Czech Press Photo: Die Elite des tschechischen Foto-Journalismus

Foto ist nicht gleich Foto - ein Gefühl soll es vermitteln, gleichzeitig soll es eine Zeugenaussage sein, sowie eine Botschaft weiterleiten. Die Rede ist von der journalistischen Reportagenfotografie. Die tschechischen Foto-Journalisten haben beim Wettbewerb "Czech Press Photo" ihr Können unter Beweis gestellt. Eine internationale Jury hat die besten ausgewählt, und die Besucher können diese bei einer Ausstellung in Prag betrachten. Bara Prochazkova berichtet über den Wettbewerb.

Eines steht fest - die journalistische Fotografie ist etwas Besonderes. Journalistische Fotografie ist zum Spiegel des Lebens geworden. Beim Foto-Wettbewerb "Czech Press Photo" wird die Geschichte des vergangenen Jahres in Bildern zusammengefasst, sagt die Organisatorin des tschechischen Wettbewerbes, Daniela Mrazkova:

"In der professionellen journalistischen Fotografie ist das Geschehnis sehr wichtig, aber gleichzeitig wird auch die fachliche Durchführung bewertet. Das Foto muss auch ästhetisch wirken."

Jury (Foto: Oleg Homola)Jury (Foto: Oleg Homola) Also keine leichte Entscheidung für die elfköpfige internationale Jury, die die besten auswählen sollte. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, bestätigt der Vorsitzende der Jury, der Prager Fotograf Andrej Reiser, und erklärt, wie die Jury über die Bilder entscheidet. In diesem Jahrgang wurden über 3000 Fotos in acht Kategorien in den Wettbewerb eingesandt:

"Es gehr immer darum, dass der Fotograf es schafft, in wenigen Bildern eine ganze Geschichte zu erzählen. Es ist so ähnlich wie bei einer geschriebenen Geschichte. Mit wenigen Sätzen eine Geschichte zu schreiben, die viel Information beinhaltet, die erklärt worum es geht, was und wo und wie es passiert ist. Wenn es eine gelungene Reportage ist, dann erzählt sie auch etwas von den Hintergründen, darüber, warum etwas passiert. Ganz ähnlich sind die Kriterien bei Fotoreportagen. Die Jury bewertet, wer diese Aufgabe am besten bewältigt hat."

Foto: Michal CizekFoto: Michal Cizek Ob es den tschechischen Foto-Journalisten gelungen ist, alle Anforderungen zu erfüllen, können die Besucher des Prager Rathauses auf dem Altstädter Ring nun selbst beurteilen. Über 300 prämierte Fotos, Serien sowie einzelne Fotografien, sind dort noch bis Ende Januar ausgestellt. Tschechische Fotojournalisten haben wirklich etwas zu bieten, meint ein Mitglied der diesjährigen Jury, Hans Joachim Ellerbrock, ein freiberuflicher Fotograf aus Hamburg. So ein kleines Land und so ein hohes internationales Niveau, sagt Ellerbrock, der für Stern und Geo arbeitet. Tschechische Fotografen waren bei vielen wichtigen Ereignissen auf der Welt dabei und arbeiten wie ihre westlichen Kollegen. Jedoch gebe es eine tschechische Spezialität, so Ellerbrock:

"Vielleicht, dass doch noch viele schwarz-weiße Fotos dabei waren. Das würde ich einer gewissen tschechischen Tradition zuordnen. Diese wird auch sehr gut beherrscht, denn die schwarz-weißen Bilder, die dort waren, hatten ein sehr hohes Niveau. Von der Farbe unterscheidet sich das auch sehr, weil jemand, der in schwarz-weiß fotografiert, schon eine andere Absicht als jemand, der mit Farbbildern arbeitet. Das würde ich zumindest unterstellen, und dort sehe ich gewisse Vorzüge. Ansonsten ist es hier sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht sehr international, und die tschechischen Fotografen können in vielen Bereichen mitspielen."

