Verstreut in alle Winde – Tschechen im Ausland

21-02-2008

Es gibt rund zwei Millionen von ihnen und sie haben sich verteilt auf alle Erdteile. Tschechen, die im Ausland leben. Viele von ihnen fühlen noch eine enge Bindung zu ihrem Herkunftsland. Ein Forum finden sie unter anderem beim Tschechischen Rundfunk. Genauer gesagt, bei Radio Prag. Martina Stejskalová betreut dort eine Webseite für Auslandstschechen.

www.krajane.netwww.krajane.net Tschechisch ist schwierig, aber alle hier in Dobruška wollen es lernen. Die Kursteilnehmer sind ihrer Herkunft nach Tschechen und kommen aus aller Herren Länder, wohin einst ihre Vorfahren ausgewandert sind. Tschechisch zu lernen ist eines von mehrern Angeboten, die ihnen der tschechische Staat heute macht.

Martina Stejskalová sitzt vor ihrem Computer und tippt. Sie ist Mitarbeiterin beim Auslandsdienst des Tschechischen Rundfunks. Als Editorin und Redakteurin betreut sie eine Webseite für „Krajané“, wie sie auf Tschechisch heißen – also Tschechen, die im Ausland leben.

Martina Stejskalová (Foto: Kristýna Maková)Martina Stejskalová (Foto: Kristýna Maková) „Das heißt, ich schreibe selber Artikel, ich führe Interviews. Ich lese Zeitungen der Auslandstschechen und suche Themen, die man auch auf unserer Seite veröffentlichen könnte, da sie nicht nur für die Gruppe in dem jeweiligen Land interessant sind, sondern möglicherweise auch grenzüberschreitend.“

Die Internetseite www.krajane.net ist eine Erfolgsgeschichte. Seit fünf Jahren gibt es sie. Angefangen hat die Webseite mit ein paar tausend Besuchern pro Monat. Die Klicks – wie man in der Internetsprache sagt – haben sich seit dem mehr als verdreifacht. Abgeschnitten von diesen Informationen sind allerdings häufig noch tschechische Volksgruppen im östlichen Europa, erzählt Martina Stejskalová. Hier fehle es einfach an Internetzugängen.

„Auf der anderen Seite erweist sich immer wieder, dass diese Internetseite das Potenzial hat, der Mittelpunkt für Auslandstschechen zu sein, wenn sie nach Informationen aus der Tschechischen Republik suchen, die ihre Probleme betreffen.“

Treffen der SokolvereineTreffen der Sokolvereine Und welche Probleme haben die Auslandstschechen? Viele würden gern das Briefwahlrecht haben. Der Weg zur tschechischen Botschaft kann in den Weiten Russlands oder Brasiliens sehr beschwerlich sein. Ein anderes großes Thema ist die doppelte Staatsbürgerschaft. Viele Auslandstschechen haben mit ihrer Heimat nämlich auch die Staatszugehörigkeit verloren. Und verloren habe sie in der Regel auch ihren Besitz in Tschechien. Restitution ist also das dritte große Thema der Tschechen im Ausland.

Heutzutage gibt es schätzungsweise zwei Millionen Menschen in der Welt mit tschechischer Herkunft.

Die Woche der Auslandstschechen 2006Die Woche der Auslandstschechen 2006 „Also überraschenderweise findet man immer wieder neue Ecken in der Welt, wo es Tschechen gibt. Die größten Gruppen gibt es in der Slowakei – sie entstanden logischerweise nach der Teilung der Tschechoslowakei. Dann gibt es eine traditionell große Gruppe in Österreich, vor allem in Wien. Außerdem sind die Tschechen sehr gut in Kroatien organisiert, in Schweden, Kanada, den USA, Südamerika.“

Und die Liste lässt sich fast endlos mit allen Erdteilen fortsetzen, erzählt Martina Stejskalová. Tschechen gibt es - kurz gesagt - eigentlich überall auf der Welt. Die Geschichte der tschechischen Auswanderung ist vielschichtig und reicht einige Jahrhunderte zurück. Schon die Böhmischen Brüder, eine evangelische freikirchliche Gemeinschaft, musste nach der Niederlage am Weißen Berg 1618 aus Böhmen fliehen. Noch heute berufen sich einige Polen auf diese Auswanderung. Und das 19. Jahrhundert war nicht nur für Tschechen eine Epoche der Auswanderung. Die Suche nach einem besseren Leben in Übersee, in Russland oder auf dem Balkan verband sie auch mit vielen Deutschen.

