Zeitzeugen an Schulen in Böhmen und Sachsen – ein Projekt geht zu Ende

Die Geschichtsstunden in der Schule, das ist für viele Jugendliche eher eine Qual - vor allem wenn staubtrockene Daten gepaukt werden müssen. Durchaus spannend kann hingegen der Besuch eines Zeitzeugens sein. Die Brücke/Most-Stiftung und das Collegium Bohemicum haben in den vergangenen drei Jahren solche Zeitzeugenbesuche an Schulen in Sachsen und in Nordböhmen vermittelt. Das Projekt geht nun zu Ende, wie wir bereits vor einigen Wochen berichtet haben. Diesmal eine ausführliche Bilanz der Beteiligten und ein Vergleich mit den Vorgängerprojekten.

Werner Imhof (Foto: Archiv der Brücke/Most Stiftung)Werner Imhof (Foto: Archiv der Brücke/Most Stiftung) Vor zehn Jahren wurden bereits die ersten grenzüberschreitenden tschechisch-deutschen Zeitzeugenbegegnungen veranstaltet. Initiator Werner Imhof von der Brücke/Most-Stiftung erinnert sich, wie es dazu kam:

„Alles begann 2002, während der großen Diskussion um die NS-Zwangsarbeit. Damals beschlossen wir bei der Brücke/Most-Stiftung, etwas zu machen. Wir stellten sehr viele Kontakte zu ehemaligen Zwangsarbeitern her, vor allem in sehr enger und auch sehr angenehmer Kooperation mit dem Büro für NS-Opfer in Prag, das auf tschechischer Seite die Entschädigungen durchgeführt hat.“

Dieses erste Zeitzeugenprojekt lief von 2003 bis 2006, doch recht bald standen Holocaust-Überlebende im Vordergrund.

Foto: Archiv der Brücke/Most StiftungFoto: Archiv der Brücke/Most Stiftung „Die Schulen machten uns klar, dass sie Zwangsarbeit zwar mit 13,5 Millionen Opfern für ein wichtiges Thema hielten, aber lieber Treffen mit Holocaust-Überlebenden hätten. Zu den Überlebenden der Lager wie Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen sind dann auch sehr enge persönliche Kontakte und Freundschaften entstanden“, sagt Werner Imhof.

Lisa Miková ist eine der Holocaust-Überlebenden. Seit 1993 hält sie bereits Vorträge über ihr Schicksal und stellte sich auch für das tschechisch-deutsche Projekt zu Verfügung. Miková wuchs im Prag der Zwischenkriegszeit auf, in einem tschechisch-deutsch-jüdischen Schmelztiegel. Gegenüber Radio Prag war sie bereit, ihr Schicksal während des Holocaust zusammenzufassen:

AuschwitzAuschwitz „Genau an meinem 20. Geburtstag kam ich im Januar 1942 nach Theresienstadt. Ich blieb dort bis Oktober 1944. In Theresienstadt lernte ich meinen Mann kennen und wir heirateten. Mein Mann kam dann in einen Transport, ich wusste aber nicht wohin. Es war eine Aktion der Nazis, bei der 5000 Männer abtransportiert wurden. Die Nazis hatten Angst, weil ihrer Meinung nach in Theresienstadt zu viele junge Männer waren. Im Warschauer Ghetto und in anderen Lagern hatte es bereits Aufstände gegeben, und die Urheber waren jeweils junge Männer gewesen. Zwei Tage später haben die Nazis gesagt, dass sich zu den 5000 Männern 1000 Frauen freiwillig melden dürfen - entweder Mütter oder Ehegattinnen. Ich habe mich gemeldet, bin nach Auschwitz gekommen und habe dort natürlich meinen Mann nicht wiedergesehen – erst nach dem Krieg. Wir hatten beide Glück, dass wir überlebten. Ich war nur drei Wochen in Auschwitz. Wir waren in einem Quarantäne-Block in Birkenau und kamen von dort, weil die Nazis bereits im Oktober 1944 Arbeitskräftemangel hatten, nach Freiberg in Sachsen. Dort haben wir in einer Flugzeugfabrik gearbeitet.“

Lisa Miková (Foto: Archiv der Brücke/Most Stiftung)Lisa Miková (Foto: Archiv der Brücke/Most Stiftung) Doch im April 1945 wurde Lisa Miková nach Mauthausen gebracht. Erneut habe sie Glück gehabt, sagt sie, einen Tag vorher seien die Gaskammern abmontiert worden. Am 5. Mai wurde sie von den Amerikanern befreit und in Prag traf sie ihren Mann dann wieder.

