Ablagerungen und Leerstellen: Das Deutsche in der tschechischen Literatur

Während des Kommunismus war die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte ein Tabu in der tschechischen Literatur. Heute greifen jüngere Schriftsteller das Thema auf. Eine von ihnen ist Radka Denemarková, deren Roman „Geld von Hitler“ von der Vertreibung der Deutschen handelt und von Eva Profousová übersetzt wurde.

„Es gibt kein deutsches Thema in der tschechischen Literatur mehr, aber es gibt Spuren, die darauf verweisen. Es gibt Sedimente, wo es noch das Deutsche gibt, Ablagerungen“, so Eva Profousová, eine der wichtigsten Übersetzerinnen tschechischer Literatur.

Jahrhunderte lang haben Tschechen und Deutsche miteinander gelebt – und die Menschen teilten nicht nur Dörfer und Städte, sondern auch ihre Literatur. Autoren schrieben in beiden Sprachen, Deutsche waren in der tschechoslowakischen Literatur allgegenwärtig. Durch Okkupation und Vertreibung erfolgte der Bruch – die Deutschen verschwanden aus Leben und Literatur der Tschechoslowakei. Eva Profousová:

„Bis 1989 war es sowieso ein Tabuthema. Da hat man sich mit dem Deutschen, mit der Vertreibung und was danach passiert ist, gar nicht auseinander gesetzt. Das Bild des Deutschen, das Klischee, mit dem wir alle aufgewachsen sind – ich bin Jahrgang 1963 –, war der Wehrmachtsoldat oder Gestapomensch, also das Nazischwein.“

Auch nach 1989 blieben das Unrecht der Vertreibung und die deutschen Nachbarn lange Zeit eine Leerstelle. Anders als im Nachbarland Polen trauten sich die Autoren nicht an das Thema. Warum?

„Meine Theorie ist, dass das Thema tabuisiert war, weil es im Gegensatz zu Polen keinen Bevölkerungstransfer gab. In Polen zogen Leute aus dem Osten in die Häuser der Deutschen, das war eine Lebensnotwendigkeit. In der Tschechoslowakei ist fast ein Viertel der Bevölkerung vertrieben worden, aber man brauchte ihre Häuser nicht. Man hat sie als Wochenendhäuser für sich genommen. Da entsteht so eine Scham, dass man überhaupt nicht darüber sprechen kann. In meiner Vorstellung hat jeder vierte Tscheche in einem deutschen Bett geschlafen und von deutschem Geschirr gegessen. Das zuzugeben ist wahnsinnig schwierig“, erklärt Eva Profousová.

Doch mittlerweile ist das Tabu gebrochen, die Leerstelle gefüllt. Menschen ziehen ganz bewusst ins Sudetenland und befassen sich mit seinem schwierigen Erbe. Und Schriftsteller wagen sich an deutsche Themen. Welche Rolle spielt eigentlich Literatur bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit? Eva Profousová meint:

„Ich bin mir nicht sicher, ob die tschechische Gesellschaft sich mittels der Literatur mit sich selbst auseinander setzt, aber ich finde es wahnsinnig wichtig, dass es überhaupt Leute gibt, die darüber schreiben. Jene Zeiten sind indes vorbei, in denen die Dichter das Gewissen des Landes waren und etwas bewegt haben.“

Eine Autorin, die sich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt hat, ist Radka Denemarková. Für ihren Roman „Geld von Hitler“ (Peníze od Hitlera) hat sie 2007 den prestigeträchtigen Preis „Litera“ erhalten, das Buch wird derzeit verfilmt und in sieben Sprachen übersetzt. Wie ist die Autorin auf das Thema gestoßen?

„Ich habe mir gesagt, solche Themen interessieren mich. Für mich sind das keine alten Themen, keine Geschichte. Es liegt immer irgendwo in der Luft. Ich bin Schriftstellerin und ich bin sehr froh, dass die Schriftsteller nicht mehr das Gewissen sein müssen. Das ist nicht die Aufgabe von Kunst. Ich bin kein Arzt. Ich bin nur der Schmerz.“

In ihrem Roman erzählt Radka Denemarková die fiktive Geschichte von Gita Lauschmannová, einer deutschen Jüdin aus dem Sudetenland. Als Sechzehnjährige kehrt sie 1945 aus dem Konzentrationslager zurück. Im Haus ihrer Eltern wohnt nun eine tschechische Familie. Drastisch beschreibt die Autorin die Brutalität der Dorfleute, die sich sogar 50 Jahre später noch gegen Gita Lauschmannová stellen.

„Die Leute im Dorf sind nicht fähig, diese Schande als eigene Schande oder Problem zu verstehen und es zu lösen. Das sehe ich jeden Tag. Im Buch ist es ein großes Thema, aber in der kleineren Form des menschlichen Zusammenlebens passiert das jeden Tag. Die Empathie fehlt, Mitleid fehlt der heutigen Welt. Das ist auch Thema des Buches. Die Geschichte ist als Kulisse wichtig, das ist eine Leiche im Keller. Und die Tschechen haben so viele Leichen im Keller, das ist Wahnsinn. Also habe ich mir gesagt, dass ich in jedem Buch eine Leiche mit der Pinzette heraushole und beobachte, was da los war und los ist.“

Radka Denmarková erzählt eine Geschichte der Opfer, der Leser sieht die Welt aus Gita Lauschmannovás Perspektive. Und genau das ist die Absicht der Autorin:

„Wenn jemand einem anderen weh tut, tut das auch mir weh. Wenn das eine Jüdin ist, dann bin ich die Jüdin, wenn das jemand anderes ist, bin ich auch derjenige, dem wehgetan wird. Ich meine, es gäbe weniger Probleme auf der Welt, wenn sich die Menschen mit den Opfern identifizieren würden. Aber alle identifizieren sich mit den Helden, auch wenn das die größten Arschlöcher der Welt sind.“

Radka Denemarková wollte einfach die Geschichte eines Menschen erzählen, dem Unrecht angetan wurde. Wie nahe sie damit der Realität kam, hat sie erst später erfahren:

„Es ist mir passiert, dass während einer Lesung eine Frau zu mir kam, die ein ähnliches Schicksal kannte, eine Ärztin, eine Jüdin, aber mit einem anderen Namen. Dann bekam ich eine E-Mail von einem Mann, einem Jurist. Er schrieb mir, dass ich bestimmt seine Mutter gekannt habe, dass ich mit ihr gesprochen haben müsse. Aber ich habe mit niemandem gesprochen. Ich habe mir gesagt, wenn man empathisch eine bestimmte Essenz einer Zeit beschreibt, dann kann es passieren, dass Leute, die in dieser Zeit gelebt haben, darin etwas finden, was sie auch in ihrer inneren Welt haben. Ich denke, das ist normal, das ist die Magie der Literatur.“

„Geld von Hitler“ erscheint 2009 in der deutschen Übersetzung von Eva Profousová. Radka Denemarková hat bereits ihren nächsten Roman fertig gestellt, in dem sie eine weitere Leiche aus dem Keller der tschechischen Gesellschaft seziert. Der Roman wird im Dezember im Prager Theater am Geländer (Divadlo na zábradlí) vorgestellt.