Tomas Garrigue Masaryk ist für große Teile der tschechischen Gesellschaft nach wie vor unangefochten der "größte Tscheche"

28-10-2003

Die 1. Tschechoslowakische Republik, deren Gründung sich am 28. Oktober zum 85. Mal jährt, ist hierzulande in aller erster Linie mit ihrem ersten Präsidenten Tomas Garrigue Masaryk verbunden. Bis heute nennen die Tschechen bei Umfragen nach ihrem größten Landsmann gewöhnlich an erster Stelle eben Masaryk, Jan Hus oder Karl IV. Silja Schultheis hat sich umgehört, wofür die "1. Republik" und ihr Präsident heute in Tschechien eigentlich stehen.

Es gibt wohl kaum eine Persönlichkeit, die in Tschechien so eindeutig positiv belegt ist wie der Präsident der nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen 1. Tschechoslowakischen Republik, TG Masaryk. Ja, die 1. Republik wird heute insgesamt vielfach als eine Art "verlorenes Paradies" betrachtet - als Epoche, die für das Land in mehrerlei Hinsicht, auch in wirtschaftlicher, eine Blütezeit war und auf die die Tschechen nicht zuletzt auch deshalb stolz sind, weil die Tschechoslowakei eine der wenigen demokratischen Festungen in Europa blieb, als in den 30er Jahren zunehmend diktatorische Regime an die Macht kamen.

Von den Kommunisten als bourgeoise Epoche sozialer Ungleichheiten verunglimpft, überlebten in der Bevölkerung die positiven Erinnerungen an diese Zeit und insbesondere an ihren ersten Präsidenten. Als sich im Zuge des "Prager Frühlings" Ende der 1960er Jahre für kurze Zeit die ideologischen Schranken lockerten, bekannte man sich sogleich auch wieder offen zum 1. tschechoslowakischen Staat, Bücher und Filme über diese Zeit erschienen.

Auch die gewaltsame Niederschlagung des "Prager Frühlings" und die nachfolgende Zeit der "Normalisierung" konnten die Nostalgie vieler Tschechoslowaken nach der 1. Republik allenfalls unterdrücken, nicht aber beseitigen. Und so war es nur folgerichtig, dass nach der "Samtenen Revolution" von 1989 die Zwischenkriegszeit wieder als Vorbild herangezogen wurde, im ganzen Land wurden Masaryk-Statuen aufgestellt, die Hauptstraßen der Städte nach Politikern aus der Zwischenkriegszeit benannt. Nicht wenige Zeitzeugen erinnern sich noch heute mit Tränen der Rührung an den ersten tschechoslowakischen Präsidenten, den sie liebevoll taticek - Väterchen - nennen.

Nicht nach neuen Idolen also hielt man nach der politischen Wende Ausschau, sondern zog vielmehr alte, bereits bewährte heran. Antonin Klimek, Autor eines vor drei Jahren erschienenen Standardwerkes über die 1. Republik:

"Nach dem November 1989 wollten wir Tschechen auch irgendwohin zurückkehren. Wir wollten nicht nur nach vorne. Wir wollten an einen festen, sicheren Punkt zurückkehren. Und das war für die meisten Menschen die Erste Tschechoslowakische Republik der Zwischenkriegszeit - freilich aus einer sehr idealisierten Perspektive. Wir haben uns gesagt, dass wir der Welt zeigen wollen, wie der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus funktioniert."

Die Sehnsucht nach einer "idealen Geschichtsepoche" verkörperte nicht zuletzt Vaclav Havel - von der ersten Stunde an Hoffnungsträger der post-kommunistischen Tschechoslowakei -, indem er sich als neuer Präsident des Landes klar auf das Vermächtnis von TG Masaryk, und dabei nicht zuletzt auf dessen Vertrauen in die Bürgergesellschaft und sein konsequentes Handeln berief. Gleichwohl blieb Havel bei weitem nicht so unumstritten wie sein berühmter Vorgänger.