Seit 1995 gibt es das tschechische "Czech Press Photo", zum elften Mal trafen sich also die internationale Fachjury sowie die internationale Kinderjury, um die besten tschechischen Foto-Journalisten auszuzeichnen. Die Direktorin von "Czech Press Foto", die Fototheoretikerin Daniela Mrazkova, war viermal als Mitglied der Jury beim "World Press Photo" dabei, ließ sich inspirieren und brachte diese Tradition nach Tschechien. Sie versucht, die renommiertesten Fotografen sowie Fotografie-Kritiker jedes Jahr nach Prag zu locken. Auch die tschechischen Foto-Journalisten profitieren davon, denn so ist schon mehrmals eine Zusammenarbeit entstanden. In drei Runden gehen die Jury-Mitglieder die Bilder durch, beschreibt Hans Joachim Ellerbrock die Arbeit der Jury:

Foto: Joe KlamarFoto: Joe Klamar "Da muss man in der Jury zwischen Fotografen und redaktionellen Kollegen unterscheiden. Die Fotografen sind an dieser Stelle härter und gleichzeitig klarer in der Entscheidung. Sie können nämlich vor Ort einschätzen, wie Bilder zustande kommen. Und das hat viel ausgemacht. Ich kann aber wirklich nicht sagen, ob das länderspezifisch ist. Nur in den Länder, in denen es viel Erfahrung mit gedruckten Medien gibt, wie zum Beispiel in Deutschland mit 10.000 Magazinen jeden Monat, gibt es eine große fotografische auch kommerzielle Erfahrung damit, was eine Geschichte werden kann und was nicht."

Bereits in den 50er Jahren waren die tschechischen Foto-Journalisten erfolgreich, ein Foto von Stanislav Tereba hat 1958 den internationalen Wettbewerb "World Press Photo" gewonnen. Das Bild des Jahres: ein Fußball-Torwart im Regen. In den kommenden Jahren wurden meistens Bilder von Kriegen oder Katastrophen prämiert. In den 50er Jahren, nach dem Krieg, suchten die Leute eher etwas schönes, was ihnen die Seele streichelt. Deshalb gewann Tereba mit seinem Torwart, meint Daniela Mrazkova. In den Anfängen des tschechischen Wettbewerbes Mitte der 90er Jahre kamen die meisten Einsendungen in den Kategorien Sport sowie Natur und Umwelt. Es gab nicht so viele Reportagen über aktuelle Geschehnisse. Die Situation hat sich in den Jahren seither verändert, heute sind Reportagen über aktuelle Geschehnisse sehr beliebt, sagt Daniela Mrazkova:

Foto: Michal CizekFoto: Michal Cizek "Der Wettbewerb hat eine Entwicklung. In der kommunistischen Vergangenheit gab es nicht so viele Ereignisse, die die Fotografie darstellen könnte. Es war nicht üblich, dass die Presse Unglück oder negative Geschehnisse wie zum Beispiel soziale Untersuchungen unter den Menschen thematisiert. Unsere Journalisten waren außerdem von der Welt isoliert. Das alles hat sich verändert."

In der kommunistischen Vergangenheit konnte sich kein richtiger Foto-Journalismus entwickeln, früher hat nur illustrative Fotografie dem politischen System gedient. Die tschechischen Journalisten haben den Rückstand jedoch sehr schnell eingeholt, reisen um die Welt und erreichen nun ein internationales Niveau, sagt Hans Joachim Ellerbrock:

"Dir Tschechen haben eine bestimmte fotografische Tradition und das merkt man schon. Man sieht nämlich nicht so viele Fotografen aus anderen osteuropäischen Ländern. Da sind die Tschechen schon mit führend."

