8. Theaterfestival deutscher Sprache in Prag: Klassik-Theater von heute

16-11-2003

Zum achten Mal wird am kommenden Dienstag der Vorhang des Theaterfestivals deutscher Sprache in Prag aufgehen. Elf Tage lang, vom 18. bis zum 29. November, wird - wie es in den Herbstagen in der tschechischen Metropole bereits Tradition geworden ist - auf den Bühnen der Hauptstadt die deutsche Sprache erklingen. Was das diesjährige Festival des deutschen, österreichischen und schweizerischen Theaters seinen Zuschauern bietet, das erfahren Sie im nachfolgenden Kultursalon von und mit Markéta Maurová.

Das Theaterfestival deutscher Sprache hat sich vor acht Jahren, als es ins Leben gerufen wurde, zum Ziel gesetzt, vor allem das deutschsprachige Theater der Gegenwart zu zeigen. Viel Raum wurde demnach in den vergangenen Jahren den Gegenwartsautoren und ihren Stücken gegeben. Das diesjährige Programm sieht ein bisschen anders aus. Festivaldirektorin Jitka Jilkova dazu:

"Dieses Jahr haben wir vier große Aufführungen aus dem klassischen Repertoire eingeladen, und zwar Ibsens Nora, Schillers Kabale und Liebe, Shakespeares Othello und Mamma Medea in der Bearbeitung von Tom Lanoye nach Euripides."

Was hat diese Änderung angeregt? Warum hat die Festivalleitung diesmal nach der Klassik gegriffen?

"Weil die Regiebearbeitung dieser Stücke sehr gegenwärtig ist."

Mit einem der beiden Dramaturgen des Festivals habe ich mich über das diesjährige Programm ausführlicher unterhalten. Es spricht der Direktor des tschechischen Theaterinstituts, Dr. Ondrej Cerny:

"Die diesjährige Dramaturgie ist von, wir können sagen, drei Linien geprägt. Eine Linie ist, dass wir große Inszenierungen aus der deutschen Klassik bzw. der Weltklassik auf die Bühne bringen. Wir tun dies mit Inszenierungen, die die Klassik auf irgendeine Weise stark interpretieren, arrangieren usw. Das ist also die eine Linie. Der zweite Akzent, den wir in diesem Jahr setzen, hängt mit der zeitgenössischen Dramatik zusammen, er bildet aber in diesem Jahr eigentlich eine Minderheit. Sonst kann man sagen, dass wir dieses Mal wieder die Theatermetropolen präsentieren, vom Süden, von München, über Berlin bis nach Hamburg. Was für uns in diesem Jahr am interessantesten ist, das sind die dramatischen Personen, die sich auf der Bühne präsentieren. Es geht um Paare wie Nora und Thorwald Helmer bei Ibsen, um Ferdinand und Luise in Kabale und Liebe, dann natürlich Desdemona und Othello in der Othello-Inszenierung, und Jason und Medea in Medea. Man kann sagen, dass wir dieses Jahr gar keine Ideen, sondern die Menschen in archetypischen Beziehungen präsentieren. Dies interessiert uns in diesem Jahr am stärksten."

Die Klassik auf der heutigen Theaterbühne war auch das Hauptthema des internationalen Festivals "Theater 2003", das im September im westböhmischen Pilsen stattfand. Es drängt sich die Frage auf, ob dies ein Zufall ist, oder ob die Klassik vielleicht in Mode kommt, ob sie eine Renaissance erlebt...

"Wissen Sie, im Theater ist es immer so, dass die Entwicklung in Spiralen vor sich geht. Es ist keine direkte Entwicklung, sondern eine in Spiralen, und ich denke, dass es kein Zufall ist, dass die Klassik wieder auf der Bühne erscheint. Denn vielleicht ist man im Theater, im Schauspieltheater, drauf gekommen, dass man doch einen guten Text braucht. Es gab eine Phase, wo man den Text nur als Material für die Inszenierung betrachtete und Projekte machte. Das war ein Trend, der in den 90er und auch vorher in den 80er Jahren ziemlich stark war. Und heute kann man merken, dass wieder klassische Texte zur Sprache kommen, weil sie wirklich starke dramatische Situationen bringen, weil sie starke Beziehungen zeigen usw. usf. Man muss wieder Menschen auf die Bühne bringen. Aber das bedeutet nicht, dass nicht auch die zweite Linie existiert, die ebenfalls stark ist. Z.B. die Sachen von Christoph Marthaler, die Projektsachen, die sind natürlich immer aktuell. Man kann nicht sagen, dass diese Linie jetzt die einzige ist. Es gibt immer mehrere Linien im Welttheater, aber es stimmt, dass die Klassik jetzt vielleicht in irgendeinem Sinne wieder aktuell ist."

