Jiri Sust: "Hofkomponist" des Filmregisseurs Jiri Menzel

Der Name Jiri Sust ist mit dem tschechischen Film eng verbunden. Sust war jedoch weder Regisseur, noch Kameramann noch Drehbuchautor. Aber ebenso wie Storys und Bilder - gehört auch die Musik zur Filmkunst. Begleitet durch die Melodie aus dem Film "Kurzgeschnitten" treten Sie nun in den Kultursalon mit und von Markéta Maurová ein.

Am 30. April sind sieben Jahre seit dem Tod des Komponisten Jiri Sust vergangen, der die Musik zu zahlreichen tschechischen Filmen verfasst hat. Das Archiv seines Werkes beträgt über 80 Spielfilme sowie etwa Tausend Fernsehkurzfilme und -serien. Von großer Bedeutung war besonders seine Zusammenarbeit mit dem Filmregisseur Jiri Menzel, für den er Musik zu 11 Filmen komponierte. Ich begrüße nun bei mir im Studio ganz herzlich Jana Sustova, die Tochter des Komponisten, mit der ich mich über dessen Leben und Werk unterhalten möchte.

Jana, auf welchem Weg kam dein Vater zur Musik? Stammte er aus einer Musikerfamilie, hatte er irgendwelche musikalische Wurzeln?

"Mein Vater wurde im Jahre 1919 in Prag geboren, in einer Familie, wo es keinen Musiker gab. Aber von Kindheit an liebte er die Musik und lernte Klavierspielen. Er hatte Glück, dass sein Lehrer bei ihm bald auch das Interesse für das Komponieren erkannte. Aber als mein Vater seinen Wunsch äußerte, am Konservatorium zu studieren, wollten seine Eltern davon gar nichts hören und schickten ihn auf eine Handelsakademie. Er war jedoch ein sehr schlechter und ungehorsamer Schüler, so dass er von der Handelsakademie geflogen ist und auch keine andere Schule studieren konnte. Seine unglückliche Mutter schickte ihn danach nach Moskau, zu seinem Vater, der dort damals auf der tschechoslowakischem Botschaft arbeitete. In Moskau hat mein Vater die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium bestanden und begann mit dem Studium von zwei Fächern: Klavier und Komposition. Am Anfang des zweiten Weltkrieges musste er nach Prag zurückzukehren, wo man auf dem Konservatorium nur ein Spezialfach studieren durfte. Mein Vater wählte die Komposition, denn, wie er sagte, hatte er in Moskau das Klavierspiel so gut gelernt, dass man ihm in Prag nichts mehr beibringen konnte."

Soweit also die Schul- und Studienjahre. Wie waren seine Anfänge auf dem Feld der Komposition?

"Die Tätigkeit meines Vaters als Komponist begann im Jahre 1941 in den Filmstudios von Zlín. Sein erster Auftrag war es aber, eine Erkennungsmelodie zu einer Werbung der Schuhfirma Bata zu schreiben. Da er dabei erfolgreich war, entschloss er sich, in Zlín zu bleiben. Er hat dort Musik für 14 Filme geschrieben. Im Jahre 1946 kehrte mein Vater nach Prag zurück und arbeitete in den Barrandov-Filmateliers und im Armee-Filmstudio.

Das Schaffen eines Filmmusikkomponisten ist sicher etwas anderes als die Arbeit von Verfassern symphonischer Musik oder Opern- und Kammermusik, oder? Worin unterscheidet es sich?

"Der Unterschied besteht darin, dass der Komponist von Filmmusik alles schreiben muss. Am Anfang seiner Laufbahn arbeitete mein Vater z.B. an einem Film über tschechische Volkslieder. Als Kontrast zur Schönheit dieser Lieder sollte in dem Film ein Gassenhauer erklingen; es war aber nicht möglich, einen wirklichen, bereits existierenden Schlager zu nutzen, weil sich dessen Autor hätte beleidigt fühlen könnte. Deshalb war es nötig, einen neuen Gassenhauer speziell für diesem Film zu schreiben - und das war die Aufgabe für meinen Vater. Er hat es zwar gemacht, sich dafür aber sehr geschämt. Die Freunde meines Vaters haben es gewusst, wie sehr er sich wegen dieses Liedes schämte, und als er ein Jahr später heiratete, stellten sie Musiker ein, die dem Hochzeitspaar vor dem Rathaus dieses Lied spielten. Aber später hat mein Vater noch viele solche Lieder geschrieben."

Szene aus dem Film KurzgeschnittenSzene aus dem Film Kurzgeschnitten "Als Filmmusikautor sollte er ab und zu auch faschistische Märsche schreiben, denn man konnte in historischen Filmen wegen Copyright nicht so einfach die Originalmusik aus der damaligen Zeit verwenden. Ich glaube, dass es eine Ironie des Schicksals ist, weil mein Vater aus einer Familie stammte, die während des Zweiten Weltkrieges unter dem Faschismus sehr gelitten hatte. Seine Mutter starb im KZ und sein Stiefvater wurde von den Nazis zu Tode gefoltert. Mein Vater und sein Bruder haben gegen den Faschismus gekämpft. Der Bruder wurde verhaftet, ins KZ geschickt und nur deshalb nicht hingerichtet, weil er noch minderjährig war. Mein Vater hat sich lange vor der Gestapo versteckt. Aber abgesehen von allen diesen schweren Kriegserfahrungen ist er seinen musikalischen Pflichten gut nachgegangen. Man sagte, dass man einen von Sust geschriebenen faschistischen Marsch von einem wirklichen nicht unterscheiden kann."

Jiri Sust schrieb nicht nur Gassenlieder und Märsche, sondern auch allgemein bekannte, schöne und rührende Musik zu zahlreichen berühmten tschechischen Filmen. Mit welchen Regisseuren arbeitete dein Vater am häufigsten zusammen?

"Zu den bekanntesten zählen Vera Chytilova, Jiri Krejcik oder Frantisek Vlacil. Aber in erster Linie muss ich natürlich Jiri Menzel nennen. Er pflegte von meinem Vater zu sagen, Jiri Sust sei sein "Hofkomponist". Ihre Zusammenarbeit dauerte etwa 30 Jahre und mein Vater schrieb die Musik zu 11 Filmen von ihm."

Die bedeutendsten und bekanntesten davon sind, "Liebe nach Fahrplan", "Kurzgeschnitten", "Das Schneeglöckchenfest", "Heimat, süße Heimat", "Lerchen am Faden" oder "Launischer Sommer". Der Film "Liebe nach Fahrplan" erhielt im Jahr 1968 den Oscar-Preis. Zu einer der Melodien aus diesem Film verfassten die Amerikaner ihren eigenen Text und das Lied erschien auch auf einer Schallplatte. Hören Sie selbst:

Im Schaffen von Jiri Sust finden wir aber nicht nur Filmmusik. Er ist auch Autor eines Monumentalwerkes "Concerto Bohemo", das im tschechoslowakischen Pavillon auf der Weltausstellung EXPO 1967 in Brüssel erklang. Mit einer Hörprobe aus eben diesem Konzert möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Ich danke Jana Sustova für Ihre interessante Erzählung. Bis zum nächsten Mal sagt Ihnen nun Markéta Maurová.