Das "Disman-Rundfunk-Kinderensemble" sorgt für Radionachwuchs

Vor zwei Wochen, an dem Tag als wir den 80. Geburtstag des Tschechischen Rundfunks gefeiert haben, haben wir Ihnen das Sinfonieorchester des Tschechischen Rundfunks vorgestellt. Auch heute bleiben wir im Rundfunkgebäude auf der Prager Vinohradska-Straße. Man kann dort nicht nur Redakteuren, Regisseuren, Technikern und Musikern, sondern auch vielen Kindern begegnen. Warum und wieso eigentlich Kindern? Dazu erfahren Sie mehr im heutigen Kultursalon mit Marketa Maurova und Martina Schneibergova.

In den Kinderrollen treten Mitglieder des "Disman-Rundfunk-Kinderensembles" auf. Häufig ist im Tschechischen Rundfunk dieser Satz zu hören, besonders wenn Märchen und Hörspiele für Kinder gesendet werden. Was steckt hinter diesem komplizierten Namen? Darüber habe ich mich mit Frau Zdena Fleglova unterhalten, die gemeinsam mit ihrem Mann Vaclav Flegl dieses Ensemble seit Anfang der 90er Jahre leitet:

"Es handelt sich um ein Ensemble, das ziemlich einmalig ist. Es bereitet Kinder auf dramaturgische und publizistische Aufgaben im Tschechischen Rundfunk vor. Das Ensemble wurde bereits im Jahr 1935 gegründet. Man muss einräumen, dass es ähnliche Bestrebungen auch in der Welt, in anderen Medien gibt, aber nicht in solchem Umfang wie beim Tschechischen bzw. früher Tschechoslowakischen Rundfunk."

Das Ensemble trägt den Namen seines Gründers, Miloslav Disman. Wer war diese Persönlichkeit, die eine langjährige Tradition begründet hat?

"Miloslav Disman wurde, glaube ich, von allen, die ihn trafen, fast ausnahmslos als große Persönlichkeit anerkannt. Er war Absolvent des Lehrerinstituts, also ursprünglich Pädagoge. Aber bereits als junger Lehrer überschritt er bei der Arbeit mit Kindern den Rahmen des normalen Unterrichts. Und er bemühte sich immer, die Kinder durch Begegnungen mit Kunst im weitesten Sinne des Wortes zum Besseren zu erziehen."

Die ersten Kindertheatergruppen gründete Disman schon in seiner nordböhmischen Heimatregion, weitere dann später an einigen Schulen in Prag. Als Gründungsdatum des Disman-Ensembles gilt jedoch sein Arbeitsbeginn im Tschechoslowakischen Rundfunk am 15. September 1935. Das Ensemble kam auch während der Okkupation zusammen und die Kinder beteiligten sich während des Krieges an Vorstellungen in Prag und anderen Städten. Einen Höhepunkt der Tätigkeit des Ensembles stellte kurz nach dem Krieg eine damals absolut einzigartige Tournee durch Holland und Großbritannien dar, bei der die Kinder 98 Auftritte und 10 Rundfunk-, aber auch Fernsehauftritte absolvierten. An die Arbeit von Miloslav Disman wird bis heute angeknüpft:

"Das Konzept seiner Arbeit wurde veröffentlicht, wir knüpfen daran an. Die Zeiten haben sich natürlich geändert. Man arbeitet mit den Kindern ein bisschen anders, die Individualität des Kindes wird heute mehr gefördert. Die damalige Arbeit mit den Kindern hatte viele soziale Aspekte und war auch als gegenseitige Hilfe konzipiert. Aber auch diese Sache bemühen wir uns fortzusetzen, weil wir denken, dass sich die menschliche Gemeinschaft auf Zusammengehörigkeit und gegenseitige Hilfe stützen sollte."

Das Ensemble ist vor allem für Kinder im Schulalter gedacht.

"Unsere Rundfunkarbeit ist von der Stimme des Kindes bestimmt. Also einer Stimme, mit der man im Rundfunk bereits arbeiten kann. Wichtig ist auch, dass das Kind fähig ist, den Text zu lesen und zu interpretieren. Und wenn die Kinder älter werden, verändert sich natürlich die Stimme sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen, also dort ist die Grenze. In der Regel verlassen uns die Kinder ungefähr im Alter von 14, 15 Jahren. Aber gleichzeitig bleiben einige der Erfolgreichsten oder besser gesagt der Motiviertesten bei uns und widmen sich dann selber der Erziehung weiterer Generationen."