Die Zeitzeugen-Treffen mit Lisa Miková dauern im Schnitt anderthalb Stunden. Die Reaktionen der Schüler seien dabei sehr unterschiedlich, sagt sie:

„Manchmal sitzen sie und hören zu, und die Reaktion ist gleich null – ganz egal, ob das deutsche oder tschechische Schüler sind. Dann gibt es auch wieder Klassen, die ungeheuer wissbegierig sind, die Fragen stellen. Dann kann es auch passieren, dass es länger dauert.“

Häftlinge in Mauthausen (Foto: United States Holocaust Memorial Museum)Häftlinge in Mauthausen (Foto: United States Holocaust Memorial Museum) Auch Werner Imhof fiel während des ersten Zeitzeugenprojekts auf, dass nicht alle Begegnungen in den Schulen so liefen, wie es wünschenswert gewesen wäre. In einigen Fällen habe die Einstellung geherrscht, dass man sich einen Zeitzeugen einlade und dieser einfach die Schulstunde schmeißt. Eine Unverschämtheit gegenüber dem Schicksal der Menschen, findet Imhof.

„Wir haben dann grundsätzlich angepeilt, dass die Schüler zur Vorbereitung der Begegnungen auf lokale historische Spurensuche gehen. Das betrachten wir als den Königsweg. Ideal ist, wenn sie feststellen, dass sich die NS-Zeit nicht nur auf dem Nürnberger Reichsparteitag und in Auschwitz, Mauthausen oder im Führerbunker in Berlin abgespielt hat, sondern auch vor ihrer Haustür. Auch bei ihnen sind Nachbarn verfolgt, jüdische Familien beraubt, deportiert und umgebracht worden. Und fast überall in Deutschland gab es Zwangsarbeit, man muss nur nach dem jeweiligen Ort suchen.“

Im Jahr 2010 begann das dritte Zeitzeugenprojekt. Der Brücke/Most-Stiftung, die in Dresden sitzt, stand nun ein Partner in Tschechien zur Seite: das Collegium Bohemicum im nordböhmischen Ústí nad Labem / Aussig. Werner Imhof:

Foto: Archiv der Brücke/Most StiftungFoto: Archiv der Brücke/Most Stiftung „Im dritten Projekt jetzt – ‚Geschichte verbindet’ –, was Ende 2012 leider zu Ende geht, haben wir das Spektrum der Zeitzeugen stark erweitert. Das betrifft auch die Zeiträume, die wir abdecken. Gerade das Collegium Bohemicum hat viele Kontakte eingebracht zu Deutschböhmen – Vertriebene und nicht Vertriebene, Sozialdemokraten, Widerstandskämpfer.“

Weitere Zeitzeugen waren zum Beispiel ein Hiroshima-Überlebender oder ein DDR-Bürgerrechtler aus Leipzig, sagt Imhof. Sie gingen eher an deutsche Schulen. Die Vertriebenen besuchten hingegen die Schulen in den tschechischen Orten, aus denen sie vertrieben wurden. Thomas Oellermann vom Collegium Bohemicum hat diese Begegnungen betreut:

Thomas Oellermann (Foto: Archiv des Masaryk-Instituts)Thomas Oellermann (Foto: Archiv des Masaryk-Instituts) „Das Thema steht in den tschechischen Lehrplänen. Das heißt, es lässt sich auch ganz gut in den Unterricht integrieren. Wir haben darüber hinaus aber auch einige Veranstaltungen für die Öffentlichkeit geleitet – zum Beispiel eine kleine Veranstaltungsreihe in Ústí nad Labem, bei der wir Zeitzeugen aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen erzählen ließen.“

Vojen Syrovátka ist nicht Sudetendeutscher, sondern ein ehemaliger Dissident aus der Zeit der so genannten Normalisierung in den 70er und 80er Jahren in der Tschechoslowakei. Er trat als Zeitzeuge auch deswegen auf, weil die Geschichte seiner Familie interessant ist.

