Palach-Woche: Auftakt zur Wende von 1989

17-01-2019

Die dritte Januar-Woche 1989 hat das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei erschüttert. Aus dem Gedenken an den Tod von Jan Palach im Januar 1969 entwickelte sich eine Serie von Massenprotesten.

Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24)Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24) Es war der massivste Protest gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei seit der Niederschlagung des Prager Frühlings. Er ging als die sogenannte Palach-Woche in die Geschichte ein. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten im Januar 1989 eine Woche lang im Zentrum Prags. Der Historiker Libor Svoboda vom Institut für das Studium totalitärer Regime in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Anlass war das Gedenken an die Selbstverbrennung von Jan Palach. Das 20. Jubiläum galt als Gelegenheit, Stellung zu den bestehenden Verhältnissen in der Tschechoslowakei zu beziehen und die Unzufriedenheit kundzutun.“

Am 16. Januar 1969 hatte sich der Student auf dem Prager Wenzelsplatz selbst verbrannt. Er protestierte damit gegen die Lethargie, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Menschen hierzulande ergriffen hatte. Der Historiker Libor Svoboda beschreibt die Ereignisse 20 Jahre später:

Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24)Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24) „Seit Anfang Januar oder Ende Dezember war vielen klar, dass etwas vorbereitet wurde. Es tauchten Flugblätter auf, die zu Veranstaltungen einluden, und an Wänden waren Graffitis zu lesen. Die Regimespitzen waren also gewarnt, und der obere Teil des Wenzelsplatzes wurde von Polizisten bewacht. Auch die Bereitschaftspolizei war im Einsatz, die Staatssicherheit wurde aktiviert. Der Machtapparat erwartete Demonstrationen und wollte diese um jeden Preis verhindern.“

Doch die Stärke der Proteste überraschte nicht nur die regierenden Kommunisten, sondern auch die Oppositionellen. Zunächst hatten diese nur eine kleine, unauffällige Gedenkveranstaltung zu Jan Palach geplant. Zur anschließenden Blumenniederlegung kam es dann gar nicht mehr. Jana Marcová war eine der Organisatorinnen:

Jana Marcová (Foto: Archiv des Abgeordnetenhauses des Parlaments der Tschechischen Republik)Jana Marcová (Foto: Archiv des Abgeordnetenhauses des Parlaments der Tschechischen Republik) „Wir trafen uns in einer Wohnung im Stadtviertel Vinohrady, nahmen Blumen mit und wollten zusammen auf den Wenzelsplatz gehen. Als wir aus dem Haus gingen, wurden wir alle sofort verhaftet. Man brachte uns auf eine Polizeidienststelle, wo wir verhört wurden.“

Am nächsten Tag versuchte es die Gruppe noch einmal. Dieses Mal ging jeder einzeln auf den Wenzelsplatz. Manche wurden bereits auf dem Weg festgenommen, doch Jana Marcová gelangte bis zum Wenzel-Denkmal:

„Ich legte dort meine Blumen nieder. Überall um mich herum waren aber Polizisten, sie gaben mir die Blumen zurück. Nachdem ich zum dritten Mal den Strauß dort niedergelegt hatte, wurde ich verhaftet. Erst viele Monate später, im Sommer, wurde ich aus dem Gefängnis entlassen.“

Verhaftet wurden auch viele weitere Vertreter der Opposition, unter anderem Václav Havel. Doch nicht nur Dissidenten, sondern auch mehrere Tausend normale Bürger kamen am 16. Januar und an den nachfolgenden Tagen auf dem Wenzelsplatz zusammen. Eben genau das bedeutete einen Umbruch.

Libor Svoboda (Foto: Archiv des Instituts zum Studium totalitärer Regime)Libor Svoboda (Foto: Archiv des Instituts zum Studium totalitärer Regime) „Die Welt schaut zu!“, „Freiheit!“ oder „Morgen sind wir wieder da!“ – diese Sprüche skandierte die Menge. Die ganze Woche lang wurde demonstriert. Der Historiker Libor Svoboda:

„Der Höhepunkt war der dritte Tag, damals versammelten sich wirklich viele Menschen. Mit Ausnahme eines Tages griffen die Sicherheitskräfte hart durch. Und zwar nicht nur auf dem Wenzelsplatz, sondern auch in den anliegenden Straßen und auf dem Altstädter Ring. Die Menschen wurden verprügelt, Wasserwerfer wurden eingesetzt, viele Personen wurden verletzt. Häufig traf es auch zufällige Passanten und alte Menschen. Zudem wurde eine Methode genutzt, die schon früher bekannt war: Man brachte die Menschen in Bussen vor die Tore von Prag. Dort, etwa 20 bis 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, wurden sie ohne Geld und Dokumente ausgesetzt und mussten zu Fuß zurückgehen. Das Durchgreifen der Sicherheitskräfte war damals sehr hart und brutal.“

Palach-Woche 1989 (Foto: Tschechisches Fernsehen)Palach-Woche 1989 (Foto: Tschechisches Fernsehen) Wie schon gesagt: Im Unterschied zu früheren Protestäußerungen waren die Aktionen der Palach-Woche nicht mehr nur auf die Oppositionellen hierzulande beschränkt. Auch Lothar Martin aus der deutschen Redaktion von Radio Prag gehörte damals zu den Demonstrierenden:

