Drehtheater in Krumau

Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, beim Kulturspiegel von Radio Prag begrüßen Sie Olaf Barth und Markéta Maurová. Dass sich in einem Theater eine Drehbühne befindet, wird kaum jemanden überraschen. Wir wollen Sie aber heute in ein spezifisches Theater führen. Es dreht und bewegt sich dort nämlich nicht die Bühne, sondern der Zuschauerraum, besser gesagt eine drehbare Zuschauertribüne. Das Theater hat zwar diese Spezialität, dagegen aber kein Dach. Es befindet sich nämlich im Park des Schlosses in Cesky Krumlov (Krumau) und wird jeden Sommer, im Rahmen des "Südböhmischen Theaterfestivals" belebt.

Cesky Krumlov, foto: CzechTourismCesky Krumlov, foto: CzechTourism Die Tradition der Theaterkultur in Krumau ist sehr alt und reich. Theater wurde in der Geschichte sowohl in der eigentlichen Stadt, als auch im Schloss gespielt. Ihre Anfänge sind mit dem höfischen Milieu des Krumauer Schlosses verbunden. Die ersten indirekten Informationen über die Theatervorstellungen auf dem Schloss stammen aus den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts, als der Rosenberger Kanzler Václav z Rovného die Komödie "Polixena" des italienischen Autors Leonardo Bruni abschreiben ließ. Ein anderer Bericht beweist, dass Václav z Rovného im Jahre 1497 auf dem Rosenberger Hof das Spiel "Rosa Rosensis" des Humanisten Jakob Canter aufführte, das das Rosenberger Herrschergeschlecht verherrlichte. Zu einer bedeutenden Entwicklung des Theaterlebens auf dem Schloss kam es in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts während der Regierung der letzten Rosenberger.

Das Theaterschaffen beschränkte sich zur damaligen Zeit nicht nur auf das Schloss. Theateraktivitäten entwickelten sich auch im Zusammenhang mit dem Wirken des Jesuitenordens, in dessen Missions- und Bildungstätigkeit das Theater immer eine bedeutende Rolle spielte. Die Schulsemester endeten oft mit einer Theatervorstellung, in der die Schüler des Jesuitenkollegs spielten. Die Jesuitenvorstellungen bearbeiteten Motive aus der Geschichte der Kirche, mit biblischer Thematik oder aber sie führten ausgedachte, gefühlsbetonte, religiös und moralisch wirkungsvolle Geschichten auf. Als Sprache wurde in diesen Dramen Latein benutzt. Man spielte auf improvisierten Bühnen im Jesuitenkolleg und im Schloss, in einigen Fällen nutzte man auch die Horní-Gasse oder den Stadtplatz. Auf das Jahr 1613 bezieht sich ein Hinweis über die Existenz eines Holztheaters mit beweglicher Szene auf dem Hof des Jesuitenkollegs. In der Mitte des 17. Jahrhunderts zog das Theater in ein gemauertes Gebäude um.

Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Krumauer Herrschaft in den Besitz der Eggenberger überging, stieg in der Schlossgesellschaft das Interesse für weltliche Theaterthematik und das Jesuitentheater konnte diese Ansprüche inhaltlich nicht befriedigen. Deshalb wurde auf dem Krumauer Schloß im Jahre 1675 in dem sog. "Hirschsaal" die erste ständige Schlosstheaterbühne errichtet. 1680 ließ Fürst Johann Christian I. von Eggenberg ein neues selbständiges Theatergebäude auf dem fünften Schlosshof erbauen. Zu dieser Zeit wirkte auf dem Schloss schon ein ständiges Schauspielerensemble. In den Jahren 1765 - 1766 wurde das Theatergebäude von Joseph Adam zu Schwarzenberg umgebaut und mit einer neuen technischen Einrichtung sowie mit Dekorationen ausgestattet. In diesem Zustand blieb das Theater mehr oder weniger unverändert bis heute erhalten.

Im 19. Jahrhundert spielten in Ceský Krumlov vor allem fremde Theatergesellschaften. Man spielte im Gebäude des ehemaligen Jesuitentheaters, das in den Jahren 1808 - 1812 umgebaut und weiterhin Stadttheater genannt wurde, oder bis in das Jahr 1898 im Schlosstheater. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand in der Stadt der erste Laientheaterverein. Seine Mitglieder waren vor allem Bürger und Handwerker.

Die Situation in der Theaterkultur der Stadt änderte sich zum Positiven nach dem Jahre 1919, als ein ständiges Theater seine Tätigkeit aufnahm. Von den weiteren bedeutenden Theateraktivitäten in Cesky Krumlov ist im 20. Jahrhundert vor allem dann das Südböhmische Theaterfestival zu nennen. Seit dem Jahre 1959 nutzte das Festival vor allem die drehbare Zuschauertribüne, die im Schlossgarten vor dem Lustschloss Bellarie neu erbaut wurde. Das ist aber schon ein Thema unseres Gesprächs mit dem Direktor des Südböhmischen Theaters in Ceske Budejovice /Budweis/, Jan Mrzena.

Krumau ist nach Prag die meistbesuchte Stadt Tschechiens. Viele Besucher bewundern die dortigen historischen Denkmäler, den Stadtkern und das Schloss. Einer immer größeren Beliebtheit erfreut sich aber auch eine Kuriosität im Schlosspark, nämlich das dortige Theater mit einer drehbaren Zuschauertribüne. Jeden Sommer spielen dort Schauspieler aus dem Südböhmischen Theater in dem 20 Kilometer entfernten Budweis. Sein Direktor, Jan Mrzena, spricht über die Geschichte des Drehtheaters.

