110 Jahre Tschechische Philharmonie: Die Geschichte eines Weltklasse-Orchesters

Die Tschechische Philharmonie feiert 110 Jahre ihres Bestehens. Das ehemalige Provinzorchester entwickelte sich im Laufe dieser Zeit zu einem erstklassigen, rund um die Welt konzertierenden Klangkörper. An seine Geschichte erinnert Jakub Siska.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in ganz Europa philharmonische Orchester. Auch viele Werke tschechischer Komponisten warteten auf ihre Aufführung, ein Musik liebendes Publikum vermisste eine ständige Bühne in Prag. Der bekannte Komponist Bedrich Smetana versuchte schon in den 60er Jahren, eine regelmäßige Reihe von Abonnementskonzerten auf die Beine zu stellen, sagt Musikpublizist Bohuslav Vitek.

"In Prag standen nur zwei Opernorchester zur Verfügung - beim tschechischen Nationaltheater und beim Neuen Deutschen Theater. Diese Ensembles hatten sich für die Abonnementskonzerte vereinigt, womit ein tschechisch-deutscher Klangkörper entstand. Er wurde Philharmonie genannt, aber er hatte mit der gegenwärtigen Philharmonie nichts gemeinsam. Erst in 90er Jahren kam ein gewisser Herr Palecek mit der Idee, ein spezielles Ensemble für Konzerte zu bilden, zunächst unter dem Dach des Nationaltheaters. Das ist bis heute üblich: Zum Beispiel die Wiener Philharmoniker gehören zur Wiener Staatsoper, die Konzerte geben sie zusätzlich. In Prag war es genauso. Am 4. Januar 1896 fand das erste Konzert der Tschechischen Philharmonie im neuen Künstlerhaus Rudolfinum statt."

Den ersten Auftritt der Tschechischen Philharmonie dirigierte Antonin Dvorak, die damals wohl bedeutendste Persönlichkeit der tschechischen Musikszene. Seine "Slawischen Tänze" wurden ebenfalls gespielt. Aber ansonsten hatte Dvorak mit dem Ensemble nichts zu tun. Während der nächsten vier Jahre wurde dieses von Karel Kovarovic geleitet. 1901 kam es unter den Musikern zum Streik. Bohuslav Vitek weiter:

"Es geschah etwas, was der schon erwähnte Herr Palecek, damals ein Sprecher des Orchesters, wahrscheinlich nicht erwartet hat: Karel Kovarovic hat sich entschieden, alle streikenden Musiker zu entlassen und innerhalb kurzer Zeit ein ganz neues Orchester zu bilden. Den entlassenen Musikern blieb nur die Möglichkeit, selbstständig zu spielen. Trotz aller pessimistischen Prognosen waren sie damit erfolgreich. Das heißt, die eigenständige Tschechische Philharmonie, getrennt vom Nationaltheater, entstand erst 1901."

Die ersten Jahre waren für das neue Orchester jedoch sehr schwierig. In unserem Rundfunkarchiv blieb dazu folgende Erinnerung erhalten: Es spricht Karel Paul, der 1903 zur Philharmonie kam:

"Das Orchester der Tschechischen Philharmonie, damals fast kaputt, konzertierte im Sommer in verschiedenen Parks von Prag. Seine finanzielle Lage war wirklich jämmerlich: Man hat 10 Heller Eintritt verlangt, Gagen gab es keine, lediglich die Erträge der Konzerte wurden unter den Musikern aufgeteilt. Ich persönlich habe im Jahr 1903 einen Vertrag mit der gerade gegründeten Philharmonischen Genossenschaft unterschrieben. Diese versuchte, den finanziellen Mangel zu beseitigen, aber der Erfolg war bescheiden. Das Orchester zählte ungefähr 40 Mitglieder verschiedener Leistungsfähigkeit, wodurch das Proben erheblich erschwert wurde. Es gab keinen ständigen Übungsraum, meistens musste man in Gaststätten und Tanzlokalen proben."

