Deutschmährische Literatur wird in Olomouc/Olmütz erforscht

"Erinnerungsraum Mähren". Unter diesem Motto wurde im Frühling dieses Jahres eine viertägige Tagung im mährischen Olomouc (Olmütz) veranstaltet. Aus Mähren stammende deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben sich dort getroffen, um aus ihren Werken zu lesen und zu diskutieren. Markéta Maurová hat das Treffen besucht, wissenschaftliche Beiträge und Leseproben gehört und einige Autoren ans Mikrophon gebeten. Ein Stimmenmosaik aus der Konferenz bringen wir in unserem Kultursalon am kommenden Sonntag. Heute möchten wir die Institution vorstellen, die dies alles organisiert hat, nämlich die Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur, die beim Lehrstuhl für Germanistik der Philosophischen Fakultät der Palacký Universität tätig ist. Unsere Kollegin sprach während der Konferenz mit der Leiterin des Lehrstuhls, Frau Prof. Ingeborg Fialová.

An der Philosophischen Fakultät in Olomouc/Olmütz findet dieser Tage eine Konferenz statt, die der deutschmährischen Literatur gewidmet ist. In Olomouc treffen sich Autoren, die einmal in Mähren und in Böhmen gelebt haben. Was hat dieses Treffen angeregt?

"In Olmütz, am Lehrstuhl für Germanistik, ist seit sieben Jahren eine Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur beheimatet. Sie widmet sich, wie schon der Name sagt, der Erforschung der deutsch geschriebenen Literatur, die in Mähren entstanden ist bzw. von Autoren geschrieben wurde, die in Mähren geboren sind oder hier gelebt haben oder mit dem mährischen Land irgendwie verbunden sind. Das sind natürlich auch Autoren, die nach 1945 vertrieben worden waren und dann in Deutschland oder Österreich oder sonst wo gelebt haben und leben. Über diese Autoren, über diese Literatur, die zwar mit Mähren verbunden ist, aber nach 1945 dann in Deutschland und Österreich entstanden ist, laufen im Lehrstuhl für Germanistik drei Dissertationen, also wir haben drei Doktoranden, die ihre Arbeit darüber schreiben. Und diese drei Doktoranden gaben eben den Impuls für ein solches Treffen. Denn es ist für sie natürlich spannend, wenn sie zu Texten, die sie schon kennen oder gelesen haben, auch die lebendigen Menschen treffen und mit ihnen reden können."

Das Treffen wird von der Arbeitsstelle für die deutschmährische Literatur organisiert. Können Sie diese Arbeitsstelle ein bisschen vorstellen. Was erforschen Sie, was sind Ihre Schwerpunkte?

"Wir haben am Anfang der Forschung entdeckt, dass es Hunderte bis Tausende Autoren gibt, die mit Mähren verbunden sind und ihre literarischen oder auch halbliterarischen, halbfiktionalen Werke auf Deutsch geschrieben haben. Und diesen Autoren, die inzwischen in der tschechischen Öffentlichkeit vollkommen vergessen sind, widmen wir uns. Wir haben in den sieben Jahren der Existenz der Arbeitsstelle bereits neun große internationale Konferenzen veranstaltet. Wir haben Sammelbände dieser Konferenzen herausgegeben, wo über die mährische Literatur gesprochen wird, über ihre Bezüge zu der böhmischen, zu der Prager deutschen Literatur, die ja bekannter ist, aber auch über ihre Bezüge zur österreichischen Literatur, zur deutschen Literatur. Voriges Jahr haben wir das bis jetzt größte Werk der Arbeitsstelle herausgebracht, das Lexikon deutschmährischer Autoren. Darin sind aus der großen Zahl (wir zählen inzwischen über 1000 Autoren) etwa 180 Autoren in kleineren und größeren Beiträgen bearbeitet, mit bibliographischen Angaben. Es sind in dem Lexikon sowohl große Autorennamen wie Marie Ebner Eschenbach, Jakob Julius David, Ferdinand von Saar, wie auch absolute Neuentdeckungen dabei, also Autoren, die tatsächlich vollkommen vergessen wurden. Und an diesen Neuentdeckungen arbeiteten unsere Studenten. Für viele Studenten war der Aufsatz in diesem Lexikon auch die erste wissenschaftliche Arbeit."

Auf welche Zeitspanne bezieht sich Ihre Forschung?

"Wir bewegen uns in der so genannten modernen Literaturgeschichte, also ab der Französischen Revolution, ab dem 18. Jahrhundert. Der Schwerpunkt liegt sicherlich im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit einem Jahr gibt es aber in Olmütz eine neue Entwicklung, wir sind gerade dabei, eine mediävistische Lehre aufzubauen, wir wollen uns also auch der mittelalterlichen Literatur und der humanistischen, der Renaissanceliteratur widmen. Wir wollen auch Texte, die älter als aus dem 18. Jahrhundert sind, edieren und erforschen."

Gab es hier in Mähren auch bestimmte Zentren der Literatur, Orte, wo regere Kontakte zwischen den Autoren bestanden?

"Sicherlich. Also Olmütz war im 17. und im 18. Jahrhundert ein Zentrum der humanistischen Bildung, hier in Olmütz war auch die einzige mährische Universität. Die Brünner Universität gab es noch nicht, geschweige denn die Ostrauer Universität. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich das literarische Leben wahrscheinlich eher nach Brünn verschoben, auch deshalb, weil Brünn näher bei Wien lag. Am Anfang des 20. Jahrhunderts sehen wir dann eigentlich in allen, auch kleinen Städten Mährens literarisches Leben belegt."

Bekannt ist der Begriff "Prager deutsche Literatur". Dieses literarische Leben wurde vor allem von deutsch-jüdischen Autoren getragen. War es hier in Mähren ähnlich?

"Es gibt natürlich auch in der mährischen Literatur viele deutsch-jüdische Autoren, allerdings sind diese Autoren, gemessen an den Prager deutschen Autoren, sehr wenig bekannt. Es gab in Ostrau ein Zentrum der zionistischen Bewegung, mit der viele der deutschjüdischen Autoren im Zusammenhang standen. Viele Autoren tendierten dann zum Kulturzionismus Martin Bubers. Also es gibt auch in der mährischen Literatur jüdische Autoren, aber gemessen an Kafka, an Werfel, an Brod sind sie viel weniger bekannt."

War mit dem Jahr 1945, also mit dem Kriegsende, auch Schluss mit der deutschmährischen Literatur?

"Man kann das auf zweierlei Weisen sehen. Einerseits ja, denn es sind kaum Autoren im Land geblieben, die auf Deutsch geschrieben haben. Ein Beispiel wäre Vlastimil Arthur Polak, ein Olmützer Lyriker, ein Mensch, der das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hat und dann die Inspiration aus diesen schweren drei Jahren seines Lebens geschöpft hat. Der hat die ganze Zeit in Olmütz lebend auf Deutsch geschrieben. 1990 ist er gestorben. Aber von diesen Beispielen gibt es ganz wenig. Andererseits, und dazu ist ja unsere Tagung zusammengerufen worden, ist es so, dass die Autoren, die mit Mähren etwas zu tun haben, in Deutschland und Österreich weiterleben. Und da möchten wir jetzt auch mit dieser Tagung sagen: Sie gehören zu uns, das ist die Literatur, mit der wir uns beschäftigen."