Gelockt von der Stimme einer Seegurke: Skála in der Nationalgalerie

Von Skulpturen und Gemälden, über bewegliche Installationen und Collagen bis hin zu Graphiken und Fotos sowie der Architektur. František Skála ist in vielen Disziplinen der Kunst zu Hause. Holz, Kunststoff, Äste und Moos sind dabei die Materialien, mit denen er am liebsten arbeitet. Seine neue Ausstellung in der Nationalgalerie in Prag will dem Besucher ein komplexes Erlebnis bieten.

František Skála (Foto: Markéta Kachlíková)František Skála (Foto: Markéta Kachlíková) Spielerisch, suchend, magisch, archetypisch – so lässt sich das Schaffen von František Skála charakterisieren. Authentische Erlebnisse, fiktive Figuren und Geschichten sowie imaginäre Welten. Dies alles findet man in den Werken des Künstlers, der im letzten Jahr seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Er selbst wolle nicht als jemand bezeichnet werden, der mystifiziert. Die Mystifizierung würde dadurch ihren Sinn verlieren. Doch wenn man ihm zuhört, muss man sich immer wieder fragen, was ernst gemeint ist und was nicht.

„Ich tauche zum Meeresboden, gelockt von der Stimme einer Seegurke, und dann tauche mit einer Perle wieder auf. Das charakterisiert mein lebenslanges Streben. Die Inspiration kommt häufig irgendwoher, aber letztlich entdecke ich etwas völlig anderes.“

Soweit František Skála selbst zu seiner Methode. Seit seiner letzten großen Ausstellung im Rudolfinum sind zwölf Jahre vergangen.

„Nun gelang es mir endlich, wieder eine große Ausstellung in Prag zu machen. Ich habe mich für die Waldstein-Reithalle entschieden. Sie bietet einen großen Raum, in dem man sowohl große schwere Skulpturen als auch kleinere Sachen platzieren kann. Und man kann hier mit der Architektur des Saals arbeiten.“

„Zahn der Zeit“ (Foto: Markéta Kachlíková)„Zahn der Zeit“ (Foto: Markéta Kachlíková) Der Raum wurde geöffnet, die Kronleuchter beseitigt. Das Licht spielt trotzdem eine wichtige Rolle in der Ausstellung. Weißes Licht, das Spiel mit den Schatten und das Durchleuchten der ausgestellten Kunststücke gehören dazu. Aber auch Lichtobjekte, die in verschiedenen Farben strahlen. Mehr als in Galerien üblich kommt auch das Tageslicht rein.

Lichtspiel – Skulpturen – Pavillons

Der Besucher kann sich mit einem Plan in der Hand oder auf eigene Faust auf den Weg zu den Objekten und durch die Pavillons machen. In der Mitte steht der „Zahn der Zeit“– ein drei Meter hoher Baumstamm, den eine goldene Plombe schmückt und schützt. Durch ein kleines Löchlein kann man reinschauen und darin eine imaginäre Welt beobachten. Ein Einhorn aus Draht ist eine weitere Dominante des Raums. An der größten Wand der Galerie hängt eine 8 mal 9 Meter große Leinwand.

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková „Bei der Betrachtung fällt der Zusammenhang mit dem Turiner Grabtuch auf. Ich mag dieses Grabtuch sehr. Aber nicht wegen des Christus in der Mitte. Ich finde ihn etwas peinlich, meiner Meinung nach handelt es sich offensichtlich um eine Fälschung. Mich interessieren die Figuren, eine Art Aliens, die am Rande durch das Falten des Stoffes entstanden sind. Diesen Flecken wollte ich mich in meiner Huldigung an die zoomorphe Symmetrie annähern. Außerdem hat es einen Bezug auf die Höhlenmalerei, die ich ebenfalls sehr mag.“

Ein Karussell mit Schattenspiel, ein Schädel aus Papier, der sich in regelmäßigen Intervallen aufbläst oder eine in der Höhe schwebende Figur sind weitere Exponate. Außerdem wurden fünf kleine Häuschen in den Raum der Reithalle eingebaut. Jedes davon hat einen Namen und seinen eigenen Charakter.

Das „Musaion“ erinnert an ein traditionelles Museum aus dem 19. Jahrhundert. In den Vitrinen sind verschiedene Exponate aus der Natur und historische Stücke ausgestellt.

„Seit langem träume ich davon, ein eigenes Museum zu besitzen. Ich hab es nie verheimlicht. In dem Musaion wird meine persönliche Sammlung ausgestellt. Die unterschiedlichen Exponate stammen aus dem Familiennachlass oder ich habe sie irgendwann bekommen. Die wertvollsten Stücke hat mir mein Freund, ein Naturforscher, von seinen Expeditionen mitgebracht. Manche sind sehr wertvoll. Das älteste Stück ist etwa 350.000 Jahre alt, es ist lybisches Wüstenglas aus Ägypten.“

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková Eine völlig andere Atmosphäre bietet die sogenannte „Gallery“.