Die Kinder oder "Dismncata", wie sie genannt werden, sollen mindestens zwei Stunden pro Woche zu Proben ins Rundfunkgebäude kommen. Die Treffen mit ihnen finden jedoch wesentlich häufiger statt, außerhalb des Radios, im Theater oder bei den Leitern des Ensembles zu Hause. Und wie sieht so eine Probe aus?

"Die Tätigkeit konzentriert sich auf die technische Vorbereitung des Sprechens. Damit hängt aber auch die musikalische Vorbereitung zusammen. Jedem Kind ist eine gewisse Musikalität gegeben und diese muss weiterentwickelt werden.

Also wenn das Kind kommt, machen wir zunächst eine technische Übung und dann eine Reihe von Etüden, die das Aufnahmevermögen entwickeln, die Fähigkeit, Gefühle aufzunehmen und ganz natürlich zu interpretieren und weiterzugeben. Wichtig ist zu wissen, dass das Kind kein Schauspieler ist. Wir erziehen die Kinder nicht zur künstlerischen Professionalität, sondern bemühen uns, dass die Grundlage, die in ihnen steckt, sich möglichst entwickelt und in ihrer natürlichen Gestalt genutzt werden kann. Nicht mehr, nicht weniger. Und dann ist nur noch wichtig, dass die Kinder anständige Leute werden."

Zur Tätigkeit des Ensembles gehören jedoch nicht nur regelmäßige Proben während des Schuljahres, sondern auch gemeinsame Ferienaufenthalte im Sommer und Winter.

"Ja das ist eine Tradition, die bereits Herr Disman in den Kriegsjahren begründet hatte. Er hielt es damals für nötig, die Kinder aus der grausamen Realität, die sie umgab, wegzuführen. Auf den Sommeraufenthalt freuen sich alle das ganze Jahr, denn er ist die Grundlage für die Arbeit während des Jahres. Wir bereiten dort auch jeden Tag Radiosendungen vor: Jeden Tag gestaltet eine andere Gruppe von Kindern eine halbstündige Sendung, selbstgeschnitten, zusammengestellt, mit Reportageberichten. Diese Ferienlager finden jedes Jahr in einem anderen Ort statt. Es geht uns auch darum, dass die Kinder verschiedene Orte unseres Landes kennen lernen. In diesem Jahr machen wir allerdings eine Ausnahme, indem wir nach Kroatien fahren."

Zdena und Vaclav Fleglovi arbeiten mit den Radio-Kindern seit 1990. Sie hat eine schauspielerische Ausbildung, er ist ursprünglich Linguist und Pädagoge. Also eine optimale Kombination für die Arbeit als Tandem. Während der Jahre haben sie eine Reihe von Theatervorstellungen mit den Kindern vorbereitet. Erinnert sich Zdena Fleglova an einige Inszenierungen besonders gerne?

"Ja, wohl schon. Aber die Vorstellungen hatten immer einen anderen Charakter und die Arbeit war unterschiedlich. Für mich war wohl Machas Gedicht "Mai" am wichtigsten. Auch aus dem Grunde, weil wir diese Sache später im Rundfunk aufgenommen haben. Dabei habe ich mir eine enorme Aufgabe vorgenommen: mit Kindern, die zum Großteil noch nicht lesen konnten, Machas "Mai" einzustudieren. Und persönlich war mir wohl das Projekt der Antigone am nächsten. Die Grundlagen dieser Vorstellung wurden im mittelfranzösischen Bergdorf Trielle gelegt. Wir waren dort eine Woche lang und spielten mit den Möglichkeiten des Textes und der wichtigsten Requisiten, also im Prinzip der Seile und Reflektoren. Und dann ist uns daraus eine Vorstellung gelungen, die ich wohl am liebsten mag. Nicht nur wegen dieser Kindergruppe. Die Kinder waren für mich nie Kinder, sondern Partner und Freunde."