Endlose Augenblicke: Der Fotograf Jan Parik präsentiert eine Werkauswahl

Wer träumt nicht ab und an davon, einmal die Zeit einfangen zu können? Schließlich nimmt von Tag zu Tag die eigene Vergangenheit zu, und damit auch die Fülle des Vergessens. Wollen wir uns etwa noch einmal unserer Kindheit lebendig erinnern, so ziehen wir das schwere Familienalbum aus dem Schrank und schwelgen seufzend in Bildern aus längst vergangenen Tagen. Einer, der versucht hat, den Augenblick einzufrieren, ist der Fotograf Jan Parik. Berühmt gemacht hat Parik die schwarz-weiße Fotoserie "Kafka und Prag", in der er das alte und wie er selbst sagt das "echte" Prag noch einmal wiederauferstehen lässt. Gegenwärtig zeigt Parik in seiner Prager Galerie "Caspari-Zentrum" eine eigene Werkauswahl. Für unseren "Kultursalon" hat Menno van Riesen sich vor Ort mit Jan Parik getroffen, ist zusammen mit dem Fotografen dessen reichen Lebens- und Bilderweg noch einmal abgeschritten, und mit ihm in die Welt von gestern abgetaucht, in das Prag zu Zeiten von Franz Kafka.

"Es ist etwas Besonderes, sein Haus zu haben, hinter der Welt die Tür nicht des Zimmers, nicht der Wohnung, sondern gleich des Hauses abzusperren; aus der Wohnungstür geradezu in den Schnee der stillen Gasse zu treten."

So schreibt Franz Kafka an seine Verlobte Felice Bauer, nachdem er eines der winzigen Häuschen in der sagenumwobenen Alchimistengasse auf dem Prager Hradschin bezogen hat. Ein schwarz-weißes Foto scheint von jener Zeit zu zeugen: Es zeigt ein gut über die Hälfte links ins Bild hinein geschobenes Häuslein, dem sich die nächsten zwei Nachbarbauten nahtlos anreihen. Mit seinen aufgestellten Fensterflügeln über der niedrigen Eingangstür scheint es auf die baldige Wiederkunft seines berühmten Bewohners zu warten, der eben kurz sich die Beine vertreten mag. Festgehalten hat diesen erwartungsvollen Moment der Fotograf Jan Parik. Zurzeit erinnert in seiner Prager Galerie "Caspari-Zentrum" eine Werkauswahl an die verschiedenen Schaffensperioden des Künstlers. Weltweit bekannt gemacht hat Parik freilich die Fotoserie "Kafka und Prag" aus den Jahren 1960-64, wie der Fotograf betont:

"Ich hab die Kafka-Ausstellung zum ersten Mal in Israel machen können. Es gab dort einen sehr großzügigen Spender in dem Museum von der Diaspora. Wir haben eine sehr schöne Ausstellung gemacht, und ich habe dann anschließend diese Ausstellung dem Museum geschenkt. Die Israelis haben sie anschließend durch die ganze Welt geschickt. Zunächst nach New York, wo sie sehr viel Erfolg hatte und auch in der New York Times wunderbar besprochen wurde, und dadurch war ich ein gemachter Mann."

Jan Parik hat zwei Pässe und zwei Staatsangehörigkeiten: die tschechische und die deutsche. Denn geboren und aufgewachsen ist er vor dem zweiten Weltkrieg in Breslau, dass heute Wroclav heißt und in Polen liegt. Als einziger männlicher Erbe einer jüdischen Familie sollte er eines Tages das große Einkaufsgeschäft seines Vaters in der Hauptstraße von Breslau übernehmen. Doch die Nationalsozialisten nahmen der Familie jede Hoffnung auf Zukunft, und so zogen die Pariks weiter bis zum Riesengebirge, wie sich Jan Parik entsinnt:

"Dann begann es hier wieder neu. Anfangs waren wir im Geburtsort von meinem Vater, in Königinshof. Dort musste ich tschechisch lernen und ging in eine tschechische Schule. Ich hatte schlechte Noten. Die Schüler haben Nationalisten gespielt und mich spüren lassen, dass ich Deutscher bin. Denn die Deutschen waren ja vorher hier die Besatzer. Als dann nach dem Kriegsende mein Vater aus dem KZ entlassen wurde, sind wir alle sehr glücklich gewesen, dass wir wieder zusammen waren. Danach sind meine Eltern weiter nach Reichenberg, Liberec, gefahren, um dort eine neue Wohnung zu nehmen und ihr Geschäft wieder aufzubauen. Aber dann sind die Kommunisten gekommen und haben alles verstaatlicht. " Trotz der Repressalien gelingt es Jan Parik, einen Studienplatz an der Prager Akademie der Künste "FAMU" zu ergattern. Die Stätte, wo er auch seinen späteren Freund, den Schriftsteller Milan Kundera kennen lernen sollte. Endlich kann Parik seinen Traumberuf erlernen, wie er betont: "Ich war überzeugt, ich musste Fotograf werden. Ich wollte immer Fotograf werden. Deswegen bin ich auch nach Prag gekommen. Es war die einzige Möglichkeit damals, in Prag zu studieren, und die Stadt hat mich denn auch sofort begeistert."

Erste Erfolge als freischaffender Fotograf stellen sich ein. Stets unterlegt er seine Motive mit Textpassagen, mal kürzer, mal länger, anders habe er keine Verbindung zu den Bildern, so Parik. 1960 dann fing die "Geschichte mit Kafka" an, wie er es nennt. Dem legendären, alten Prag zu Anfang des 20. Jahrhundertes will er mit einer Fotoserie ein Denkmal setzen - den Geist von damals noch einmal - und zwar für immer - einfangen. Authentisch und für Dritte nachvollziehbar sollten die Bilder sein. Und so zieht Parik die Kreise immer enger und nähert sich dem berühmtesten Spross der Stadt - Franz Kafka - an: "Dadurch, dass ich deutsch kannte und sämtliche Werke noch nicht übersetzt waren, habe ich Kafka gelesen, alles was nur irgend erschwinglich war, und danach habe ich mir ein Treatment gemacht. Ich habe viele Leute getroffen, die Kafka noch kannten, damals lebten die noch alle. Ich musste viel Recherche machen. Es gab nichts, Kafka war verboten. Deshalb gab keine tschechischen Veröffentlichungen."

Langsam gewinnt Pariks Vorhaben an Kontur. Jedes einzelne Foto solle für sich stehen, aber zugleich will Parik mit ihnen eine Geschichte erzählen. Er beschließt, ganz konkret Kafkas Wege, die dieser einst alltäglich nahm, zu Fuß nachzuzeichnen. Parik erklärt:

"Da ist einmal Kafkas Weg zur Schule: Am Altstädter Ring war das Haus, wo die Familie wohnte. Es gibt einen Brief, wo er der Milena schreibt, welchen Weg er zur Schule gegangen ist. Die Köchin hat ihn immer dorthin gebracht. Wichtig war der kürzeste Weg: man geht ein bisschen Zickzack, nimmt eine Abzweige, kommt in einen Hof hinein - vieles habe ich nach Gefühl gemacht. Genügend Orte wie etwa Kafkas Wohnungen, fand ich auch genau beschrieben, bei Max Brod zum Beispiel. Kafka nahm für sich selbst eine Wohnung, um besser Schreiben zu können, denn zu Hause ging es oftmals so laut und geschäftig zu, dass er sich nicht genügend konzentrieren konnte."

Die schwarz-weißen Aufnahmen wirken wie eingefroren. Das fast völlig ins Dunkel getauchte Treppenhaus in der Bilekgasse ist von unten nach oben fotografiert, nur das durch das transparente Dach schwach einfallende Licht lässt den schneckenförmigen Stufenverlauf erahnen. Ein anderes Foto zeigt einen verwaisten Hinterhof, den ein kleiner Stapel mit säuberlich aufgeschichteten Holzbrettern und ein wie gerade abgestellter leerer Leiterwagen daneben nur noch einsamer machen. Menschen, Autos, Verkehrszeichen und Reklameschilder fehlen in Pariks Aufnahmen völlig: Unangreifbar und zeitlos wirken die Bilder. Licht und Schatten spielen an grauschwarzen Mauern, Grenzkonturen geraten ins Schwimmen. Parik erinnert sich: "Dieses weiche und weiße Licht - das damals noch vorherrschte, lag zu großen Teilen an der noch fürchterlichen Luftverschmutzung allerorten. Die rührte von den Heizungen her, denn die Leute haben damals noch mit Kohle geheizt - Braunkohle - schlechter, minderwertiger Kohle."