„Sie ist ein typischer minimalistischer weißer Kubus. So sehen die Galerien in der Welt aus, in denen zeitgenössische Kunst präsentiert wird. Die Kunstwerke sehen in einem solchen weißen Raum immer schön aus. Hier sind eher minimalistische Objekte. Sie entsprechen nicht dem Bild von mir aus den Medien. Eines Mannes also, der Kunst aus Moos und Ästen macht. Man sieht hier etwa ein Prisma aus Aluminium, das ich wegen der Schönheit des Materials geschaffen habe.“

Gegenüber der „Gallery“ steht der sogenannte „Pavillon“. Eine Ausstellungskammer, die absichtlich Tageslicht bietet:

„Darin ausgestellt sind meine Lichthäuser, also Kästen aus Laminat. Ich mag dieses Material dank seiner Lichteigenschaften. Es zersetzt das Lichtspektrum und kann wahre Wunder mit dem Licht machen.“

Schönheit des Kunststoffes

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková Der Pavillon „Tribal“ steckt hingegen ganz in Dunkelheit. Nachdem man den Eingang wie in eine Höhle passiert hat, kann man die leuchtende „Schönheit des Kunststoffes“ bewundern.

„Dieser Raum hier braucht keine Worte. Das ist einfach die pure Schönheit des Plastikmaterials Sustamid 66. Das Material ist sehr hart und lässt sich sehr schwer bearbeiten. Relativ gut geht es mit einem Beil. Es erinnert an Onyx oder Knochen. Hier auf dem größten Schild wechselt das Licht – das Stück wird zunächst von hinten durchleuchtet, dann ändert sich die Beleuchtung, und man sieht die Struktur der Bearbeitung mit dem Beil.“

Die Formen stützen sich auf Vorbilder in verschiedenen archaischen Kulturen, von Naturvölkern sowie der Natur selbst, betont Skála. Das sei für ihn eine unerschöpfliche Quelle von Formen, die nur durch einen geringen Eingriff verändert würden.

Foto: Markéta KachlíkováFoto: Markéta Kachlíková Über dem fünften kleinen Häuschen hängt das Schild „Privat“. Bewohnt wird es von einem merkwürdigen Wesen namens „Couloeur“.

„Das ist mein Beitrag zum Diskurs über die Privatsphäre. Meiner Meinung nach ist das Private sehr wichtig, besonders für einen Künstler. Die öffentliche Kommunikation und das Sharing in sozialen Netzwerken sind zwar schön, es kann daraus aber nichts Gutes entstehen. Das Wesen, das hier wohnt, heißt Couleur. Es wurde geschaffen aus Kugeln, die die Seepflanze Neptungras bildet. Ich habe die Kugeln vor etwa zwanzig Jahren gesammelt und jetzt endlich dieses Wesen daraus geschaffen.“

Kleine, zerbrechliche Sachen aus den unterschiedlichsten Materialien

In einer Vitrine werden typische Skála-Dinge ausgestellt. Ein Käfer aus einem Schlüsseletui, eine Puppe aus einem alten Kopfhörer oder aber kleine Skulpturen aus Naturmaterialien.

„Kleine, zerbrechliche Sachen aus den unterschiedlichsten Materialien. Das ist ein typischer Teil meines Schaffens.“

Die Ausstellung geht auf dem Balkon der Reithalle weiter. Von dort aus kann man mit einem Fernglas die ganze Ausstellung beobachten. Eine Kollektion aus Briefumschlägen in übernatürlicher Größe schmückt die Hauptwand.

Die Ausstellung ist in der Waldstein-Reithalle der Nationalgalerie in Prag bis zum 3. September zu sehen. Die Galerie in der Nachbarschaft der Metro-Station Malostranská ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

„Die Briefumschläge sind für mich erstens normale Gemälde, meist aber abstrakte Bilder. Und zweitens mag ich den Briefumschlag als Symbol von etwas, was verloren geht: die Briefe verschwinden allmählich. Aber sowohl die Form des Briefumschlags als auch seine Botschaft sind Archetypen: vier gefaltete Dreiecke über einem Rechteck. Für mich ist es sehr interessant, mit diesem Motiv zu arbeiten. Jeder der hier ausgestellten Umschläge ist anders. Die Arbeit daran bedeutete für mich die Freude am Schaffen pur.“

Soweit František Skála am Ende der Führung durch seine Ausstellung. Er gilt als Schlüsselfigur der tschechischen Gegenwartskunst. Als Mitglied der Künstlergruppe Tvrdohlaví hat er Ende der 1980er Jahre den spielerischen Postmodernismus in die tschechische Kunst gebracht. 1991 wurde ihm der prestigeträchtige Chalupecký-Preis für junge Künstler vergeben. Sein Schaffen charakterisieren eine vielseitige Kreativität sowie eine langjährige Kontinuität von Themen, Methoden und persönlichen Einstellungen.