Das Tschechische Haus in Rijeka in KroatienDas Tschechische Haus in Rijeka in Kroatien „Dann, im 20. Jahhundert, sind Leute im Zusammenhang mit den bekannten politischen Ereignissen ins Ausland gegangen. Es gibt viele, die vor dem Nationalsozialismus geflüchtet sind und dann vor dem Kommunismus – nach dem Jahre 1948 und 1968. Auch nach der Samtenen Revolution 1989 gehen viele Tschechen ins Ausland, aber da ist diese Auswanderung eher wirtschaftlich bedingt,“ so Stejskalová.

Der Tschechisch-Sprachkurs im ostböhmischen DobruškaDer Tschechisch-Sprachkurs im ostböhmischen Dobruška Viele Tschechen, die irgendwann ausgewandert oder geflohen sind, haben noch eine enge Bindung zu ihrem Heimatland. Untereinander sind sie sich aber nicht immer grün. Zu unterschiedlich waren die Zeiten, in denen sie die Heimat verlassen haben, zu unterschiedlich waren die Gründe. Auch das Verhältnis des tschechoslowakischen bzw. des tschechischen Staates zu seinen Tschechen im Ausland war nicht immer positiv und hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Nach der Entstehung der Tschechoslowakei 1918 war die Beziehung sehr gut. Es wurden Treffen der Auslandstschechen in der Tschechoslowakei veranstaltet und es wurde das tschechoslowakische Auslandsintitut gegründet. Dann nach 1945, nach der Vertreibung der Deutschen, hat der tschechoslowakische Staat die im Ausland lebenden Tschechen zur Rückkehr in die Tschechoslowakei eingeladen. Mit dieser Re-Emigrationswelle kamen viele Familien aus dem Osten zurück, vor allem aus Rumänien, aus der Ukraine, vom Balkan. Sie wurden dann im verlassenen Grenzgebiet angesiedelt. Mit der Machtübernahme der Kommunisten galten die Emigranten nach 1948 und nach 1968 als Staatsfeinde. Sie wurden in Abwesenheit zu Freiheitsstrafen verurteilt, ihr Eigentum wurde beschlagnahmt.

Ein tschechisches Dorf im rumänischen BanatEin tschechisches Dorf im rumänischen Banat „Heutzutage herrscht den Auslandstschechen gegenüber ein recht starkes Interesse. Der Staat gab dem Ausdruck, indem zum Beispiel auch staatliche Institutionen gegründet wurden, die sich mit dem Thema beschäftigen. Es gibt beim Außenministerium eine Abteilung, die sich mit den Beziehungen zu den Auslandstschechen beschäftigt. Es gibt eine Kommission beim Senat. Und man veranstaltet alle zwei, drei Jahre die so genannte „Woche der Auslandstschechen“ auf dem Boden des Senats und der Karlsuniversität. Da kommen Vertreter aller Volksgruppen zusammen und besprechen Probleme, Themen, die sie drücken, vor allem was die Beziehungen zum tschechischen Staat angeht.“

Das Folklorfestival 2007 in PragDas Folklorfestival 2007 in Prag Neben der „Woche der Auslandstschechen“ und den bekannten Sprachkursen in Dobruška, die der tschechische Staat mit Stipendien unterstützt, hat im vergangenen Jahr auch zum ersten Mal das Folklore-Festival der Auslandstschechen in Prag stattgefunden. Dabei sind Tanzvereine und Chöre aus der Ukraine, der Slowakei, Russland, Kroatien in Prag aufgetreten.

Und auch wenn das Tschechisch, das die Auslandstschechen singen, manchmal mehr an Ukrainisch erinnert, die vor Jahrzehnten, Jahrhunderten ausgewanderten Tschechen haben ihre Verbundenheit mit der alten Heimat gezeigt.

21-02-2008