Eine Opernfahrt aus Liberec nach Jablonec

27-04-2019

Die Straßenbahn Nummer elf verbindet seit Jahren die nordböhmische Kreisstadt Liberec / Reichenberg mit Jablonec / Gablonz. Mittlerweile kennt man sie weit über die Grenzen Nordböhmens hinaus. Der Dichter Pavel Novotný hat über sie sogar eine Gedichtsammlung geschrieben, sie trägt den Titel „Tramvestie“. Der Komponist Petr Wajsar hat den Band wiederum als Vorlage und Libretto zu einem einzigartigen Musikopus genommen. Die Oper „Tramvestie“ erlebte vor kurzem auf der Neuen Bühne des Nationaltheaters in Prag ihre Weltpremiere.

Eine Straßenbahn als Kunstobjekt mit Eigenleben

„Tramvestie“ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)„Tramvestie“ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)

Petr Wajsar (Foto: Martina Schneibergová)Petr Wajsar (Foto: Martina Schneibergová) Die Oper Tramvestie entstand im Auftrag des Nationaltheaters und der Staatsoper Prag. Auf das Thema sei er nach der Rückkehr von einem Theaterbesuch gestoßen, erklärt Komponist Petr Wajsar:

„Ich habe damals auf der Neuen Bühne gerade Steve Reichs Oper ,Three Tales‘ gesehen. Ich setzte mich an den Computer und habe entdeckt, dass es eine Gedichtsammlung von Pavel Novotný gibt, die auf eine poetische Weise die Fahrt mit der Straßenbahn aus Liberec nach Jablonec beschreibt. Ich habe einen begeisterten Kommentar auf Facebook geschrieben. Und Dichter Jaromír Typlt hat darauf mit den Worten reagiert: ,Schau, das könnte eine Oper werden.‘ Und das war‘ s.“

Pavel Novotný ist Dichter, Übersetzer, Germanist und Pädagoge. Er leitet den Lehrstuhl für deutsche Sprache an der Technischen Universität in Liberec. Unmittelbar vor der Prager Premiere von „Tramvestie“, entstand das folgende Gespräch mit dem Librettisten.

Pavel Novotný (Foto: Martina Schneibergová)Pavel Novotný (Foto: Martina Schneibergová) Wie ist die Tramvestie überhaupt entstanden?

„Angefangen hat es 2006. Mir ist eingefallen, die Fahrt der Straßenbahnlinie irgendwie festzuhalten. Ich kam auf die Idee, Bekannte und Freunde einfach während der Fahrt aufzunehmen und die Texte dann dichterisch zu gestalten. Die Aufzeichnungen stellten nur das Material dar, das weiter zu bearbeiten war.“

Haben Sie die Menschen einzeln aufgenommen? Wie kann man sich das vorstellen?

„Ja, jede einzelne Fahrt mit je einem Sprecher. Es dauerte zehn Jahre lang, bis sich das alles gesammelt hat. Das Buch enthält verschiedene Fahrten, zu verschiedenen Tageszeiten und Stimmungen. Es ist multiperspektivisch und multichronisch. Anschließend hat sich das zu einer Komposition für den Rundfunk weiterentwickelt, die ich 2012 gemacht habe. Dann folgte ein Buch und dann hat sich das zu einem Straßenbahnobjekt entwickelt – zu einem Straßenbahnwagen, der mit Texten beklebt ist. Es führt ein Eigenleben und ist – kann man sagen – viral. Schließlich kam Petr Wajsar mit der Idee, eine Oper zu schreiben. Ich war total überrascht. Denn am Anfang war das nur eine Leidenschaft, weil mich die Fahrt fasziniert hat. Die ‚Tramvestie‘ gibt es auch als grafisches Projekt. Der Grafiker Jan Měřička hat diese Fahrt ursprünglich völlig unabhängig von mir verewigt.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Haben Sie die Menschen, deren Aussagen Sie aufgezeichnet haben, gut gekannt?

„Es waren alles Bekannte oder Freunde, die ich mir anhören und deren Stimmen ich bearbeiten wollte. Das sind Porträts dieser Menschen und zugleich eine multiperspektivische Essenz der Fahrt. Es gab dabei Leute, die die Landschaft gar nicht gekannt haben, aber welche, die dort leben und die dort etwas erlebt haben.“

Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder der Passagiere etwas erzählt hat, gab es nicht Menschen, die Hemmungen hatten, sich zu äußern?

„Es gab auch Leute, die die ganze Zeit geschwiegen oder die gestottert haben. Dann sind wir wieder zurückgefahren, wobei Aufzeichnungen entstanden sind, die ich benutzen konnte oder manchmal eben auch nicht.“

„Tramvestie“ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)„Tramvestie“ (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag) Sie sind auch Übersetzer. Haben Sie nicht daran gedacht, einige dieser Erklärungen ins Deutsche zu übertragen?

„Ja, einiges wurde bereits übertragen, aber das habe ich nicht selbst übersetzt. Im Buch gibt es auch eine Aufnahme, die auf Deutsch ist.“

Sie waren bei den Proben für die Oper nicht dabei und werden das Werk erst jetzt bei der Premiere sehen…

„Ich wollte mich überraschen lassen. Ich habe Petr Wajsar und allen anderen Beteiligten freie Hand bei der Gestaltung gelassen. Es ist wichtig, dass sie den Raum für ihre kreative Arbeit bekommen haben. Ich habe das Libretto geliefert und Petr Wajsar die Rohaufnahmen von der Straßenbahn zur Verfügung gestellt. Was ich faszinierend finde, dass man auf einer Bühne die lebendigen Stimmen, die Tonaufnahmen und auch das Bild mit dem Text verbinden kann. Das ist eine Art Gesamtkunstwerk.“

„Genauso ist das in der Straßenbahn“

Die Bühne ist leer, es stehen dort nur vier Sitze eines Straßenbahnwagens vom Typ T4. Darauf sitzen vier Gesangssolisten als Passagiere der Tram. Die Videoprojektion auf der Leinwand hinter ihnen deutet die Fahrt an. Die Regie bei dem Stück führte Marek Bureš, der zudem das Bühnenbild und das Videodesign entworfen hat. 13 Mitglieder des Orchesters der Prager Staatsoper begleiten die Oper musikalisch. Dirigent Richard Hein hat das Werk einstudiert. Nach der Premiere entstand das folgende Gespräch:

Herr Hein, worin besteht für Sie als Dirigent der Unterschied zwischen einer klassischen Oper und der Oper Tramvestie?