„Diese Demonstrationen sind immer dazu da, um zu sehen, wie sich der Volkeswille rührt, wie viele Menschen da kommen, um etwas zu verändern. Das waren nach zwanzig Jahren Okkupation die ersten größeren Kundgebungen. Und weil sich in anderen Ländern auch etwas regte, auch von Gorbatschow wusste man, dass er eine ganz andere Politik machte, wollten viele Menschen im Ostblock, dass sich etwas ändert. Und da wollte man natürlich dabei sein. Doch zu spüren war auch, dass die Macht des kommunistischen Apparates noch stark genug war. Zum Glück kam es ein Dreivierteljahr später zur Samtenen Revolution. Zwischendrin hatten die Menschen ihre Kräfte sammeln müssen, um sich dann endgültig zu wehren.“

Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24)Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24) Der ganze obere Teil des Wenzelsplatzes sei in der Januar-Woche gut mit Menschen gefüllt gewesen, erzählt Lothar Martin:

„Dann kamen die sogenannten Einsatzwagen der VB, das war die damalige Polizei. Die Polizisten in Uniformen hatten Schlagstöcken und auch Hunde. Sie forderten die Menschen auf, die Kundgebung aufzulösen, doch das haben wir nicht getan. Dann kam es wirklich dazu, dass die Hunde auf die Menschen gehetzt wurden und man begann, die Menschen mit Schlagstöcken vor sich herzutreiben. Ich bin dann in eine Nebenstraße, in die Opletalova gegangen. Ich wollte mich nicht verprügeln lassen. Also ging ich in eine Passage, in der man am anderen Ende, in der Mitte des Wenzelsplatzes, hätte herausgehen können. Aber das Gitter war verriegelt, davor standen zwei Polizisten. Es war also schon alles vorbereitet, um die Fluchtwege der Demonstrierenden abzuschneiden. Ich habe durch das Gitter nicht viel sehen können, konnte aber die Schreie der Menschen hören, die auf der anderen Seite verprügelt wurden.“

Palach-Woche 1989 (Foto: Tschechisches Fernsehen)Palach-Woche 1989 (Foto: Tschechisches Fernsehen) Ähnliche Erinnerungen hat auch Radio-Prag-Redakteurin Martina Schneibergová. Sie nahm damals an drei Demonstrationen in Folge teil:

„Am zweiten Tag war ich davon überzeugt, dass wir sozusagen gesiegt haben und die Staatsführung Angst vor uns hat. Denn die Polizei stand verhältnismäßig ruhig da, es passierte nicht viel. Aber am nächsten Tag habe ich einen recht brutalen Eingriff erlebt. Die Polizisten und Volksmilizen hatten auch Hunde mit und haben sie auf uns gehetzt. In dem Moment hatte ich wirklich Angst. Wir versuchten alle, irgendwohin zu flüchten, aber die Fußgänger-Passagen waren zu, alle Läden waren zu. Ich rannte Richtung Štěpánská-Straße. Der letzte Eingang, der dort noch offen war, war der ins Hotel Alcron. Man hat uns zu dritt oder zu viert reingelassen, und dann wurde zugemacht. Ich wurde also nicht verhaftet, aber meine Bekannte, mit der ich dort war, wurde festgenommen.“

Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24)Palach-Woche 1989 (Foto: ČT24) Martina Schneibergová beschreibt auch die Motivation, die sie in der Palach-Woche auf den Wenzelsplatz getrieben hat:

„Ich war damals wahrscheinlich ein bisschen naiv. Ich war davon überzeugt, wenn dort mehrere Tausend Menschen stehen, dann muss die Führung des Staates und der Partei einsehen, dass die Leute wirklich unzufrieden sind und dass es nicht mehr so weiter geht. Diese dritte Demonstration hat mich aber gelehrt, dass das nicht so einfach ist.“

Die Parteispitzen der KPTsch sahen in den Demonstrationen ausgesprochen feindselige Aktionen, auf die es scharf zu reagieren galt. Das belegen auch die Maßnahmen, die folgten. Der Historiker Libor Svoboda:

„Ende Januar wurde das sogenannte Knüppelgesetz angenommen: Es ermöglichte ein härteres Vorgehen gegen Bürger, die ihren Widerstand gegen das kommunistische Regime zum Ausdruck brachten.“

Doch die Menschen hierzulande waren nicht so eingeschüchtert wie noch 20 Jahre zuvor nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Vielmehr stiegen im Frühjahr 1989 die Spannungen in der Gesellschaft, wie der Geschichtswissenschaftler erläutert:

„Es wurden Flugblätter verteilt und überall im Land Graffitis an die Wände gemalt. Die Staatssicherheit konstatierte, dass sich an dem Widerstand nicht nur eine enge Gruppe von Oppositionellen beteilige, die sie unter Kontrolle habe, sondern auch Menschen, die bis dahin im Einklang mit dem System gelebt hätten. Sie würden nun anfangen, sich den Initiativen anzuschließen, Petitionen zu unterzeichnen und an Demonstrationen teilzunehmen. Interessant ist, die Berichte der Staatssicherheit aus den Kreisstädten wie Ústí nad Labem / Aussig, České Budějovice / Budweis und Plzeň / Pilsen zu lesen. Dort wurde bis in den Juni oder Juli hinein lobend erwähnt, dass die Lage unter Kontrolle sei. Im Sommer kam es aber auch dort zum Bruch.“

Im Herbst war es dann so weit. Das kommunistische Regime brach nach einer Serie von Demonstrationen im November 1989 zusammen. Anlass wurde das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen eine friedliche Kundgebung von Studierenden in Prag.

17-01-2019