„Zimmer frei“ – Flüchtling gesucht

In Österreich oder Deutschland gibt es das Projekt schon lange. Nun können auch Tschechen Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen. Möglich macht das ein internationales Projekt.

Webseite der Initiative „Uprchlíci vítejte“Webseite der Initiative „Uprchlíci vítejte“ „Nehmt sie dann doch bei Euch zu Hause auf“ – dieser plumpe Spruch wird gerne Menschen an den Kopf geworfen, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen stark machen. Tomáš Jungwirth hat das wörtlich genommen. Der Aktivist hat die Initiative „Uprchlíci vítejte“, also „Flüchtlinge willkommen“, ins Leben gerufen. Jungwirth erklärt, worum es geht:

„Es gibt hier viele Menschen, die kein Problem damit haben, ihre Wohnung denjenigen zur Verfügung zu stellen, die vor Krieg und Gewalt flüchten. So zeigen sie ihre Solidarität. Das ist das Hauptmotiv, warum wir dieses Projekt gestartet haben. Eigentlich ist das Ganze eine internationale Angelegenheit, hoffentlich klappt es auch in Tschechien. Es geht darum, Asylbewerber in privaten Wohnungen unterzubringen.“

Illustrationsfoto: justine, CC BY-NC-ND 2.0Illustrationsfoto: justine, CC BY-NC-ND 2.0 Das Konzept ist dabei klar:

„Alles zielt darauf ab, dass irgendjemand irgendwo bei sich Platz hat und diesen auch anbieten kann. Natürlich wenden wir uns eher an alleinstehende Flüchtlinge, die wir irgendwo unterbringen können, und weniger an Familien. Da bräuchte es ja eine ganze Wohnung, die sich auf der anderen Seite aber auch irgendwie finden ließe. Wir orientieren uns ein bisschen am Konzept einer Studenten-WG. So hat es auch beispielsweise in Österreich geklappt, wo in erster Linie junge Leute ein Zimmer angeboten haben und wo auch vorwiegend junge Leute irgendwo eingezogen sind.“

Die tschechischen Wohnvermittler haben schon seit Ausbruch der Flüchtlingskrise 2015 mit einem solchen Vorhaben geliebäugelt. Schon damals habe man den Leuten geholfen und einige auch in den eigenen vier Wänden beherbergt, so der Aktivist. Für das Projekt habe man sich dann im Ausland inspirieren lassen und sich dort direkt Expertise geholt, erklärt Jungwirth:

„Wir sind froh, dass in unserem kleinen Team auch Michal Sikyta dabei ist. Er hat die Idee schon in Österreich umgesetzt und ist damit seit einigen Jahren relativ erfolgreich. Mittlerweile haben die Kollegen dort rund 500 Flüchtlinge untergebracht. Der Kontext ist aber natürlich ganz anders. Während es anderswo Hunderttausende Asylsuchende gibt, sind es in Tschechien viel weniger.“

Illustrationsfoto: EU Civil Protection and Humanitarian Aid Operations, CC BY-NC-ND 2.0Illustrationsfoto: EU Civil Protection and Humanitarian Aid Operations, CC BY-NC-ND 2.0 Mittlerweile laufen vergleichbare Versuche in 14 Staaten Europas, Vorreiter sind Deutschland und Österreich. Die erste Wohnvermittlung für Asylanten startete 2015 in Berlin.

Alleinstehende im Fokus, doch abseits der Klischees

Wie gesagt, in Tschechien gibt es vergleichsweise wenige Asylbewerber, und noch weniger bekommen dann tatsächlich auch Schutz. An wen richtet sich das Projekt überhaupt?

„Hauptsächlich an anerkannte Asylanten oder Menschen, die unter subsidiärem Schutz stehen. Bei den niedrigen Zahlen an Bewerbern wollen wir auch Flüchtlinge einschließen, die noch auf ihren Status warten. Die werden dann wahrscheinlich kürzer bleiben und möglicherweise in der Zwischenzeit in ihre Heimat abgeschoben. Insgesamt gibt es jährlich hierzulande rund 1500 Asylbewerber, das Interesse wäre also da“, meint Jungwirth und betont:

Tomáš Jungwirth (Foto: Archiv der Assoziation für außenpolitische Fragen)Tomáš Jungwirth (Foto: Archiv der Assoziation für außenpolitische Fragen) „Wir versuchen zu vermeiden, ein Bild des idealen Flüchtlings zu schaffen bei unserer Auswahl. Den jungen Mann mit iPhone haben wir ja schon oft genug in den Medien gesehen. Die Zusammensetzung der Asylsuchenden in Tschechien ist außerdem ganz anders, als es sich die Öffentlichkeit vorstellt. Hierzulande suchen vor allem Ukrainer Schutz, traditionell aber auch Menschen aus Kuba oder Weißrussland. Es sind somit nicht nur Syrer, Iraker oder Afghanen.“

Den Flüchtlingen soll da eine helfende Hand gereicht werden, wo selbst Einheimische mittlerweile Schwierigkeiten haben. Denn ein Dach über dem Kopf ist der beste Weg in ein geregeltes Leben:

„Der Bedarf an so einem Projekt ist da. Schlimmer wird alles durch den derzeitigen Wohnungsmarkt. Momentan ist es so, dass nicht einmal Einheimische mit einem Durchschnittsgehalt es schaffen, in den Großstädten bezahlbaren Wohnraum zu finden. Für Asylbewerber, die nur eine niedrige soziale Absicherung haben und mit einem Stigma leben müssen, ist es da ungemein schwerer. Die finden meist nirgendwo eine Bleibe.“

Die richtige Kombination finden

Foto: Vito Manzari, CC-BY-2.0Foto: Vito Manzari, CC-BY-2.0 Ganz alleine kommen die Flüchtlinge nicht zu ihrer Unterkunft, die jeweiligen Hilfsorganisationen greifen Ihnen dabei vermittelnd unter die Arme. Das ist nötig, denn um den Wohnplatz bei einem Freiwilligen muss man sich als Asylsuchender bewerben:

„Es muss ein Formular ausgefüllt werden. Wir müssen ja wissen, wer da vor uns sitzt. Uns geht es darum, welche Sprachen der Bewerber spricht und wie sein genauer Aufenthaltsstatus ist. Davon hängt dann ab, ob wir eine kurz- oder langfristige Unterkunft organisieren.“

Doch auch als Gastgeber muss man gewisse Auflagen erfüllen. Dazu Tomáš Jungwirth:

„Am Ende kommt es dann zum sogenannten ‚Matching‘, bei dem Angebot und Nachfrage aufeinander abgestimmt werden. Das kann technische Aspekte haben, zum Beispiel wo ein Anbieter wohnt oder welche Vorstellungen er über das Zusammenleben hat. Aber wichtig ist natürlich, dass sich die Menschen treffen und schauen, ob sie sich sympathisch sind oder ob das Zusammenleben unter bestimmten Bedingungen überhaupt möglich ist. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als dass wir Menschen zusammenbringen, die miteinander nur Konflikte haben.“

Foto: DFID - UK Department for International Development via Foter.com / CC BY-SAFoto: DFID - UK Department for International Development via Foter.com / CC BY-SA Was die Kosten angeht, muss man laut Jungwirth die finanzielle Lage der jeweiligen Flüchtlinge betrachten. Primär soll die Unterkunft nämlich nicht gratis sein, die Schutzsuchenden sollten mindestens für Energie und Nebenkosten aufkommen können.

Sicherheit steht im Vordergrund

Eine große Frage, die natürlich bei diesem Projekt auftritt, ist die Sicherheit. Wie kann man diese vor allem für den Gastgeber garantieren?

„Wir bemühen uns, Flüchtlinge auszusuchen, die bisher keine Probleme gemacht haben. Es sollten vor allem Menschen sein, die bereits in der Obhut von Hilfsorganisationen waren und mit denen diese NGOs Erfahrungen gemacht haben. Es handelt sich also nicht um Menschen, die noch nie jemand gesehen hat und über die niemand etwas weiß. Natürlich gibt es bei uns nicht so viele Bewerber, wir bekommen also alle wichtigen Informationen über diese Personen von Bekannten.“

Ideal wäre laut Tomáš Jungwirth, wenn es eine durchgehende Betreuung der Flüchtlinge und der Gastgeber gebe. Ein soziales Rahmenprogramm also, das auch Konflikten vorbeugen könnte, betont Jungwirth. Der Aktivist verweist darauf, dass es im Ausland in erster Linie positive Erfahrungen gab:

„Ich habe keine genauen Informationen darüber, wie es in den weiteren 14 Ländern funktioniert. Aber ich kenne das österreichische Modell. Da gab ies auch Fälle, in denen Wohngemeinschaften früher aufgelöst wurden als geplant. Aber bestimmte Konfliktsituationen wurden da nicht registriert, wie zum Beispiel Angriffe oder Ähnliches.“