Kein Ei wie das andere: österliche Brauchtumspflege in Tschechien

04-04-2010

Das Bemalen von Ostereiern habe in keinem Land eine so starke Tradition wie in Tschechien. Davon sind die Mitglieder der Vereinigung der Osterei-Maler und Malerinnen überzeugt. Ihren Sitz hat die Vereinigung im nordböhmischen Libotenice, einem Dorf am Elbufer unweit von Leitmeritz / Litoměřice. Rund 150 Mitglieder aus ganz Tschechien gehören ihr an. Die Osterei-Maler arbeiten mit Volkskundlern zusammen. Sie bemalen die Ostereier nicht irgendwie, sondern pflegen bewusst nur die althergebrachten, volkstümlichen Techniken und Stile. Zu Ostern engagieren sich Mitglieder der Vereinigung bei zahlreichen Ausstellungen in ganz Tschechien. Maria Hammerich-Maier hat eine davon besucht.

„Wir kommen jedes Jahr zu dieser Ausstellung nach Kraslice. Wir finden es jedes Jahr wieder sehr beeindruckend, wie die Künstler – es sind ja doch Künstler, wenn auch Laienkünstler – ihre Eier sehr gut gestalten können. Wir nehmen uns immer Anregungen mit nach Hause, um selbst Eier mit Stroh zu bekleben, zu bemalen oder einfach mit den Kindern bunt zu gestalten. Von der Karwoche an werden bei uns Ostersträuße geschmückt. Entweder wir legen die Eier in kleine Körbchen oder wir hängen sie an die Sträuße“,

erzählt Frau Hager aus dem sächsischen Adorf. Sie ist eine von vielen Besuchern, die aus den grenznahen Orten Sachsens nach Kraslice / Graslitz ins böhmische Erzgebirge fahren, um die Ausstellung der tschechischen Osterei-Maler zu sehen. In Kraslice ist die Vereinigung der Osterei-Maler und Malerinnen bereits Stammgast. Jedes Jahr lädt die Stadt sie wieder am Palmsonntag in den Kinosaal des Kulturhauses ein. Angekündigt wird die Ausstellung auf liebevoll gestalteten Plakaten stets unter dem gleichen Namen: „Kraslice v Kraslicích“. Das Wortspiel beruht auf dem tschechischen Wort für „Osterei“ - „kraslice“. Es ist von der alten slawischen Wortwurzel „kras“ abgeleitet, die sowohl „schön“ als auch „rot“ bedeuten kann.

Mitglieder der Vereinigung zeigen den Ausstellungsbesuchern in Kraslice, wie die nicht immer roten, doch durchweg schönen Eier entstehen. Eine beliebte, weithin verwendete Technik ist Batik. In Kraslice führt Osterei-Maler Pavel Poulíček aus dem mährischen Uherské Hradiště sie vor.

„Zuerst zeichne ich auf einem weißen Ei die Konturen der Malerei vor. Dann tauche ich das Ei in gelbe Farbe ein. Wenn ich möchte, dass bestimmte Teile der Malerei gelb bleiben, bestreiche ich diese Teile mit erhitztem, flüssigem Wachs. Dann tauche ich das Ei in rote Farbe ein und wiederhole den Vorgang: Ich decke also das, was rot bleiben soll, mit Wachs ab. Nun tauche ich das Ei in schwarze Farbe ein, und danach erwärme ich es über einer Flamme oder im Backrohr und reibe das Wachs ab, sodass nur die Malerei auf dem Osterei zurückbleibt.“

Die Batik-Technik kommt ursprünglich aus Indonesien und ist in vielen Ländern bekannt. Doch bestimmte Farbkombinationen und Muster sind mit einzelnen Regionen Böhmens und Mährens verbunden. Auf diese spezialisieren sich die Osterei-Maler und Malerinnen. Eine original böhmische Technik des Verzierens von Ostereiern ist aber die Binsenmark-Technik. Dabei wird das Mark von Binsengras auf die Eier aufgeklebt. In Kraslice führt eine Osterei-Malerin aus Libotenice vor, wie man beim Verzieren mit Binsenmark vorgeht.

„Das Binsengras findet man an Bachrändern oder auf Feuchtwiesen. Das Binsenmark wird mit einem Streichholz aus dem Halm herausgedrückt. Dann wird ein Klebstoff auf das Ei aufgetragen. Das kann ein gewöhnlicher Klebstoff für Papier sein. Zunächst werden nun rote Samtbändchen auf das Ei geklebt. Sie unterteilen das Dekor in ein Netz von Feldern. Und dann werden die Markfäden aufgeklebt, und zwar abwechselnd in geraden Streifen und Wellenlinien.“

Die meist sehr dichten Dekorationen aus Binsenmark wirken wie aus Wachs oder Buttercreme. Die strahlend rot-weißen Binsenostereier beeindrucken durch ihr schlichtes, doch gefälliges Dekor. Gepflegt wird die Binsenmark-Technik übrigens ebenfalls in Mittel- und Ostdeutschland. Auch die übrigen Stile der tschechischen Osterei-Maler und Malerinnen können aber begeistern, wie diese Besucher bestätigen.