Foto: Vaclav JirsaFoto: Vaclav Jirsa Und nicht nur die tschechischen Journalisten, denn der Wettbewerb ignoriert nach wie vor die Teilung der Tschechoslowakei: Es können sowohl tschechische als auch slowakische Fotografen an der Auswahl teilnehmen. Im Jahr 2005 haben die meisten Fotografen traurige Geschehnisse reflektiert, wie zum Beispiel den Tsunami, die Hurrikans in Amerika, die im Sommer von der Polizei aufgelöste Technoparty CzechTek, das Gedenken an die Tschernobyl-Katastrophe, den Jahrestag des Massakers in Srebrenica, den Tod des Papstes sowie die Wahl des neuen Kirchenoberhaupts. In jeder der acht Kategorien werden Preise vergeben, in jedem Jahrgang entsteht also eine Ausstellung der journalistischen Foto-Elite - mit einem Extra-Bonbon, sagt der Vorsitzende der Jury, Andrej Reiser:

"Bei der Fotografie des Jahres ist es immer am schwierigsten, die Entscheidung zu treffen. Erstens weil es ein einziges Foto sein muss und nicht eine Serie. Es ist klar, dass ein Ereignis wie der Tsunami einfacher in einer Serie dargestellt werden kann. Schwieriger ist es, ihn in einem einzelnen Bild zu zeigen. So passiert es halt, dass immer der erste Preis in der Kategorie eine Serie ist, aber am Ende muss sich die Jury noch für ein einziges Bild entscheiden."

Das Foto des Jahres 2005 steht nun fest, die Jury hat eine Fotografie des tschechischen Foto-Reporters Vaclav Jirsa ausgewählt. Es ist ein Portrait eines körperlich behinderten Radfahrers aus Deutschland, der auf dem Siegespodest steht. Seine beiden Töchter umarmen ihn, ihm selbst fehlt ein Arm. Die Foto-Experten haben diese Fotografie als sehr ausdruckstark bewertet, sie übermittle eine besondere Botschaft. "Das Bild stellt die Kraft des Menschen dar, sich selber zu überwinden", so die Begründung der Jury. Andrej Reiser dazu:

Foto: Michal SvacekFoto: Michal Svacek "Ich glaube, dass dieses Bild des deutschen Sportlers bei den Paralympics ein sehr gutes Beispiel für ein intensives und stark emotionales Bild ist. Es zeigt einen Sieger, also einen Menschen, der trotz seines Handicaps etwas erreicht hat. In diesem Bild kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Die Situation seiner Familie, also seine beiden Töchter, die sich freuen, dass ihr Vater bei der Olympiade diesen Preis gekriegt hatte. Die ganze Situation ist sehr intim und sehr rührend. Das ist der Grund, warum die Jury dieses Bild gewählt hatte."

Auch die Besucher der Ausstellung "Czech Press Photo" haben eine Stimme. Bereits seit fünf Jahren haben alle Foto-Interessierten die Möglichkeit, den Publikumspreis zu vergeben. Bis dato haben sie die Entscheidungen der Jury korrigiert, in diesem Jahr deutet bisher alles darauf hin, dass sich alle einig sind, verriet Daniela Mrazkova. Auch die Kinderjury hat etwas zu sagen, der Tradition nach wählt eine Gruppe der Kinder zwischen sechs und 15 Jahren ihren Favoriten. Man hätte erwartet, dass Kinder Tierfotos am schönsten finden, dem ist aber nicht so, sagt Mrazkova. Auch Kinder sprechen sich für Fotos aus, die eine stark emotionale Botschaft überbringen. In diesem Jahr bekam ein Foto von den Folgen der Tsunami-Welle von den Kindern die imaginäre Goldmedaille. Dieses Foto eines jungen Paares, das am Strand spazieren geht, auf vom Wasser zerstörten Zugschienen, und auch andere ausgewählte Fotografien können Interessierte nicht nur bis Ende Januar in Prag, sondern in den kommenden Monaten auch in Berlin und in weiteren europäischen Metropolen sehen. Weitere Informationen unter: www.czechpressphoto.cz