Geschichte als Spielfilm – Dreiteiler „Der brennende Dornbusch“ über Jan Palach

Am 16. Januar dieses Jahres jährte sich zum 44. Mal der Tag, an dem der tschechische Student Jan Palach in Prag sich selbst verbrannte. Diesmal wurde in Tschechien viel mehr als es in den letzten Jahren über das damalige Ereignis diskutiert. Einen Anstoß dazu gab das tschechische Abgeordnetenhaus. Es beschloss rund 23 Jahre nach der politischen Wende hierzulande, den 16. Januar zum Gedenktag an Jan Palach zu erklären. Der stärkere Auslöser für die breite Debatte war indes der erste Spielfilm über Palach mit dem Titel „Der brennende Dornbusch“. Der Streifen spielt in der Zeit der so genannten „Normalisierung“, die bald nach Palachs Begräbnis einsetzte. Nach der Liberalisierung während des Prager Frühlings übernahmen kommunistische Hardliner wieder die Kontrolle in allen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens in der damaligen Tschechoslowakei.

„Der Mensch muss sich in dem Umfang gegen das Böse wehren, wie seine Kraft reicht.“ Das war einer der letzten Sätze, die Jan Palach auf dem Sterbebett gesagt hat. Fünf Monate nach der Besetzung des Landes durch die Truppen der Warschauer Pakt-Staaten glaubte er, als „brennende Fackel Nr. 1“ seine zunehmend resignierenden Mitbürger zu einem Massenprotest wachrütteln zu können.

Der Dreiteiler „Der brennende Dornbusch“ beginnt mit einer kurzen und aus dezenter Entfernung gedrehten Rekonstruktion der Selbstverbrennung von Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz. Produziert wurde der Dreiteiler mit einer Gesamtlänge von viereinhalb Stunden vom US-amerikanischen Fernsehsender HBO. Drei Tage nach seiner Tat stirbt Palach an seinen Verbrennungen. Nachfolgend spielt sich vor den Augen der Zuschauer die schleichende Verwandlung der Gesellschaft ab, die zunehmend resigniert. Eines der letzten Zeichen des Widerstands gegen die sowjetische Okkupation ist die stille Massenbeteiligung an Palachs Begräbnis. Der Widerstandswille schwindet rasend schnell ab April 1969 - also schon offiziell vor dem Hintergrund der „Normalisierung“ in der Regie der neuen von Moskau gebilligten Parteiriege.

Vilém NovýVilém Nový Eine der zentralen Figuren im Film ist die junge Rechtsanwältin Dagmar Burešová. Sie vertritt Palachs Mutter im Gerichtsstreit gegen den führenden kommunistischen Funktionär Vilém Nový. Nur wenige Tage nach Jan Palachs Begräbnis zog Nový diesen in Misskredit. Der Kommunist bezeichnete den Selbstmörder als Agenten eines ausländischen Nachrichtendienstes und letztlich auch als Opfer einer Verschwörung.

Die Filmemacher, allen voran der 28-jährige tschechische Drehbuchautor Štěpán Hulík und die international erfolgreiche polnische Regisseurin Agnieszka Holland, wollten den Fokus allerdings nicht nur auf den von Anfang an aussichtslosen Kampf der tapferen Rechtsanwältin gegen die kommunistische Justiz richten. Agnieszka Holland:

Agnieszka Holland (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Agnieszka Holland (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Für mich war sehr wichtig, dass das Drehbuch nicht als bloße Schilderung einer Heldentat verfasst wird - und auch nicht als romantische Vision eines Freiheitskämpfers. Vielmehr geht es darin um die Anatomie der so genannten ´Normalisierung´, mit dem Fokus auf die Schwächen, die Feigheit und den Mut im Alltagsverhalten verschiedener Menschen. Es wird gezeigt, wie das neu installierte politische System die Menschen zermürbt, entkräftet und erniedrigt. Zugleich aber auch, wie die Mehrheit der Gesellschaft dies akzeptiert. Für diese Menschen stand ihr privater Alltag im Vordergrund.“

