Dem Wetter und der Politik zum Trotz

Die Familie der tschechischen nationalen Kulturdenkmäler ist größer geworden. Das jüngste Mitglied: der Turm auf der Berg Jested / Jeschken beim nordböhmischen Liberec / Reichenberg. Ein architektonisch sowie politisch höchst interessantes Bauwerk, das zum Symbol der Region geworden ist. Bara Prochazkova hat sich auf die Spuren des Phänomens am Jeschken begeben.

Ein glänzender Stahlriese, ein futuristisches Schiff für Außerirdische, eine beruhigende Schutzkapsel bei Sturm und Regen sowie ein Symbol der Heimat - das ist der Turm Jested. Ein kegelförmiges Hyperboloid hält seit knapp 40 Jahren in 1012 Metern über dem Meeresspiegel die Stellung auf dem Gipfel und bietet Sicherheit für Reisende aber auch für Einheimische aus Liberec. So auch für den Fotografen Jiri Jiroutek, der den Turm rühmt als:

"Tägliches Barometer, wunderbarer Horizont, ein Leuchtturm bei der Heimkehr. Ein Symbol menschlichen Könnens, Fleißes und Mutes. Treuer Gefährte in außergewöhnlichen und alltäglichen Augenblicken. Ein Phänomen."

Zum Phänomen zu werden ist normalerweise nicht leicht, so war es auch beim Turm Jested. Es begann mit Unglücken: Auf dem Berg stand seit 1847 eine Wanderhütte, später ein Hotel - beide sind den Flammen zum Opfer gefallen. Die Ausschreibung für einen neuen Gipfelbau gewann in den 60er Jahren der Architekt Karel Hubacek mit seinem umstrittenen Projekt eines silbernen Kegels, so der Fotograf Jiri Jiroutek:

"Der Architekt Karel Hubacek hat, wenn man so will, die Ausschreibung nicht ernst genommen. Denn es sollten ein Rundfunksender mit Antennen und ein Hotel entstehen. Das Architektenteam hat beides in einen Turm integriert und die Antennen mit einem Mantel aus Schichtstoff überzogen, was damals wirklich einzigartig war. Die Schwingungen des Turmes wurden mit einem Pendel ausbalanciert. Die Leute waren vorher an dieser Stelle an eine gemütliche und malerische Berghütte gewöhnt, nun ist plötzlich etwas Kosmisches und Technisches entstanden."

Nicht nur deshalb haben sich viele gegen den Bau gestellt, Architekt Hubacek und Innenausstatter Otakar Binar mussten gegen Windmühlen kämpfen, um die Realisierung des kontroversen Turmes durchzusetzen. Sie nutzten in der Planung neue Technologien und Materialien - dies gefiel den kommunistischen Machthabern jedoch nicht: Man könne doch keine kapitalistischen Bauweisen anwenden, hieß es. Noch bevor der Bau abgenommen wurde, erhielt Karel Hubacek 1969 den internationalen August-Perret-Preis. Übernehmen konnte er diesen damals jedoch nicht - stattdessen kam er auf die schwarze Liste der regimeunbequemen Künstler. Nicht nach dem Programm des Sozialismus war auch die Nutzung des Turmes durch unbefugte Personen, erzählt die Sprecherin der Stadtverwaltung in Liberec Jitka Mrazkova:

"Von diesem Berg aus hat im Jahr 1968 der damalige Regimekritiker Vaclav Havel gesprochen. Gemeinsam mit dem Schauspieler und späterem Emigranten Jan Triska haben sie Informationen über die Geschehnisse des Prager Frühlings in den Äther gesendet. In Liberec war die Zeit in 1968 übrigens sehr gewaltvoll. Später gab es aus politischen Gründen noch weitere Verzögerungen, daher ist der Bau erst 1973 abgenommen worden."

Ein politischer Bau - könnte man meinen - denn revolutionär war er allemal. In der Zeit der Ziegelsteine und des Granits wurde im Isergebirge ein 82 Meter hoher Bau errichtet, eine Beton- und Eisenkonstruktion, die Rundfunksendeantennen verbirgt und noch viel mehr:

"Wenn man irgendwohin kommt, wo normale Besucher keinen Zutritt haben, sieht man faszinierende Details. Man konnte zum Beispiel an bestimmten Stellen kein Eisen benutzen, damit die Rundfunkwellen nicht gestört werden. Damit das Gebäude überhaupt stehen kann, wird also der Betonmantel mit einer Konstruktion wie aus Angelruten gehalten."