„Der größte Unterschied ist, dass man bei einer klassischen Oper versucht, technische Komponenten, wenn möglich, auszuschließen. In diesem speziellen Fall war das eine Grundvoraussetzung, das heißt mit Kopfhörern und Geräuschen, dass wir alle technischen Möglichkeiten ausnützen, die wir heute haben, um eine perfekte Illusion aufzuführen.“

Jana Horáková Levicová, Lenka Šmídová, Dušan Růžička und Jiří Sulženko (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)Jana Horáková Levicová, Lenka Šmídová, Dušan Růžička und Jiří Sulženko (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag) Die Illusion, dass man mit der Straßenbahn aus Liberec nach Jablonec fährt, war perfekt. Wie finden Sie das Libretto, das oft auch witzig ist?

„Es war eine sehr gute Idee, die Leute in der Straßenbahn aufzunehmen und dann möglichst getreu die Wortlaute in Musik zu fassen. Das sollte ein Mosaik bilden. Das bedeutet auch, dass die vier Solisten nichts miteinander zu tun haben. Das sind nur ihre Impressionen, was sie singen, deswegen auch das organisierte Chaos, das manchmal stattfindet.“

Wie finden Sie die vertonte Werbung von Textilana Liberec?

„Es ist ein großer musikalischer Witz. Es ist aufgebaut wie eine Bach-Fuge. Es gibt da auch andere Stellen, die witzig sind. Zum Schluss erklingt die große Arie ,Projeli jsme to‘. Ich habe schon von Leuten, die die Fahrt kennen, gehört: ,Genauso ist das in der Straßenbahn‘.“

Über den Rahmen einer gewöhnlichen Oper hinaus

Jiří Sulženko (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)Jiří Sulženko (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag) Tramvestie ist nicht nur eine Oper über die Straßenbahn zwischen Liberec und Jablonec, sondern auch über die Einsamkeit. Die vier Passagiere, zwei Frauen und zwei Männer, treten jeder für sich auf, es gibt keinerlei Beziehungen zwischen ihnen. Einen der männlichen Fahrgäste singt der Bass Jiří Sulženko. Er ist davon überzeugt, dass „Tramvestie“ den Rahmen einer gewöhnlichen Oper sprengt:

„In dem Werk gibt es Jazz, Rock’n’roll, Big Beat und vieles mehr. An der Haltstelle Vratislavice-Schule erklingen herrliche Volksmusikmotive. Es ist eine sehr klug geschriebene Musik. Übrigens gibt es dort auch einen recht schönen Blues-Abschnitt. Ich glaube, das alles wird für viel Emotion beim Publikum sorgen.“

Der Librettist Pavel Novotný hat die Oper zum ersten Mal bei der Premiere gesehen. Wie waren seine Eindrücke?

„Ich bin begeistert, aber ich muss es noch verarbeiten. Ich habe ständig aufgepasst, wie das ganze zusammenhält und konnte mich nicht richtig konzentrieren. Aber ich meine, es funktioniert. Es ist unglaublich, aus welchen vielen Teilen die ganze Maschinerie entsteht. Die Orchestermitglieder mussten es bestimmt viel üben, denn die Musik ist nicht einfach. Hinzu kommen die Stimmen der Solisten. Die bildliche Begleitung ist eine weitere Komponente.“

Jana Horáková Levicová, Lenka Šmídová, Dušan Růžička und Jiří Sulženko (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag)Jana Horáková Levicová, Lenka Šmídová, Dušan Růžička und Jiří Sulženko (Foto: Patrik Borecký, Archiv des Nationaltheaters in Prag) Im Text wird die Maffersdorfer Teppichweberei erwähnt. Gab es dort wirklich eine Teppichfabrik?

„Ja, schon. Im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Maffersdorf (tschechisch Vratislavice, Bem. d. Red.) eine große Teppichproduktion. Es wurden dort unechte ,Perserteppiche‘ aus dem Abfall der Textilproduktion dort produziert. Liberec und Jablonec waren in der Vergangenheit Städte mit hochentwickelter Industrie. In der Region gab es später viele Sympathisanten mit den Nationalsozialisten. Wie sich das nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, das war dramatisch und drastisch: die wilde Vertreibung und die offizielle Vertreibung. Das war eine dunkle Zeitetappe. Das war im Text nur angedeutet, es war aber kein Hauptthema. Die Leute leben heutzutage in der Region so zu sagen auf einem leeren Hintergrund der Landschaft, die sie nicht interpretieren und nicht verstehen können.“

Die Oper Tramvestie von Petr Wajsar wird in dieser Saison noch am 7. und 20. Mai und am 23. Juni auf der Neuen Bühne des Prager Nationaltheaters aufgeführt.

Wird die Oper auch in Liberec aufgeführt?

„Hoffentlich. Das wäre für die Bewohner von Liberec, die die Straßenbahnlinie kennen, spannend. Sie können das auf etwas Konkretes beziehen.“

27-04-2019