Doch nicht nur das gute Drehbuch hat die polnische Regisseurin angesprochen. Genauso hat sie persönliche Beziehungen zum Geschehen in der damaligen Tschechoslowakei, also zur Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 sowie zur Person Jan Palach:

„Er war mein Altersgenosse, geboren im selben Jahr wie ich. Ich studierte damals Regie an der Prager Filmhochschule und war involviert in die damalige Studentenbewegung. Für mich als Polin war es sehr unangenehm, dass an dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 auch polnische Soldaten beteiligt waren. Weil ich mich auch danach in der Studentenbewegung engagierte, unter anderem beim Studentenstreik im November des Jahres, wurde ich für ein paar Wochen inhaftiert und nachfolgend verurteilt. Diese Erlebnisse haben mich für mein ganzes Leben geprägt. Sie haben mir die elementare Antworten auf bestimmte Fragen des Lebens vermittelt: Was ist der Mensch? Was ist die Gesellschaft? Aber auch: Was bedeuten Mut und Feigheit?“

Jan Palach (Foto: Kristýna Maková)Jan Palach (Foto: Kristýna Maková) Nur die wenigsten Studenten in seinem Fachbereich an der Prager Karlsuniversität kannten seinerzeit Jan Palach. Er begann erst zum Wintersemester 1968 Geschichte zu studieren, zuvor war er zwei Jahren lang an der Wirtschaftshochschule gewesen. Außerdem fiel er auch nicht auf, wie Zeitzeugen später behaupteten. Dass er vom kommunistischen Parlamentsabgeordneten Nový als Agent bezeichnet wurde, war höchst absurd. Doch im Streit um Palach wollte man im Film noch vieles Weiteres reflektieren, sagt Štěpán Hulík:

„Wir wollten nicht nur den Rechtsstreit als solchen erzählen. Wir wollten vielmehr auch die Mechanismen beschreiben, die dazu führen, dass aus etwas Positivem – wie es zum Beispiel der Prager Frühling hätte werden können - eine Schweinerei wie die Normalisierung entsteht. Das Erfassen dessen, wie bestimmte Prozesse vor sich gehen und wie sich Dinge entwickeln, ist aus meiner Sicht am interessantesten.“

Štěpán Hulík (Foto: Tschechisches Fernsehen)Štěpán Hulík (Foto: Tschechisches Fernsehen) Der Gedanke an einen Film über Palach hat Hulík ungefähr seit seinem 24. Lebensjahr beschäftigt. Damals studierte er noch das Fach Drehbuch an der Prager Filmhochschule. Es sei ihm bewusst geworden, dass Palachs Geschichte wegen ihrer Uneindeutigkeit und Unerklärlichkeit ein großartiger Stoff für eine Verfilmung darstelle. Beim späteren Schreiben des Drehbuchs sowie beim Filmen selbst habe man sich allerdings untersagt, über Palachs Gedanken und Gefühle im Moment seiner Selbstanzündung zu spekulieren:

„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO)„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO) „Wenn wir - oder Agnieszka Holland beziehungsweise das ganze Team bei den Dreharbeiten oder ich in meinem Drehbuch - versucht hätten, uns in Palachs Gedanken hineinzuversetzen und das zu beschreiben, was sich in seinem Kopf vor und im Moment der Selbstverbrennung abgespielt haben könnte, dann hätten wir uns in einer schwierige Situation begeben. So eine Tat zu verstehen, die man kaum mit dem Verstand erfassen kann, ist eigentlich unmöglich.“

Und es sei auch nicht leicht, einen neuen Blickwinkel auf das Thema zu finden, sagt Hulík. Deswegen hat Hulík einen ganzen Berg von Papieren durchgewühlt und weitere Recherchearbeiten betrieben. Dies waren zum einen die Akten über den Gerichtsprozess, den die spätere Justizminister Dagmar Burešová in Vertretung für Palachs Mutter führte. Zum anderen waren es eine ganze Menge historischer Quellen und Gespräche mit überlebenden Zeitzeugen.