Vojen Syrovátka (Foto: Archiv der Brücke/Most Stiftung)Vojen Syrovátka (Foto: Archiv der Brücke/Most Stiftung) „Ich habe zweimal in Dresden gesprochen, vor allem über meine Eltern. Denn mein Vater hat sich im Zweiten Weltkrieg am Widerstand gegen die Nazis beteiligt. Er arbeitete mit den britischen Fallschirmjägern zusammen, deswegen kam er nach der kommunistischen Machtergreifung im Februar 1948 sehr schnell ins Gefängnis. Bei den Treffen, die Herr Oellermann veranstaltet hat, habe ich mit tschechischen Schülern sowohl über das Schicksal meiner Eltern, als auch über meine eigenen Erfahrungen gesprochen. Ich bin Jahrgang 1940, deswegen habe ich die stalinistische Zeit nur aus der Sicht eines naiven Kinds erlebt. Aber in der Zeit der Normalisierung nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei im August 1968 war ich bereits erwachsen. Da habe ich Erfahrungen als Dissident gemacht, weil ich zum Beispiel die Charta 77 unterschrieben habe.“

Vojen Syrovátka bezeichnet sich bescheiden als „kleinen Fisch“ unter den Dissidenten, er sei ja nur evangelischer Pfarrer gewesen. In den Tagen der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei von 1989 engagierte er sich dann im Bürgerforum von Václav Havel. Von seinen Vorträgen als Zeitzeuge hat Syrovátka einen positiven Eindruck:

Zeitzeugentreffen in Teplice (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Brücke/Most Stiftung)Zeitzeugentreffen in Teplice (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Brücke/Most Stiftung) „Ich war vor allem froh, dass ich den jungen Menschen dabei helfen konnte, ihren Meinungshorizont zu erweitern. Die Zeitzeugentreffen, die Herr Oellermann veranstaltet hat, waren gut organisiert. Die Kinder waren im Alter von 14 oder 15 Jahren, sie haben zugehört und reagiert, für mich war es ein positives Erlebnis. Aber ich möchte natürlich auch das historische Wissen bewahren.“

Auch den Zahlen nach ist das Projekt sehr erfolgreich verlaufen. Insgesamt fanden in den vergangenen drei Jahren in Nordböhmen und Sachsen 162 Begegnungen statt. Dabei wurden über 5500 Teilnehmer erreicht. Doch eine Fortsetzung der Zeitzeugenarbeit an den Schulen ist fraglich. Blanka Mouralová, Leiterin des Collegium Bohemicum:

Blanka Mouralová (Foto: Archiv ČRo 7)Blanka Mouralová (Foto: Archiv ČRo 7) „Bei uns sind alle Tätigkeiten auf der Basis von Projekten finanziert. Das heißt, wenn wir dieses Projekt fortsetzen wollen, dann brauchen wir wieder eine projektbezogene Unterstützung. Es wurde ein weiteres Projekt im Programm Ziel 3 (grenzüberschreitendes EU-Programm, Anm. d. Red.) vorbereitet. Über dieses Projekt wurde noch nicht entschieden. Das Geld in diesem Programm ist derzeit knapp, wir glauben also kaum, dass das Projekt noch genehmigt wird, und suchen gerade nach weiteren Wegen der Finanzierung.“

Aber selbst wenn ein Folgeprojekt nicht möglich werden sollte, wird die Zeitzeugenarbeit nicht ganz aus dem Collegium Bohemicum verschwinden, glaubt Mouralová:

„Unsere Kernaufgabe ist, die Dauerausstellung zur Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in Böhmen, Mähren und Schlesien aufzubauen. Für diese zukünftige Ausstellung benötigen wir aber ein museumspädagogisches Programm, eben zum Beispiel Zeitzeugengespräche. Die Gespräche waren bisher in einem gesonderten Projekt an den Schulen organisiert. Unserer Vorstellung nach könnten aber solche Gespräche auch direkt im Museum stattfinden, die Schulklassen kämen dann nicht nur zur Ausstellung hierher, sondern auch, um mit Zeitzeugen zu diskutieren.“