"Diese Idee kam im Jahre 1958 zur Welt. Der damalige Szenengestalter des Südböhmischen Theaters Joan Brehms hatte eine kleine drehbare Zuschauertribüne für den Schlosspark in Cesky Krumlov (Krumau) vorbereitet. Sie war damals aus Holz und wurde durch Menschenkraft angetrieben. Der Erfolg war riesengroß, die Vorstellung hatte begeistert und das Experiment war gelungen. Bereits 1959 wurde eine große Drehbühne gebaut, getrieben durch Elektromotoren, die fast 400 Zuschauer aufnahm. Die Drehtribüne erfuhr danach eine Reihe von Umbauten und Veränderungen. Die letzte wurde 1993 vollendet. In den heutigen Riesenbau, der 600 Tonnen wiegt, kommen etwa 600 Zuschauer. Die Bühne dreht sich daher vor dem Lustschloss Bellaria im wunderschönen Milieu des Krumauer Schlossgartens bis heute, und wurde seit dem Jahre 1958 von etwa 2 Millionen Zuschauern besucht. In der letzten Zeit kommen jedes Jahr 30 bis 35 Tausend neue Besucher dazu. Die ursprüngliche Idee, das Theater ins Freie zu übertragen, wurde durch das Vorhaben inspiriert, Werke der tschechischen Klassik in das märchenhafte authentische Milieu zu platzieren. Später schlossen sich auch Werke der Weltklassik an. Ab 1993 haben wir nach Wegen und technischen Möglichkeiten gesucht, um vor der Zuschauertribüne auch große Werke, wie Opern und Balletts zu inszenieren. Diese bieten eine Gelegenheit, in diesem attraktiven Milieu Werke von Mozart, Dvorak und Anderen dem Publikum näher zu bringen."

Jede neue Saison bringt neue Inszenierungen, neue Erlebnisse. Über das diesjährige Programm, das bald beginnt, berichtet Jan Mrzena weiter:

"Das südböhmische Theater beginnt am 7. Juni vor der drehbaren Zuschauertribüne zu spielen. Während der ganzen Ferien, während des ganzen Sommers, bis zum ersten Septemberwochenende werden wir fast jeden Abend spielen, und zwar alle drei Genres, die wir in unserem Theater machen. Wir fangen mit dem Ballett an, und zwar mit einer Ballettbearbeitung der berühmten "Carmen" von George Bizet. Dann kommt die Uraufführung der Vorstellung "Drei Musketiere", die speziell in diesem Milieu entsteht. Anfang Juli kehren wir zur Dvoraks romantischer Oper "Rusalka" zurück. Zum ersten Mal in der Geschichte des Drehtheaters wird das klassische amerikanische Musical "The Finian´s Rainbow" gegeben. Und Anfang August bringen wir die große Oper "Don Giovanni" von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Ende der Saison besorgen wieder Drei Musketiere."

Die Vorbereitungen auf die diesjährige Premiere, die Dramatisierung der "Drei Musketiere" sind schon seit mehreren Monaten in vollem Gang:

"Wir haben Anfang April ein Auswahlverfahren ausschreiben müssen, in dem wir relativ viele Leute als Komparsen suchten, auch einige Pferde sind dabei. Unsere Ritter müssen natürlich reiten können, und daher hat man vom frühen Frühling an, seit Februar, März fleißig trainiert und die Reitkunst gelernt. Derzeit bereiten sie sich auf die attraktiven Fechtszenen vor. Eine große Bedeutung messen wir der Ausstattung bei, besonders den Kostümen. Es handelt sich um die aufwändigste Kostümausstattung, die in Krumau je präsentiert wurde."

Das Theater im Krumlov Schlosspark, foto: Barbora KmentovaDas Theater im Krumlov Schlosspark, foto: Barbora Kmentova Das Theater im Krumauer Schlosspark bringt leider nicht nur Freude, sondern auch Sorgen. Während die Theaterleute dort auch in den kommenden Jahren gerne spielen würden, gefällt der riesige, für 600 Personen ausgelegte Stahlbau im einzigartigen Barockgarten den Denkmalschutzexperten nicht. Über das Theater wird ein langjähriger Streit geführt und man kann nicht ausschließen, dass die diesjährige Saison eine der letzten ist.

"Es freut uns sehr, dass wir in dem schönen Garten seit so vielen Jahren das Theater betreiben können. Wir haben mit Begeisterung verfolgt, dass es unseren Kollegen gelang, dieses einzigartige Denkmal - nämlich den historischen Stadtkern und das staatliche Schloss und die Burg mit den Gärten - in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes einzutragen. Es ist selbstverständlich, dass sich seitdem ein strengeres Denkmalschutzregime auf den Garten und diese Räume bezieht, der dem widerspricht, was wir dort machen. Diese Tatsache trübt ein bisschen unsere Begeisterung, aber wir bemühen uns derzeit, eine Lösung zu finden, die uns helfen würde diese Rarität zu erhalten, die in der Welt ihres Gleichen sucht - mit einer Ausnahme und das ist Tampere in Finnland. Als eine mögliche Lösung zeichnet sich der Umzug an eine andere Stelle ab. Denn in diesem Barockgarten, der strengen Denkmalschutzregeln unterliegt, ist dieser Bau wirklich kontrovers. Ich glaube fest, dass es gelingt, sowohl einen anderen Ort im Freien als auch genug Finanzmittel zu finden, damit wir diese Bühne wieder aufbauen und erfolgreich betreiben können."