„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO)„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO) Für die Tat von Jan Palach haben die Filmemacher eine passende Parallele im Alten Testament gefunden. Gerade das dort beschriebene biblische Ereignis führte zum Filmtitel „Der brennende Dornbusch“. Štěpán Hulík:

„In der Bibel ist eindeutig zu lesen: Gott spricht zu Moses aus einem brennenden Dornbusch, der nicht verbrennt. Wenn man dieses Bild in den Zusammenhang mit Palach bringt, findet man mehrere Ähnlichkeiten. Seine Tat im Januar 1969 war anscheinend sinnlos, doch viele Menschen waren davon tief beeindruckt und trugen Palachs Lebensgeschichte in sich. 20 Jahre später, im Januar 1989, tauchte sie während der so genannten Palach-Protestwoche wieder auf. Das gibt mir die Hoffnung, dass sich das Gute und die Wahrheit früher oder später einen Weg durch den Morast bahnen, der uns umgibt.“

„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO)„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO) Auf die Frage, ob man sein erstes Filmwerk als einen Dokumentar- oder als einen Spielfilm betrachten soll, gibt Hulík eine eindeutige Antwort:

„Es würde mich nicht freuen, wenn die Zuschauer den Streifen als einen Dokumentarfilm wahrnehmen. Selbstverständlich lag uns sehr daran, ihn im höchsten Maß historisch getreu zu machen. Doch selbstverständlich handelt es sich um einen Spielfilm - um ein Filmdrama, das völlig andere Methoden der Arbeit mit historischem Material erfordert. Die Handlung haben wir getreu nach historischen Fakten einschließlich vieler Details aufgebaut. Reale Personen wie zum Beispiel Dagmar Burešová, ihr Ehemann, Jan Palachs Bruder Jiří oder die Tochter des bereits verstorbenen Vilém Nový haben das Drehbuch gelesen. Ohne ihre Zustimmung wären wir nicht bereit gewesen, den Film zu drehen.“

„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO)„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO) Der private TV-Sender HBO ließ dem Drehbuchautor freie Hand bei der Wahl des Regisseurs. Dass er sich gemeinsam mit zwei jungen HBO-Produzenten an Agnieszka Holland wandte, hatte Hulík zufolge seine Gründe. Vor allem seien es ihr Renommee und ihre persönlichen Erlebnisse in Prag gewesen:

„Meiner Meinung nach ist es eine geniale Verbindung, wenn man einen hervorragenden Regisseur hat, der sein Metier beherrscht, und darüber hinaus auch eine persönliche Beziehung zum Filmstoff hat. Dann kann das Projekt, denke ich, kaum schiefgehen.“

„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO)„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO) Agnieszka Holland war vom Angebot des jungen Filmemacherteams aus Prag überrascht. In dem Film sah sie letztlich eine Chance und Herausforderung, Zitat: „die Wahrheit über das Geschehen in der Tschechoslowakei zu suchen“. Außerdem bekennt sie sich offen zur Mitverantwortung ihrer Generation für den Kommunismus:

„Ich glaubte, dass solch ein Film nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Tschechen und Slowaken, aber auch für die Polen, für Europa und vielleicht sogar allgemein für die Welt wichtig sein kann. Schließlich handelt es sich um eine substantielle historische Erfahrung in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ich möchte, dass die heutigen Zuschauer verstehen, worum es damals ging und dass man auch in einer Zeit ohne totalitäre Diktatur vor einer Entscheidung steht. Konformismus, Kompromisse und die Entscheidung des Menschen, was für ihn wichtiger ist, stehen auch in der heutigen demokratischen Gesellschaft zur Wahl.“

„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO)„Der brennende Dornbusch“ (Foto: HBO) Der Name Jan Palach sollte nach der Vorstellung der kommunistischen Machthaber für immer in Vergessenheit geraten. Dazu ist es nicht gekommen. Nicht nur sein Namen, sondern auch das Bild der Zeit, in der er lebte und starb, kehren nach der langen „Schweigepause“ allmählich in das Gedächtnis der Menschen zurück. Auch „Der brennende Dornbusch“ dürfte dazu beitragen. Nach seiner tschechischen und internationalen Kinopremiere im Januar war der Film im Februar als Dreiteiler auch im tschechischen Programm von HBO zu sehen.