Kinderoper "Brundibar" wurde 60 Jahre nach ihrer Premiere wieder in Theresienstadt aufgeführt

12-10-2003

"Brundibar". So lautet der Titel einer Kinderoper, die im jüdischen Ghetto in Theresienstadt während der Nazi-Zeit über fünfzigmal von jüdischen Kinder aufgeführt wurde. Einige der Kinderdarsteller von damals kehrten vor kurzem nach Theresienstadt zurück, wo "Brundibar" nach 60 Jahren wieder auf der Bühne zu sehen war. Katrin Sliva war bei diesem Ereignis zugegen und lädt sie im nun folgenden Kultursalon ein, ihr dorthin zu folgen:

Foto: CTKFoto: CTK Tanzende, lachende, singende Kinder auf der Bühne. Ausgelassen sind sie, unbekümmert. Wie sehr unterscheiden sie sich von den Kindern, die nur deshalb, weil sie Juden waren, um ihre Kindheit beraubt wurden. Harte Arbeit bestimmten ihre frühen Kinderjahre und Hunger. Für einige Kinder, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Theresienstadt zusammengepfercht waren, gab es für wenige Stunden in der Woche einen Lichtblick. Eine Kinderoper. Ihr Titel: Brundibar, der Komponist: ein Prager jüdischer Herkunft namens Hans Krasa, was im Deutschen Schönheit bedeutet. 60 Jahre sind vergangen seit der Premiere dieser Oper im jüdischen Ghetto in Theresienstadt. Und 60 Jahre danach wurde sie wieder dort aufgeführt. Unter den Zuschauern waren einige der Darsteller von damals. Menschen, die den Holocaust überlebt haben und sich an die wenigen hellen Stunden ihres Lebens in dem Durchgangslager in Theresienstadt erinnern, in denen sie sein durften, wie Kinder eben sind. An die Momente, wenn das Licht auf der Bühne entflammte und sie spielen durften. In unserem Kultursalon soll "Brundibar" Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, in seinen Bann ziehen. Herzlich willkommen dazu:

Die Geschichte der Oper ist schnell erzählt: Die Protagonisten: ein Geschwisterpaar, Pepicek und Aninka, und ein Orgelspieler, der den Namen Brundibar trägt. Die Mutter von Pepicek und Aninka ist krank. Für ihre Genesung braucht sie Milch. Doch diese kostet Geld und die Geschwister haben keines. Während sie verzweifelt darüber nachsinnen, wie sie der Mutter helfen können, beobachten sie das Geschehen auf dem Marktplatz. Dort begegnen sie Brundibar, der auf seiner Drehorgel spielt und von Passanten dafür einen Obolus erhält. Sie beschließen, ihr Glück ebenfalls mit dem Singen zu versuchen, aber Brundibar hindert sie daran. Er jagt ihnen Angst ein. Schließlich kommen ihnen Tiere zu Hilfe. Sie unterstützen sie im Kampf gegen Brundibar, den sie letztlich besiegen. Und das klingt so:

Hans Krasa schrieb die Oper bereits 1938. Das Libretto stammt von Adolf Hoffmeister. Krasa hatte die Oper im Rahmen eines Wettbewerbs geschrieben, den das tschechoslowakische Kulturministerium damals ausgeschrieben hatte. In Theresienstadt überarbeitete er sie, um sie an die dortigen Gegebenheiten anzupassen. Ins Lager kam er im August 1942, ein Jahr später stand die erste Theresienstädter Aufführung, die Rudolf Freudenfeld mit den Kinderdarstellern einstudiert hatte. Über fünfzig Mal wurde sie hier gespielt. Doch die Besetzung wechselte. Täglich gingen Transporte nach Ausschwitz.

Einige der Kinder überlebten den Krieg. Anna Hanusova zum Beispiel. Früher hieß sie Flachova, was ihr den Spitznamen "Flaska", also Flasche einbrachte. Sie hat der Aufführung zum 60. Jahrestag der Theresienstädter Premiere beigewohnt und war so nett, uns zu schildern, was Brundibar für sie bedeutet:

"Für mich ist das unvergesslich. In meinen Erinnerungen ist Brundibar vielleicht noch schöner, besser, noch wichtiger geworden. Ich werde immer an diejenigen denken, die damals in der Inszenierung mitgewirkt haben. Und ich werde immer vergleichen. Auch wenn die Kinder heute ihre Sache sehr gut gemacht haben, aber das Erlebnis, die Emotionen, die Brundibar damals in mir hervorrief, können nie wieder so stark wie damals sein."

Und welches Gefühl sie hat, wenn sie heute diese Kinder beim Singen dieser Oper auf der Bühne beobachtet?

"Es ist ein Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass ich das erleben durfte, dafür, dass die Kinder, die hier heute gesungen haben, auch einen Bezug zu der Musik entwickeln, etwas über uns erfahren, über die Bedingungen, in denen wir damals lebten, dass sie etwas für ihr ganzes Leben lernen und zu schätzen wissen, dass sie selbst so ganz anders groß werden dürfen."

Greta Klinsberg erinnert sich ebenfalls noch sehr gut an die damaligen Aufführungen. Sie spielte die weibliche Hauptrolle, die Aninka. Sie sagt:

"Sehen Sie, in dem Augenblick, in dem wir zu singen begannen, vergaßen wir, wo wir sind. Das ist das Großartige an dieser Oper."

Greta Klinsberg ist der Musik immer treu geblieben. In Jerusalem, wohin sie nach dem Krieg gegangen war, war die Musik ihr Broterwerb. Es scheint fast, als schlösse sich hier ein Kreis. Auch in Deutschland war sie mehrfach. Mit Kindern habe sie dort darüber gesprochen, wie langweilig doch die Welt wäre, wenn die Menschen alle gleich wären. Mit Kindern über den Holocaust zu sprechen, findet sie nicht sinnvoll:

"Mit Kindern über den Holocaust zu sprechen, hat meiner Meinung nach keinen Sinn, den das kann sich niemand vorstellen. Wenn sie hingegen diese Oper aufführen lassen und den Kindern erzählen, dass die Kinder von damals bei der Aufführung von Brundibar zum ersten Mal Milch gesehen haben, erstmals davon gehört haben, was eine Schule ist usw., dann ist das greifbar, die Kinder bekommen einen Eindruck. Und das ist gut, finde ich."

Die Kinderoper "Brundibar" wurde seit dem Ende des Krieges regelmäßig überall auf der Welt inszeniert. Die Aufführung in Theresienstadt hat das Ehepaar Flegl mit dem Dismanuv Rundfunk-Kinderensemble einstudiert.

12-10-2003