Das eigentliche Festival wird erst am kommenden Dienstag eröffnet. Es hat jedoch bereits am 1. November ein gewisses Vorspiel erlebt: An diesem Tag kam kein Ensemble nach Prag, sondern den tschechischen Zuschauern wurde von der Festivalleitung angeboten, eine deutsche Inszenierung direkt vor Ort zu sehen. Festivaldirektorin Jitka Jilkova:

"Dabei handelte es sich um die Volksbühne Berlin und die Aufführung namens Erniedrigte und Beleidigte, eine Bearbeitung des berühmten Romans von Dostojewski. Eine Bearbeitung Frank Castorfs. Und diese Aufführung ist technisch dermaßen aufwändig - das Video spielt dort eine sehr wichtige Rolle - und die technischen Tricks sind so kompliziert, dass wir einfach nicht imstande waren, diese Aufführung nach Prag zu bringen. Und so brachten wir halt die Zuschauer nach Berlin. Weil wir uns gesagt haben, dass es höchste Zeit ist, diese neue Methode Castorfs vorzustellen."

Nicht nur mit dieser Reise nach Berlin, auch mit der Gestaltung des Prager Programms hat man dann doch auch das deutschsprachige Gegenwartstheater in Betracht gezogen.

"Was die neue Dramatik betrifft, so haben wir auch an die gedacht. Nur ist es halt so, dass die zeitgenössischen Stücke eher kleiner, für eine kleine Bühne bestimmt sind. Wir haben 39,90 aus Basel eingeladen, das ist ein Zwei-Mann-Stück, und dann haben wir eigentlich eine One-Man-Show aus München, die heißt Cherubim, und der Hauptdarsteller ist ein 80jähriger Schauspieler."

Jeder Jahrgang des Festivals bemüht sich, eine Neuigkeit, eine Überraschung zu bringen. Vor einem Jahr war dies ein Off-Programm, d.h. Ausstellungen und sogar ein Fußballturnier, die die Theatervorstellungen begleiteten. Ein solches Programm findet diesmal nicht statt, doch eine Überraschung hat man noch vorbereitet:

"Wir möchten wirklich überraschen, und zwar mit einem neuen Raum, wo noch nie Theater gespielt wurde. Es geht um das große Atrium des Messepalastes, das ist ein wunderschöner und ganz großer Raum, wo wir etwa 900 Zuschauer unterbringen wollen. Diesen Raum hat uns die Nationalgalerie kostenlos zur Verfügung gestellt, was uns sehr freut. Wir hoffen, dass es uns gelingt, dort einen echten und funktionierenden Theaterraum aufzubauen."

Gerade in diesem Raum werden auch drei der vier klassischen Stücke gespielt, die den Schwerpunkt des bevorstehenden Festivals darstellen. Was für den Zuschauer an der Auffassung der Klassik in diesen Inszenierungen interessant sein kann, wie sie sich von anderen Interpretationen unterscheidet, das war meine letzte Frage an Dr. Ondrej Cerny:

"Was aus unserer Sicht interessant ist: die Inszenierungen sind anders als die Inszenierungen aus den sagen wir 80er, 90er Jahren von Frank Castorf und ähnlichen Regisseuren, die die Klassik sehr stark in die Hand genommen und dann eigentlich nur als Material für ihre eigenen Zwecke genutzt haben. Man kann sagen, dass die Regisseure, die die Klassik jetzt bei uns machen, das sind Sebastian Nübling, Thomas Ostermeier, Michael Thalheimer, aber auch Luk Perceval, dass sie mehr sofisticated sind, das bedeutet, dass sie nicht so aggressiv sind und versuchen, den Text wirklich von Innen zu interpretieren. Das ist eine Sache, die - finde ich - ziemlich neu ist: Nämlich, dass man mit den Situationen nicht so arbeitet, dass man einen neuen Text daraus ableitet, sondern dass man eigentlich versucht, diese alten klassischen Stücke ganz neu zu betrachten. Und das ist eine interessante Sache."

16-11-2003