„Wir sind aus Zwota bei Klingenthal. Wir waren schon vor zwei Jahren einmal hier und schauen uns die Ausstellung regelmäßig an. Man sieht jedes Mal etwas Neues, und das ist doch recht interessant.“ „Wir sind ganz fasziniert von der Vielfalt. Vor allen Dingen gefallen mir die mit Stroh beklebten Ostereier. Die finde ich ganz super.“

 

Ludmila KubálkováLudmila Kubálková Ein langjähriges Mitglied und Funktionärin der Vereinigung der Ostereimaler und Ostereimalerinnen in Libotenice ist Ludmila Kubálková. Sie darf den Titel „Meisterin der Volkskunst“ führen. Diese Auszeichnung vergibt eine Kommission von Ethnographen an die Mitglieder der Vereinigung, die ihr reifes Können durch einige Proben bemalter Ostereier unter Beweis stellen. Heute ist Ludmila Kubálková schon Rentnerin. Ihr erstes Osterei bemalte sie, als sie noch ein Teenager war. Sie erzählt, dass sie damals einen besonderen Grund gehabt habe.

„Ich habe erst recht spät begonnen, Ostereier zu bemalen. Viel später als manche Kinder, die das in der Familie lernen. Bei uns zu Hause gab es diesen Brauch nicht, und ich hatte kein Vorbild. Doch als ich etwa 15 Jahre alt war, wollte ich einem Jungen, den ich gern mochte, etwas schenken, wenn er mit der Ostergerte zu uns nach Hause käme. Und so schaute ich mir Muster von Ansichtskarten ab und schuf mein erstes Osterei.“

Die Ostergerte ist ein wichtiges Utensil des wohl populärsten österlichen Volksbrauchs in Tschechien. Ostergerten werden aus vier bis acht frischen Weidenruten geflochten und mit bunten Bändern aus Krepppapier geschmückt. Sie werden zur Osterzeit überall in Tschechien zum Verkauf angeboten. Am Ostermontag ziehen die jungen Männer auf dem Lande mit der Ostergerte von Haus zu Haus. Sie besuchen die jungen Mädchen. Reime und Lieder begleiteten den Umzug:

Die jungen Mädchen müssen, so will es der Brauch, ein paar symbolische Gertenstreiche hinnehmen. Und sie tun das gerne, flößt ihnen der Saft der Weidenruten doch dem Volksglauben zufolge Frische und Schönheit für das ganze folgende Jahr ein. Nicht mit der Ostergerte gepeitscht zu werden, empfanden Mädchen früher sogar als Schande. Zum Dank für die Gertenstreiche bekommen die jungen Männer sogar noch was geschenkt. Und zwar Ostereier, die die Mädchen möglichst eigenhändig bemalt haben sollten. Heute sind es oft gekaufte Ostereier, und die ursprüngliche Symbolik des Brauchs ist in den Hintergrund getreten. Ludmila Kubálková kennt sie jedoch gut:

„Früher besuchte der Bursche besonders das Mädchen, auf das er ein Auge geworfen hatte. Und das Mädchen musste ein dekoriertes Osterei für ihn bereithalten. Das Osterei war entweder einfach verziert, oder das Mädchen schrieb eine Botschaft mit darauf. Zum Beispiel ‚aus Liebe’ oder Sprüche, wie ‚An Hänschen für Küsschen’. Das Ei, das der Bursche bekam, war ein volles, gekochtes Ei. Und er musste es aufessen, solange es frisch war. Denn die Kraft des Eis ging auf ihn über.“

Erhielt der Bursche ein ausgeblasenes Ei, war das ein böses Omen für ihn. Denn das Mädchen gab ihm auf diese Weise zu verstehen, dass es ihn verschmähte. Bei einem vollen Ei hingegen, das dazu auch noch rot war, schlug das Herz des Beschenkten höher.

Ludmila Kubálková wünscht sich, dass die Kunst des Bemalens von Ostereiern auch an die kommenden Generationen weitergereicht wird. Zusammen mit anderen Mitgliedern der Vereinigung organisiert sie daher Ostereimalkurse für Kinder. Sie findet, dass das Malen den Geschmack und Charakter der Kinder bilde.

„Ich denke, die Kinder lernen bei dieser manuellen Beschäftigung Geduld. Wir neigen heute dazu, alles mit dem Computer lösen zu wollen. Die Kinder, die in unseren Kursen zusammenkommen, haben bei dem gemeinsamen Werken auch Spaß. Und wir ermöglichen Ihnen, ihr Können auf Ausstellungen zu zeigen. Es ist eine Selbstbestätigung für sie, wenn die Besucher sie loben und anerkennen, wie geschickt sie sind.“

Mit dem Christentum will Ludmila Kubálková ihr Engagement für die österliche Brauchtumspflege nicht in Verbindung bringen. Ihr sei zwar bewusst, dass Ostern das höchste Fest der Christen sei, sagt die Osterei-Malerin, doch in Tschechien hätten sich viele Menschen vom Christentum entfernt:

„Bei uns sind diese Bräuche nicht so sehr mit dem Christentum verbunden. Uns geht es eher darum, überlieferte Volkskunst zu pflegen. Ich selbst bin auch nicht gläubig. Ich gehe nicht in die Kirche. Anderseits habe ich Sympathien dafür, dass manche Leute einen Glauben haben und zu Ostern den Gottesdienst besuchen, um Weidenkätzchen und Eier weihen zu lassen.“

In Mähren sei das heute noch anders, sagt Kubálková. Dort gebe es weit mehr praktizierende Christen als in Böhmen, und auch die Osterbräuche seien in christliche Riten eingebunden. So auch das Weihen von Weidenkätzchen, die dem Volksglauben zufolge den Landwirten Segen bringen sollten:

„Wenn die Leute früher die geweihten Weidenkätzchen aus der Kirche nach Hause brachten, steckten sie sie an den Ecken ihrer Äcker in den Boden. Sie glaubten daran, dass der geweihte Weidenzweig im Sommer für eine reiche Ernte sorgen würde.“

Die meisten Mitglieder der Vereinigung der Ostereimaler und Ostereimalerinnen halten dies heute für puren Aberglauben. Trotz ihres Atheismus wurden sie aber im vergangenen September ausgewählt, beim Besuch von Papst Benedikt XVI. in Prag mitzuwirken. Den Anlass dazu gaben die schönen volkstümlichen Trachten, die sie besitzen. Die Vereinigung ist nämlich längst zu einem lebendigen Zentrum volkstümlicher Kultur geworden, das sich weit mehr als nur dem Bemalen von Ostereiern widmet. So entwerfen einige Mitglieder zum Beispiel stilechte volkstümliche Trachten und nähen diese auch selbst. Das ist selbst der Politik nicht verborgen geblieben, und so betraute der Kreishauptmann die Vereinigung damit, den Kreis Ústí beim Empfang des Papstes in Prag zu repräsentieren. Mitglieder der Vereinigung säumten also am Flughafen Prag-Ruzyně in ihren prachtvollen Trachten den Weg, als Papst Benedikt XVI. die ersten Schritte auf tschechischem Boden tat.

Eine weiteres Interessensgebiet der Vereinigung sind Speisen. Bei Ludmila Kubálková kommt der traditionelle böhmische Osterauflauf auf den Mittagstisch zu Ostern. Auf Tschechisch heißt dieses Gericht „Velikonoční nádivka“. „Nádivka“ heißt eigentlich „Fülle“. Und mit einer Fülle, wie man von Geflügelgerichten kennt, hat der Osterauflauf tatsächlich manches gemeinsam.

„Der Osterauflauf kann als Hauptgericht mit Gebäck serviert werden, oder man isst ihn als Beilage zu einem Braten. Für den Osterauflauf nimmt man in Milch eingeweichte Brötchen und vermischt sie mit Eiern. Zu diesem Teig fügt man dann reichlich Frühlingskräuter dazu. Sie sind die wichtigste Zutat des Osterauflaufs. Man verwendet hauptsächlich Brennnesseln, aber auch Muskatnuss und Petersilie. Auch klein gewürfeltes Fleisch kann dem Osterauflauf beigemengt werden, um ihn zu verfeinern. Der Auflauf wird dann in einer Backform gebacken.“

Das liebste Steckenpferd ist und bleibt aber für Ludmila Kubálková das Verzieren von Ostereiern. Ihre bevorzugte Technik ist das Ritzen oder Gravieren. Diese Technik ermögliche besonders kunstvolle Verzierungen, erzählt Kubálková, und sie lasse viel Spielraum für eigene Kreativität:

„Das Gravieren ist eine von fünf traditionellen Techniken. Das Ei wird zunächst mit einer Grundfarbe gefärbt. Dann wird es mit einem Messer oder einem anderen scharfen Gegenstand, wie zum Beispiel einer Rasierklinge, geritzt. Das Werkzeug kann jeder selbst wählen, je nachdem, womit ihm die Arbeit am besten von der Hand geht.“

Die Grundfarbe ist meistens rot oder schwarz. Die schwarze Grundfarbe hat in Südmähren eine besonders lange Geschichte. Dort gravierte man Bilder und Ornamente schon im 11. Jahrhundert auf schwarzem Untergrund. Das belegen archäologische Funde aus der Gegend von Hostěrázek. Nicht selten arbeitet Ludmila Kubálková an einem Osterei mehrere Tage lang.

Osterei-Galerie in LiboteniceOsterei-Galerie in Libotenice Damit Interessenten die Kunst des Ostereimalens jederzeit kennen lernen können, hat die Vereinigung der Ostereimaler und –malerinnen an ihrem Sitz in Libotenice an der Elbe eine Osterei-Galerie eingerichtet. Dort wird eine Auswahl der schönsten der rund 2500 Ostereier, die die Vereinigung besitzt, dauerhaft ausgestellt. Die Osterei-Galerie ist nach telephonischer Vereinbarung das ganze Jahr über zugänglich.

Galerie kraslic, Libotenice 40, Tel. 416 848 088, 777 653 203,
Frau Olga Hovorková.

Fotos: Autorin

04-04-2010