Bis zum letzten Detail war der Jeschken-Turm als ein Gesamtkunstwerk konzipiert. Die Konstruktion verbirgt eine Ansammlung an Designer-Bonbons, erzählt der Fotograf und Autor des neuen Buches "Phänomen Jeschken", Jiri Jiroutek:

"An diesem Bau kann man sehen, dass man, wenn man will, etwas erreichen kann. Das trotz des Wetters, der Politik sowie des Mangels an Finanzmitteln. Jedes Detail wie zum Beispiel Gläser oder Türklingen wurden nur für diesen Bau hergestellt und das war für die Zeit einzigartig. Denn es war eine Zeit, in der sonst nur ein einziger Typ von Türen, ein Typ von Fliesen und drei Grundfarben existiert haben. Es ist faszinierend, wie es die Leute ausgedacht, durchgesetzt und bis zum Ende durchgezogen haben."

Der Zahn der Zeit und der Sozialismus hinterließen ihre Spuren, trotzdem oder gerade deshalb zählt der Jeschken-Turm ab dem 1. Januar 2006 offiziell zum nationalen Kulturerbe Tschechiens. Trotz seiner Einzigartigkeit war es jedoch keine automatische Entscheidung, zu jung sei das Bauwerk, hieß es in einer ablehnenden Argumentation. Jitka Mrazkova aus dem Rathaus in Liberec beschreibt den aktuellen Zustand des Turmes:

"Die Eingriffe in den Bau und vor allem in die Ausstattung waren in der Zeit des Sozialismus ziemlich stark. Es ist also nicht alles erhalten geblieben. Zum Glück haben zum Beispiel die Glasmacher viele Gegenstände auf Maß gemacht, man konnte sie also nicht wegtragen. Die komplette Innenausstattung inklusive Aschenbecher oder Essgabel war direkt für den Bau bestimmt."

Es ist, als wären nicht nur der Turm für den Berg, sondern auch der Berg für den Turm geschaffen: Auf 100 Kilometer Entfernung ist seine Silhouette zu sehen, die Sonne und die Wolken spiegeln sich auf der glatten Oberfläche. Bei jedem Wetter bietet der Jested den Beobachtern ein einzigartiges Bild. Heute sieht der Jeschken-Turm ungefährdet aus. Diese Position musste er sich jedoch in den schwierigen politischen und klimatischen Bedingungen mit der Zeit erkämpfen, sagt Jiri Jiroutek:

"Man erzählt, dass Karel Hubacek als verantwortlicher Architekt und der Baustatiker Zdenek Patrman die Schwingungen des Turmes einem Sturm mit dem eigenem Körper ausgeglichen haben, damit der Bau keinen Schaden nimmt. Erst im Nachhinein wurde dort ein Pendel installiert, das statisch geprüft wurde und die Schwingungen auf einem Minimum hält."

Ein Minimum, das heißt hier genau zehn Zentimeter - zu Anfang waren es bis zu 70. Die tschechischen Radiokommunikationen betreiben nun den Rundfunksendebetrieb vom Jested, das Restaurant sowie das Hotel sind zu jeder Jahreszeit geöffnet - für Jedermann, wohl bemerkt:

"Ein Stockwerk ist eigentlich kein Hotel sondern eine Jugendherberge mit Gemeinschaftsduschen. Es waren die Vorschriften der Zeit, denn die Unterkunft sollte auch für Touristen mit wenig finanziellen Möglichkeiten zugänglich sein."

In die Liste der nationalen Kulturdenkmäler hat es der Bau mittlerweile geschafft, nun drücken alle Reichenberger die Daumen, denn ein Antrag auf die Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe wurde bereits eingereicht.

Ist es für Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, nach Liberec zu weit? Oder sind die 1012 Meter zu hoch? Macht nichts! Im April wird ein Monat lang in Prag in der Jaroslav-Fragner-Galerie auf dem Bethlehem-Platz eine Fotoausstellung über das Phänomen Jeschken geöffnet sein.

Foto: Jiri Jiroutek, 'Phänomen Jeschken'