 

Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Philharmonie umziehen, denn das Künstlerhaus Rudolfinum wurde nun vorübergehend Sitz des Parlaments. Aber abgesehen davon ging es dem Orchester nun deutlich besser. Darum hat sich vor allem Vaclav Talich verdient gemacht, der das Orchester von 1919 bis 1941 leitete. In den 20er Jahren begann die Philharmonie, ihre ersten Auslandstourneen zu machen und auch Schallplatten aufzunehmen.

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zur raschen Verbreitung verschiedenster Tonaufnahmen in der ganzen Welt. Die Tschechische Philharmonie war mit von der Partie. Sie arbeitete mit dem damaligen Spitzenunternehmen His Masters Voice zusammen, das auch in Prag eine Filiale hatte. Im Jahre 1929 spielte sie für diese Firma Smetanas 'Meine Heimat' ein - diese historische Aufnahme wurde vor kurzem neu auf CD herausgegeben. Aufgrund des großen Erfolgs dieser Schalplatte wurde die Tschechische Philharmonie nach London eingeladen, um die besten Werke von Antonin Dvorak aufzunehmen. Bis zum Anfang des Krieges spielte das Orchester Konzerte in Großbritannien und Italien, wo es Wert darauf legte, vor allem die tschechische Musik bekannt zu machen. Großer Beliebtheit erfreuten sich vor allem Dvoraks 'Slawische Tänze'."

1942 stellte sich der nur 28-jährige Rafael Kubelik an die Spitze der Philharmonie. Trotz der schwierigen Situation während der Besatzungszeit ist es ihm gelungen, weiter Schallplatten aufzunehmen, einschließlich "Meine Heimat" von Bedrich Smetana. Der Sitz der Philharmonie wurde sogar zurück ins Künstlerhaus verlegt. Nach dem Krieg hat sich Kubelik um die Entstehung des berühmten Musikfestivals "Prager Frühling" verdient gemacht. Als die Kommunisten 1948 an die Macht kamen, beschloss er, ins Ausland zu gehen. In den folgenden Jahrzehnten propagierte er die tschechische Musik als Leiter mehrerer Spitzenorchester auf der ganzen Welt, nach der Wende 1990 dirigierte er noch einige Male die Tschechische Philharmonie. Aber zurück zur Nachkriegsgeschichte mit Bohuslav Vitek.

"1945 traf man die Entscheidung, die Philharmonie zu verstaatlichen. Das geschah übrigens durch eines der Dekrete von Präsident Edvard Benes. Diese Verstaatlichung muss eindeutig positiv betrachtet werden: Die Philharmonie hörte auf, als Genossenschaft zu existieren und konnte sich von nun an auf die staatliche Schirmherrschaft verlassen. Das dauerte auch in der Zeit des Eisernen Vorhangs an: Für die Kommunisten war das Orchester ein Schaukasten, der für den Staat Devisen verdienen sollte. Im Laufe von 40 Jahren wechselten sich hinter dem Dirigentenpult nur zwei Spitzenpersonen ab: Karel Ancerl und nach seiner Emigration 1968 Vaclav Neumann. Beiden ist es gelungen, die Philharmonie in vielen Ländern bekannt zu machen. 'Eines der besten Orchester der Welt' - verkündeten die Zeitungen in Boston, als dieses 1965 in den USA spielte. Das Orchester war bereits in der Lage, nicht nur die tschechische Musik, sondern Musik aus der ganzen Welt zu präsentieren."

 

Nach der Wende 1989 gab es neue Spannungen in der Tschechischen Philharmonie. Die Streitigkeiten wurden vor allem über die Organisationsstruktur geführt, Gerd Albrecht als erster Ausländer an der Spitze des Orchesters zog unzufrieden ab. Neuerungen setzen sich aber trotzdem durch: Im damals ausschließlich männlichen Orchester spielen heute auch Frauen, ausländische Abgänger tschechischer Musikschulen sind ebenfalls vertreten. Aber wie vor kurzem eine britische Zeitung geschrieben hat: Die Hauptsache ändert sich nicht. Die tschechische Philharmonie klingt immer gut.