Deutschlernen mit Hip-Hop: Projekt ´Rap meets Schiller´ in Tschechien

19-10-2008

„Der Zauberlehrling“, „Die Glocke“, „Prometheus“ – diese Gedichte und Balladen begleiten seit jeher Schüler im Deutschunterricht. In fünf ostmitteleuropäischen Ländern sollen sie nun Jugendliche zum Rappen auf Deutsch anregen – und das unter anderem in Tschechien.

„Freude, schöner Götterfunken…“ – die berühmteste Zeile aus Friedrich Schillers Gedicht „An die Freude“. Es ist allerdings nicht in gewohnter Form, vertont in Beethovens 9. Sinfonie, der heutigen Europahymne. Hier ist der Rapper Doppel-U aus Jena am Werk. Zusammen mit den Goethe-Instituten Mittel- und Osteuropas hat er einen Wettbewerb der anderen Art ins Leben gerufen. Dabei sollen die klassischen Werke nicht wie sonst üblich rezitiert, sondern - mit derben Beats unterlegt - gerappt werden. Keine leichte Aufgabe für die Schüler, wie der 26-jährige Rapper Doppel-U meint:

„Ich glaube es ist niemals einfach, in einer Fremdsprache zu rappen, aber an sich geht es einfach nur um dieses Gefühl des Mitmachenwollens. Das Schöne ist, wir können einfach die Struktur der vorgegebenen Texten - wie eben dieser Literatur - nutzen, um Rhythmus und Aussprache zu üben: Das ist die Basis fúr den Rap.“

Hans Simon-Pelanda, Sprach-Beauftragter vom Goethe-Institut, sieht vor allem den Spaß am Sprachenlernen an erster Stelle: „Die Idee war, Deutsch in einer anderen Form den Schülern näherzubringen.“

Also hat sich Doppel-U auf eine Tour durch Mittelosteuropa gemacht. Im Gepäck hat er seinen Rapkollegen MC Shakun und jede Menge Energie, um die Schüler für den Schiller-Rap zu begeistern. Deutscher Hip-Hop ist in Ostmitteleuropa nämlich Neuland, das erst noch entdeckt werden muss:

„Deutschland hat auch ein paar Musikszenen, mit denen es international führend ist. Die Hip-Hop-Szene aus Deutschland ist mit an der internationalen Spitze. Das wollen wir hier auch zeigen. Und wir haben gedacht, hier in Ostmitteleuropa könnte Rap das richtige Mittel sein. In der Provinz ist es das offenbar.“

Während die Halle im südböhmischen České Budějovice / Budweis mit 600 Schülern voll war, herrschte am vergangenen Freitag in Prag eher verhaltenes Interesse. Nur rund 100 Jugendliche nickten zum Beat von Doppel-U. Das liege aber nicht nur an den Prager Schülern, sondern auch an ihren Lehrern, meint Hans Simon-Pelanda :

„Ich kann mir vorstellen, dass es für den Deutschunterricht ja eine ganz gute Ergänzung sein kann. Aber die Lehrer tun sich noch ein bisschen schwer mit Hip-Hop. Wenn der Lehrer schon sagt: ´Hip-Hop? Kenn ich nicht, mag ich nicht, mach ich nicht´, dann kriegen Schüler überhaupt nicht mit, das es die Veranstaltung gibt.“

Der Jenaer Rapper Doppel-U macht sich auf die Schüchternheit der Prager Schüler seinen eigenen Reim: Aller Anfang sei schwer, das gelte besonders für Rap:

„Anfangs ist man immer schlecht und wird von Hip-Hoppern meistens gedisst. Ich glaube, das schreckt viele ab, einfach mal anzufangen oder loszulassen. Viele können sich auch nicht vorstellen, dass sich deutscher Rap gut anhört.“

 Hans Simon-Pelanda Hans Simon-Pelanda Man müsse immer gegen die englische Konkurrenz ankämpfen, so Doppel-U. Der 17-jährige Michael, der sich mit seiner Klasse das Konzert angesehen hat, ist Hip-Hop–Fan. Aber mit deutschen Rap hat er Schwierigkeiten:

„Ich verstehe das nicht so gut wie beispielsweise Englisch. Wir lesen die Texte in der Schule, daher weiß ich ein bisschen, worüber sie rappen. Das sind gute Texte, aber privat höre ich nur amerikanischen Rap.“

Dennoch kann das alleinige Hören von gerapptem Deutsch bei den Jugendlichen schon einen Stein ins Rollen bringen, sich genauer mit der Sprache zu befassen, meint Simon-Pellanda:

„Musik ist eine Hilfe für die Jugendlichen, um den Klang der deutschen Sprache zu hören - im Unterricht, von CDs oder hier im Konzert. Ohne den Text bis in die letzten Wörter zu verstehen lässt sich so die Sprache in eine Melodie umsetzen, die im Kopf bleibt. Der nächste Schritt kann dann sein, dass man in der Klasse oder persönlich fragt, was denn das genau bedeutet.“

Beim Konzert in Prag wandelte sich die anfangs noch gesetzte Stimmung nach einem Live-Rap-Workshop mit Doppel-U in laute Euphorie um. Dem Thüringer Rapper ist die Ursache dieser Veränderung nicht fremd:

„Es ist dieses Teamgefühl. Man ist zusammen laut und merkt: ´Ich brauche meine Stimme, ich höre sie nicht mehr und es ist nicht schlimm, wenn ich in der Masse untertauche.´ Sobald dieses Gefühl entsteht und alle mitmachen, merken sie, dass die Aussprache gar nicht so schlimm ist. Sie merken, dass es viel mehr Spaß macht, mitzumachen und das Gefühl dabei zu genießen, anstatt am Rand zu stehen. Und das ist auch das Geheimnis: Wenn es einmal laut ist, bleibt es laut.“

Doppel-U spricht aus Erfahrung. Seit vier Jahren ist er auf Mission und es soll auch weiter gehen, nachdem die zehn besten Rapper des Wettbewerbs im kommenden Frühjahr mit ihm eine CD zum Schillerjahr aufgenommen haben werden. Die Mission begann, als ein deutscher Literaturverein 2004 einen Rapper suchte, der die 200 Jahre alte Lyrik Schillers vertonen konnte. Doppel-U war anfangs skeptisch. Dennoch willigte er ein und das „Schiller-Projekt“ kam mit ersten Live-Auftritten in Schwung. Bald darauf erlangte das Projekt deutschlandweite, mediale Aufmerksamkeit. Doppel-U veröffentlichte ein ganzes Album mit Schiller-Texten und ging damit auf Tournee durch Schulen, Bibliotheken und andere Bildungseinrichtungen. Das Rappen von Gedichten entwickelte sich bei Lehrern und Schülern zu einer beliebten Lehrmethode. Schließlich wurde ein deutscher Schulbuchverlag auf das Projekt aufmerksam und brachte 2006 ein Lehr-und Hörbuch dazu auf den Markt. Das Lehrwerk führt die Schüler nicht nur musikalisch an den Lehrstoff heran, sondern bringt neben der Anleitung zum Rappen auch historische Hintergründe ein. Dabei rückt auch Schillers Freund Johann Wolfgang Goethe in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Textauszug:

„Die beiden Dichter arbeiteten über zehn Jahre lang eng zusammen. Von ihrem Treffen 1794 an bis zu Schillers Tod 1805. 1797 war das sogenannte ´Balladenjahr´. Von den Musen angestachelt, lieferten sie sich gleich darauf einen regelrechten Wettstreit im Schreiben von Balladen.“

Auf dem Hörbuch rappt Doppel-U auch erstmalig Goethe-Texte. Er schlägt dabei die Brücke zu Schiller, indem er beide miteinander und mit heutigen Dichtern vergleicht. Durch interaktive Übungen sollen die Schüler zudem angeregt werden, eigene Texte zu verfassen. Und mit viel Übung wird sich ihr Rap ja vielleicht genauso gekonnt anhören wie der von Doppel-U.

„Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben! Und nun sollen seine Geister auch nach meinem Willen leben! Seine Wort´ und Werke merkt´ ich und den Brauch. Und mit Geistesstärke tu´ ich Wunder auch! Walle, Walle, manche Strecke, das zum Zwecke Wasser fließe und mit reichem, vollen Schwalle zu dem Bade sich ergieße!“

19-10-2008