Das ist immer ein Problem der kleinen Sprachen und der kleinen Staaten, in denen sich alle kennen, wo es nicht um die Literatur und um die Qualität geht, sondern um die Kameradschaft und um die Loyalität. Das ist sehr gefährlich. Damit wollte ich nie etwas zu tun haben. In dem größeren deutschsprachigen Raum kann nicht jeder jeden kennen. Es gibt dort auch Schwierigkeiten, aber es geht immer um die Literatur, um die Qualität, um die Werte.“

Foto: Verlag Hoffman und CampeFoto: Verlag Hoffman und Campe Beim Verlag Hoffman und Campe ist Anfang des Jahres Ihr Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ erschienen, in der deutschen Übersetzung von Eva Profousová. Sie haben den Roman bereits 2011 geschrieben. Und eigentlich ist Deutsch schon die vierzehnte Sprache, in die er übertragen wurde. Warum hat es so lange gedauert?

„Das ist immer so mit meinen Büchern. Auch bei meinem Buch ‚Ein herrlicher Flecken Erde‘ dauerte es drei Jahre lang. Aber ich freue mich darüber, und ich habe auch ein bisschen Angst vor mir selbst. Denn ich verarbeite, was in der Luft ist, und erst nach Jahren ist klar, worum es geht. Dieses Buch ‚Ein Beitrag zur Geschichte der Freude‘ handelt von sexualisierter Gewalt. Es ist ziemlich kompromisslos geschrieben, von allen möglichen Seiten. Auch die Sprache ist etwas zwischen Prosa, Poesie und Essayistik. Und auf einmal leben wir in der Welt, in der es die #MeToo-Bewegung gibt. Letztes Jahr haben zwei Menschen den Friedensnobelpreis erhalten, die gegen sexualisierte Gewalt kämpfen. In diesem Kontext ist dann plötzlich klar, worum es mir ging.“

Das Buch beginnt als ein Krimi, bald kommt der Leser aber zu einer zweiten Schicht, die eigentlich die Hauptlinie des Romans ist. Wovon handelt die Geschichte?

„Das Buch handelt von sexualisierter Gewalt. Es ist ziemlich kompromisslos geschrieben, von allen möglichen Seiten.“

„Es geht darum, dass ein Polizist einen Kriminalfall beobachtet, aber hinter diesem einfachen Kriminalfall öffnet sich die große Welt der Verbrechen. Es geht um sexualisierte Gewalt, aber im Rahmen von vielen Jahrhunderten. Ich wollte mit dem Roman sagen: Genug, Vergewaltigung ist ein Verbrechen, das hat mit Sex nichts zu tun! Das Thema habe ich aus vielen anthropologischen, soziologischen Perspektiven betrachtet, aber literarisch verarbeitet. Am Anfang war ein Satz während einer Diskussion in Deutschland zu meinem Buch ‚Ein herrlicher Flecken Erde‘. Ein Mann hat mich immer wieder gefragt, wann endlich alle vertriebenen Deutschen von der tschechischen Seite entschädigt würden. Ich habe ihm gesagt: ‚Ich vertrete die Literatur, ich bin keine Politikerin!‘ Aber er war ein bisschen aggressiv. Und dann habe ich spontan gesagt: ‚Mich interessiert, wann alle Frauen endlich entschädigt werden, die damals von Soldaten aller Armeen vergewaltigt worden sind.‘ Die Reaktion des Mannes war, diese seien ja nur vergewaltigt geworden. Dieses Wort ‚nur‘ habe ich mit nach Hause genommen, als Messer im Rücken, und dann habe ich mir gesagt: ‚Jetzt öffne ich das Thema. Kompromisslos. Für Frauen der ganzen Welt‘.“

Der Roman ist sehr kompliziert, Ihre Sprache ist sehr vielschichtig und bildhaft. Wie schreiben Sie eigentlich? Ist es ein spontaner Prozess, oder müssen Sie sehr viel nachdenken, überlegen, die Sätze ausklügeln?

„In jedem meiner Romane kämpfe ich um die Sprache. Das ist für mich Literatur.“

„In jedem meiner Romane kämpfe ich um die Sprache. Das ist für mich Literatur. Die Arbeit ist immer ähnlich: Ich muss viel nachdenken, der Intellekt ist also sehr wichtig und mischt sich mit der Kreativität. Ich muss mich vorbereiten, lesen und dann alles wieder vergessen. Danach denke ich mir die Geschichte und die Figuren aus. Und das Schreiben kommt eigentlich am Ende, wenn ich alles im Kopf habe. Jedes Thema braucht eine andere Sprache, das ist bei mir sehr wichtig.“

Buch ‚Geld von Hitler‘ (Foto: Women’s Press)Buch ‚Geld von Hitler‘ (Foto: Women’s Press) Sie haben einmal gesagt, Sie könnten für die Opfer sprechen, die sonst schweigen…. Ist gerade dies ihr Anliegen? Wählen Sie mit Absicht kontroverse Themen, über die die Gesellschaft lieber schweigt?

„Ich habe mir schon gesagt, ich sollte einfach schreiben, mich abkapseln, aber ich kann nicht aus meiner Haut heraus. Literatur kann helfen. Sie hat mir selbst als Leserin sehr geholfen. Es gibt wirklich Gruppen von Opfern, die keine Stimme haben oder sich schämen. Da kommt die Stärke der Literatur zu tragen. Die Literatur darf nicht lügen. Also nehme ich immer wieder Tabus zum Thema, das war einst in meinem Buch ‚Geld von Hitler‘ die Vertreibung der Sudetendeutschen und das jahrhundertelange Zusammenleben von Tschechen und Deutschen. Jetzt ist es die sexualisierte Gewalt und in meinem jüngsten Roman die Frage, was der ökonomische Pragmatismus mit uns macht. Ich habe festgestellt, dass für viele Leserinnen und Leser meine Bücher eine Art Katharsis sind. Das ist für mich die beste Nachricht. Deshalb halte ich auch die negativen Reaktionen auf meine Bücher aus.“

Tschechien ist in diesem Jahr Gastland bei der Leipziger Buchmesse. Radka Denemarková darf dabei nicht fehlen? Was erwartet Sie in Leipzig?

„Ich nehme immer wieder Tabus zum Thema.“

„Ich habe jeden Tag mehrere Veranstaltungen. Für mich ist das Wichtigste, dass ich dort den neuen Roman ‚Ein Beitrag zur Geschichte der Freude‘ vorstellen kann. Aber ich werde auch an Diskussionen über Visegrád, über Europa teilnehmen, darüber was in der Luft ist, was gefährlich ist, was uns alle erwartet. Ich freue mich auch privat sehr, dass ich viele Freunde aus verschiedenen Ländern treffe.“

20-03-2019