Doch woran genau wollte man eigentlich anknüpfen? Auf die Frage, warum sie Masaryk noch heute verehre, sagte mir diese etwa 80jährige Dame, die ich auf einem sonntäglichen Spaziergang mit ihrer Freundin auf der Prager Stromovka traf:

"Er war gerecht. So ein bescheidener Mensch, der gut mit den Leuten konnte. Wenn ich heute unsere Herren da oben im Abgeordnetenhaus sehe, dann wird mir schlecht. Wenn man sieht, wie sie um höhere Gehälter für sich streiten, und wir sind froh, wenn wir mit unserer Rente von 8000 Kronen auskommen."

Ihre Freundin, die sich ebenfalls noch persönlich an Masaryk erinnern kann, ist derselben Meinung. Ob sie heute ein Idol hätte?

"Nein, habe ich nicht. Havel ist schon nicht mehr Präsident, und ein anderes Idol habe ich nicht. Natürlich hat Havel auch schon in einer anderen Zeit gelebt als Masaryk. Aber er kam dessen Idealen am nächsten."

Ob ein Politiker wie Masaryk heute überhaupt noch Erfolg haben könnte?

"Das weiß ich nicht. Heute ist eine ganz andere Zeit, das kann ich nicht sagen. Heute leben wir vollkommen anders als damals."

Doch nicht nur die ältere, sondern auch die jüngere Generation scheint heute vielfach mit einer gewissen Ehrfurcht auf Masaryk zu blicken, wie etwa diese junge Blumenverkäuferin:

"Gewiss ist TG Masaryk ein enormer Begriff, eine enorme Persönlichkeit für die gesamte Tschechische Republik. Wenn Masaryk nicht gewesen wäre, wäre unser Land heute nicht da, wo es ist. Ich kann nicht sagen, dass Masaryk ein Vorbild für mich ist, denn ich will ja schließlich keine Politikerin werden. Überhaupt habe ich gar keine Idole. Aber ganz sicher war Masaryk eine große Persönlichkeit und wichtig für die Geschichte des Landes."

"Tomas Garrigue Masaryk? Das muss eine enorme Persönlichkeit gewesen sein. Schade nur, dass Präsidenten oft nur Marionetten sind mit gewissen Vollmachten",

so dieser 30jährige Automechaniker, der ansonsten seine Idole im Bereich des Films gefunden hat. Sein Freund, der auf die Frage nach seinem Idol den Sänger Bob Marley nennt, widerspricht ihm:

"Masaryk hat sich weniger als Präsident verdient gemacht, sondern vielmehr als Wegbereiter des Tschechischen Staates. Mit der Persönlichkeit von Masaryks Nachfolger Edvard Benes bin ich allerdings weniger einverstanden, der hätte lieber nicht an die Spitze der Tschechoslowakei treten sollen."

Einen insgesamt kritischeren Umgang mit der Geschichte der 1. Republik fordert der Historiker Antonin Klimek. Seiner Meinung nach hielten viele Tschechen noch heute die historische Erfahrung der 1. Republik ziemlich undifferenziert für direkt übertragbar auf die heutige Zeit:

"Die Menschen idealisieren Masaryk heute wieder und sagen: Wenn wir Masaryk hätten, würde es uns gut gehen - ohne Rücksicht darauf, dass wir uns heute in einer völlig anderen Situation, in einem völlig anderen Staat befinden. Diese Idealisierung wird durch gewisse Legenden über Masaryk hervorgerufen, und das ist schlecht. Man sollte sich einen kritischen Zugang zur Geschichte bewahren."

In seinem vor drei Jahren erschienenen zweibändigen Werk über die Zwischenkriegszeit bemüht sich Antonin Klimek um eine differenziertere Sicht der 1. Republik und räumt auch mit einigen Mythen auf, die sich bis heute gehalten haben. Interessant ist übrigens, dass trotz der weit verbreiteten Masaryk-Nostalgie die ersten umfassenden Studien über dessen Epoche erst gut 10 Jahre nach der "Samtenen Revolution" erschienen sind, und dann gleich drei auf einmal. Gemeinsam mit Antonin Klimek veröffentlichten im Jahr 2000 noch die Historiker Zdenek Karnik und Vera Olivova jeweils ein umfassendes Werk über die Geschichte der 1. Republik.

28-10-2003