Jan Parik ist sich sicher, dass seine Fotos den wahren Charakter von Prag widerspiegeln. Und sogar die ehemaligen Weggefährten Franz Kafkas, Max Brod und Willy Haas, erkennen auf den Aufnahmen erstmals jenes Prag von damals so wieder, wie es bis dahin nur in ihrer Erinnerung bestanden hatte. 1965 flieht Parik aus Tschechoslowakischen Republik, nicht zuletzt wegen des Verdachts auf "antikommunistische Aktivitäten". Berlin, Hamburg und München lauten seine Stationen in Deutschland. Parik arbeitet als Bildjournalist für den "Stern", "Quick", den "Playboy", für Werbeagenturen und führende Industrieunternehmen. Und er reist viel. So folgt er etwa in der Wüste Sinai den Spuren Moses und des Volkes Israels auf ihrem langen Weg in das gelobte Land Kanaan. Immer wieder bleibt der Blick der Kameralinse an einsam in der kargen Landschaft stehenden bizarren, knorrig alten Olivenbäumen haften. 1983 wagt er den Sprung über den großen Teich nach New York. Ein wesentlicher Grund, Deutschland den Rücken zu kehren, war die Entdeckung und Offenlegung der vermeintlichen Hitler-Tagebücher im "Stern". Parik brandmarkte die in seinen Augen rechts eingeschlagene Richtung der Wochenzeitschrift und distanzierte sich vom "Stern". In New York entwickelt Parik die so genannte Assemblage-Technik, bei der er viele Einzelaufnahmen zu einer Gesamtkomposition zusammenfügt .Eine Auftragsarbeit Mitte der neunziger Jahre - ein Panoramablick aus einem Fenster des "World Trade Centers" - macht ihn sprichwörtlich unsterblich und ist gleich vorn im Eingangsbereich der Galerie zu sehen. Parik blickt zurück:

"Das große Bild von New York war eine Assemblage, die ich für die Lobby unten im `World Trade Center´ gemacht habe, wo die Leute früher Schlange standen. Ich habe noch monatelang geträumt, wie ich da fotografiert habe. Zuerst habe ich das Stativ oben angebunden, weil der Auftraggeber wollte, dass ich direkt nach unten fotografiere, damit die Höhe zu erkennen ist. Die Überlegung war: Die Besucher fahren ganz nach oben, dort ist jedoch schlechtes Wetter, so dass sie nichts sehen können. Also wollen wir ihnen in der Lobby zeigen, wie weit man normalerweise sehen kann."

Im Jahr 2002 gelangt Parik endlich in die Stadt zurück, die seinen Erfolg als Fotograf begründete: Prag. Und eröffnet im August desselben Jahres seine Galerie "Caspari-Zentrum" zusammen mit seiner Lebensgefährtin Pavla Pechalova, eine Architektin und Malerin. Zwar ist Parik froh, dass die Zeiten des Kommunismus vorbei sind, gleichwohl spürt er einen deutlich anderen Zeitgeist durch Prag wehen als noch in den 60er Jahren:

"Die Menschen haben sich total verändert. Es ist so ähnlich wie in Deutschland, alles ist sehr amerikanisiert. Es ist alles lediglich für den Augenblick bestimmt jeder lebt nur für den Augenblick, verdient Geld, gibt Geld aus. Es ist alles schelllebig geworden, leider."

Im April präsentieren Parik und Pechalova Aufnahmen von Andreas Sterzing, Pariks ehemaligem Assistenten, welchen er als sein komplettes Gegenstück bezeichnet, weil Sterzing fast ausnahmslos Menschen fotografiert. Im August gibt es eine Ausstellung mit Werken von Jaroslav Rössler, einem modernen, sehr abstrakten Fotografen. Und zwischendurch sind in der Galerie immer wieder Werke von Parik selbst zu sehen, bevor er eine Auswahl seines Oevres Ende des Jahres in Paris zeigen wird. Und "Kafkas Prag"? Bis der weltbekannte Zyklus Mitte des Jahres ins Prager "Clam-Gallas-Palais" kommt", hängt er noch in den Ausstellungsräumen einer Washingtoner Galerie.