Der rasende Seidenhändler

20-02-2019

Mit ihren Stoffen haben sie für eine weltweite Revolution in der Modebranche gesorgt. Zika und Lída Ascher haben ihre Produkte an die renommiertesten Modehäuser geliefert – wie Dior oder Yves Saint Laurent. In ihrer ursprünglichen Heimat ist der Name der Textilhersteller jedoch in Vergessenheit geraten. Eine Ausstellung im Prager Museum für die angewandte Kunst beschreibt nun aber das Schicksal und das Werk von Zika Ascher und seiner Frau Lída.

Foto: ČTK / Roman VondroušFoto: ČTK / Roman Vondrouš

Zika Ascher (Foto: National Portrait Gallery)Zika Ascher (Foto: National Portrait Gallery) Die Tschechoslowakei hatte vor dem Zweiten Weltkrieg eine hochentwickelte Textilproduktion mit einem weitverzweigten Handelsnetz. Dazu gehörten auch die Geschäfte für Seidenstoffe, die Zikmund und Jindřich Ascher nahe dem Prager Wenzelsplatz betrieben haben. Das Prager Museum für angewandte Kunst beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit der Geschichte der Modehäuser und Hersteller, die vor dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei besonders bekannt gewesen sind. Helena Koenigsmarková leitet das Museum:

„Zurzeit wird im Museum auch eine Ausstellung über den bekanntesten Prager Modesalon der 1930er Jahre, den Salon von Hana Podolská, gezeigt. Der Salon hatte eine andere Geschichte als die Firma Ascher, aber beide hatten eigentlich dieselben Wurzeln. Denn die ältere Generation der Aschers hat ihr erstes Geschäft zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Prag eröffnet. Zika Ascher, der in der Ausstellung vorgestellt wird, hat in den 1930er Jahren in diesem Geschäft begonnen, mit Textilwaren zu arbeiten. Die Aschers importierten modische Stoffe aus Frankreich. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre waren diese Textilien sehr gefragt.“

Neubeginn in London

Lída Ascher (Foto: Archiv der Familie Ascher)Lída Ascher (Foto: Archiv der Familie Ascher) Die Aschers waren Juden. Der junge Zika Ascher heiratete im Februar 1939 Lída, geborene Tydlitátová. Sie stammte aus einer wohlhabenden christlichen Familie. Zika ließ sich vor der Hochzeit taufen. Denn Lídas Familie hatte Angst um die Zukunft des jungen Ehepaars. Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag konnte das Ehepaar Ascher aus der Stadt fliehen. Über Norwegen seien die beiden nach London gekommen, erzählt Helena Koenigsmarková.

„Noch vor Kriegsausbruch versuchten Zika und seine Frau, auch dort im Textilbereich im Rahmen ihrer Möglichkeiten unternehmerisch aktiv zu sein. Sie gründeten damals eine Firma, die Stoffe bedruckte, aus denen Damenbekleidung genäht wurden. Nach dem Kriegsende kamen sie auf die Idee, bekannte Künstler anzusprechen, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Als erster sagte Henry Moore sofort zu. Lída entdeckte zudem ihre Begabung, Modeentwürfe zu zeichnen. Zika wiederum hatte die besondere Fähigkeit, die Entwürfe der Maler auf die Textilien zu übertragen. Die bedruckten Seiden- und Baumwollstoffe von Zika und Lída Ascher wurden bald zu einem Phänomen in der Modewelt. Das ging sogar so weit, dass ein Kritiker nach einer Modeschau schrieb, der Laufsteg sei ‚überascherisiert‘ gewesen.“

Konstantina Hlaváčková, Helena Koenigsmarková und Peter Ascher (Foto: Martina Schneibergová)Konstantina Hlaváčková, Helena Koenigsmarková und Peter Ascher (Foto: Martina Schneibergová) Zika Ascher war der Museumsleiterin zufolge ein bedeutender Innovator im Bereich der Textilien. Seine Stoffe waren ab dem Ende der 1940er Jahre bis in die 1980er Jahre ausgesprochen beliebt. Die Produkte von Ascher wurden in jedem wichtigen Modemagazin präsentiert. Und die berühmtesten Modehäuser in Frankreich, Italien und Großbritannien nähten aus Aschers Stoffen ihre Kleidung. Trotzdem ist hierzulande der Name der Familie praktisch unbekannt. Erst jetzt, nach 80 Jahren, kehren die Aschers in Form einer Ausstellung wieder nach Prag zurück. Die Museumsleiterin:

„Es war unsere Absicht, an Zika und Lída Ascher zu erinnern und ihren Namen wieder der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Denn er ist wirklich in Vergessenheit geraten. Auch wir im Museum haben nicht geahnt, welch bedeutende Firma sie aufgebaut haben.“

Seidentuch als Kunstwerk

Zika Ascher (Foto: Archiv der Familie Ascher)Zika Ascher (Foto: Archiv der Familie Ascher) Zika Ascher war nicht nur ein fähiger Stoffdesigner und Hersteller, sondern auch ein erfolgreicher Sportler. Er hat die Tschechoslowakei im alpinen Skisport repräsentiert. Wegen seines mutigen Fahrstils hieß er bei den Journalisten der „rasende Seidenhändler ‘. Konstantina Hlaváčková ist Kuratorin der Ausstellung über Zika und Lída Ascher:

„Zika wurde 1910 geboren. 1933 eröffnete er zusammen mit seinem Bruder ein Textilgeschäft im Prager Stadtzentrum. Zudem war er ein Leistungssportler, er nahm sogar 1936 an den olympischen Winterspielen teil. Mit seiner Frau Lída flüchtete er vor den Nazis nach London, wo er eine neue Karriere startete. Er ging nicht wieder zurück in die Tschechoslowakei. Seine Heimat hat er nur besucht, und zwar zum ersten Mal erst in den 1960er Jahren, als dies die politische Situation erlaubte.“

Seinen ersten großen Erfolg feierte Zika Ascher in London mit seidenen Halstüchern. Entworfen wurden die Tücher von namhaften Künstlern wie Henry Moore, Henri Matisse und André Derain. Die Kuratorin:

„Die Tücher waren als Luxusartikel konzipiert. Man musste sie nicht unbedingt tragen, sondern konnte sie auch wie Gemälde einrahmen. Die Serie von etwa 40 Seidentüchern wurde erstmals 1947 in London vorgestellt. Die Luxustücher waren ein Volltreffer, sie verhalfen dem Ehepaar Ascher zu einer glänzenden Karriere in der Modebranche.“

Prinzessin Diana mit einer Bluse aus Aschers Stoff (Foto: Martina Schneibergová)Prinzessin Diana mit einer Bluse aus Aschers Stoff (Foto: Martina Schneibergová) Auch jene Modemacher, die die britische Königsfamilie eingekleidet haben, haben dafür oft Aschers Stoffe genommen. Die Expertin.

„Konkret belegt ist ein Stoff von 1948. Ein zweiter Beweis wird in der Schau gezeigt: Lady Diana bestellte bei Jan van Velden eine Bluse aus Aschers Stoff. Wir zeigen ein Foto der Prinzessin sowie die Bluse selbst.“

Bluse für Lady Diana

Die Expertin gesteht, dass es nicht einfach gewesen sei, die Ausstellung zusammenzustellen. Denn diese sollte sowohl die Lebensgeschichte von Zika und Lída Ascher beschreiben, als auch deren vielfältige Arbeit im Textil- und Modedesign dokumentieren. Die Schau ist in vier Sälen zu sehen.

„Im ersten Saal steht das Leben der Familie Ascher in Prag im Fokus. Im zweiten Saal konzentrierten wir uns auf die Kunst, also auf die enge Zusammenarbeit zwischen dem Ehepaar und den Künstlern. Die Haute Couture ist das Thema im nächsten Ausstellungsraum. Dort wird die Stoffproduktion für die berühmtesten Modehäuser wie Dior, Balenciaga und andere präsentiert. Abschließend zeigen wir vor allem die Produktion aus den 1970er und 1980er Jahren. Dabei ist herausgekommen, dass Zika Ascher nicht nur Stoffe für die Haute Couture, sondern auch für den gewöhnlichen Modemarkt hergestellt hat. Und es ist zu erkennen, dass er alle damaligen Trends reflektiert hat.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Zu sehen sind Hunderte von Exponaten – nicht nur zahlreiche Stoffe, sondern auch fertige Kleider, Mäntel und Blusen. Das Museum für angewandte Kunst hat jedoch kein einziges Exemplar aus Aschers Produktion in seinen Sammlungen. Die Kuratorin erzählt, sie habe 2011 Zika Aschers Sohn Peter kennengelernt, der in den USA lebt.

„Wir haben uns gleich gut verstanden und vereinbarten, diese Ausstellung zusammenzustellen. Dies wäre jedoch ohne die Familie Ascher nicht möglich gewesen. Denn 90 Prozent der Exponate stammen aus ihrer Privatsammlung, die sich in den USA befindet. Diese Gegenstände haben wir um Exponate ergänzt, die von drei Museen ausgeliehen wurden: vom Matisse-Museum in Le Cateau-Cambrésis, das ist der Geburtsort von Henri Matisse. Weitere Kleidungsstücke haben wir vom Victoria & Albert Museum in London. Und die Kunstgalerie aus Manchester hat uns Luxuskleidung aus Baumwolle geliehen.“

Zika und Lída Ascher konnten sich sehr schnell auf dem Modemarkt durchsetzen. Denn ihre Stoffe seien sehr ungewöhnlich gewesen, sagt Konstantina Hlaváčková.

„Zika hat sehr oft riskiert, denn er brachte Sachen auf den Markt, von denen er nicht wusste, ob sie sich verkaufen würden. Vor allem Christian Dior war schon Ende der 1940er Jahre von Aschers Stoffen bezaubert. Er half dabei, diese in seinen Modekollektionen der Welt zu präsentieren.“

Zikas Nachkommen in Prag

Die Ausstellung mit dem Titel „Der rasende Seidenhändler. Zika & Lída Ascher: Textil und Mode“ ist im Prager Museum für angewandte Kunst bis 15. September 2019 zu sehen. Das Museum ist vom Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, am Dienstag sogar bis 20 Uhr geöffnet. Anlässlich der Ausstellung wurde ein Bildband in tschechischer und englischer Fassung herausgegeben.

Zur Vernissage der Ausstellung in Prag sind auch Peter Ascher und seine Frau Robin gekommen. Aber nicht nur:

„Sie haben 57 Gäste aus den USA und aus Großbritannien hierher mitgenommen. Es handelt sich um die ganze Verwandtschaft und einige Mitarbeiter, die Zika Ascher erlebt haben. Für alle ist es sehr emotionales Erlebnis.“

Lída Ascher starb 1983 in London, ihr Mann Zika neun Jahre später. Sie gehören beide zu den bedeutendsten tschechischen Persönlichkeiten, deren Arbeit in der Welt ein Begriff ist, die aber in ihrer Heimat völlig vergessen wurden.

20-02-2019